mini|hochkant=1.7|Das Hockeyschläger-Diagramm, nach einer im dritten Weltklimabericht 2001 veröffentlichten Abbildungnach: IPCC AR3, WGI, Abb. S. 134. Daten: Mann, Bradley, Hughes (1999) Das Hockeyschläger-Diagramm hat seine Bezeichnung nach der Form des Eishockeyschlägers und beruht auf einer 1999 veröffentlichten wissenschaftlichen Untersuchung von Michael E. Mann, Raymond S. Bradley und Malcolm K. Hughes zur globalen Erwärmung.Michael E. Mann, Raymond S. Bradley und Malcolm K. Hughes: Northern Hemisphere Temperatures During the Past Millennium: Inferences, Uncertainties, and Limitations. In: Geophysical Research Letters, Vol. 26, No. 6 1999, S. 759–762 Bekannt wurde es durch den Dritten Sachstandsbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Indem es den Temperaturverlauf des letzten Jahrtausends auf der nördlichen Hemisphäre darstellt, diente es der Veranschaulichung der in diesem Bericht getroffenen Aussagen.

Das Diagramm wurde in Presseberichten über den dritten Sachstandsbericht und zu Themen der globalen Erwärmung oft zur Illustration verwendet, auch der Sachstandsbericht selbst enthielt eine Darstellung des Diagramms. Zwar war die globale Erwärmung bereits zu diesem Zeitpunkt vielfach belegt, da das Diagramm jedoch diese anschaulich verdeutlicht, wurde es zu einem wichtigen Ziel von Klimawandelleugnern.

Nach 2003 entwickelte sich eine Kontroverse um die statistischen Grundlagen des Diagramms und die aus ihm zu ziehenden Schlüsse. Eine Einschätzung des Zustandekommens des Diagramms wie auch der Kontroverse wird im Vierten Sachstandsbericht angeführt. (PDF; 7,70 MB) Ein Expertengremium des National Research Council (NRC) kam 2006 zu dem Ergebnis, dass die Schlussfolgerung plausibel ist, dass die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts auf der Nordhalbkugel der Erde die wärmste Zeitspanne innerhalb des vergangenen Jahrtausends gewesen sind.

Die Grundform und -aussage des Hockeyschläger-Diagramms – eine allmähliche Abkühlung bis zum Beginn der Industrialisierung, gefolgt von einer ungewöhnlichen raschen Erwärmung, mit den wärmsten Dekaden in der Gegenwart – wurde mittlerweile vielfach durch Arbeiten anderer Autoren und auf Basis weiterer Klimaproxys bestätigt.

Klimadaten Für die Erstellung des Diagramms wurde eine große Zahl verfügbarer Klimadaten der letzten Jahrhunderte zusammengefasst, unter anderem Messdaten von Wetterstationen, aber auch bestimmte indirekte Klimadaten (sogenannte Proxys) aus Sedimenten, Bohrkern-Untersuchungen des Polareises oder Baumringdaten. Das Ergebnis war ein Diagramm, das über lange Zeit einen relativ gleichmäßigen Temperaturverlauf zeigte und ab dem 20. Jahrhundert einen deutlichen Anstieg der Temperatur dokumentierte. Die Ähnlichkeit dieser Kurve mit der Form eines Eis- oder Rasen-Hockeyschlägers führte schnell zu ihrem einprägsamen Namen.

Das Diagramm traf auf ein breites Medieninteresse und war insofern bedeutsam, als es den Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur offenkundig darstellt. Dadurch stützt es die inzwischen als extrem wahrscheinlich geltende Annahme der menschengemachten globalen Erwärmung innerhalb der letzten Jahrhunderte, deren Ursache insbesondere in der Verbrennung fossiler Energieträger und des sich dadurch erhöhenden Anteils von Treibhausgasen in der Atmosphäre gesehen wird.IPCC, 2014: Climate Change 2014: Synthesis Report. Contribution of Working Groups I, II and III to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change [Core Writing Team, R.K. Pachauri and L.A. Meyer (eds.)]. IPCC, Geneva, Switzerland, S. 5.

