mini|Byzantinische Ikone der hl. Maria Magdalena mit ihrem Attribut, dem Myrrhegefäß
Über Maria Magdalena, für Maria von Magdala (von ), wird im Neuen Testament berichtet. Die Evangelisten erwähnen sie als Begleiterin Jesu und Zeugin seiner Kreuzigung und Auferstehung. Hinzu kommt eine Reihe von Schriften, die ab dem 19. Jahrhundert neu aufgefunden wurden und in denen Maria Magdalena erwähnt wird.
Die Figur Maria Magdalena wurde später mit Legenden ausgeschmückt. Darin wurde ihre Bedeutung erhöht, oder sie wurde als die (namenlose) fußwaschende Sünderin im Lukas-Evangelium identifiziert. Man hat sie als Prostituierte oder als Geliebte von Jesus interpretiert. Tatsächlich wird über sie und ihr Leben nur wenig im Neuen Testament berichtet. Auffällig ist, dass sie laut Johannes-Evangelium dem wiederauferstandenen Jesus sogar als erste Person begegnet sein soll.
Ihr Beiname verweist auf den Ort Migdal () am See Genezareth im Heiligen Land.
Allgemeine Quellenlage Zu dem über die Jahrhunderte überlieferten Bestand der Schriften des Neuen Testaments, dem sogenannten „Kanon“, wurde „in den vergangenen 125 Jahren […] eine Reihe von frühchristlichen Schriften aus der ältesten Zeit wiederentdeckt, und zwar ausnahmslos solche aus dem östlichen Teil des Römischen Reiches.“
Gemeinsamer Fundus statt verschiedene Bewertung Im Werk Das Neue Testament und frühchristliche Schriften der Autoren Klaus Berger und Christiane Nord werden diese beiden Gruppen nicht getrennt, sondern gemeinsam angeführt, indem sämtliche Texte nach ihrer chronologischen Entstehung aufgelistet sind. Die Übersetzer und Herausgeber sehen in dieser Form eine Veröffentlichung aller „frühchristlichen Schriften, die nach Gattung, Inhalt und Anspruch für eine Aufnahme in kanonische, d. h., für eine kirchlich maßgebliche verbindliche Sammlung der Texte der frühesten Christenheit in Frage gekommen wären bzw. tatsächlich in den Kanon aufgenommen wurden.“ Die Autoren schließen die Zeitspanne „etwa zum Jahre 200 n. Chr. […], als um diese Zeit und vermutlich in der römischen Gemeinde der christliche Kanon zusammengestellt wurde“.Bis zum Konzil von Trient (zwischen 1545 und 1563) gab es noch mehrfach Wechsel im Bestand des Kanon. Die Qualität der Auswahl von Schriften in den Kanon wird von Berger/Nord positiv bewertet.
Unabhängig von einer Suche nach Wahrheitsgehalt zeige die Sammlung, dass schon „am Anfang […] nicht ein einheitliches Glaubensbekenntnis (steht), sondern sehr früh eine Vielzahl theologischer Ansätze […], die ein lebendiges Zeugnis für eine sehr ausgeprägte hermeneutische Kompetenz der frühchristlichen Theologen (sind).“Angaben und Zitate im Kapitel in: Klaus Berger/Christiane Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1999, S. 12 bis 17. Nach dieser Auffassung können zu einer Darstellung und Bewertung der Person und Rolle Maria Magdalenas heute alle sie betreffenden Texte als gleichwertig angesehen werden, da eine unterschiedliche Bedeutung der Schriften allenfalls in den Vorstellungen von Auswählenden ab 200 n. Chr. existierten.
Darstellung Maria Magdalenas in den Schriften
In ihrem Sammelwerk gehen die Autoren Berger und Nord auf inhaltliche Unterschiede in den beiden Textgruppen nicht ein. Es lassen sich jedoch am Beispiel Maria Magdalenas und generell in der Bewertung von Frauen in der Zusammenstellung des Kanon und in den erst seit dem 19. Jahrhundert entdeckten Überlieferungen unterschiedliche Tendenzen erkennen. Im Kanon ist Maria Magdalena erst in der Passionsgeschichte profilierter dargestellt, in den neu erschlossenen Quellen steht sie häufig mit selbstverständlichem Gestus in ihrer Beziehung zu Jesus und den Jüngern und Jüngerinnen.
