mini|Älteste, allerdings nachträgliche und nicht verbürgte Darstellung Thomas Müntzers aus dem Jahr 1608;Hans-Jürgen Goertz: Thomas Müntzer. Mystiker – Apokalyptiker – Revolutionär. Beck, München 1989, ISBN 3-406-33612-4, S. 15f. Darin heißt es: „Niemand weiß, wie Thomas Müntzer aussah. Es gibt kein zeitgenössisches Portrait von ihm. (…) Der berühmte Kupferstich, hinter dem gelegentlich eine wirklichkeitsgetreue Vorlage eines Zeitgenossen vermutet wurde, stammt aus einer Ketzergalerie des 17. Jahrhunderts.“Kupferstich von Christoph van Sichem
Thomas Müntzer (auch Münzer; * um 1489 in Stolberg, Grafschaft Stolberg; † 27. Mai 1525 bei Mühlhausen/Thüringen) war ein Theologe, Reformator und Revolutionär in der Zeit des Bauernkrieges.
Müntzer war als Priester zunächst ein engagierter Anhänger und Bewunderer Martin Luthers. Allerdings richtete sich sein Widerstand nicht nur gegen die vom Papsttum beherrschte geistliche Obrigkeit, sondern auch gegen die ständisch geprägte weltliche Ordnung. Wegen Müntzers radikaler sozialrevolutionärer Bestrebungen und seiner spiritualistischen Theologie, die sich in vielen kämpferischen Texten und Predigten niederschlugen, distanzierte sich Luther zu Beginn des Bauernkrieges von ihm.
Im Gegensatz zu Luther stand Müntzer für die gewaltsame Befreiung der Bauern und kämpfte auch selber mit. Er betätigte sich in Mühlhausen/Thüringen, wo er Pfarrer in der Marienkirche war, als Agitator und Förderer der Aufstände. Dort versuchte er, seine Vorstellungen einer gerechten Gesellschaftsordnung umzusetzen: Privilegien wurden aufgehoben, Klöster aufgelöst, Räume für Obdachlose geschaffen, eine Armenspeisung eingerichtet. Schließlich scheiterten seine Bestrebungen, als Bauernführer verschiedene Thüringer Freibauern zu vereinigen, an der Strategie des Adels. Nach der Schlacht bei Frankenhausen wurde er am 15. Mai 1525 gefangen genommen. Er wurde gefoltert und am 27. Mai 1525 öffentlich in Mühlhausen enthauptet. Müntzer war ein wichtiger Teil der Erinnerungskultur der DDR.
Leben Herkunft, Studium (1506–1512) Müntzer wurde in Stolberg (Harz) geboren, sein genaues Geburtsjahr ist unbekannt. Vermutlich stammte er aus stadtbürgerlichen Kreisen und lebte im Jahre 1506 in Quedlinburg.Günter Vogler: Müntzer, Thomas. Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 547–550. https://www.deutsche-biographie.de/pnd118585533.html#ndbcontent Zu den ersten gesicherten Daten allerdings zählt seine Immatrikulation in Leipzig 1506. Nach sechs Jahren immatrikulierte sich Müntzer 1512 an der Brandenburgischen Universität Frankfurt. Während des Studiums in Leipzig und in Frankfurt an der Oder kam er mit der humanistischen Gedankenwelt in Berührung. Voraussetzung hierfür war die exakte Beherrschung der lateinischen Sprache und Folge hiervon die gute Kenntnis verschiedener antiker Autoren. Noch nicht belegbar ist, an welcher Universität Müntzer seine Titel Baccalaureus artium, Magister artium und Baccalaureus biblicus erhalten hat. Nach dem Theologiestudium führte ihn sein Weg über Aschersleben und Halle nach Halberstadt. In Halberstadt empfing er um 1513/1514 die Priesterweihe. Wegen seines gleichzeitigen Wirkens als Hilfslehrer in Aschersleben und Halle (Saale) dauerte sein Studium ungewöhnlich lange.
Priester (1513) und Prediger (1519–1520) Um 1513 wurde Müntzer in der Diözese Halberstadt zum Priester geweiht und war zunächst in Braunschweig an der Michaeliskirche tätig. Da dieses Amt seinen Lebensunterhalt nicht deckte, nahm er 1515/16 das Amt eines Präfekten im Kanonissenstift Frose bei Aschersleben an. Dort errichtete er eine kleine Privatschule, in der begüterte Bürgersöhne unterrichtet wurden.
Zwischen 1517 und 1519 besuchte er öfter Wittenberg. Zu Ostern 1519 vertrat er den Prediger Franz Günther in Jüterbog. Thomas Müntzer nahm im Juni des Jahres 1519 vermutlich an der Leipziger Disputation zwischen Martin Luther und Johannes Eck teil, bevor er bis 1520 in ein Zisterzienserinnenkloster ging. Noch im selben Jahr wurde er zum Beichtvater der Zisterzienserinnen im Kloster Beuditz bei Weißenfels berufen.
