mini|370px|Alraun-Mann und Alraun-Frau im Hortus sanitatis, Mainz 1491

Die (Gemeine) Alraune (Mandragora officinarum) aus der Gattung Alraunen (Mandragora) ist eine giftige Heil- und Ritualpflanze, die seit der Antike als Zaubermittel gilt, vor allem wegen ihrer Wurzel, die der menschlichen Gestalt ähneln kann.

Etymologie und Trivialnamen Der Name Alraune stammt über mittelhochdeutsch alrūne von althochdeutsch alrūna. Da die Mandragoragewächse im Norden nicht wachsen, wurde diese Pflanze mit ähnlichen einheimischen Pflanzen wie der Zaunrübe identifiziert. Nach herkömmlicher, auf Jacob Grimm zurückgehender Meinung soll die Menschengestalt der Wurzel Anlass gegeben haben, ihr den Frauennamen Albrūn, eine Zusammensetzung von alb ‚Elfe‘ und rūn ‚Geheimnis, Rune‘ (also ‚die mit der Zauberkraft der Alben Begabte‘) zu geben, woraus sich durch Ausstoßung des /b/ Alrūn beziehungsweise schließlich Alraun(e) entwickelt habe. In der Germania des Tacitus ist Albrūna der Name einer Seherin.Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21., unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 16. Diese Etymologie ist nach heutiger Meinung „von der Sache her denkbar, aber ganz unsicher.“Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 22. Auflage, unter Mithilfe von Max Bürgisser und Bernd Gregor völlig neu bearbeitet von Elmar Seebold. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1989, ISBN 3-11-006800-1, S. 22. Eine andere Erklärung von althochdeutsch alrūna geht von einer Zusammensetzung von all und Rune ‚besonders zauberkräftiges Wesen‘ aus.Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Erarbeitet im Zentralinstitut für Sprachwissenschaft, Berlin, unter der Leitung von Wolfgang Pfeifer. 2., durchgesehene und ergänzte Auflage. dtv, München 1993, ISBN 3-05-000626-9, S. 30.

Der Name Mandragora ist möglicherweise altpersischen UrsprungsFriedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 1967, S. 16. und mit persisch mardom ‚Leute, Menschen‘ verwandt. Der Botaniker Erwin Gauba nahm an, dass es eine gräzisierte Form von akkadisch namtar.gira ist.Erwin Gauba: Botanische Reisen in der persischen Dattelregion (Fortsetzung). In: Annalen des Naturhistorischen Museums in Wien. Band 58, 1951, S. 14 ().

Andere Namen sind: der Alraun, das Alräunchen, ’s Alraunl („das Alraunerl“)Idiotikon. In: Johann Gabriel Seidl: Gedichte in der niederösterreichischen Mundart. Flinserln. Dritte Auflage. J. P. Solinger, Wien 1844, S. 283 () (Erstauflage der Flinserln mit Worterklärungen, 1837; )., Araunl, Oraunl, Uraundl, Arun, das Alruneken, die Alruncke, Baaras, Galgenmännchen, Heinzelmännlein,Adelung Wörterbuch von 1811: Das Heinzelmännlein Springwurz, Wurzelknecht, Dollwurz, Zauberwurzel, , und ‚Geister-Ei‘ oder ‚Apfel der Verrückten, der Besessenen‘. Auch die Namen Algarica und (jedoch unsicher) Appollonaria als Synonyme für „Mandragora“Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 155 und 158 sowie 201 (Mandragora – alrun Man, antimon […] – alrun Fraw, [M]Androgora mulier […] – Alrune). sind belegt.

