Maddalena Casulana (auch: Maddalena Casula), ab ca. 1582 Maddalena Mezari (di Mezarii) (* ca. 1535, vermutlich in Vicenza, Italien; † ca. 1590)Catherine Deutsch: Maddalena Casulana. Music Advocating for Women in Early Modern Italy. Cambridge u. a. 2025, ISBN 978-1-00-956916-3; doi:10.1017/9781009569156. war eine italienische Komponistin der Spätrenaissance. Sie war zugleich Sängerin, Lautenistin und Kompositionslehrerin. In den Jahren 1566 bis 1586 veröffentlichte sie mehrere Bände drei– bis fünfstimmiger Madrigale, die hauptsächlich in Venedig erschienen.Laut Karin Pendle: Women & Music, a History, 1991, S. 48, auch in Ferrara (fünfstimmige Madrigale). Laut The New Grove Dictionary of Women Composers, 1996, S. 109 ff., auch in Brescia (Wiederauflage 1583 von Band I). Diese gelten als die frühesten Musikdrucke einer Komponistin.

Leben, Reisen, Wirken Maddalena Casulana lebte und unterrichtete als Komponistin und konzertierte als Sängerin sowie Lautenistin an verschiedenen Orten Italiens und im deutschsprachigen Raum. Die Auswertung alter und neuerer Quellen über ihre Auftritte in den Städten Vicenza, Venedig, Siena, München, Verona, Perugia, Brescia, Innsbruck, Florenz, Wien, Ferrara, MailandAufzählung der erwähnten Orte nach New Grove 2001, Grove Women; Eitner (der nach dem Titel von 1583 folgert, sie sei in Vicenza geboren und habe, nach dem Titel von 1582, in Venedig gelebt); Linda Maria Koldau: Wien S. 159 u. Anm. 186 sowie Innsbruck S. 113; MGG 1 und 2; Karin Pendle. sowie über ihre eventuelle Mitwirkung bei der Accademia Vicentina ist nicht abgeschlossen und ergibt bisher kein einheitliches Bild. Aktuelle Forschungen zum Leben und Wirken Maddalena Casulanas, unter Einbezug bislang unberücksichtigter bzw. neu entdeckter Archivalien, liegen durch die französische Musikwissenschaftlerin Catherine Deutsch vor.

Maddalena Casulana gilt als die erste Frau, die ihren Status als Komponistin öffentlich machte, indem sie ihre Werke durch den Druck vervielfältigte, und zwar unter ihrem eigenen Namen und nicht anonym, wie dies einige Komponistinnen wie etwa Eleonora d’Este vor ihr taten. Ihr Il primo libro di Madrigali a 4 vocci von 1568 gilt als ihrer erster Druck. Die 1591 als späteste unter ihrem Namen angezeigten zwei Bände vierstimmiger Madrigali Spirituali sind verschollen und deshalb offenbar nicht klar zu autorisieren.Thomas W. Bridges: „Casulana [Mezari], Maddalena“. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Band 5, 2. Auflage, London 2001, S. 274. Auch Online-Fassung: Das ihr zugeschriebene Porträt, das (erst) um 1650 innerhalb von 44 Musikerdarstellungen in der neu eingerichteten Instrumentenkammer der Innsbrucker Hofburg angebracht wurde, ist noch nicht bestätigt.Linda Maria Koldau: Frauen – Musik – Kultur, ein Handbuch zum deutschen Sprachgebiet der Frühen Neuzeit. Böhlau Verlag, Köln 2005, ISBN 3-412-24505-4. Aufgrund ihres zusätzlichen Namens „Mezari“, der ab 1582 in ihren Drucken erscheint, nachdem die Komponistin vorher unter „Casulana“ veröffentlicht hatte, wird angenommen, dass sie zwischenzeitlich geheiratet hat; jedoch wurden aufgrund der schwierigen Quellenlage weder Hochzeitsdatum noch Vornamen ihres Mannes bekannt. Ihr Doppelname wird als „Signora Maddalena Casulana di Mezari“ oder „Maddalena Mezari detta Casulana Vicentina“ angegeben, letzterer auf dem Titel ihres 3. Bandes Madrigale.Vgl. Karin Pendle: „Women in Music, ca. 1450–1600“, 1991, S. 48. Gelegentlich wird sie nur unter ihrem 2. Namen Mezari verzeichnet.Robert Eitner: Biographisch-bibliographisches Quellen-Lexikon der Musiker und Musikgelehrten der christlichen Zeitrechnung bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Band 6. Breitkopf & Härtel 1902, S. 458 f.; . Nach Catherine Deutschs Recherchen deutet bereits der Nachname "Casulana" auf eine Heirat hin (mit einem Mann aus der einflussreichen Familie Casolani aus Siena), ihr Geburtsname lässt sich bislang nicht sicher bestimmen. Das Datum ihrer zweiten Hochzeit lässt sich laut Catherine Deutsch aufgrund der erheblichen Quellenlücke derzeit nur grob zwischen 1572 und 1582 einordnen. Ein Eintrag in venezianischen Kirchenbüchern legt jedoch eine Heirat im Jahr 1579 nahe.

