mini|Pinocchio. Darstellung von Enrico Mazzanti aus den italienischen Buchausgaben von 1883–1890. Im Hintergrund Geschöpfe aus dem Roman, im Uhrzeigersinn: Pinocchios Flug auf der Taube (Kap. XXIII), der „Haifisch“ (XXXIV), Fuchs und Kater (ab XII), die Riesenschlange (XX), die Fee (ab XV) mini|Titelseite der Ausgabe von 1902, mit Abbildungen von Carlo Chiostri Pinocchio [] ist eine Kinderbuchfigur des italienischen Autors Carlo Collodi. Sie war der Held der ab dem 7. Juli 1881 unter dem Titel Le Avventure di Pinocchio: Storia di un burattino (Pinocchios Abenteuer: Geschichte einer Holzpuppe) in der Wochenzeitschrift Giornale per i Bambini erschienenen Fortsetzungsgeschichte. 1883 erschienen die gesammelten 36 Episoden als Buch.

Collodi verfolgte mit seinem Entwicklungsroman pädagogische Absichten; seine Leser (er hatte etwa zehnjährige Schuljungen vor Augen) sollten zu fleißigem Lernen und Arbeiten, zu Gehorsam und Bedachtsamkeit angehalten werden. Pinocchio, die lebendige Puppe, ist zappelig, neugierig und verspielt, aber am Ende des Buches erreicht er das Lernziel und wird zur Belohnung in einen Menschenjungen verwandelt.

Die Handlung des eher schmalen Buches ist abwechslungsreich und schreitet schnell voran, und hilfreiche sprechende Tiere sind ihre häufigsten Teilnehmer. Pinocchios „Eltern“, der alte Geppetto, der ihn geschnitzt hatte, und die Fee mit den blauen Haaren, ermahnen ihn, aber lieben ihn auch von Herzen. Die weiteren auftretenden Menschen sind keine moralischen Vorbilder.

Carlo Collodi „verdankt der Verwurzelung im Toskanischen nicht nur eine ironische Einstellung zum Leben, sondern auch eine farbige Ausdrucksweise, welche die Lebendigkeit und Natürlichkeit der gesprochenen Sprache widerspiegelt.“ Er schafft es, „die kindliche Perspektive in der Erzählung sprachlich und inhaltlich lebendig und humorvoll zu vermitteln“. Er setzt immer wieder hintersinnige Pointen, die sich dem Leser erst durch Close Reading erschließen.

Der Stoff wurde wiederholt übersetzt und adaptiert und noch öfter verfilmt. Diese Bearbeitungen schrieben Pinocchios Nase eine Bedeutung zu, die sie in Collodis Buch nicht hatte. Dass Pinocchio lügt und daraufhin seine Nase wächst, kommt im Buch nur an zwei Stellen vor, die zusammen keine drei Seiten umfassen. Bei Collodi ist Pinocchio kein notorischer Lügner, sondern ein leichtsinniger Faulpelz.

Handlung «C'era una volta... - Un re! - diranno subito i miei piccoli lettori. No, ragazzi, avete sbagliato. C'era una volta un pezzo di legno.»

„Es war einmal... – Ein König!“, werden meine kleinen Leser sofort sagen. Nein, Kinder, ihr habt euch geirrt. Es war einmal ein Stück Holz.“ Beginn von Le Avventure di Pinocchio

Eines Tages findet Tischler Antonio, der wegen seiner roten Nase „Meister Kirsche“ genannt wird, ein Holzscheit, das zu sprechen anfängt, als er es bearbeiten will. Da ihm die Sache nicht geheuer ist, schenkt er es seinem Freund, dem Holzschnitzer Geppetto. Geppetto ist von dem Holzklotz begeistert und beginnt sogleich mit dem Schnitzen einer Holzpuppe, die er nach getaner Arbeit Pinocchio (Holz-/ Dummköpfchen, Wortspiel zwischen pino = Pinie und dem Deminutiv von pinco = Dummkopf und occhio = Auge) tauft. „Im Originalnamen steckt das lustige Bild der vom Kaminfeuer erhitzten Pinienzapfen, deren Kerne wie von selbst herausspringen.“

Zu Geppettos Erstaunen erwacht die Puppe zum Leben und reißt ihrem Schöpfer aus. Beim Versuch, Pinocchio wieder einzufangen, landet Geppetto sogar im Gefängnis, kommt dann aber wieder frei und findet Pinocchio ausgehungert und reumütig in seinem Haus. Dieser verspricht, in Zukunft artig zu sein und zur Schule zu gehen. Trotz eisiger Kälte verkauft Geppetto seine einzige Jacke, um Pinocchio eine Fibel zu kaufen.