In den Evangelien des Neuen Testaments Überblick Nach den Evangelien trieb Jesus ihr sieben Dämonen aus (; ). Maria Magdalena gehörte zu den Frauen, die Christus nachfolgten und mit für seinen und der Jünger Unterhalt sorgten . Diese Frauen folgten ihrem Herrn nach Jerusalem und sahen bei der Kreuzigung von weitem zu , waren beim Begräbnis anwesend (; ) und entdeckten am Ostermorgen das leere Grab (, ). Nachdem Maria Magdalena hiervon den Jüngern berichtet hatte, begegnete ihr als erster der Auferstandene und trug ihr die Auferstehungsbotschaft an die Jünger auf .Die Quellen-links beziehen sich auf die sogenannte „Einheitsübersetzung“, die nur geringfügige Unterschiede zur Übersetzung von Berger/Nord aufweist. Im folgenden Kapitel werden Zitate aus Berger/Nord mit den entsprechenden biblischen Textstellen im Fließtext bzw. in den zugehörigen Nachweisen angegeben.
Die Sünderin Laut dem Evangelium nach Lukas war Jesus von einem Pharisäer namens Simon eingeladen, in dessen Stadt auch eine „Frau mit schlechtem Ruf“ lebte, die überraschend in der Gesellschaft eintraf, Jesus die Füße mit ihren Tränen reinigte, sie mit ihrem Haarschopf trocknete, sie zärtlich küsste und mit Salböl einrieb. Der Pharisäer wurde ungehalten über den Vorgang und von Jesus mit einem Gleichnis über Geld und Liebe zurückgewiesen und der Vorhaltung, er habe ihm weder Wasser für die Fußreinigung gereicht, noch einen Begrüßungskuss gegeben, noch ihn mit Salböl gepflegt. Jesus: „Deswegen, das versichere ich dir, sollen ihre vielen Sünden vergeben sein, sie hat viel geliebt.“ Jesus direkt zur Frau: „Deine Sünden sind dir vergeben. […] Dein Glauben hat dich gerettet. Geh nun, Gott segne dich mit Frieden.“ In der Auslegung wurde und wird die Frau – obwohl bei Lukas kein Name genannt ist – häufig als Maria Magdalena mit einer Vergangenheit als Hure gleichgesetzt.Klaus Berger, Christiane Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften. Insel Verlag, Frankfurt am Main / Leipzig 1999, S. 456 f.
Siehe dazu im Artikel: Gleichsetzung mit der fußwaschenden Sünderin
Austreibung von sieben Dämonen Im unmittelbaren Folgekapitel bei Lukas (Lk 8,1–3), der Nennung eines Zuges zur Verkündung des „Evangelium von Gottes Herrschaft“ mit den „Zwölf“ [Jüngern] schrieb der Autor: „Es waren auch Frauen dabei, die Jesus von bösen Geistern und Krankheiten geheilt hatte: Maria, genannt Magdalena, bei der Jesus sieben böse Geister ausgetrieben hatte“.Klaus Berger, Christiane Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften. Frankfurt am Main / Leipzig 1999, S. 457.
Bestätigung im Markus-Evangelium Im Evangelium nach Markus, im sogenannten „sekundären Markusschluss (Mk 16,9-20)“ zur Auferstehung, „erschien er zuerst Maria Magdalena, der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte.“Berger/Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, 1999, S. 457.
mini|Magdala um 1900, wahrscheinlicher Geburtsort Maria Magdalenas
Unterhalt der Jesus-Züge Das oben genannte Kapitel 8,3 bei Lukas nennt in der Fortsetzung neben Maria Magdalena auch „Johanna, die Frau des Chuza, eines Beamten des Herodes, Susanna und viele andere. Mit ihrem Vermögen sorgten sie für den Unterhalt Jesu und der Jünger.“Berger/Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, 1999, S. 457.
Bestätigt bei Markus (Mk 15,40-41): „Maria Magdalena, Maria, die Mutter von Jakobus dem Kleinen und Joses, und Salome, die Jesus auf seinen Wanderungen durch Galiläa begleitet und für das Lebensnotwendige gesorgt hatten.“Berger/Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, 1999, S. 641.
