mini|Stillleben von Georg Flegel; 17. Jahrhundert mit Siegburger Keramik. Siegburger Steinzeug ist eine keramische Warenart, die im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit im rheinländischen Töpferort Siegburg-Aulgasse produziert wurde. Die Siegburger Gefäßkeramik wurde im 14. bis 17. Jahrhundert in großen Mengen in ganz Europa gehandelt und gilt neben ihrer kunstgeschichtlichen Bedeutung als wichtiger Marker bei der Datierung archäologischer Fundstellen aus dieser Zeit. Sie ist eine der dominierenden Warenarten unter dem Deutschen Steinzeug.

Historische Entwicklung mini|Die Aulgasse auf der Karte von Tranchot um 1810 Begünstigt wurde die Ansiedlung eines Töpfereistandortes in Siegburg-Aulgasse im späten Mittelalter durch das Vorhandensein von qualitativ hochwertigen Tonlagerstätten und reichen Waldbeständen für Feuerholz nahe der Stadt.

Ein weiterer begünstigender Faktor war die Nähe des Standortes zur Sieg. Der Fluss war bis in die Neuzeit hinein zwischen Siegburg und seiner Mündung in den Rhein schiffbar, so dass der Töpferstandort an die Handelswege von Rhein und Maas angeschlossen war.

Trotz innovativer Formen, wie dem für Siegburger Steinzeug typischem Trichterhalsbecher, der hier im 14. Jahrhundert entwickelt wurde, blieben die Siegburger Töpfereiprodukte in ihrer Bedeutung lange hinter dem Kölner Steinzeug zurück. Erst als in der Mitte des 16. Jahrhunderts die Kölner Töpfer aus der Stadt vertrieben wurden, gelangte der Siegburger Standort zu seiner Blütezeit. Eine besonders tragende Rolle kommt dabei der Werkstatt des Anno Knütgen zu. Möglicherweise fanden zu jener Zeit auch ehemals Kölner Werkmänner, wie Franz Trac, neue Anstellungen in Siegburg und brachten das Wissen um neue Techniken der Kölner Töpfermeister mit.Bock 1986, S. 51. Mit dem Truchsessischen Krieg, in den die Stadt Siegburg verwickelt wurde, erlebte die Steinzeugproduktion der Aulgasse einen ersten Einbruch. 1586/87 belagerten spanische Truppen unter dem Kommando von Don Fabion Gonzago die Stadt. Da die Töpfersiedlung Aulgasse unmittelbar vor der schützenden Stadtmauer lag, nahmen hier die Soldaten während der Belagerung Quartier. Bei ihrem Rückzug steckten die Spanier die Häuser der Aulgasse in Brand.

Für die Ulner glimpflicher verlief eine weitere Belagerung Siegburgs im Jahre 1615, als im Zuge des Jülich-Klevischen Erbfolgestreites brandenburgische Truppen die Stadt einzunehmen versuchten. Hierbei blieb das Hab und Gut der Töpferfamilien in der Aulgasse weitgehend verschont.

Während des Dreißigjährigen Krieges ging zunächst der Fernabsatz des Siegburger Steinzeugs zurück. In der Aulgasse lief die Steinzeugproduktion jedoch auf hohem kunsthandwerklichen Niveau weiter, bis es 1632 zur Plünderung und Zerstörung der Stadt durch schwedische Truppen unter General Baudissin kam. Dabei wurden auch die Häuser und Werkstätten in der Aulgasse niedergebrannt. Die Schweden hielten Siegburg drei Jahre lang besetzt. In dieser Zeit verarmten die zurückgebliebenen Bürger und die Steinzeugproduktion kam nahezu zum Erliegen.

Zu den Kriegsfolgen kamen im ausgehenden 16. Jahrhundert und zu Beginn des 17. Jahrhunderts juristische Repressalien. Die reichen Töpferfamilien sahen sich zunehmend der Hexenverfolgung ihrer Familienmitglieder ausgesetzt und verließen sukzessive die Stadt, um sich in Troisdorf-AltenrathUrsula Francke: Kannenbäcker in Altenrath. Frühneuzeitliche Steinzeugproduktion in Troisdorf-Altenrath. Rheinlandia, Siegburg 1999, S. 38f. und im Kannenbäckerland anzusiedeln. Hier begannen sie erneut eine bedeutende Steinzeugproduktion. Nur drei Töpfermeister waren in der Mitte des 17. Jahrhunderts noch in der Aulgasse zurückgeblieben, stellten aber kaum noch nennenswerte Mengen an Steinzeug her. Ab dem 17. Jahrhundert tritt die Bedeutung der Siegburger Produktion weit hinter die der Westerwälder Keramik zurück.