Altertum Altes Testament mini|Gemeine Alraune (Mandragora officinarum)

Wahrscheinlich ist, dass die u. a. in und genannte Pflanze dudai (pl. duda'im ) mit der Alraune identisch ist, die sich bis heute auf den Bergen Hermon, Karmel und Gilboa findet.vgl. Immanuel Löw: Die Flora der Juden. Wien und Leipzig, R. Löwit Verlag Band 3, 1924, 363–368; Michael Zohary: Pflanzen der Bibel, Stuttgart 1995; Amots Dafni, Barbara Böck: Medicinal plants of the Bible—revisited. In: Journal of Ethnobiology and Ethnomedicine. 15:57, 2019, Tab. 1. doi:10.1186/s13002-019-0338-8 In den althochdeutschen Glossen zur Textstelle wird die Mandragora respektive dudai mit alrūna, alrūn transliteriert.Elias von Steinmeyer: Die Althochdeutschen Glossen. Band III. Sachlich geordnete Glossare. Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1895 S. 51, 100, 197, 338, 387. Während die Vulgata den Begriff „Mandragora“ verwendet („Egressus autem Ruben tempore messis triticeae in agrum, reperit mandragoras, quas matri Liae detulit“), lässt Luther den Begriff zunächst unübersetzt („Dudaim“). Die revidierte Luther-Bibel spricht von „Liebesäpfeln“: „Ruben ging aus zur Zeit der Weizenernte und fand Liebesäpfel auf dem Felde und brachte sie heim zu seiner Mutter Lea.“ Der Pflanze, die sonst als Aphrodisiakum angesehen wird (siehe ), wird hier eine empfängnisfördernde Wirkung zugeschrieben.

Dass hier die Alraune gemeint ist, war jedoch lange umstritten. Heinrich Heine schrieb von Helgoland an Ludwig Börne:

Noch 1879 findet sich in manchem Bibel-Register zu Dudaim, „dem Wortverstande nach: etwas liebliches, angenehmes. Ob es eine Blume oder Frucht gewesen, ist noch ungewiß“. Auch die Etymologie des Wortes duda'im bleibt unklar.

Mesopotamien Eine Identifizierung wird mit der sumerischen Namtar-Pflanze (NAM.TAR.(IRA)) als Lieferant der Alraunenwurzel (SUḪUŠgišNAM.TAR)Franz Köcher: Die babylonische und assyrische Medizin in Texten und Untersuchungen. 6 Bände. Berlin 1963–1980, BAM 574:I, S. 1–3.Martha Haussperger: Gab es vor Hippokrates bereits eine empirische Medizin in Vorderasien? In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 17, 1998, S. 113–128, hier: S. 121 f. erwogen, ist jedoch unsicher. Es ist nicht klar, ob sich die Übersetzung „Schicksal“ auf die Pflanze oder den damit verbundenen Unterweltsgott Namtaru bezieht. In assyrischen Texten wird namtar.ira als Mittel gegen Gelbsucht und Zahnschmerzen erwähnt.Linda Farrar: Gardens and Gardeners of the Ancient World, History, Myth and Archaeology. Oxford 2016, S. 55. Auch in einem Rezept gegen „Verengung“, vermutlich ein Blasen- oder Harnleiterstein, wird namtar.ira, hier als „männliche Mandragora“ übersetztBarbara Böck: Babylonisch-assyrische Medizin in Texten und Untersuchungen: Erkrankungen des urogenitalen Traktes, des Enddarmes und des Anus. In: Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes. Band 98, 2008, Anm. 33. aufgeführt.Barbara Böck: Babylonisch-assyrische Medizin in Texten und Untersuchungen: Erkrankungen des urogenitalen Traktes, des Enddarmes und des Anus. In: Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes. Band 98, 2008, S. 311. mini|Reife und überreife Früchte der Alraune

Ägypten mini|Alraunenfrüchte auf dem Halskragen der Mumienhülle von Sennedjem (Grab TT1 in Theben-West)

Die Mandragora (rrm.t4) war im alten Ägypten nicht heimisch. Nach W. Emboden wird sie seit der 5. Dynastie dargestellt, er nennt aber keine Details.William Emboden, The sacred Journey in Dynastic Egypt: Shamanistic Trance in the Context of the narcotic Water Lily and the Mandrake. Journal of Psychoactive Drugs 21/1, 63. doi:10.1080/02791072.1989.10472144 Ihre goldenen Früchte seien Symbol des Sonnengottes Ra und mit dem Uräus verbunden.William Emboden, The Sacred Journey in Dynastic Egypt: Shamanistic Trance in the Context of the narcotic Water Lily and the Mandrake. Journal of Psychoactive Drugs 21/1, 64. doi:10.1080/02791072.1989.10472144