mini|Mangiafuoco bestimmt Arlecchino zum Feuertod (Carlo Chiostri, 1902) Auf dem Weg zur Schule lässt sich Pinocchio von einem Puppentheater ablenken und schwänzt die Schule. Die anderen Puppen erkennen ihn sogleich als einen der ihren und es beginnt eine ausgelassene Feier. Der Theaterdirektor Feuerfresser ist darüber erbost und will Pinocchio als Feuerholz verwenden. Später bekommt er aber Mitleid mit ihm und schenkt ihm fünf Goldmünzen für seinen kranken Vater Geppetto. Freudig macht sich Pinocchio auf den Heimweg, wo er den Fuchs und den Kater trifft, denen er leichtsinnigerweise von seinem neuen Reichtum erzählt. Sie schlagen ihm vor, das Geld auf dem Wunderfeld zu vergraben, wo es sich von selbst vermehren soll. Nach einer Übernachtung in der Herberge Zum Roten Krebs trennen sich zunächst ihre Wege wieder. Pinocchio wird kurz darauf von zwei verkleideten Räubern verfolgt (in denen er Fuchs und Kater nicht erkennt). Da es ihnen nicht gelingt, ihm die Münzen zu entreißen, die er in seinem Mund versteckt hat, wird er von ihnen am Ast einer Eiche aufgehängt.

In letzter Minute rettet ihn eine Fee mit dunkelblauen Haaren, lässt ihn in ihrem Schloss pflegen, und überredet ihn, die von drei Ärzten (Rabe, Kauz und Grille) verschriebene bittere Medizin zu schlucken. Pinocchio belügt die Fee, indem er dreimal behauptet, die Goldmünzen verloren zu haben, worauf jedes Mal seine Nase wächst. Nach einer halben Stunde wird er von seiner langen Nase befreit, durch eine Schar Spechte, die sie ihm wieder auf die natürliche Länge zurückschnitzen. Pinocchio will und darf bei der Fee bleiben, bricht aber gleich zu einem kurzen Spaziergang auf (der in Folge viele Monate dauern wird …)

mini|Pinocchio auf der Flucht vor den Mördern (Carlo Chiostri, 1902) Pinocchio trifft nämlich abermals auf den Fuchs und den Kater, die ihn noch einmal überreden, sein Geld auf dem Wunderfeld zu vergraben. Auf diese Weise schaffen sie es dieses Mal, ihm sein Geld zu stehlen. Als Pinocchio den Diebstahl anzeigt, steckt ihn der Richter überraschenderweise selbst ins Gefängnis, aus dem er erst nach vier Monaten entlassen wird. Auf dem Heimweg zur Fee versucht er im Weinberg Trauben zu stehlen und tritt in ein Fangeisen. Der Bauer befreit ihn und legt ihn anstelle des verstorbenen Wachhunds an die Kette. In der Nacht verbellt Pinocchio die hühnerstehlenden Marder und wird zum Dank freigelassen.

Auf einer Taube fliegt Pinocchio zur Meeresküste, um seinen Vater zu finden, der sich in der Zwischenzeit ein Boot gebaut hat, um seinen Sohn zu suchen. Am Ufer angekommen, sieht Pinocchio nur noch, wie Geppetto von einer großen Welle erfasst wird. Mutig stürzt er sich in die Fluten, um seinen Vater zu retten, doch von diesem ist keine Spur zu sehen. Erschöpft gibt Pinocchio auf und wird auf die Insel der fleißigen Bienen gespült. Dort will ihm niemand etwas zu essen geben, weil er nicht arbeiten will. Schließlich hilft er doch einer Frau, einen schweren Korb nach Hause zu tragen.

mini|Pinocchio in der Hundehütte und die Marder (Charles Copeland, 1904) Die Frau entpuppt sich als die Fee mit den dunkelblauen Haaren, die ihn schon vorher aus Schwierigkeiten gerettet hatte. Wieder zeigt Pinocchio Reue und verspricht, sich in Zukunft zu bessern und zur Schule zu gehen. Dafür verspricht ihm die Fee, dass er eines Tages ein richtiger Junge aus Fleisch und Blut werden würde. Pinocchio erweist sich in der Schule als aufmerksamer und fleißiger Schüler. Aber eines Tages verführen ihn seine Mitschüler dazu, zu schwänzen und einen Ausflug ans Meer zu machen. Dort gerät er mit seinen Kameraden in Streit, flieht vor den eingreifenden Polizisten und deren Hund ins Meer und wird von einem Fischer gefangen, der ihn in der Pfanne braten und verspeisen will.