Ulner und Ulnerzunft Die Siegburger Töpfer nannten sich selber „Ulner“ beziehungsweise „Eulner“.In Urkunden sind weitere Ableitungen dieses Ausdrucks bekannt. Bis 1530: Ulner oder Uyner; bis 1600: Oilner, Oelner, Oulner, Eulner, Euler, Aueler oder Aulner; nach 1600 kommen vor allem Eulner und Aulner vor. Diese Ausdrücke leiten sich vom lateinischen „olla“ = Topf her. Die Siedlung der Töpfer nordöstlich vor den Toren Siegburgs nannte sich nach den Bewohnern Ulgasse oder Aulgasse, so auch der heutige Ortsname.

Vor 1429Dornbusch 1873, S. 14. schlossen sich die Siegburger Töpfer zu einer Zunft unter der Kontrolle des Siegburger Abtes zusammen. Die Zunftordnung wurde 1516, 1532, 1552 und 1706 neu abgefasst und wurde noch bis ins 18. Jahrhundert hinein befolgt. In 42 Artikeln regelte diese noch erhaltene Zunftordnung Herstellung und Handel des Siegburger Steinzeugs. In der gesperrten Zunft durfte das Wissen der Siegburger Töpfer nur an ehelich geborene Söhne weitergegeben werden. Die Lehrzeit betrug sechs Jahre. Verstarb ein Töpfer ohne Nachfolger, so war es dessen Witwe erlaubt, das Geschäft fortzuführen.

Einem Töpfermeister wurde die Anzahl der Öfen vorgegeben, die er im Jahr fahren durfte. Im Normalfall waren das neun bis sechzehn Öfen, die zwischen Aschermittwoch und dem Martinstag bestückt werden durften. Während der Frostperiode im Winter war die Herstellung von Steinzeug aus qualitativen Gründen untersagt. Eine Ausnahme bildeten Steinzeugbestellungen der Kölner Herren, die auch in den Wintermonaten bedient werden durften. Vier gekorene Meister (Kerbmeister), von denen jährlich zwei neu gewählt wurden, überwachten die Einhaltung der Zunftordnung. Sie legten Produktionsmengen und Preise fest und vertraten die Ulnerzunft in allen Belangen nach außen. Ihre Urteile konnten ausschließlich beim Abt angefochten werden.

Zu einem Zunftbetrieb eines Ulners gehörten neben dem Töpfermeister und dessen Familie auch Werkmänner, unselbstständige Töpfer mit abgeschlossener Lehre. Weiterhin wurden zahlreiche Handwerker beschäftigt. Sogenannte Dagräber (Tongäber, Da = Ton), die Ton im Tagebau abbauten und Damächer, die den rohen Ton für die Töpferei aufbereiteten, Eidsleute, Hilfskräfte in den Werkstätten, die schwören mussten, Betriebsgeheimnisse ihres Arbeitgebers nicht weiter zugeben sowie Holzer, die das notwendige Feuerholz schlugen und Bereitsleute für Hilfstätigkeiten, wie den Bau der Öfen, Transportarbeiten etc. Während des Produktionszeitraums durfte kein Arbeiter seinen Betrieb verlassen. Wollte ein Arbeiter im Folgejahr für einen anderen Ulnermeister tätig sein, musste er zum Johannistag kündigen.

Die strenge Ordnung der gesperrten Ulnerzunft bewirkte, dass die Steinzeugproduktion Siegburgs über Jahrhunderte in der Hand einiger weniger Familien war. Die wichtigsten Töpferfamilien waren die Familien Knütgen, Vlach (Flach), Omian und Simons (Zeiman).

Nach der Abwanderung der Töpfermeister zu Beginn des 17. Jahrhunderts waren aus diesen Familien nur noch drei Töpfermeister in Siegburg zurückgeblieben. Um ein drohendes Aussterben der Ulnerzunft zu verhindern, nahm Abt Johann von Bock zu Pattern 1654 mit Eberhard Lutz aus Koblenz-Ehrenbreitstein erstmals einen Fremden Töpfermeister in die Zunft auf.Dornbusch 1873, S. 48.

Brauchtum In Siegburg war es gepflegter Brauch, auch die Armen am Wohlstand der Ulner teilhaben zu lassen. Am Tag vor dem Fest des heiligen Anno (5. Dezember) durfte sich jeder hilfebedürftige Einwohner in der Aulgasse einen Krug bei einem der ansässigen Ulner abholen. Diesen bekam der Bedürftige im Kloster mit Bier (Annonis Bier) gefüllt. Der Brauch sah vor, dass der Krug jedoch nur soweit gefüllt wurde, wie der Empfänger noch mit einer Hand heben konnte. Zur Bierspende bekam der Bedürftige noch einen Weißpfennig und ein Pfund Gerste.Dornbusch 1873, S. 29.

