mini|Tangentiale (zirka 30–45° von schräg unten) Röntgenaufnahme einer Fraktur im mittleren Bereich der Klavikula mini|Dislozierter Schlüsselbeinbruch mit drei Fragmenten
Klavikulafraktur, Claviculafraktur oder Schlüsselbeinbruch ist ein Knochenbruch (Fraktur) des Schlüsselbeines () und bei Erwachsenen nach dem Bruch der Speiche die zweithäufigste Fraktur. Ursache ist meist ein Sturz auf die Schulter, seltener auf den ausgestreckten Arm, oder eine, oft nur geringe, unmittelbare Gewalteinwirkung auf das Schlüsselbein. Seltene Komplikationen sind Gefäß- oder Nervenverletzungen.
Vorkommen Am häufigsten kommt diese Form des Knochenbruchs bei Kindern – mit etwa der Hälfte aller Klavikulafrakturen – und bei Jugendlichen vor. Ein erhöhtes Risiko stellt die Ausübung von körperkontaktbetonten Sportarten wie American Football oder Handball dar, daneben sind Unfälle beim Skilaufen, Snowboarden, Radfahren und Reiten eine häufige Ursache dieser Verletzung. Beim Motorradfahren kann bei einem Sturz das Schlüsselbein vom unteren Helmrand gebrochen werden.
Auch bei der Geburt kann es zu einem Schlüsselbeinbruch kommen.
Die Schlüsselbeinbrüche werden nach Allman in drei Typen nach Lokalisation des Bruchs eingeteilt.F. L. Allman, Jr: Fractures and ligamentous injuries of the clavicle and its articulation. In: Journal of Bone and Joint Surgery American. Volume 49, 1967, S. 774–784. Dabei ist eine Fraktur im mittleren Drittel (ein Schaftbruch) mit 80 % am häufigsten, ein „akromialer“ Bruch am seitlichen Ende nahe dem Acromion und dem Schultereckgelenk (Bruch des distalen/lateralen Drittels) mit 15 % seltener, und ein „sternaler“ Bruch des proximalen Drittels nahe dem Brustbein mit 5 % selten.Thomas J. Vogl, Wolfgang Reith, Ernst J. Rummeny: Diagnostische und interventionelle Radiologie. Springer Medizin, Berlin u. a. 2009, ISBN 978-3-540-87667-0.
In einer schottischen Fallserie mit 941 Schaftbrüchen bei Erwachsenen war das mittlere Alter 37 Jahre, zwei von drei Patienten waren Männer. Die häufigste Ursache waren simple Stürze (32 %), gefolgt von Sportunfällen (21 %) und Rad- bzw. Motorradunfällen (20 %). Andere Verkehrsunfälle in 10 % und Gewaltanwendungen in 5 % waren seltenere Ursachen. Leicht häufiger war mit 54 % der dominante Arm betroffen.
Symptome Das erste Symptom des Schlüsselbeinbruchs ist eine sicht- und tastbare Schwellung oder Stufenbildung im Verlauf des Knochens, eine scheinbare Verlängerung des Armes und Veränderungen der Kopfhaltung. Außerdem spürt der Betroffene einen Druck- und Bewegungsschmerz. Der Patient legt automatisch den Oberarm in Schonhaltung an, wodurch sich die Schulter deutlich nach vorne neigt.
Selten kommt es zu einer offenen Verletzung durch eine Hautdurchspießung. Ebenso können selten tieferliegende große Gefäße oder Nerven verletzt sein.
Diagnose Häufig ergibt sich schon bei der klinischen Untersuchung die Diagnose durch lokale Schwellung, Druckschmerz, tastbare Knochenenden unter der Haut oder Knochenreiben (Krepitation). Die Diagnose wird durch eine Röntgenuntersuchung bestätigt.
Behandlung bei Erwachsenen Historische Entwicklung In einem altägyptischen Papyrus ist die Auseinanderstreckung der Schulter in Rückenlage mit unterlegten Schulterblättern als Therapie einer Klavikulafraktur beschrieben.P. Blomstedt: Orthopedic surgery in ancient Egypt. In: Acta orthopaedica. Band 85, Nummer 6, Dezember 2014, S. 670–676. doi:10.3109/17453674.2014.950468. PMID 25140982. . Hippokrates beschrieb die heute als „konservativ“ bezeichnete Behandlung, die Ruhigstellung.On the Articulations By Hippocrates, Website of The Internet Classics Archive, Massachusetts Institute of Technology (MIT).
