mini|hochkant=1.8|Anzahl der Biosphärenreservate je Land (Stand 2013) Ein Biosphärenreservat (BSR) ist eine von der UNESCO initiierte Modellregion, in der nachhaltige Entwicklung in ökologischer, ökonomischer und sozialer Hinsicht exemplarisch verwirklicht werden soll (Weltnetz der Biosphärenreservate). Das Programm Der Mensch und die Biosphäre (Man and the Biosphere Programme, MAB-Programm) sorgt für ihre Weiterentwicklung, evaluiert und vernetzt sie weltweit und erforscht im globalen Maßstab die wichtigsten Ökosysteme.
In MAB geht es nicht um klassischen Naturschutz im engeren Sinn, sondern um einen interdisziplinären Ansatz, insbesondere der Mensch selbst als Bestandteil der Biosphäre steht im Vordergrund. Gesellschaftliche und ökonomische Fragen, z. B. auch die Schaffung von Einkommen, Probleme der Verstädterung und Demographie sind Teil des Programmes. Übergeordnete Ziele sind, biologische Vielfalt und Ökosystemfunktionen zu erhalten, Kulturlandschaften partizipativ zu bewirtschaften und weiterzuentwickeln, für Klimaschutz durch Landnutzung und Anpassung an den Klimawandel zu werben sowie die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen für ökologische Nachhaltigkeit weiterzuentwickeln. Bürgerbeteiligung gehört zum zentralen Kern des Programms.
Jedes Biosphärenreservat ist ein Großschutzgebiet mit einer Schutzfunktion, einer Entwicklungsfunktion und einer Forschungs- und Bildungsfunktion. Die Biosphärenreservate sind in drei Zonen eingeteilt, eine naturschutzorientierte Kern-, eine am Landschaftsschutz orientierte Pflege- und eine sozioökonomisch orientierte Entwicklungszone.
Seit Oktober 2025 gibt es 784 Biosphärenreservate, davon 22 grenzüberschreitend, in 142 Ländern. Am MAB-Programm beteiligen sich über 150 Staaten.
Grundlagen Entwicklung Das MAB-Programm wurde als interdisziplinäres Wissenschaftsprogramm gegründet. Auf der 16. Generalkonferenz der UNESCO 1970 ins Leben gerufen, war es das erste zwischenstaatliche Umweltprogramm, das der Weiterentwicklung und der Erforschung der Mensch-Umwelt-Beziehungen diente. Seit der Gründung standen die auf der ersten Sitzung des zwischenstaatlichen MAB-Koordinierungsrates 1971 festgelegten 14 Großforschungsprojekte zu Themen wie tropische Regenwälder, Wüsten, Gebirgsregionen oder Küstenlandschaften, im Vordergrund des Programms. Seit 1993 fokussierte sich MAB auf das Weltnetz der Biosphärenreservate (World Network of Biosphere Reserves, WNBR).
Mit der Konferenz von Sevilla März 1995, dem zweiten Weltkongress der Biosphärenreservate, wurde das Programm völlig neu gestaltet, und folgt seither dem Paradigma, dass der Schutz der biologischen Vielfalt nicht isoliert von den Bedürfnissen der Menschen gesehen werden kann. Seither sind Biosphärenreservate dem Wesen nach Schutzgebiete für das gemeinsame Habitat von Mensch und restlicher „Natur“ als ein System, der Biosphäre. Neben naturschützerischem Anliegen kamen auch Kulturgutschutz und Bildungsziele hinzu, wodurch sie Modellgebiete und Lernregionen für nachhaltige Entwicklung wurden. Seit der Umorientierung auf die praktische Fortentwicklung der Biosphärenreservate dient das MAB-Programm als Instrument zur Umsetzung der 1992 in Rio de Janeiro ausgehandelten Agenda 21 und der dort beschlossenen Umweltabkommen, z. B. dem Übereinkommen über die biologische Vielfalt.
Im Februar 2008 wurde der Aktionsplan von Madrid als politisches Rahmendokument bis 2013 beschlossen.
Sevilla-Strategie Mit der Konferenz wurde die Sevilla-Strategie (1996) beschlossen, ein 90-Punkte-Programm mit Empfehlungen für globale, nationale und regionale Ebene, und die Internationalen Leitlinien für das Weltnetz der Biosphärenreservate festgelegt – diese Dokumente wurden von der UNESCO-Generalkonferenz, also von allen Mitgliedstaaten der UNESCO, bestätigt. Diese Dokumente bilden die internationale Rechtsgrundlage der Biosphärenreservate, sind jedoch nicht verbindlich im völkerrechtlichen Sinn – jeder Staat und jedes Gebiet unterwirft sich den Regeln freiwillig durch das inhaltliche Interesse an der Mitarbeit.
