mini|Block 20 des KZ Mauthausen nach dem Massenausbruch
Die „Mühlviertler Hasenjagd“ ist der euphemistische Name eines Kriegsverbrechens im nationalsozialistischen Österreich, bei dem während des Zweiten Weltkriegs im Februar 1945 nationalsozialistische Verbände sowie Soldaten und Zivilisten über 500 entflohene sowjetische Häftlinge nach einem Großausbruch aus dem Konzentrationslager Mauthausen im Mühlviertel jagten und ermordeten.
Die SS prägte den zynischen Namen „Mühlviertler Hasenjagd“. In der aktuellen Literatur werden die Geschehnisse zumeist als Mühlviertler Menschenhatz bezeichnet. Der Ausbruch selbst und die Tatsache, dass einigen die Flucht gelungen ist, stellen einen einzigartigen Vorfall in der Geschichte des KZs Mauthausen dar.
Verlauf Ausbruch und Flucht In der Nacht zum 2. Februar 1945 unternahmen etwa 500 so genannte K-Häftlinge, hauptsächlich sowjetische Offiziere als Kriegsgefangene, bei −8 °C Kälte einen Fluchtversuch aus dem Todesblock 20 des KZs Mauthausen. Mit den Feuerlöschern ihrer Baracke und diversen Wurfgeschoßen griff eine Gruppe die beiden Wachtürme an, während eine zweite Gruppe mit feuchten Decken und Kleidungsstücken den elektrischen Zaun kurzschloss. Dann kletterten die Häftlinge über die Mauer.
Zunächst gelang es 419 Häftlingen, das Lagerareal zu verlassen.Alphons Matt: Einer aus dem Dunkel. 1988, S. 75. Viele der ausgehungerten Flüchtlinge brachen jedoch bereits kurz nach der Mauer erschöpft im Schnee zusammen oder starben im Kugelhagel der Maschinengewehre. Alle, die nicht in die Wälder entkommen konnten, und 75 im Block zurückgebliebene Kranke wurden noch in derselben Nacht exekutiert.
Insgesamt gelang über 300 Häftlingen vorerst die Flucht.
Verfolgung Noch am selben Morgen rief die SS-Lagerleitung eine „Treibjagd“ aus, an der sich neben SS, SA, Gendarmerie, Feuerwehr, Wehrmacht, Volkssturm und Hitlerjugend auch die Zivilbevölkerung der Umgebung beteiligte. Das Ziel dieser drei Wochen langen „Hetzjagd“ war, keine Überlebenden zurück ins Lager zu bringen.Ernst Gusenbauer: „Was man erwischt, wird kalt erschossen“. Ried in der Riedmark und die Mühlviertler Hasenjagd am 2. Februar 1945. In: Oberösterreichische Heimatblätter. 46. Jahrgang, Heft 2, 1992, S. 263–267 ().
Der Großteil der Flüchtigen wurde aufgegriffen und meistens an Ort und Stelle erschossen oder erschlagen. Die getöteten Häftlinge wurden nach Ried in der Riedmark, dem Stützpunkt der „Jagd“, gebracht und im Lichthof der Volksschule zu einem Haufen gestapelt. Mitglieder des Volkssturms, die Gefangene zum KZ zurückbrachten, wurden beschimpft, weil sie sie nicht sogleich erschlagen hatten.
Die Kriminalpolizei Linz berichtete später an das Reichssicherheitshauptamt (RSHA): „Von den 419 Geflüchteten [jene, denen es gelang, das Lagerareal zu verlassen] […] im Raume Mauthausen, Gallneukirchen, Wartberg, Pregarten, Schwertberg, Perg, insgesamt über 300 wieder ergriffen, davon 57 lebend.“
Nur von elf sowjetischen Offizieren ist bekannt, dass sie die Menschenjagd und das Kriegsende überlebten. Einzelne Bauernfamilien und zivile ausländische Zwangsarbeiter versteckten trotz des extrem hohen Risikos Häftlinge oder versorgten die in den umliegenden Wäldern versteckten Flüchtlinge mit Nahrungsmitteln. Drei Monate später ging der Krieg zu Ende und die Häftlinge waren in Sicherheit.
Aufarbeitung nach 1945 1948 gab es zwei Verfahren am Volksgericht Wien und Linz, die sich mit diesem Endphaseverbrechen auseinandersetzten.Hellmut Butterweck: Verurteilt und begnadigt – Österreich und seine NS-Straftäter. Czernin, Wien 2003, ISBN 3-7076-0126-9, S. 217ff.
Während bis 1990 die Geschehnisse nur in zwei belletristischen Darstellungen thematisiert wurden, erlangte die „Mühlviertler Hasenjagd“ durch weitere belletristische Veröffentlichungen ab dem Jahr 1990 und durch die 1994 erfolgte fiktive Verfilmung Hasenjagd – Vor lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen von Regisseur Andreas Gruber größere Bekanntheit in Österreich. Der Film war mit rund 123.000 Kinobesuchen in Österreich der erfolgreichste österreichische Film der Kinosaison 1994/95.
