Der Weißhalsrabe (Corvus cryptoleucus) ist eine Singvogelart aus der Familie der Rabenvögel (Corvidae). Er gehört mit 46–53 cm Körperlänge zu den mittelgroßen Arten der Raben und Krähen (Corvus) und bewohnt das südliche Nordamerika von Zentralmexiko bis in die südwestlichen . Sein Habitat bilden aride Prärien und Halbwüsten mit geringem Baumbestand. Weißhalsraben ernähren sich von einem breiten Spektrum von Insekten, kleinen Wirbeltieren, Aas und Getreide. Die Art ist sehr gesellig und tritt im Winter in großen Schwärmen auf. Die Brutzeit der Vögel liegt im Frühjahr und Frühsommer, ihr Nest errichten sie in freistehenden Bäumen und menschlichen Bauten.
Der Weißhalsrabe ist vergleichsweise spärlich erforscht und wurde erst 1845 von Darius N. Couch erstbeschrieben. Er ist nahe mit der westamerikanischen Population des Kolkraben (Corvus corax) verwandt und wurde wahrscheinlich im Laufe des Plio- oder Pleistozäns von ihr getrennt. Der Gesamtbestand der Art ist nicht erfasst. Da die Bestandsentwicklung aber stabil erscheint, wird der Weißhalsrabe von unter („nicht gefährdet“) geführt.
Merkmale Körperbau und Farbgebung Weißhalsraben erreichen Körperlängen von 46–53 cm. Damit gehören sie zu den größeren Raben und Krähen, sind aber kleiner als die größten Raben. Gegenüber ähnlich großen Amerikanerkrähen (C. brachyrhynchos) zeichnen sie sich durch kräftigere, gekrümmte Schnäbel und keilförmige Schwänze aus. Männchen der Art werden im Durchschnitt größer und schwerer als Weibchen, die Geschlechter überlappen aber in allen Maßen deutlich. Männchen werden zwischen 442 und 667 g schwer. Ihr Handflügel ist im ausgestreckten Zustand 332–381 mm lang, ihr Schwanz misst 181–229 mm. Ihre Tarsi sind 55–65 mm lang, die Schnäbel männlicher Weißhalsraben erreichen eine Länge von 53–60 mm. Weibchen erreichen ein Gewicht von 378–607 g und eine Flügellänge liegt zwischen 324 und 362 mm. Der weibliche Schwanz wird 179–222 mm lang, der Lauf weiblicher Weißhalsraben misst ausgewachsen 56,4–61,9 mm. Ihr Schnabel hat eine Länge von 49–56 mm.
miniatur|hochkant=1.3|Kopfstudie eines Weißhalsraben. Die Nasalborsten bedecken den Schnabel für gewöhnlich mindestens zur Hälfte.|alt=Portraitfoto eines Weißhalsraben Das Gefieder der Art ist fast durchgängig schwarz, seine einzelnen Bereiche zeigen aber feine Unterschiede in der Intensität und Tönung der Färbung. Das sichtbare Gefieder ist glänzend schwarz und auf der Körperoberseite von einem bläulichen oder purpurnen Metallglanz überzogen, während die Außenfahnen der Handschwingen und die Körperunterseite einen nur schwachen grünlichen bis bläulichen Schimmer zeigen. Das Halsgefieder ist an den Seiten bräunlich getönt. Seine Federn sind an der Basis schneeweiß gefärbt, was oft nur bei zerzaustem Federkleid deutlich wird. Bei einigen Individuen besitzen auch die obersten Brustfedern eine helle Basis. Die Kehlfedern sind verlängert und lanzettförmig, wodurch das Kehlfeder zerzaust wirkt und sich deutlich abzeichnet. Der Schnabel der Art ist kürzer als der des Kolkraben (C. corax) und kräftiger und stärker gekrümmt als der der Amerikanerkrähe (C. brachyrhynchos). Die langen Nasalborsten bedecken in der Regel mehr als die Hälfte des Schnabels. Ebenso wie die Beine ist er bei adulten Tieren schwarz oder dunkel schiefergrau. Jungtiere zeichnen sich durch rosafarbene Partien im Rachen und an den Schnabelkanten aus. Ihr Gefieder ist vergleichsweise glanzlos und locker. Die Iris von Weißhalsraben ist gelbbraun bis schwarzbraun, altersbedingte Unterschiede in ihrer Färbung sind nicht bekannt.