Aufenthalt in Zwickau (1520–1521) Im Mai 1520 predigte Müntzer in Vertretung von Johannes Sylvius Egranus in der Marienkirche in Zwickau. Als Egranus zurückkehrte, wechselte Müntzer an die Katharinenkirche. Dort in Zwickau hatte Müntzer jetzt ein großes Forum, das er auch nutzte. Er hatte engen Kontakt zu Nikolaus Storch, einem führenden Mitglied der Zwickauer Propheten. Zwickau gehörte durch seine wirtschaftliche Prosperität an die Spitze der Städte im Kurfürstentum Sachsen, es verfügte über eine Latein- und Griechischschule sowie seit 1523 über eine Buchdruckerei. Die Versorgung wurde u. a. durch den Kornmarkt garantiert, auf dem die Fuhrleute ihr mitgeführtes Getreide auf drei Markttagen anboten, bevor sie es weiter transportieren durften.Helmut Bräuer: Zwickau zur Zeit Thomas Müntzers und des Bauernkrieges. Sächsische Heimatblätter 20 (1974), S. 193–223. Die Zahl der Einwohner belief sich um 1520 auf sechs- bis siebentausend Bewohner. Eines der ältesten und auch wichtigsten Gewerbe war die Tuchweberei.
Im Lauf des Jahres bekam Müntzer Schwierigkeiten mit dem Orden der Franziskaner und mit seinem Kollegen Egranus. Als ihn zusätzlich der Stadtrat von Zwickau des Aufruhrs verdächtigte, wurde er 1521 aus der Stadt vertrieben. Seinen letzten Sold quittierte er stolz mit „Thomas Müntzer, qui pro veritate militat in mundo“ („Thomas Müntzer, der für die Wahrheit in der Welt kämpft“).
Weitere Ortswechsel, Veröffentlichungen mini|Thomas Müntzer, Prager Manifest. Eigenhändiger Entwurf vom 1. November 1521. Staatsarchiv Dresden mini|Regenbogenfahne, wie sie im April 1525 von Müntzer als Symbol seines Bündnisses angefertigt wurde. Inschrift: „Verbum domini maneat in etternum“ („das Wort des Herrn bleibe in Ewigkeit“) mini|Eigenhändiger Brief Müntzers von 1524 an den Schösser von Allstedt, Hans Zeiß. Staatsarchiv Weimar
Von Zwickau aus ging er nach Böhmen. In Prag predigte er am 23. Juni 1521 in der Bethlehemskapelle, (Betlémská kaple) und verfasste in der Stadt das Prager Manifest. Im November 1521 verließ er Prag. Seine nächsten Stationen waren Jena, Erfurt und Weimar. In der St.-Georgen-Kirche in Glaucha (heute Teil von Halle) wirkte Müntzer 1522 einige Zeit als Kaplan. Kurz vor Ostern 1523 wurde er an der Johanniskirche im kursächsischen Allstedt Pastor. Hier heiratete er die ehemalige Nonne Ottilie von Gersen aus dem in den Orten Klein- und Großgörschen ansässigem Adelsgeschlecht von Görschen. Am 27. März 1524 wurde ihnen ein Sohn geboren. In dieser Zeit arbeitete er an seiner Liturgiereform, deren Kernpunkt die Übersetzung der lateinischen Messtexte in die deutsche Sprache war.
Am 13. Juli 1524 hielt er zu Allstedt vor dem späteren Kurfürsten Johann dem Beständigen und dessen Sohn Johann Friedrich I. die sogenannte Fürstenpredigt. Darin forderte er die ernestinischen Fürsten auf, der Sache der Reformation (im Sinne Müntzers) keinen Widerstand zu leisten. In seiner Rede griff er zugleich die sozialen Missstände scharf an, was zum Verlust seiner Stellung führte. In Allstedt richtete er sich im April 1524 eine Druckerei ein, die Typen stammten von Wolfgang Stöckel aus Leipzig.Helga Schnabel-Schüle: Reformation. Historisch-kulturwissenschaftliches Handbuch. Metzler, Heidelberg 2017, ISBN 978-3-476-02593-7, S. 105. Drucker Müntzers war hauptsächlich Nikolaus Widemar. In dessen Offizin in Eilenburg erschienen fünf, in der Filiale in Allstedt zwei Schriften.
