mini|hochkant=2.5|Den beiden jüngeren Evangelien, dem Matthäus- (80er Jahre) und dem Lukasevangelium (70er Jahre), soll das Markusevangelium (60er Jahre) und die Logienquelle vorgelegen haben.

Als Logienquelle Q (zu ), auch Redequelle, Spruchquelle oder kurz Q für „Quelle“, wird ein hypothetischer Text bezeichnet, der gemäß der Zweiquellentheorie den Autoren des Matthäus- und des Lukasevangeliums neben dem Markusevangelium als zweite Quelle vorgelegen haben soll. Dieser Text in griechischer Sprache habe, so die Annahme, vor allem sogenannte Logien, Aussprüche Jesu aus dem Umfeld judenchristlicher Wanderprediger oder „Dorfschreiber“ in und um Galiläa enthalten. Es sind keine eigenständigen Abschriften oder auch nur Teil-Abschriften von Q bekannt.

Ansatz Die Zweiquellen-Theorie besagt, dass das Evangelium nach Markus (Markus-Priorität) das älteste der drei synoptischen Evangelien ist und vom Evangelium nach Matthäus und Evangelium nach Lukas als erste Quelle benutzt worden sei. Als zweite Quelle sei die erwähnte Rede- oder Spruchquelle oder kurz Quelle Q benutzt worden. Mit anderen Worten, die erste Quelle ist das Markusevangelium, die zweite Quelle ist eine aus den Evangelien des Matthäus und Lukas rekonstruierte Spruchsammlung, eben die Logienquelle Q.Katharina Ceming, Jürgen Werlitz: Die verbotenen Evangelien. Apokryphe Schriften. Marix-Verlag, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-86539-146-9, S. 20.

Diskussion Gestützt wird die Hypothese dadurch, dass die Vorgeschichten von Matthäus und Lukas weit auseinandergehen und sich genau dort treffen, wo Markus mit dem Bericht über Johannes den Täufer einsetzt. Von den drei synoptischen Evangelien ist mit insgesamt 661 Versen das Evangelium nach Markus das kürzeste, dann kommt das Evangelium nach Matthäus mit 1068 und Evangelium nach Lukas mit 1149 Versen. Auffallend ist, dass von den 661 Markus-Versen 660 bei Matthäus und 350 bei Lukas vorhanden sind. Daneben finden sich bei Matthäus und Lukas weitere 235 parallele Verse. So wird heute (Stand 2019) diskutiert, ob Q noch vor dem Evangelium nach Markus entstanden und der dort verarbeitete Text zumindest in seinen Anfängen in Galiläa zusammengestellt worden ist. Daneben haben Matthäus noch 233 und Lukas 564 Verse, die sich nur bei ihnen finden (Sondergut). Hinzu kommen die Doppelüberlieferungen, das sind Texte, die sowohl bei Lukas, als auch bei Matthäus aufzufinden sind, aber bei beiden in einer voneinander abweichenden Form niedergeschrieben wurden. Hieraus wurde die Hypothese aufgestellt, dass die jeweiligen Evangelisten in diesem Fall auf unterschiedliche Text-Traditionen zurückgegriffen haben. Die gleiche Begebenheit wurde somit auf verschiedenen Wegen tradiert. Sie hat sich dabei verändert und lag dem jeweiligen Evangelisten dementsprechend in einer eigenen Form vor. Dubletten hingegen sind Texte, die ein und derselbe Evangelist zweimal in seinem Evangelien-Text anführt.

Wissenschaftshistorie Friedrich Schleiermacher folgerte in Ueber die Zeugnisse des Papias von unsern beiden ersten Evangelien (1832) als erster aus der Papiasnotiz, dass es eine aramäische Spruchsammlung als Ursprungsquelle des Evangeliums nach Matthäus gegeben haben müsste.Armin D. Baum: Einleitung in das Neue Testament – Evangelien und Apostelgeschichte. Brunnen Verlag, Gießen 2018, ISBN 978-3-7655-7715-4, S. 501 Der Leipziger Philosoph Christian Hermann Weisse vermutete 1838 als Erster, dass Matthäus und Lukas in den Abschnitten, in denen sie übereinstimmen, aber nicht von Markus abhängen, eine gemeinsame zweite Quelle neben dem Markusevangelium benutzt haben. Die Abkürzung „Q“ begegnet erstmals 1890 bei Johannes Weiß, wurde aber programmatisch im Jahre 1899 von Paul Wernle eingeführt. J. Weiß baute seine Vermutungen auf die Analysen des Germanisten und klassischen Philologen Karl Lachmann auf, der das Evangelium nach Markus als das Ältere ansah.