Im vierten Sachstandsbericht des IPCC des Jahres 2007 wird zu dem im Diagramm dargestellten Temperaturanstieg geschrieben:

Kontroverse

Hintergrund Nach Erstpublikation 1999 erregte die Studie unter Klimaforschern zunächst nur wenig Aufsehen. Als sie jedoch 2001 im Dritten Sachstandsbericht des IPCC aufgegriffen und das Hockeyschläger-Diagramm dadurch öffentlich bekannt wurde, begann eine langjährige Diskreditierungskampagne durch die fossile Energiebranche.Stefan Rahmstorf: Unlearn Desinformation, in: Claudia Kemfert, Julien Gupta, Manuel Kronenberg (Hrsgs.): Unlearn CO2. Zeit für ein Klima ohne Krise. Berlin 2024, 170–198, hier: S. 180. Dabei wurden insbesondere die statistische Methodik hinter dem Hockeyschläger-Diagramm und damit verknüpft die sich daraus ergebenden Implikationen in der Öffentlichkeit häufig und kontrovers diskutiert. Besonders in klimawandelleugnenden Kreisen entwickelte sich die Studie von Mann et al. zu einem Schwerpunktthema. In den folgenden Jahren wurde das Paper auf wissenschaftlicher Basis unter Anwendung verschiedener Rekonstruktionsmethoden mehrmals überprüft, ohne dass offensichtliche Fehler gefunden wurden. Bis einschließlich 2013 erschienen über ein Dutzend Folgestudien mit unterschiedlichen statistischen Ansätzen, die zu ähnlichen Resultaten gelangten.Thomas G. Farmer, John Cook: Climate Change Science. A modern synthesis. Volume 1: The physical climate. Dordrecht 2013, S. 14f.

Hingegen kritisierten Steven McIntyre und Ross McKitrick vom Fraser Institute, einem von der Erdölindustrie finanzierten Think Tank,James Lawrence Powell: The Inquisition of Climate Science. New York 2012, S. 110f.Riley E. Dunlap, Aaron M. McCright: Organized Climate Change Denial. In: John S. Dryzek, Richard B. Norgaard, David Schlosberg (Hrsg.): The Oxford Handbook of Climate Change and Society. Oxford University Press 2011, S. 144–160, insb. 155. das statistische Verfahren zur Gewinnung des Hockeyschläger-Diagramms grundlegend.Eine Besprechung von McIntyres und McKitricks Kritik findet sich im Vierten Sachstandsbericht des IPCC, siehe IPCC AR4, Kapitel 6, S. 466. (PDF; 7,70 MB). So hätten sich Fehler in der computerbasierten Auswertung der Basisdaten gezeigt, auf denen das charakteristische Diagramm beruhe. Insbesondere könnten die benutzten Mittelungsroutinen aus Programmbibliotheken implementierungsbedingt erst ab dem Jahr 1902 korrekte Ergebnisse liefern. Auch zeigten Versuche zur Überprüfung des Programms nach der Monte-Carlo-Methode mit mehreren Eingangsdatensätzen, dass auch diese unter Umständen zur bereits bekannten Hockeyschlägerform mutieren würden. Hinzu kämen noch Softwarefehler, die zu einer Verfälschung der Ergebnisse beitrügen. Nach Auffassung von McIntyre und McKitrick handelt es sich daher um ein statistisches Artefakt.Stephen McIntyre und Ross McKitrick (2003): Corrections to the Mann et al. (1998) proxy database and northern hemispheric average temperature series. In: Energy & Environment, Vol. 14, No. 6, S. 751–771. Diese Auffassung gilt jedoch mittlerweile als widerlegt.Eugene Wahl und Caspar Ammann (2007): Robustness of the Mann, Bradley, Hughes reconstruction of Northern Hemisphere surface temperatures: Examination of criticisms based on the nature and processing of proxy climate evidence. In: Climatic Change, Vol. 85, No. 1, S. 33–69.Thomas G. Farmer, John Cook: Climate Change Science. A modern synthesis. Volume 1: The physical climate. Dordrecht 2013, S. 474f.