Mühlhausen (1524), Tod mini|Wichtige Wirkungsstätten Thomas Müntzers; Briefmarkenblock der DDR zum 500. Geburtstag (1989)
Im August 1524 floh Müntzer vor der Obrigkeit von Allstedt nach Mühlhausen, wo er zusammen mit dem ehemaligen Zisterziensermönch Heinrich Pfeiffer wirkte. Vom Dezember 1524 bis Februar 1525 hielt er sich, wohl als Gast des „kleggauer“ Bauernführers Klaus Wagner (vermutlich identisch mit Klaus Meyer), in dem Ort Grießen nahe der Schweizer Grenze auf. Hans Rebmann ist ab dem Januar in Grießen nachweisbar, eine engere ideologische Beziehung von Rebmann zu Müntzer liegt daher nahe.
Nach seiner Ausweisung kehrte Müntzer Ende Februar 1525 nach Mühlhausen zurück und wurde zum Pfarrer der dortigen Marienkirche gewählt. Er schlug sich auf die Seite der Bauern und wurde zu deren Leitfigur im Deutschen Bauernkrieg in Thüringen. Im April 1524 fertigte er als Symbol des "ewigen Bundes mit Gott" eine Regenbogenfahne, die zum Symbol der Aufständischen in der Region Mühlhausen wurde. Alle die dem Bund angehören wollten, mussten sich unter die Fahne stellen, die Müntzer hinter der Kanzel der Mühlhäuser Marienkirche versteckte.
Am 15. Mai 1525 wurde er nach der Schlacht bei Frankenhausen, die in einer völligen Niederlage der von Müntzer zusammengerufenen Bauernhaufen endete, gefangen genommen und in der Festung Heldrungen auf Befehl Graf Ernsts II. von Mansfeld-Vorderort (1479–1531) im Beisein des Herzogs Georg des Bärtigen gefoltert. Im Turm von Heldrungen eingekerkert, schrieb er seinen Abschiedsbrief an die Aufständischen, die er dabei zur Einstellung des weiteren Blutvergießens aufrief. Am 27. Mai 1525 wurde er vor den Toren der Stadt Mühlhausen enthauptet, sein Leib aufgespießt und sein Kopf auf einen Pfahl gesteckt.Otto Zierer: Bild der Jahrhunderte. Bertelsmann Lesering, o. J., 22 Bände, Band 14: Die grosse Empörung, S. 176.
Theologie Glaubensbegriff Müntzers Theologie vereinigt auf mystischem Boden spiritualistische, apokalyptische und sozialrevolutionäre Elemente zu einer Einheit.
Glauben bedeutet nach Müntzer ein von Gott ausgelöstes Geschehen im Abgrund der Seele; es ist „die wirkung des worts, das Gott in die selen redet“. Ob solcher Glaube entsteht, liegt allein an Gott, dessen Geist weht, wo er will . Erste Wirkung des Wortes Gottes in den Seelen der Menschen ist die Gottesfurcht, die dem Heiligen Geist eine Wohnstatt gibt und alles aus dem Weg räumt, was sich dem weiteren Wirken Gottes widersetzt. Dazu gehören insbesondere der Eigennutz und die Menschenfurcht. Die Seele, die Gott erleben will, „musz zuvor gefegt sein vom gethön der sorgen und luste“. In diesem Zusammenhang gebraucht Müntzer gerne die mystischen Termini Langweyl und Gelassenheit, um damit den Zustand der leeren Seele zu beschreiben. Der in diesem Sinne „langweilige“ und „gelassene“ Mensch erlebt in seiner Tiefe das Wirken Gottes und – unter Schmerzen – die Geburt des echten Glaubens, der das Leiden nicht mehr scheut und gleichsam fröhlich ist. Im echten Glauben besteht Konformität zwischen dem menschlichen Willen und dem des gekreuzigten Christus. Allein solche Konformität führt zur Gewissheit des Glaubens.
Bibelverständnis Die Bibel legt primär Zeugnis ab von den Erfahrungen, die erleuchtete seelen im Umgang mit dem lebendigen Gott gewonnen haben. Sie ist Einladung, für ähnliche Erfahrungen offen zu werden, und gleichzeitig Maßstab, an der eigene Erfahrungen zu messen sind. Die Bibel ist nur das verbum externum („äußerliches Wort“), das das verbum internum („innerliches Wort“) braucht, um im Menschen anzukommen. Das verbum internum bedarf jedoch nicht unbedingt des äußeren Wortes der Bibel, um Glauben zu erzeugen. Belege dafür sind nach Müntzer viele Menschen der Bibel, die auch kein verbum externum hatten, als sie gläubig wurden. Vor allem an dieser Stelle erfolgte der Bruch mit Luther.
Spiritualismus Nicht die Schriftgelehrten und – wie Müntzer wörtlich sagt – ihr Bücherwissen, sondern die Visionäre sind die wahrhaftigen Interpreten des Alten und Neuen Testaments. Erst der gottesfürchtige Seher kennt Gottes aktuellen Willen für die Gegenwart. Nur er hat das Recht der Verkündigung des Wortes Gottes.