Der gleichzeitig entstandene Dokumentarfilm Aktion K von Regisseur Bernhard Bamberger beobachtet einerseits die Reaktion der Bevölkerung auf die Dreharbeiten, lässt aber vor allem auch jene zu Wort kommen, die selbst Zeugen der Geschehnisse im Jahr 1945 waren. Er wurde 1994 mit dem Großen Preis der Österreichischen Volksbildung ausgezeichnet und seither mehrmals im deutschsprachigen Raum ausgestrahlt. mini|Gedenkstein in Ried in der Riedmark mini|Mahnmal am Kalvarienberg in Wartberg ob der Aist Auf Initiative der Sozialistischen Jugend wurde in Ried in der Riedmark ein Gedenkstein zur „Mühlviertler Hasenjagd“ errichtet und am 5. Mai 2001 eingeweiht.: Bericht über die Gedenkstein-Einweihung in Ried an der Riedmark am 5. Mai 2001.
In Gallneukirchen wurde am 7. Mai 2006 ein Mahnmal feierlich übergeben, hier wurden rund 20 Flüchtlinge, die schon elendig geschunden waren, bei dieser Mühlviertler Hasenjagd ermordet.Gernot Fohler: Erinnerung an „Mühlviertler Hasenjagd“. In: meinbezirk.at. 21. Jänner 2015, abgerufen am 6. Mai 2020.
Nach einem Entwurf Herbert Friedls errichtete die Gemeinde Wartberg ob der Aist 2015 ein Mahnmal als Teil des Kalvarienberges.
Am 1. Februar 2019 fand in Mauthausen eine Gedenkveranstaltung statt, bei der Michael Köhlmeier die Rede hielt.Michael Köck: Aus Geschichte lernen. In: meinbezirk.at. 5. Februar 2019, abgerufen am 6. Mai 2020.Michael Köhlmeier: Was heißt: aus der Geschichte lernen? In: sabineschatz.at. 2. Februar 2019, abgerufen am 6. Mai 2020.
Am 2. Februar 2025 organisierte die Gedenkstätte Mauthausen eine Gedenkwanderung.
Ähnliche Ereignisse Aufstand von Sobibór: Revolte und Flucht am 14. Oktober 1943 Massaker von Rechnitz: 24.–25. März 1945 Massaker von Celle („Celler Hasenjagd“): Massaker an KZ-Häftlingen, 8.–10. April 1945 „Kremser Hasenjagd“: 6. April 1945
Siehe auch Endphaseverbrechen
Literatur
Sachbücher Johanna Jiranek: Darstellungen von Endphaseverbrechen in Literatur und Film aus Österreich aus vergangenheitspolitischer Perspektive. Diplomarbeit. Universität Wien, 2012 (Online-Version).
Matthias Kaltenbrunner: Flucht aus dem Todesblock. Der Massenausbruch sowjetischer Offiziere aus dem Block 20 des KZ Mauthausen und die „Mühlviertler Hasenjagd“. Hintergründe, Folgen, Aufarbeitung (= Der Nationalsozialismus und seine Folgen. Band 5). Innsbruck u. a. 2012, ISBN 978-3-7065-5175-5.
Thomas Karny: Die Hatz: Bilder zur Mühlviertler „Hasenjagd“. Edition Geschichte der Heimat. Verlag Franz Steinmaßl, Grünbach (Österreich) 1992, ISBN 3-900943-12-5. Walter Kohl: Auch auf dich wartet eine Mutter. Die Familie Langthaler inmitten der „Mühlviertler Hasenjagd“. Edition Geschichte der Heimat. Verlag Franz Steinmaßl, Grünbach (Österreich) 2005, ISBN 3-902427-24-8. Hans Maršálek: Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen Dokumentation. 2. Auflage. Österreichische Lagergemeinschaft Mauthausen, Wien 1980, S. 255–263. Alphons Matt: Einer aus dem Dunkel: die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen durch den Bankbeamten H. SV International, Schweizer Verlags-Haus, Zürich 1988, ISBN 3-7263-6574-5.
Parlamentsdirektion (Hrsg.): Demokratie Werkstatt aktuell. Mitmachen.Mitbestimmen. Mitgestalten! Sonderausgabe Gedenktag/Jugendprojekt, Mai 2010.
Belletristik Christoph Janacs: Das Fenster – Erzählung und Begegnung – Erzählung. In: Das Verschwinden des Blicks. Müller, Salzburg 1991, ISBN 3-7013-0808-X. Elisabeth Reichart: Februarschatten. Verlag der Österreichischen Staatsdruckerei – Brandstätter, Wien 1994, ISBN 3-206-00005-X (zahlreiche Neuauflagen in anderen Verlagen). Helmut Rizy: Hasenjagd im Mühlviertel. Roman. Bibliothek der Provinz, Weitra 1995, ISBN 3-85252-072-X (Neuedition: Wien 2008, ISBN 978-3-902157-40-9). (Rezension auf literaturkritik.de).
Artikel
Ernst Gusenbauer: „Was man erwischt, wird kalt erschossen“. Ried in der Riedmark und die Mühlviertler Hasenjagd am 2. Februar 1945. In: Oberösterreichische Heimatblätter. Jahrgang 46, Heft 2, Linz 1992, S. 263–267 ().
Weblinks
Ausschnitte aus der Dokumentation der Gedenkstätte KZ Mauthausen (PDF) mit Berichten von Zeitzeugen und Zitaten aus Originaldokumenten (330 kB) Zeitungs- und Zeitschriftenartikel über die „Mühlviertler Hasenjagd“ (Trefferliste einschlägiger Suche bei ANNO) Hasenjagd: Lernen aus der Vergangenheit (Materialien auf schule.at)
Einzelnachweise
Kategorie:Endphaseverbrechen Kategorie:KZ Mauthausen-Gusen Kategorie:Ried in der Riedmark Kategorie:Geschichte (Mauthausen) Kategorie:Konflikt 1945