Heinrich Holtzmann übernahm in seinem Werk Die synoptischen Evangelien. Ihr Ursprung und ihr geschichtlicher Charakter (1863) methodisch die von Christian Gottlob Wilke und Christian Hermann Weisse entwickelte Zweiquellentheorie. Er verhalf dieser Theorie zum wissenschaftlichen Durchbruch. Holtzmann ging vom Lukasprolog aus und nahm die Existenz mehrerer Quellenschriften als lukanische Vorlage an. Zu den Vorlagen rechnete er das Markus- sowie das Matthäusevangelium, welche nach seiner Ansicht Lukas zwar bekannt waren, von ihm aber nicht oder aber nur in sehr eingeschränktem Maße, als Quellen benutzt wurden. Lukas habe, wie seine Vorgänger, auf die Paradosis (von ) der Augenzeugen zurückgegriffen . Zu dieser gehörten, so Holzmann, die beiden Quellenschriften A („Urmarkus“) und K („Logienquelle“).Armin D. Baum: Der mündliche Faktor und seine Bedeutung für die synoptische Frage. Analogien aus der antiken Literatur, der Experimentalpsychologie, der Oral Poetry-Forschung und dem rabbinischen Traditionswesen. Francke, Tübingen 2008, ISBN 978-3-7720-8266-5, S. 83.

Die Logienquelle wurde von dem protestantischen Theologen und Kirchenhistoriker Adolf von Harnack 1907 erstmals vollständig rekonstruiert veröffentlicht;Adolf von Harnack: Sprüche und Reden Jesu: die Zweite Quelle des Matthäus und Lukas. Hinrichs, Leipzig 1907. weitere Rekonstruktionsversuche folgten, bis schließlich ab 1989 bzw. 1993 ein internationales Wissenschaftler-Team um James M. Robinson, Paul Hoffmann und John S. Kloppenborg das so genannte Internationale Q-Projekt (IQP) begründete.Markus Tiwald: Die Logienquelle. Text, Kontext, Theologie. Kohlhammer, Stuttgart 2016, S. 35.Forschungszentrum deutschsprachiger Raum bei der Universität Graz angesiedelt (, abgerufen am 14. Januar 2018) Dabei stützte man sich hauptsächlich auf die gemeinsamen Textpassagen von Matthäus und Lukas, die nicht in Markus vorkommen. In der kritischen Ausgabe des rekonstruierten Textes aus dem Jahr 2000 (siehe unten: Rekonstruktionen), die von dem Wissenschafts-Team um James M. Robinson erstellt worden war, wurden „auch Doppelüberlieferungen und Dubletten sowie Parallelen“ (Markus Tiwald) aus dem Evangelium nach Markus sowie dem Thomasevangelium, gelegentlich auch Parallelen aus der Septuaginta für Q herangezogen.Markus Tiwald: Die Logienquelle. Text, Kontext, Theologie. Kohlhammer, Stuttgart 2016, S. 36.

In der gegenwärtigen Erforschung des rekonstruierten Logienquellen-Textes selbst werden besonders mit der so genannten Literarkritik, wie auch den Methodenschritten der historisch-kritischen Methode wie der Formkritik, zum Beispiel verschiedene Wachstumsringe (Markus Tiwald) der Logienquelle erörtert, da anscheinend Kernsprüche (Tiwald), spätere Kommentar-Ergänzungen dazu und noch spätere Arrangements zu inhaltlichen Einheiten erkennbar sind.

Daraus hat zum Beispiel John S. Kloppenborg die These entwickelt, es gebe drei eigenständige schriftliche Entwicklungsstufen von Q.Markus Tiwald: Die Logienquelle. Text, Kontext, Theologie. Kohlhammer, Stuttgart 2016, S. 31f. Während Kloppenborg entlang formgeschichtlicher Kriterien (Formkritik) zu dieser Einschätzung der Entwicklungsgeschichte der Logienquelle kommt, betrachtet die so genannte Oral Performance, ein weiteres Modell, die Logienquelle als Resultat eines kontinuierlichen mündlichen Prozesses, bei dem die fortlaufende mündliche Überlieferung auch einen schon (teilweise) schriftlich fixierten Logientext weiterhin verändert.

