mini|hochkant|Leopold von Sacher-Masoch mini|Fanny Pistor (im Pelz und mit Peitsche) und Sacher-Masoch mini|hochkant|Leopold von Sacher-Masoch und Hulda Meister

Leopold Ritter von Sacher-Masoch (* 27. Januar 1836 in Lemberg, Kaisertum Österreich, heute Ukraine; † 9. März 1895 in Lindheim, Großherzogtum Hessen, Deutsches Reich) war ein österreichischer Schriftsteller. Er schrieb auch unter den Pseudonymen Charlotte Arand und Zoë von Rodenbach.

Sacher-Masoch wurde noch zu seinen Lebzeiten (unfreiwillig) zum Namensgeber des Masochismus.

Herkunft und Familie Sacher-Masochs Familie lebte in Lemberg und hatte Vorfahren aus Slowenien, Spanien und Böhmen. Sein Großvater Johann Nepomuk Stephan (Ritter von) Sacher war 1818 geadelt worden, sein Vater Leopold Johann Nepomuk Ritter von Sacher war Polizeidirektor von Lemberg. Seine Mutter, Caroline Edle von Masoch, war die Letzte ihres alten slawischen Geschlechts. Sein Vater vereinigte daher – mit Bewilligung des Kaisers von Österreich – ihren Namen mit dem seinen, und die Familie hieß fortan Sacher-Masoch.Eine Autobiographie. 1879.

Er war der Vater der Schriftstellerin Marfa von Sacher-Masoch (1887–1963), der Onkel des Schriftstellers Artur Wolfgang von Sacher-Masoch (1875–1953), der Großonkel von dessen Kindern, des Schriftstellers Alexander Sacher-Masoch (1901–1972) und der Balletttänzerin Eva Hermine von Sacher-Masoch und der Urgroßonkel von deren Tochter, der britischen Sängerin Marianne Faithfull (1956–2025).

Sacher-Masoch war zweimal verheiratet, ab 1873 (Trennung 1883) mit der Schriftstellerin Wanda von Sacher-Masoch (1845–1917), mit der er drei Kinder hatte, und nach 1886 bis zu seinem Tod mit der Übersetzerin Hulda Meister.

Leben und Werk mini|hochkant|Leopold von Sacher-Masoch, Bronzestatue in Lemberg

Sacher-Masoch lebte u. a. in Lemberg, Prag, Graz, Salzburg, Bruck an der Mur, Wien, Leipzig und Lindheim (Hessen).

Akademischer Werdegang Leopold von Sacher-Masoch (bis 1838: Sacher Ritter von Kronenthal)Max Kaiser: Sacher-Masoch. S. 325. besuchte ab 1844 das deutsche Gymnasium in Lemberg, ab 1848 jenes in Prag. Nach der Matura studierte er in Graz ab 1854 Rechtswissenschaften, Mathematik und Geschichte, wo er 1856 promoviert wurde und mit den Schriftstellern Emerich von Stadion und Emile Mario Vacano in Kontakt kam.

Im österreichischen Staatsarchiv in Wien tätig, habilitierte er sich für das Fach Neuere Geschichte mit der 1857 verlegten Arbeit Der Aufstand in Gent unter Kaiser Carl V.

Während seiner Zeit als Dozent für Geschichte an der Universität Graz veröffentlichte er unter anderem die populärwissenschaftliche Studie Ungarns Untergang und Maria von Oesterreich.

Als Mitglied des Grazer Corps Tartarus hatte er den (bezeichnenden) Kneipnamen „Narciss“.Fritz Gräfenstein, Die suspendierten Grazer Corps, S. 3. Der Tartarus war der kurzlebige Vorreiter des Waffenstudententums in Österreich (1861–1864). Am 28. Oktober 1863 stiftete er mit sechs weiteren Personen das Akademische Corps Teutonia zu Graz.Kösener Corpslisten 1930, 51/2. Er zog sich bald aus dem Universitätsbetrieb zurück und gab 1870 seine Dozentur auf, um sich ganz dem Abfassen von Romanen und Novellen zu widmen.Max Kaiser: Sacher-Masoch. S. 325 f.

Als Schriftsteller Er war zu seiner Zeit ein vielgelesener, populärer Schriftsteller. Seine zahlreichen Romane und seine ebenso zahlreichen, meist folkloristischen Novellen waren – in betonter Nachfolge von Iwan Sergejewitsch Turgenew – teils als exotische, immer spannende, ja sogar als moralische Lektüre beliebt. Als einer der ersten zeichnete er ein realistisches Bild der Juden in Galizien; zeitlebens kämpfte er politisch gegen den Antisemitismus in Mitteleuropa. Victor Hugo, Émile Zola, Henrik Ibsen gehörten zu seinen Bewunderern; König Ludwig II. von Bayern empfand zu dem Autor gar eine Seelenverwandtschaft.