Pinocchio entwischt und kehrt zur Fee zurück, die ihm erneut verzeiht: Von morgen früh an soll er keine Holzpuppe mehr sein, sondern ein Mensch. Mit Einverständnis der Fee will Pinocchio seine Schulkameraden zu einer Feier mit Milchkaffee und (beidseitig bestrichenen) Butterbroten einladen. In einer Stunde will er zurück sein. Als er seinen Freund Romeo, genannt „Docht“, trifft, überredet ihn dieser, mit ihm in das „Spielzeugland“, durchzubrennen, wo es keine Schule gibt und niemand zu lernen braucht. Nach langem Zögern erliegt Pinocchio der Versuchung und die beiden reisen um Mitternacht mit einem von zwölf Eseln gezogenen Karren in das Wunderland.

mini|Pinocchio mit der langen Nase (Enrico Mazzanti, 1892) Zunächst sind Pinocchio und seine Freunde begeistert vom Paradies ohne Pflichten, doch nach fünf Monaten wachsen ihnen Eselsohren und sie verwandeln sich alle in Esel. Die Esel werden verkauft; Pinocchio gelangt in einen Zirkus, in dem er tanzen und durch einen Reifen springen muss. Als er sich während einer Vorstellung verletzt und nun lahmt, wird er an einen Mann weiterverkauft, der aus der Eselshaut eine Trommel fertigen möchte. Er versucht, den Esel zu töten, indem er ihn ins Meer wirft, doch nachdem Fische den Esel aufgefressen haben, bleibt nur der hölzerne Pinocchio übrig, der rasch davonschwimmt.

Im Meer wird Pinocchio von einem „Riesenhaifisch“ verschluckt (den Collodis Illustratoren immer wie einen Wal darstellen). Im Bauch des Fisches trifft er unerwartet seinen Vater Geppetto wieder, der sich mit den Vorräten eines vom Hai verschluckten Handelsschiffes wohnlich eingerichtet hat. Da der Hai in der Nacht mit offenem Mund schläft (da er an Asthma und Herzbeschwerden leidet), können die beiden (und ein mitgefangener Thunfisch) den Fisch über das Maul verlassen.

mini|Pinocchio und Lucignolo werden Esel (Carlo Chiostri, 1902) Gepetto und Pinocchio, vom Thunfisch an Land getragen, beziehen am Ufer eine verlassene Strohhütte. Um seinen kranken Vater zu versorgen, beginnt Pinocchio schwer zu arbeiten, indem er für einen Bauern ein Göpelwerk dreht und Binsenkörbe flicht. Als er erfährt, dass die Fee mit den blauen Haaren erkrankt und verarmt ist, lässt er ihr seine mühevoll ersparten vierzig Groschen zukommen. In der Nacht erscheint ihm die Fee im Traum und lobt sein gutes Herz, das schwerer wiege als ein Mangel an „Gehorsam und gutem Betragen“. Als Pinocchio am nächsten Morgen aufwacht, ist er ein richtiger Junge aus Fleisch und Blut und die Strohhütte hat sich in ein schönes Zimmer verwandelt, „das schlicht und vornehm zugleich“ eingerichtet ist.

Figuren

Eine Vielzahl von Figuren bevölkert Collodis Märchen, manche von ihnen kehren in späteren Episoden wieder, aber die meisten treten nur jeweils einmal auf. Hier werden nur die wichtigsten angeführt, in der Reihenfolge ihres Auftretens, mit Angabe des Kapitels ihres ersten Auftretens.

(Kap. I) Meister Kirsche (mastro Ciliegia, weil seine Nasenspitze „immer so dunkelrot glänzt wie eine reife Kirsche“) ist Tischler. Er findet das Holzstück, aus dem später Pinocchio werden wird. Als er versucht, daraus ein Tischbein zu machen, schreit das Holz auf: „Schlag mich nicht!“ Obwohl er mit Geppetto, der ihn respektvoll als Mastr’Antonio anspricht, befreundet ist, geraten die beiden in einen heftigen Streit (den angefacht zu haben, Pinocchios erster Streich ist.)

mini|Pinocchio und Meister Geppetto (Carlo Chiostri, 1902) (Kap. II) Geppetto ([dʒeˈpːetːo], ein Spitzname für Giuseppe), wegen seiner gelben Perücke als Maisbrei (Polendina) verspottet, ist ein „rüstiger alter“ Holzschnitzer, der in ärmlichen Verhältnissen lebt. Er schnitzt Pinocchio, um mit ihm später durch die Welt zu ziehen und sich „ein Stück Brot“ und „ein Glas Wein“ zu verdienen. Er verkauft seine einzige (schäbige) Jacke, um mit dem Geld für Pinocchio, der in die Schule gehen will, eine Fibel zu kaufen. Zwei Jahre im Bauch des Riesenhais haben ihn zum Invaliden gemacht, aber nach Pinocchios Verwandlung in einen Jungen wird er wundersamerweise „gesund und munter und gutgelaunt wie einst“.