Sowohl Kloppenborg als auch Burton L. Mack unterteilen die Logienquelle in drei weitere Schichten: die früheste Schicht, Q1 genannt, bestünde aus Sprüchen die Jesus zuzuschreiben seien und die direkt an seine Zuhörer adressiert waren. Ihr Bestandteil sind die sechs Weisheitsreden Jesu.Elmar R. Gruber, Holger Kersten: Der Ur-Jesus. Die buddhistischen Quellen des Christentums. (Ullstein Sachbuch: 35590) Ullstein, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-548-35590-0, S. 159 Die Diktion der verschriftlichen Ansprachen gemahnt an Instruktionen einer Zuhörerschaft, einer Gemeinde. Q1 gibt einer ‚radikalen Ethik‘ Ausdruck. So sind die wichtigsten Lehren die, in Armut zu leben, zu geben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, seine Feinde zu lieben, nicht zu richten und sich nicht zu sorgen, denn Gott wird geben, was benötigt wird. die nächste Schicht, Q2 umfasst den Hauptteil des Dokuments. In ihm steht das prophetisch-apokalyptische Material im krassen Gegensatz zu den Intentionen von Q1. In dieser Schicht wird die Gestalt des Johannes eingeführt (wobei er im Q-Dokument nicht als Täufer charakterisiert wird), im Mittelpunkt stehen eschatologische Thema etwa des Gerichts am Ende der Zeit und auch andere Gruppierungen, etwa die Pharisäer und Schriftgelehrten werden kritisiert. Die letzte Schicht, Q3, ist dürftig und Mack vermutet, dass es sich um eine (weitere) Ergänzung handelt, die nach dem römisch-jüdischen Krieg von 66–73 n. Chr. geschrieben worden war. Es findet sich eine Ergänzung des Spruchevangeliums durch die Einfügung eines biografischen Teils mit der Versuchung Jesu.

Ein drittes Modell zur Entstehungsgeschichte bietet die so genannte Kompositionsgeschichte, ein konstruktives Modell entlang der Vorstellung eines organischen Wachstumsprozesses, bei dem vier Stufen unterschieden werden.Martin Ebner: Die Spruchquelle Q. In: Martin Ebner, Stefan Schreiber (Hrsg.): Einleitung in das Neue Testament. Kohlhammer, Stuttgart 2008, S. 92f.

Das Internationale Q-Projekt James McConkey Robinson und John S. Kloppenborg gründeten im Jahre 1989 das Internationale Q-Projekt (IQP, ), um eine detaillierte und linguistisch begründete Standardrekonstruktion des Spruchevangeliums herzustellen. Eine Vielzahl von Experten konnten für das Projekt gewonnen werden: Im Jahre 1992 arbeitete ein Team daran, eine möglichst zuverlässige Rekonstruktion des Textes zu erstellen. In den Jahren 1990 bis 1995 und 1997 wurde in der Zeitschrift Journal of Biblical Literature vom IQP der rekonstruierte griechische Text veröffentlicht. Seither wird an einer kritischen Ausgabe des griechischen Textes von „Q“ gearbeitet.Dennis Ingolfsland: Kloppenborg’S stratification of Q and its significance for historical Jesus studies. JETS 46/2 (June 2003) 217–32

Umfang und Inhalt mini|400px|Statistische Angaben: A. M. Honoré, 1968A. M. Honoré: A statistical study of the synoptic problem. Nov. Test. 10 (1968), S. 95–147. Probleme dieser Statistik werden diskutiert von John J. O’Rourke: Some Observations on the Synoptic Problem and the Use of Statistical procedures. In: David E. Orton (Hrsg.): The Synoptic Problem and Q: Selected Studies from Novum Testamentum. Brill, Leiden 1999, ISBN 90-04-11342-8, S. 134.

Das Markusevangelium ist fast vollständig in das Matthäus- und das Lukasevangelium übernommen worden. Daneben gibt es Teile, die jeweils ausschließlich bei Matthäus oder Lukas zu finden sind, also dem Sondergut dieser Autoren entstammen. Außerdem benutzten Matthäus und Lukas offenbar eine gemeinsame Quelle, die Markus unbekannt war und hauptsächlich Sprüche Jesu überliefert; das ist die so genannte Redequelle oder Logienquelle „Q“. Auf diese Quelle kann unter Zugrundelegung der Zwei-Quellen-Theorie aus den Übereinstimmungen zwischen Matthäus und Lukas geschlossen werden, welche nicht dem Markusevangelium entstammen. Betrachtet man nämlich Matthäus, Lukas und Markus nebeneinander so lässt sich zeigen, dass Matthäus und Lukas von Markus gewissermaßen das Erzählgerüst übernommen haben, um das herum sie dann noch weitere Texte angeordnet haben. Vergleicht man nun die Texte, so kann man vor allem Reden Jesu finden, welche Matthäus und Lukas über Markus hinaus gemeinsam haben. Hieraus wurde geschlussfolgert, dass diese beiden Evangelisten neben Markus eine weitere gemeinsame Quelle zur Verfügung hatten.