Handel Siegburger Steinzeug erfreute sich aufgrund seiner Qualität und Kunstfertigkeit in ganz Europa großer Beliebtheit. Der Handel in den großen Hansestädten und dem Nordseeraum wurde meist von Kölner Kaufleuten besorgt. Auf diese Weise wurde die Siegburger Steinzeugprodukte im Ausland auch als „Kölnisches Steinzeug“ bekannt. In Köln selbst war die Steinzeugherstellung (Krugbäckerei) nach 1542 per Ratsbeschluss verboten worden, Kölner Händler gehörten jedoch zu den größten Abnehmern der Siegburger Ulner. Gleichzeitig genossen Siegburger Kaufleute in Köln großes Ansehen und das Privileg der Zollfreiheit. Ihnen war es gestattet, sich in der Stadt Köln bis zu zwei Jahre lang aufzuhalten ohne sich, wie sonst üblich, einer der Gaffeln anschließen zu müssen.

Die Siegburger Töpfermeister schlossen gewöhnlich langfristige Verträge mit einem festgeschriebenen Mindestabsatz und einer Exklusivklausel mit einem Händler ab, der ein bestimmtes Gebiet beliefern sollte. Bezüglich der zugeteilten Mengen waren die Kölner Kaufleute deutlich bevorzugt. Aber auch die Weinregionen Süddeutschlands waren ein vorrangiges Absatzgebiet.

Rohtonexport Trotz der hervorragenden Qualität der Siegburger Tonerde, der sich gut für filigrane Keramikprodukte eignet, wurden in Siegburg nie Tonpfeifen oder Pfeifentonfiguren hergestellt. Der rohe Pfeifenton aus den Siegburger Tongruben wurde jedoch exportiert. So entstanden im 17. bis 19. Jahrhundert in Köln, am Niederrhein und in den Niederlanden Tonpfeifen aus Siegburger Ton.Dornbusch 1873, S. 28f. Beispielsweise sicherten sich 1687 die Pfeifenbäcker aus Gouda, Wesel und Duisburg Siegburger Tonerde bei dem Händler Christoffel Horningh.Martin Kügler: Tonpfeifen. Hanusch & Ecker Verlag, Höhr-Grenzhausen 1987, S. 114.

Technik mini|Für die Siegburger Steinzeugproduktion typische runde Brennhilfe. Der in Siegburg in der sogenannten Dakaule anstehende tertiäre feuerfeste Ton ist von einer gleichmäßig feinen Körnung und arm an Eisenoxid. Die Eisenarmut führt dazu, dass der Siegburger Ton zu einem hellen, fast weißen Scherben brennt. Er wurde bereits seit der Römerzeit abgebaut und für die Herstellung von irdenem Geschirr genutzt. Der Ton für die Steinzeugproduktion wurde vornehmlich zwischen Siegburg und Lohmar in den Klinkenberger Marken und im Lohmarer Wald gewonnen.

Die Steinzeugproduktion beginnt in Siegburg um 1400. Die ersten Gefäßtypen weisen bereits den für Siegburg typischen hellen Scherben auf. Sie sind rot geflammt und haben einen Wellenfuß. Als Dekor treten erste, kleine Rundauflagen auf.

mini|Siegburger Kanne; Ende 14. Jahrhundert. Während des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts werden in Siegburg, trotz einigen eigenen Entwicklungen, vor allem Kölner Vorbilder kopiert. Ab der Mitte des 16. Jahrhunderts kommen in Siegburg zunehmend künstlerisch ausgeprägte, große Rundauflagen mit allegorisch-religiösen und ornamentalen Motiven auf. Vermutlich unter dem Einfluss aus Köln stammender Werkmänner werden in der Siegburger Töpferkunst Elemente der Hochrenaissance in das bis dato noch gotisch geprägte Typenspektrum eingeführt. Maßgebend scheinen hierbei ab 1559 die Entwürfe von Franz Trac in der Werkstatt von Anno Knütgen gewesen zu sein.

Die in anderen rheinischen Töpferorten gängige Technik der Salzglasur wurde bei Siegburger Steinzeug nur selten angewandt. Der Glanz der Steinzeuggefäße wurde durch einen Ascheanflug während des Brennvorgangs erreicht.Bock 1986, S. 51f. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts experimentierte die Werkstatt des Anno Knütgen mit einer blauen Salzglasur, konnte damit in Siegburg jedoch nicht den gewünschten Erfolg erzielen. Erst nach dessen Abwanderung nach Troisdorf-Altenrath etablierte Knütgen diese Technik im Kannenbäckerland und schuf dort das für den Westerwald typische blau-graue Steinzeug.

Formenspektrum Das Formenspektrum des in Siegburg produzierten Steinzeugs besteht vornehmlich aus Gebrauchskeramik wie Kannen, Krüge, Feldflaschen und Trinkgeschirr. Als Kochgeschirr war Siegburger Steinzeug eher ungeeignet, da es bei hohen Temperaturschwankungen platzen kann. Dekor und Ausgestaltung der Ware erreichte in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts ihren kunsthandwerklichen Höhepunkt.