Sacher-Masochs Weltbild vereinigte in eigenartiger Weise Elemente des Minnedienstes, der Schopenhauerschen Metaphysik und vorausgreifend solche Strindbergscher Geschlechterpsychologie.

Bekannt wurde Masoch durch seine Fantasie und die Kunst, triebhaftes Schmerz- und Unterwerfungsverlangen ästhetisch zu formulieren. Sein literarischer Ruhm begann im deutschsprachigen Raum mit der Novelle Don Juan von Kolomea, die 1866 in Westermanns Monatsheften erschien. Hier entwirft Sacher-Masoch eine neue Version des Don-Juan-Motivs: der Protagonist ist hier kein von romantischer Sehnsucht oder unstillbarer Beutegier Getriebener, sondern ist ein Don Juan aus Ressentiment, der die Liebe zur Frau als sehr schmerzhaft empfindet und durch Immoralität seine Selbstachtung wiederzugewinnen hofft. Die Beziehung des Mannes zur Frau wird dabei pauschal als zuletzt unglücklich bezeichnet. Eine für beide Parteien zufriedenstellende Seinsweise erscheint unmöglich und das christliche Sakrament der Ehe dadurch fragwürdig.Richard M. Meyer: Sacher-Masoch, Leopold von. In: Allgemeine Deutsche Biographie. 53, 1907, S. 681–682 [Online-Version].

Ein weiteres, häufig zitiertes Werk ist die Venus im Pelz, 1870 innerhalb des Zyklus Das Vermächtnis Kains erschienen, in dem Sacher-Masoch u. a. exemplarische Formen der Liebe darstellte. Vorbild für die zentrale weibliche Figur der Novelle war die Schriftstellerin Fanny Pistor, eine aufstrebende Literatin.

Wanda 1873 heiratete er Angelika Aurora Rümelin, die unter dem Pseudonym Wanda von Dunajew erzählerische Prosa sowie als Wanda von Sacher-Masoch autobiografische Schriften veröffentlichte. 1881 gründete Sacher-Masoch in Leipzig die kosmopolitische internationale Revue „Auf der Höhe“. 1883 wurde er für die Schulden des Mitherausgebers (und Liebhabers seiner Ehefrau) haftbar gemacht – und war wirtschaftlich ruiniert.

Lindheim Nach Trennung von seiner Frau sowie Einstellung des Periodikums zog er 1886 auf ein in Lindheim, Hessen-Darmstadt, gelegenes Gut, das seine Mitarbeiterin und spätere Ehefrau, die Übersetzerin Hulda Meister, erworben hatte.Max Kaiser: Sacher-Masoch. S. 326.

1886, auf dem Gipfel seines Ruhmes, wurde Sacher-Masoch in Paris mit einem Orden geehrt und von Le Figaro und der Revue des Deux Mondes gefeiert.

1893 gründete er in Lindheim den Oberhessischen Bildungsverein, der durch Bibliotheksgründungen, Vorträge, Theater- und Musikaufführungen dem Antisemitismus entgegenwirken sollte.

Sacher-Masoch starb 1895 in Lindheim. Die Urne mit seiner Asche ging 1928 im Brandschutt des Schlosses von Lindheim verloren.

Rezeption und Nachwirkung Der Ende der 1880er Jahre durch dem Psychiater Richard von Krafft-Ebing in die wissenschaftliche Diskussion eingeführte psychiatrische Begriff „Masochismus“, womit eine sexuelle Präferenz, zeitweise als Störung klassifiziert, bezeichnet wurde, ist eine Anspielung auf seinen Namen Masoch und die von ihm dargestellte Erotik. Die Etablierung des Begriffs brachte sowohl den Schriftsteller als auch sein Werk in Verruf, Sacher-Masoch wehrte sich vergebens gegen den Missbrauch seines Namens.

Marfa von Sacher-Masoch (1887–1963), die jüngste Tochter von Hulda Meister und Leopold von Sacher-Masoch, ebenfalls Schriftstellerin, veröffentlichte zahlreiche Werke. Ihr Roman Würde zu geben den Verschmähten... erschien 1925 und beschreibt die Lebensrealitäten von Menschen der 20er-Jahre, die jenseits der herrschenden heteronormativen Normen lebten.

Die einsetzende Neuinterpretation von Sacher-Masochs Leben und Werk veranschaulicht etwa seine Würdigung im Rahmen des Kulturevents Kulturhauptstadtjahrs Graz 2003 sowie im Bereich der Literaturgeschichte durch Martin A. Hainz, der mit Sacher-Masoch eine Theorie der Erotik skizzierte: „Liebe ist Spiel, ist Non-Idealität; Liebe als Nicht-Spiel wäre tot. Das Leben der Liebe besteht darin, dass aus den partialen Trieben, Energien und Strategien nicht auf das geschlossen werden kann, wozu sie sich gefügt haben werden“ (Hainz: Cave Carnem). Anlässlich der Kulturveranstaltung wurde die Sacher-Masoch-Torte kreiert, die eine Variation der Sachertorte darstellt. Sie enthält Ribiselmarmelade und Marzipan.