Die Strategie umfasst vier Leitziele:Ingrid Klaffl, Irene Oberleitner, Maria Tiefenbach: Biogenetische Reservate und Biosphärenreservate in Österreich. Umweltbundesamt: Report R-161, Wien 1999, Abschnitt 3. Biosphärenreservate. S. 216 ff, insb. 3.3 Sevilla-Strategie (Unesco, 1996). S. 218 (PDF, umweltbundesamt.at). Nutzung der Biosphärenreservate zur Erhaltung der natürlichen Artenvielfalt und kulturellen Vielfalt Nutzung der Biosphärenreservate als Modelle für die Landbewirtschaftung und für Ansätze der nachhaltigen Entwicklung Nutzung der Biosphärenreservate zur Forschung, Umweltbeobachtung, Bildung und Ausbildung Umsetzung des Konzepts der Biosphärenreservate
Aktionsplan von Madrid Der auf dem 3. Weltkongress der Biosphärenreservate (Februar 2008 in Madrid) beschlossene RahmenplanAktionsplan von Madrid für Biosphärenreservate, unesco.de (ausführliche Diskussion des Programms) soll das Konzept der Biosphärenreservate noch einmal konkreter an die geänderten Ziele des 21. Jahrhunderts anpassen, und enger mit anderen internationalen Maßnahmen sowohl im Klimaschutz (etwa UNFCCC, 2010-Ziele des CBD und Kyoto-Prozess) wie der Globalisierungsproblematik (insbesondere Urbanisierung und Verlust der Vielfalt in Ökologie wie Kultur) vernetzen.
Gesamtziele des Programms sind: Verankerung der Agenden für Forschung, Schulung, Kompetenzaufbau und Demonstration zu den verknüpften Problemfeldern „Erhaltung und nachhaltigen Nutzung von Biodiversität“, „Begrenzungs- und Anpassungsmaßnahmen in Bezug auf den Klimawandel“ sowie „sozioökonomisches und kulturelles Wohlergehen von Bevölkerungsgruppen“ Aktive Nutzung der Örtlichkeiten im MAB-Netzwerk WBNR als Lernstätten Dokumentation und Öffentlichkeitsarbeit zur 30-jährigen Arbeit mit dem MAB-Programm und globalen Zielen Beitrag zur Entstehung einer neuen Generation von Theoretikern und Praktikern
2008–2013 liefen die Millennium Development Goals (MDG): Förderung der nachhaltigen Entwicklung insbesondere in Form von Partnerschaft mit allen Sektoren der Gesellschaft Erprobung und Anwendung politischer Konzepte zum Klimawandel und der angewandten Ökologie im Rahmen der Biosphärenreservate Erarbeitung wissenschaftlicher Forschungsprogramme
Damit liegt die Hauptaufgabe der Biosphärenreservate heute in Bereitstellung von ÖkosystemleistungenWortwahl unesco.de: Aktionsplan von Madrid für Biosphärenreservate. A.2 Bereitstellung von Ökosystemleistungen aller Art, was der Einsicht folgt, dass die Schutzziele des MAB-Programms nur finanzierbar und umsetzbar sind, wenn die Schutzgüter tatsächlich vor Ort als wertvolle Ressource zur Lösung aktueller Probleme und sozioökonomischer Bedürfnisse erkannt werden.
Aufbau des Programms Kriterien der Biosphärenreservate Biosphärenreservate stehen für eine global repräsentative Auswahl aller Ökosysteme; sie werden gemäß international einheitlichen Kriterien anerkannt; die Pflege von Kulturlandschaften rangiert in der Bedeutung vor dem Schutz von Wildnisgebieten. In einigen Ländern sind Biosphärenreservate gesetzlich geschützt; alle Gebiete müssen partizipativ einen Rahmenaktionsplan erarbeiten; sie werden regelmäßig evaluiert.
Mit den Internationalen Leitlinien wurden Mindestbedingungen für die Anerkennung und Kriterien für die periodische Überprüfung von Biosphärenreservaten festgelegt: In einem Biosphärenreservat sollen nicht nur Natur und Landschaft geschützt, sondern v. a. die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung gefördert sowie Bildung, Forschung und Umweltbeobachtung unterstützt werden. Im anzustrebenden Ideal ergänzen sich ökonomische und ökologische Maßnahmen. Die Einbeziehung der lokalen Bevölkerung ist unerlässlich. In Biosphärenreservaten geht es daher in erster Linie um die Bewahrung der vom Menschen geschaffenen Kulturlandschaften, und nur in geringerem Maße um Naturschutz von Wildnisgebieten. Immer mehr geht es heute auch um Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel. Weitere Schwerpunkte sind die Vermarktung regionaler Produkte und die Förderung des ländlichen Raums vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung.