Während bis in die Gegenwart vor allem außerhalb der Wissenschaft die Position vertreten wird, das Diagramm beruhe auf falschen Grundlagen, wurden andererseits den meisten Kritikern vorschnelle Bewertungen und unausgereifte Analysemethoden vorgehalten. Die Diskussionen über die technischen Detailfragen wirkten vor allem deshalb so intensiv nach, weil der Vorwurf der Inkorrektheit der Grafik, insbesondere in der öffentlichen Debatte, häufig als angeblicher Beleg gegen die menschengemachte globalen Erwärmung verwendet wurde. Inzwischen haben neuere Klimarekonstruktionen der vergangenen 1.000 Jahre ein dem Hockeyschläger-Diagramm vergleichbares Bild geliefert. Diese aktuellen Graphen sind weitgehend konsistent mit dem ursprünglichen Hockeyschläger-Diagramm und bewegen sich innerhalb des Rahmens der von Mann et al. vorgegebenen Fehlergrenzen.P.D. Jones und M.E. Mann (2004): Climate Over Past Millennia. In: Reviews of Geophysics, Vol. 42, No. 2, RG2002 doi:10.1029/2003RG000143

Überprüfungen Das Hockeyschläger-Diagramm wurde von verschiedenen Seiten mehrfach auf Fehler überprüft. Die Ergebnisse von Mann et al. wurden damit mehrfach bestätigt.

Studie des National Research Council Auf Ersuchen des US-Repräsentantenhauses stellte der National Research Council (NRC) ein zwölfköpfiges Expertengremium zusammen, das alle wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Temperaturverlauf der letzten 2.000 Jahre zusammentrug und dabei u. a. Manns Arbeit zum Hockeyschläger-Diagramm untersuchte. Im Juni 2006 veröffentlichte der NRC einen 155 Seiten umfassenden Bericht zum Thema.Committee on Surface Temperature Reconstructions for the Last 2,000 Years, National Research Council (2006): Surface temperature reconstructions for the last 2,000 years. Washington, D.C.: National Academies Press; online

In dem Bericht des NRC heißt es, dass Michael Manns Forschungsergebnisse seit ihrer Veröffentlichung durch eine Vielzahl von Beweisen untermauert worden sind. Aufgrund dieser Beweise halten es die Experten des NRC für plausibel, dass die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts in der nördlichen Hemisphäre die wärmste Zeitspanne innerhalb des vergangenen Jahrtausends gewesen sind.Committee on Surface Temperature Reconstructions for the Last 2,000 Years, National Research Council (2006): Surface temperature reconstructions for the last 2,000 years. Washington, D.C.: National Academies Press, S. 4; online Die Sicherheit von Aussagen über frühere Temperaturverläufe unterscheide sich jedoch, je nachdem, welchen Zeitraum man betrachte. Mit großer Sicherheit könne gesagt werden, dass die durchschnittliche globale Oberflächentemperatur während der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts höher war als in jeder vergleichbaren Periode während der vorangegangenen vier Jahrhunderte.Committee on Surface Temperature Reconstructions for the Last 2,000 Years, National Research Council (2006): Surface temperature reconstructions for the last 2,000 years. Washington, D.C.: National Academies Press, S. 3; online Für die Zeit vor 1600 seien großräumige Temperaturrekonstruktionen noch (zum Zeitpunkt des Berichts) mit schwer quantifizierbaren Unsicherheiten verbunden, würden aber dennoch einen wichtigen Beitrag zur Klimaforschung leisten. Die verfügbaren Klimaproxys würden darauf hindeuten, dass die Temperaturen an vielen, aber nicht allen, einzelnen Orten während der letzten 25 Jahre höher waren als in jeder vergleichbar langen Zeitspanne zwischen den Jahren 900 und 1600.