Flugbild und Fortbewegung miniatur|Weißhalsrabe im Flug. Spitze, tief gefingerte Flügel und ein keilförmiger Schwanz unterscheiden die Art von der Amerikanerkrähe (C. brachyxrhynchos), sind aber auch Kennzeichen des größeren Kolkraben (C. corax).|alt=Flugbild eines Weißhalsraben Auf dem Erdboden bewegen sich Weißhalsraben für gewöhnlich schreitend fort. Kleinere Hindernisse überwinden sie hüpfend. Der Flug der Art ist lebhaft und zeichnet sich durch moderat tiefe, maßvolle Flügelschläge aus, wie sie auch für andere Corvus-Arten typisch sind. Im Streckenflug bewegen sich die Tiere meist in geringen Höhen von etwa 20 m. Gelegentlich steigen sie aber auch in Höhen von über 100 m auf, um dort zu kreisen. Um schnell an Höhe zu gewinnen, nutzen Weißhalsraben gerne Windhosen und warme Aufwinde. Im Vergleich zur Amerikanerkrähe ist der Schwanz des Weißhalsraben im Flug länger uns stärker keilförmig; auch sind ihre Flügel spitzer und tiefer gefingert als die der kleineren Verwandten. Kolkraben sind Weißhalsraben im Flug dagegen sehr ähnlich und zeichnen sich äußerlich vor allem durch einen noch längeren und keilförmigeren Schwanz aus.
Lautäußerungen Die Lautäußerungen der Art sind nur spärlich erforscht. Wie auch andere Raben und Krähen verfügt der Weißhalsrabe über eine eher raue, krächzende Stimme und ein umfangreiches Vokabular. Der für die Gattung typische Stimmfühlungslaut kaa wird von den Vögeln in vielen verschiedenen Zusammenhängen eingesetzt. Die Intonation variiert dabei je nach Kontext: Als Drohlaut fällt der Ruf beispielsweise tiefer aus als Alarmsignal. Je nach Situation wird er einzeln oder in Serien ausgestoßen. Lange, schnelle Serien weisen für gewöhnlich auf Gefahren hin. Auseinandersetzungen zwischen Individuen werden bisweilen von knurrenden Lautäußerungen begleitet, Balzrituale von weicheren ag-ag Rufen. Die hohen, zirpenden Bettellaute der Jungtiere werden von Altvögeln als Signal für Unterwürfigkeit eingesetzt.
Verbreitung hochkant=1.3|miniatur|alt=Topografische Karte Nordamerikas mit eingezeichnetem Artareal|Verbreitungsgebiet des Weißhalsraben. Ganzjährige Verbreitung in grün, Winterquartiere in blau. Die Art bewohnt das aride Tiefland Nordamerikas, im 19. Jahrhundert reichte die Verbreitung weiter nach Nordosten. Das Verbreitungsgebiet des Weißhalsraben umfasst die ariden und semiariden Regionen des zentralen und südlichen Nordamerikas. Die Verbreitungsgeschichte der Art ist nur lückenhaft dokumentiert. Im späten 19. Jahrhundert war die Art im Norden bis an die Südgrenzen Wyomings und Nebraskas verbreitet. Von dort verlief die Verbreitungsgrenze südostwärts durch das westliche Kansas und Oklahoma und weiter südwärts durch Texas, wo das Artareal in etwa durch die 150-mm-Isohyete beziehungsweise den an ihr orientierten Getreideanbau begrenzt wurde. Von dort aus folgte die Verbreitung der Golfküste bis nach Mexiko, wo die historischen Vorkommen der Art nicht bekannt sind. Im Westen umfasste das Artareal den äußeren Süden Arizonas, weite Teile New Mexicos und das westliche Colorado. Bis in die 1940er Jahre verschob sich die nördliche Verbreitungsgrenze südwärts bis an die texanische Grenze. In Colorado blieb lediglich eine Reliktpopulation zurück, New Mexico wurde nur noch im Süden und Osten besiedelt. Die östliche Verbreitungsgrenze wich in Texas hinter San Antonio zurück und erreichte die Golfküste nur noch im äußersten Süden.