Werke (Auswahl) 1857: Der Aufstand in Gent unter Kaiser Carl V. (Volltext online) 1858: Graf Donski. Eine galizische Geschichte. 1846 (Volltext online, 2. Auflage, 1864) 1862: Ungarns Untergang und Maria von Oesterreich (Volltext online) 1863: Der Emissär. Eine galizische Geschichte 1863: Polnische Revolutionen. Erinnerungen aus Galizien 1864: Die Verse Friedrich des Großen (Volltext online) 1866: Don Juan von Kolomea 1867: Aus dem Tagebuche eines Weltmannes. Causerien aus der Gesellschaft und der Bühnenwelt (Volltext online) 1867: Anna Versing-Hauptmann. Ein Charakterkopf aus der Bühnenwelt (Volltext online) 1867: Der letzte König der Magyaren 1870–1877: Das Vermächtnis Kains 1870: Venus im Pelz. Digitalisat vom Internet Archive 1870: Die Liebe des Plato 1870: Die geschiedene Frau 1872: Unsere Sclaven. Ein sociales Schauspiel in 5 Acten (Volltext online) 1873–1879: Falscher Hermelin. Kleine Geschichten aus der Bühnenwelt 1873: Soziale Schattenbilder. Aus den Memoiren eines österreichischen Polizeibeamten (Volltext online) 1874: Das Marchande de modes-Mädchen und andere Geschichten von den Messalinen Wiens 1874: Die Ideale unserer Zeit. Roman in vier Büchern. Roman des „Neuen Fremden-Blatt“ (Volltext online) 1874: Im Venusberg und andere Geschichten von den Messalinen Wiens 1874: Mondnacht. Novelle. In: Michael Farin (Hrsg.): Don Juan von Kolomea. Galizische Geschichten. 1985 1875: Die Toten sind unersättlich, Lemberg, Galizien; NA: Illustriert von Heike Küster, Achilla-Presse, Butjadingen 2008, ISBN 978-3-940350-06-0. 1875: Der Capitulant. Novelle. In: Michael Farin (Hrsg.): Don Juan von Kolomea. Galizische Geschichten. 1985 1875: Don Juan von Kolomea. Novelle. In: Michael Farin (Hrsg.): Don Juan von Kolomea. Galizische Geschichten. 1985 1877: Liebesgeschichten aus verschiedenen Jahrhunderten. Novellen (Volltext online) 1877: Ueber den Werth der Kritik (Volltext online) 1877: Das Vermächtniß Kains. Novellen 1877: Wiener Hofgeschichten. Historische Novellen (Volltext online) 1877: Ein weiblicher Sultan. Historischer Roman 1877–1881: Galizische Geschichten (Digitalisat der 3. Auflage, PDF) 1878: Der neue Hiob. Roman (Volltext online) 1878: Harmlose Geschichten aus der Bühnenwelt (Volltext online) 1878: Judengeschichten (Volltext online). – Darin: Moses Goldfarb und sein Haus (Volltext online) 1878: Die Republik der Weiberfeinde. Roman (Volltext online) 1879: Eine Autobiographie. In: Deutsche Monatsblätter. (Volltext online) 1880: Die Ästhetik des Hässlichen. Erzählung (Volltext online) 1880: Basyl der Schatzgräber und andere seltsame Geschichten (Volltext online) 1881: Galizische Geschichten. Novellen (Volltext online) 1881: Neue Judengeschichten 1882: Hasara Raba. Novelle (Volltext online) 1882: Der Ilau (Volltext online) 1882: Der Judenraphael (Volltext online) 1882: Das Paradies am Dniester. Novelle (Volltext online) 1882: Das Testament. Novelle 1882: Volksgericht. Novelle (Volltext online) 1883 —: Auguste Lavallé (Übers.) Juifs et russes 1886: Die Seelenfängerin 1886: Ewige Jugend 1886: Gute Menschen und ihre Geschichten. Ein Novellenbuch (Volltext online) 1886: Polnische Judengeschichten 1890: Die Schlange im Paradies 1891: Katharina II. Russische Hofgeschichten (Volltext online) 1891: Jüdisches Leben in Wort und Bild 1893: Bühnenzauber 1893: Neue Erzählungen 1894: Die Satten und die Hungrigen 1895: Das Erntefest. Erzählung. In: Alois Brandstetter (Hrsg.): Österreichische Erzählungen des 19. Jahrhunderts. 1986 1898: Russische Hofgeschichten. Liebesgeschichten und Novellen (6. Auflage). (Volltext online) 1900: Zur Ehre Gottes! Roman (Volltext online) 1901: Grausame Frauen. Hinterlassene Novellen 1910: Don Juan von Kolomea. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 24. 2. Aufl. Berlin, , S. 197–279. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016 ()