Biosphärenreservate sind zwar auch Schutzgebiete, d. h., sie schützen die Biodiversität, die Vielfalt der Arten, der Ökosysteme, ihre Funktionen und die genetischen Ressourcen. Besonders ist, dass dieser Schutz vor allem auch durch wirtschaftliche Nutzung durch den Menschen erreicht werden soll. Über die Lokale Agenda 21, das Regionalprogramm der Agenda 21, ist das Reservat in die Kommunalentwicklung eingebunden.
Alle Biosphärenreservate der UNESCO bilden ein globales Netzwerk für den Austausch von Wissen; sie sind somit besondere Bezugspunkte für Forschung, Umweltbeobachtung und Bildung. Die UNESCO, genauer der Internationale Koordinierungsrat von MAB, zeichnet Gebiete als Biosphärenreservate aus, die in globalem Maßstab stellvertretend für ein einzigartiges Ökosystem oder eine bedeutsame Kulturlandschaft stehen. Die Anerkennung durch die UNESCO wird nur dann vergeben, wenn die Bewohner eines Biosphärenreservats das Konzept der Nachhaltigkeit unterstützen.
Der Zustand der Biosphärenreservate wird regelmäßig von einem unabhängigen Expertengremium, dem MAB-Nationalkomitee, anhand der nationalen Kriterien als Umsetzung der internationalen Leitlinien und anhand der jeweils individuell formulierten Ziele überprüft. Daraufhin werden Empfehlungen und Verbesserungsvorschläge erarbeitet. Bei mangelhafter Einhaltung der Kriterien kann die Bezeichnung UNESCO-Biosphärenreservat aberkannt werden. Über die jeweils nationale Einhaltung der Leitlinien durch die Biosphärenreservate und die MAB-Nationalkomitees wacht der internationale Koordinierungsrat (ICC).
Mehrere Staaten definieren ihre Biosphärenreservate gesetzlich, in solchen Fällen können Biosphärenreservate ohne UNESCO-Anerkennung bestehen.
Ziele, Funktionen und Zonierung der Reservate Biosphärenreservate sollen Modellstandorte zur Erforschung und Demonstration von Ansätzen zu Schutz und nachhaltiger Entwicklung auf regionaler Ebene sein und haben die folgenden drei Funktionen: Schutzfunktion: Bewahrung von Landschaften, Ökosystemfunktionen, Artenvielfalt und genetischer Vielfalt Entwicklungsfunktion: Förderung einer wirtschaftlichen und menschlichen Entwicklung, die soziokulturell, ökonomisch und ökologisch nachhaltig ist Funktion der logistischen Unterstützung: Demonstrationsprojekte, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Forschung und Umweltbeobachtung
Zur Umsetzung der verschiedenen Ziele und Funktionen sind Biosphärenreservate – international einheitlich – räumlich in drei Zonen gegliedert: Kernzonen (core areas): Diese Bereiche eines Biosphärenreservates dienen langfristigem Naturschutz gemäß den Schutzzielen. In Mitteleuropa handelt es sich meist um eher kleine Bereiche, aber auch diese müssen ausreichend groß zur Erfüllung der inhaltlichen Ziele sein. Kernzonen sind in der Regel von der wirtschaftlichen Nutzung ausgeschlossen, es gibt jedoch je nach Region zahlreiche Ausnahmen. So sind traditionelle Nutzungsformen, dazu zählen Almwirtschaft oder Schaftrieb, sowie generell Jagd und Fischerei zugelassen. Des Weiteren dürfen Arbeiten für Forschung oder Monitoring betrieben werden. Forstarbeiten, wie die Entfernung von umgestürzten Bäumen, beschränken sich auf die Freihaltung von Wanderwegen, welche durch Kernzonen führen und wenn eine Gefahr wie Schädlingsbefall besteht, welcher auf angrenzende Forstgebiete übergreifen kann. Eine naturorientierte touristische Nutzung oder sanfte Freizeitnutzung von Kernzonen ist, solange sie mit den Schutzzielen vereinbar ist, zulässig. In manchen Kernzonen gilt, je nach regionaler Gesetzgebung wie beispielsweise in Niederösterreich, ein Wegegebot aber kein generelles Betretungsverbot.