Der Unterhalt von Jesus und seinen Jüngern in Zeiten von Reisen (zur Verkündigung) und auch in Ruhephasen durch vermögende Frauen wird in den kanonischen Schriften mehrfach bestätigt. Auch Maria Magdalena ist zu diesen vermögenden Frauen zu zählen – so ist nach der Grablegung erwähnt, dass sie (teure) „Essenzen“ kaufte, um Jesus einzubalsamieren.(Mk 16,1) bei Berger/Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, 1999, S. 433.
Kreuzigung Evangelium nach Matthäus (Mt 27,55 f.): „Eine Anzahl Frauen hatten alles aus einiger Entfernung beobachtet […] Unter ihnen waren Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus, die Mutter Josephs und die Mutter von Jakobus und Johannes, den Söhnen des Zebedäus.“Berger/Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, 1999, S. 641.
Darstellung bei Markus: „Unter den Frauen, die alles aus einiger Entfernung mit angesehen hatten, waren Maria Magdalena, Maria, die Frau des Jakobus, des kleinen, die Mutter des Joses, und Salome […] und außerdem viele andere Frauen, die mit Jesus nach Jerusalem hinaufgezogen waren.“(Mk 15,40 f.) bei Berger/Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, 1999, S. 433.
Präsenz beim Begräbnis Joseph von Arimathia, „ein wohlhabender Mann, der Jesus als Jünger zugetan war“, hatte von Pilatus Jesu Leichnam erbeten, legte ihn in sein eigenes neues Felsengrab, rollte einen großen Stein vor den Eingang und ging fort. Maria Magdalena und die andere Maria waren auch dort und saßen dem Grab gegenüber.(Mt 27,57–61) bei Berger/Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, 1999, S. 641.
Markus (Mk 15,47): „Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Joses, sahen genau, wohin Jesus gelegt wurde.“Berger/Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, 1999, S. 433.
Auferstehung Bei Matthäus: Nachdem die Hohenpriester und Pharisäer von Pilatus eine Grabwache erhalten hatten, damit die Jünger nicht nach Jesu Prophezeiung: „Nach drei Tagen werde ich auferweckt“ „seinen Leichnam (stehlen)“ (Mt 27, 62–66), kamen „am Abend des Sabbat […] Maria Magdalena und die andere Maria, um das Grab Jesu zu besuchen.“ Auf ein Erdbeben hin, bei dem der Stein wegrollte und „die Wachen vor Angst schlotterten und ohnmächtig wurden“, trat ein Engel auf und informierte die Frauen zur Auferweckung. Er beauftragte sie, dies den Jüngern mitzuteilen: „Eilig verließen die Frauen das Grab und rannten voll Schrecken und voll großer Freude davon, um es seinen Jüngern zu berichten.“ (Mt 28,1–8) Matthäus berichtet noch, dass Jesus ihnen entgegenkam und sie im Vorhaben bestärkte, seine Auferstehung den Jüngern zu verkünden (Mt 28, 9 f.).Berger/Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, 1999, S. 641 f.
Im Evangelium des Markus blieben zwei Varianten des letzten Kapitels zur Auferstehung erhalten, der vermutlich ursprüngliche Schluss (16,1-8) und ein anschließender Abschnitt (16,9-20) – der nach Berger/Nord den „sogenannten ‚sekundären Markusschluß‘“ bildete und „später aufgrund anderer Überlieferungen hinzugefügt (wurde), weil man die Auskunft von 16,8 für unzureichend hielt.“Berger/Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, 1999, S. 434, Anm. 54.
Erscheinung nach der Auferstehung Das ursprüngliche Textende bei Markus (Mk 16,1–8) erwähnt ebenfalls Maria Magdalena, die nach der Grablegung mit „Maria, der Mutter des Jakobus, und Salome (Jüngerin) Essenzen [kaufte], um Jesus damit einzubalsamieren.“ Sie finden den Stein vor der Grabkammer weggerollt und innen „einen Jüngling in einem leuchtenden Gewand sitzen“, der sie beruhigt und ihnen sagt, dass sie zu den „Jüngern und Petrus“ gehen sollen. Der ursprüngliche Text schloss: „Da verließen die Frauen das Grab und rannten davon, zitternd vor Entsetzen. Der Schreck verschlug ihnen die Sprache, daher erzählten sie es niemandem“.Berger/Nord: Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, 1999, S. 433 f.
mini|Giotto: Maria Magdalena begegnet dem auferstandenen Christus (Noli me tangere). Fresko, um 1320, Basilika in Assisi, Unterkirche