Die Alraune wurde vermutlich unter Thutmosis III. (1479–1425 v. Chr.) nach Ägypten eingeführt, die Früchte wurden in der Folge häufig in der Ausmalung von Grabkammern dargestellt.Emanuele Casini, Rethinking the multifaceted Aspects of Mandrake in ancient Egypt. Egitto e Vicino Oriente 41, 2018, 102 Die Unterscheidung von Alraunenfrüchten und Granatäpfeln auf bildlichen Darstellungen scheint jedoch nicht immer gesichert.vgl. Joseph Leibovitch, Gods of Agriculture and Welfare in Ancient Egypt. Journal of Near Eastern Studies 12/2, 1953, 76 Abbildungen von Granatäpfeln auf Fresken und als dreidimensionale Formen in Keramik und Glas sind in der 18. Dynastie ebenfalls häufig.Cheryl Ward: Pomegranates in Eastern Mediterranean Contexts during the Late Bronze Age. In: World Archaeology. Band 34, 2003, Nr. 3 (Luxury Foods), Tab. 1. Auf einem Fries aus der Regierungszeit von Echnaton bietet Meritaton ihrem Gatten Semenchkare, der mit einer Krücke ausgestattet ist, zwei Alraunenfrüchte und die Blüte einer Wasserlilie an.Staatliche Museen Berlin-Dahlem, Spaziergang im Garten, Zuordnung jedoch umstritten Emboden deutet dies als Bestandteil einer medizinischen Behandlung, da sie eine Uräuskrone trägt, die mit Thot verbunden ist. Im Grab des Pharao Tutanchamun (ca. 1332 bis 1323 v. Chr., 18. Dynastie) wurden Früchte und Erntedarstellungen gefunden. Auf dem Kragen einer nur teilweise erhaltenen Mumienhülle (Nr. 11) aus dem Grab KV 40 aus der Regierungszeit von Echnaton im Tal der Könige waren Alraunenfrüchte und tropfenförmige Perlen dargestelltEmanuele Casini, Rethinking the multifaceted aspects of mandrake in ancient Egypt. Egitto e Vicino Oriente 41, 2018, 101; fig. 1. Auch auf dem Halskragen der Mumienhülle des Baumeisters Sennedjem (Grab TT1 in Theben-West) aus der Regierungszeit von Pharao Sethos I. (1290 bis 1279 v. Chr., 19. Dynastie) waren Alraunenfrüchte zusammen mit Lotusblumen, Lotusblüten und Federn sowie Perlen in Form von Lotusblüten dargestellt.Emanuele Casini, Volti eterni, guide nell'aldilà: alcune osservazioni sulle maschere funerarie ritrovate nella tomba di Sennedjem a Deir el-Medina. Egitto e Vicino Oriente 39, 2016, 69, fig. 4

In pharaonischer Zeit wird die Alraune nicht in medizinischen Texten erwähnt.Emanuele Casini, Rethinking the multifaceted Aspects of Mandrake in ancient Egypt. Egitto e Vicino Oriente 41, 2018, 102. Ein demotischer Papyrus aus dem dritten Jahrhundert n. Chr. nennt die Alraune als Bestandteil eines Schlaftrunkes.

Griechenland und Rom mini|250px|„Männliche und weibliche Mandragoras“ im Dioscurides Neapolitanus 6.–7. Jahrhundert. Weitere historische Abbildungen von Alraun-Mann und Alraun-Frau:Pseudo-Dioscurides de herbis feminis 13. Jh. Mandragora femina, in: Codex Vindobonensis 93, 13. Jahrhundert (Bildlink).Edition Kästner in: Hermes, Band 31 (1896), S. 599–600 (Digitalisat)Gart der Gesundheit 1485 (Bildlink).Hortus sanitatis 1491 Mandragora vir (Bildlink).Hortus sanitatis 1491 Mandragora femina (Bildlink).Kleines Destillierbuch 1500 (Bildlink).Leonhart Fuchs Kräuterbuch 1543 Alraun mennle (Bildlink).Hieronymus Bock Kräuterbuch 1546 Mandragora Männlein und Weiblein (Bildlink).Pietro Andrea Mattioli Kräuterbuch 1586 Alraun das Männle und Weible (Bildlink).