Heute bewohnt der Weißhalsrabe Mexiko südwärts bis etwa nach Jalisco. Von dort aus verläuft sein Verbreitungsgebiet nach Nordwesten, wo es von der Sierra Madre Occidental flankiert wird. Die humide Ostseite des Gebirges wird von der Art nicht besiedelt. Nördlich des Gebirges reicht das Artareal ins nördliche und zentrale Sonora. Von dort aus verläuft seine Grenze durch den äußeren Südwesten Arizonas und schließt das südliche und östliche New Mexico ein. Ob die Art auch weiter nordwestlich vorkommt, ist fraglich. Eine kleine Reliktpopulation in der zentralen Grenzregion Colorados und New Mexicos westlich der Rio-Grande-Schleife könnte darauf hinweisen. Den Südosten Colorados besiedelt der Weißhalsrabe bis über den hinaus, hier erreicht die Art den nördlichsten Punkt ihrer Verbreitung. Im angrenzenden Kansas bildet der Fluss für ein kleines Stück die nördliche Verbreitungsgrenze, bevor diese etwa bei nach Südwesten abbiegt und die äußerste durchquert. Von dort aus verläuft sie bis nach Texas, spart den äußeren Nordosten seiner aus und schließt im Osten nochmal einen schmalen Streifen von Oklahoma ein. Ab hier verläuft die Grenze in einem leichten Bogen südwärts bis an die Golfküste, der das Verbreitungsgebiet bis ins Zentrum Tamaulipas’ folgt, dessen Süden überwiegend nicht mehr zu den Brutgebieten gehört. Von der Golfküste verläuft die Brutgrenze in Nordwestrichtung, spart einen kleinen Teil Nuevo Leóns aus und erreicht dann in einem breiten Bogen mit Guanajuato ihren südlichsten Punkt. Im Winter finden, bedingt durch das veränderte saisonale Nahrungsangebot, Wanderungsbewegungen statt. Dabei gibt die Art ihre Brutgebiete nicht völlig auf, Teile der örtlichen Populationen ziehen aber in Gebiete mit erhöhtem Aufkommen von Getreide und anderer Nahrung. Im Süden des Verbreitungsgebiets reichen die Winterquartiere auch über die Brutgebiete hinaus: Westlich der Sierra Madre Occidental umfassen sie fast ganz Sonora und Sinaloa. Im Zentrum Mexikos reichen sie von der südwestlichen Golfküste westwärts bis nach Jalisco, wo sie ihren südwestlichsten Punkt erreichen und wiederum von der Sierra Madre Occidental begrenzt werden. Die Zugbewegungen setzen im Frühherbst ein und dauern bis Dezember an. Gegen Ende Februar beginnen die Tiere, in die Brutgebiete zurückzuwandern.
Es ist unklar, was die Ursache für den Rückzug der Art aus dem Norden ihres Verbreitungsgebiets ist, der ab Ende des 19. Jahrhunderts einsetzte. Möglicherweise stellt die weite Ausbreitung der Art im Norden eine Reaktion auf den massenhaften Abschuss des Bisons (Bison bison) durch den Menschen dar. In dessen Folge blieben oft große Mengen an Kadavern in der Prärie zurück, die für den Weißhalsraben eine ergiebige Nahrungsquelle gebildet haben könnten. Das Verschwinden der Art dürfte durch das Aufkommen extensiver Getreidefelder in Kansas und Colorado hinausgezögert worden sein. Umgekehrt kam es aber wahrscheinlich schon vor Ende des 19. Jahrhunderts zu einer größeren Ausbreitung der Art, nachdem ihr die Errichtung von Telegrafenmästen und anderen Konstruktionen baumlose Regionen als Brutgebiete erschloss. Über die prähistorische Verbreitung des Weißhalsraben lässt sich lediglich mutmaßen. Die nächsten Verwandten der Art, die Kolkraben Kaliforniens und Nevadas lassen auf einen Ursprung der Art im eisfreien Kalifornien des Plio-Pleistozäns schließen. Diese Hypothese wird durch Knochenfunde in den La Brea Tar Pits gestützt, die in Größe und Gestalt denen des Weißhalsraben gleichen.
Lebensraum miniatur|hochkant=1.3|Ein für Weißhalsraben typisches Habitat im , New Mexico. Der Lebensraum der Art ist durch offene Vegetationsformen geprägt und mitunter völlig baumlos. Windräder und andere Konstruktionen stellen dann wichtige Brutplätze dar.|alt=Landschaftaufnahme mit Prärie, Baum und Windrad