Eine der ersten erfolgversprechenden Behandlungsmaßnahmen war eine 1774 von Pierre Brasdor der Académie de chirurgie vorgelegte Bandage, welche von Evers in Deutschland verbessert eingeführt wurde. Im Jahr 1787 präsentierte Desault den ihn berühmt machenden Verband.Georg Fischer: Chirurgie vor 100 Jahren. Historische Studie. [Gewidmet der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie]. Verlag von F. C. W. Vogel, Leipzig 1876, S. 422. Den Vorgänger des heutigen Rucksackverbandes, mit nach neueren Untersuchungen umstrittener Wirkung, beschrieb Just Lucas-Championnière um 1860 herum.
Mit Aufkommen der Gipsverbände wurden auch die Schlüsselbeinbrüche mit aufwändigen Verbänden immobilisiert.
Therapie-Indikation Die Therapie war lange Zeit eine Domäne der konservativen Therapie mit Ruhigstellung in einer Armschlinge. Eine Reposition der Bruchenden in einer konservativer Therapie ist nicht indiziert, da keine Bandage das Potenzial besitzt, ein Repositionsergebnis dauerhaft zu halten. Es besteht daher die Gefahr, dass die Bruchstücke nicht gut, verkürzt oder gar nicht zusammenwachsen oder dass scharfkantige Bruchstücke die Haut durchspießen. Daher werden Schlüsselbeinbrüche tendenziell zunehmend häufiger operiert, wobei auch moderne Implantate Risiken aufweisen und durch Implantatbruch oder Lockerung ebenfalls eine Pseudarthrose entstehen kann.
Eine Operation wird allgemein bei Brüchen mit verschobenen Bruchenden empfohlen. Die Therapieentscheidung ist vor allem davon abhängig, wie weit die Knochenfragmente verschoben sind.Fritz Uwe Niethard, Joachim Pfeil, Peter Biberthaler: Orthopädie und Unfallchirurgie. Thieme, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-13-130817-7. Außerdem ist eine Operation angezeigt bei Gefäß- oder Nervenverletzungen. Eine Operation folgt auch einer nicht erfolgreichen konservativen Behandlung.
Neuere Studien zeigen, dass durch eine operative Versorgung mittels Osteosynthese ein wesentlich besseres funktionelles Ergebnis erzielt werden kann. Dies wurde vor allem durch die 2008 eingeführten winkelstabilen Platten (Locking Compression Plates, LCP) erreicht, mit denen die Frakturenden gut eingestellt und in dieser Stellung während des Heilungsprozesses dauerhaft gehalten werden können. Daneben existieren auch intramedulläre elastische Nägel, die ebenfalls eine gute Reposition erlauben und damit langfristig gute Ergebnisse bringen.
Allerdings wird kontrovers diskutiert, welche Versorgung bei welchen Frakturtypen bessere Ergebnisse bringt.
Konservative Behandlung durch Ruhigstellung mit einer Schlinge Bei einer einfachen Fraktur ohne deutliche Dislokation der Knochenfragmente genügt es in den meisten Fällen, die betroffene Schulter für vier bis sechs Wochen (bei Kindern drei bis vier Wochen) ruhigzustellen.P. Biberthaler, E. C. Schubert, C. Kirchhoff u. a.: Versorgung nach Schlüsselbeinfraktur: Der Rucksackverband ist out. In: MMW - Fortschritte der Medizin. 157, 2015, S. 50. doi:10.1007/s15006-015-2702-5.
Hierzu wird vielfach der Rucksackverband verwendet, der regelmäßig nachgespannt werden sollte, aber zu straff eingestellt zu Abschnürungserscheinungen der Arme führen kann.B. Petracic: Zur Frage der Effizienz eines Rucksackverbandes bei der Behandlung von Klavikulafrakturen. In: Unfallchirurgie. 9, Feb 1983, S. 41–43. andererseits gelockert eingestellt oder auch beim Schlafen in Rückenlage durch das Nachvornekippen der Schultern nicht mehr richtig wirken kann.Prof. Dr. Peter Biberthaler, Ärztlicher Direktor der Klinik für Unfallchirurgie des Klinikums rechts der Isar, München, äußerte sich am 23. Juni 2015 in einem Interview mit Isabel Hertweck-Stücken: "Wenn der Rucksackverband gelockert wird, um die Beschwerden zu vermindern, kann er nicht mehr richtig wirken." Straff angezogen führe der Rucksackverband jedoch dazu, dass Nerven und Blutgefäße abgedrückt werden, was ein Anschwellen oder eine temporäre Taubheit von Teilen oder des gesamten Arms zur Folge haben kann. "Aus diesem Grund verwenden wir den Rucksackverband eigentlich nicht mehr."
Unabhängig davon, ob die Ruhigstellung mit einer Schlinge oder mit Rucksackverband erfolgt, wird oft eine wöchentliche radiologische Verlaufskontrolle – durch Röntgenbilder – während der gesamten Behandlungsdauer von 6 Wochen empfohlen, da vor allem bei Klavikulafrakturen des mittleren Drittels noch deutliche Verschiebungen der Knochenfragmente auftreten können, was dann operativ versorgt werden kann.Peter A. Cole, Aaron R. Jacobson In: James P. Stannard, Andrew H. Schmidt (Hrsg.): Surgical Treatment of Orthopaedic Trauma. Thieme, New York / Stuttgart / Delhi / Rio de Janeiro 2016, ISBN 978-1-60406-762-0, S. 319.
Risiken Das Problem der konservativen Behandlung ist, dass der seitliche Kopf des Musculus sternocleidomastoideus ständig Zug auf das mittlere Drittel des Schlüsselbeins in Richtung Hals und der Musculus pectoralis major ständig Zug in Richtung Brust ausübt, so dass es während des gesamten Heilungsverlaufs zu einer Verschiebung der Knochenfragmente kommen kann.
Etwa 90 % der Klavikulafrakturen heilen allerdings problemlos unter konservativer Therapie aus, häufig jedoch in einer verkürzten Stellung und mit einer Absenkung der betroffenen Schulter, was die Funktionalität des Armes und der Schulter, durch die Fehlhaltung (z. B. Impingement-Syndrom, Frozen Shoulder) deutlich reduziert. Zusätzlich entsteht ein Kraftverlust von 20 % (Hill 1997, McKee 2006).
Zwischen 5 und 20 % der konservativ behandelten Schaft-Frakturen (also Frakturen des mittleren Drittels der Klavikula) wachsen in starker Fehlstellung zusammen oder nicht zusammen, was dann als Pseudarthrose bezeichnet wird. Bei Nichtverheilen des Knochenbruchs besteht dann eine Operationsindikation, bei der oft ein Knochenspan eingesetzt werden muss, um die Defektlücke auffüllen zu können. Auch bei anhaltenden Beschwerden bei Knochenbrüchen, die in starker Fehlstellung ausgeheilt sind, kann eine sekundäre Operation notwendig werden.
Bei lateralen Frakturen finden sich Pseudarthrosen mit 22 – 33 % bei konservativer Behandlung deutlich häufiger. Die Ausheilung dauert bei 45 – 47 % der konservativ behandelten Fälle drei Monate bis zur Schmerzfreiheit.C. M. Robinson: Fractures of the clavicle in the adult. In: Journal of Bone and Joint Surgery British. Volume 80, 1998, S. 476–484.
In einer schottischen retrospektiven Fallserie mit 941 verschobenen Schaftbrüchen des Schlüsselbeins bei Erwachsenen konnten in einer multivariaten Analyse drei unabhängige und signifikante Risikofaktoren für das Nichtzusammenwachsen (in 13 %) identifiziert werden: Rauchen erhöht das Risiko mit einem Quotenverhältnis (OR) von 3,76, eine Pseudarthrose bildete sich bei 7,2 % der Nichtraucher und 33,3 % der Raucher. Trümmerfrakturen haben ein Quotenverhältnis von 1,75, eine Pseudarthrose zeigte sich bei 8,5 % der Brüche ohne Trümmerzone und 21,3 % der Trümmerbrüche eine Verschiebung der Fragmente erhöht das Risiko mit einem Quotenverhältnis von 1,17 pro Millimeter Verschiebung. Bei einer Verschiebung unter 15 mm fanden sich Pseudarthrosen bei 2,1 %, darüber bei 27 %.
Als Ursache für die schlechten Ergebnisse der dislozierten Frakturen unter konservativer Behandlung kann die Ausheilung in einer Verkürzungsfehlstellung angesehen werden.
Da die Ergebnisse weniger günstig als bei einer direkten operativen Versorgung sind, werden zunehmend häufiger Schlüsselbeinbrüche operiert, bei Verschiebung des Schlüsselbeins um eine Schaftbreite, sowie bei Trümmerbrüchen so gut wie immer.
Plattenosteosynthese mini|Plattenosteosynthese rechte Klavikula Bei der häufig angewendeten Operationsmethode der Plattenosteosynthese wird der Bruch mit einer Platte und Schrauben sowie zweier interfragmentär verankerten Zugschrauben stabilisiert. Die Platte wird wegen des hohen Refrakturrisikos nach frühestens eineinhalb bis zwei Jahren entfernt.Alexander Kristen, Reiner Wirbel: Klavikulafrakturen und -luxationen. In: Ingo Marzi, Tim Pohlemann (Hrsg.): Spezielle Unfallchirurgie. Elsevier, München 2017, ISBN 978-3-437-23226-8, S. 12–17.