Ihre Werke – alles Ensemble-Gesänge – wurden fast ausschließlich in Venedig gedruckt, die frühesten gehören zu der Sammlung „Il Desiderio“ 1566 und 1567, 1. und 3. Band,Vgl. Karin Pendle: „Women in Music, ca. 1450–1600“, 1991, S. 47. zusammen mit Werken berühmter zeitgenössischer Komponisten wie Cipriano de Rore und Orlando di Lasso; Maddalena Casulana war als Komponistin also bereits über die Grenzen Italiens bekannt. Sie unterrichtete einen prominenten Schüler, den Schauspieler, Dichter und Musiker Antonio Molino (etwa 1496–1571), der sie 1568 in seinem Druckwerk I dilettevoli madrigali (Venedig 1568) explizit als seine Kompositionslehrerin bezeichnet.

Nach Maddalena Casulanas Namenszusatz „Vicentina“ war diese Stadt möglicherweise ihr Geburts-Horst Leuchtmann: Die Münchner Fürstenhochzeit von 1568. Massimo Troiano, Dialoge. italienisch/deutsch. München/Salzburg 1980, S. 482. oder hauptsächlicher Wirkungsort. Dieser Name begegnet erstmals 1569, wonach sie offenbar Ehrenbürgerin von Vicenza war.Vgl. Antje Olivier, Karin Weingartz-Perschel (Hrsg.): Komponistinnen von A-Z, Düsseldorf 1988, S. 82.Thomas W. Bridges: „Casulana [Mezari], Maddalena“. In: Julie Anna Sadie, Rhian Samuel (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Women Composers. The Macmillan Press Limited, London u. a. 1994, reprinted 1995, 1996, ISBN 0-333-51598-6 und ISBN 0-393-03487-9, S. 109–111. Ab etwa 1570 wird Casulana als Sängerin und Komponistin in der Kammermusik des römisch-deutschen Kaisers Maximilian II. in Wien genannt.Robert Lindell, in: Linda Maria Koldau: Frauen – Musik – Kultur, 2005, S. 568. Näheres darüber wurde aber nicht bekannt. Hier dürfte es sich um eine bisher unbekannte Spur zu Casulanas „unbekanntem“ Jahrzehnt ab 1570 handeln, dessen Informationslücke die Sekundärliteratur übereinstimmend anführt. Laut Catherine Deutsch hat Casulana zwischen 1570 und 1580 Venedig vermutlich verlassen, möglicherweise um der Pest zu entgehen, und sich auf Reisen nach Nordeuropa begeben.

Giambattista Crispolti überliefert ihren Auftritt bei einem Bankett in Perugia 1582. Im August desselben Jahres wird ihr eine von Angelo Gardano verlegte Edition mit dreistimmigen Madrigalen Philippe de Montes gewidmet. Die Dreistimmigkeit war damals aufgrund des berühmten Concerto delle Donne di Ferrara besonders aktuell.

In Deutschland findet sich der Name der Komponistin 160 Jahre später mit der Anzeige ihres ersten Bandes Madrigale im Musicalischen Lexicon des Weimarer Kapellmeisters, Organisten und Musikwissenschaftlers Johann Gottfried Walther (Leipzig 1732) mit folgender Eintragung:

Akademische Aktivitäten Casulanas Betätigung an der Accademia Olimpica (= Accademia Vicentina), die mit dem berühmten Namen Andrea Palladios verbunden ist und das berühmte Teatro Olimpico in Vicenza initiierte, wird von Gabriele Nogalski „[s]pätestens seit Anfang der 1580er Jahre“ erwogen. Eine weitere akademische Verbindung scheint zur „Accademia Filarmonica“ von Verona bestanden zu haben, wo sie 1582/83 (?) konzertierte und deren „patron“ Mario Bevilaqua ihren dritten Madrigalband widmete. Am 18. Januar 1583 musizierte Casulana bei einem Konzert in der Accademia Vicentina. Der Anlass ist unbekannt. Die Wahrscheinlichkeit einer Verbindung Casulanas zur Akademie in Vicenza wird erhärtet durch deren Besitz – zumindest zeitweise – eines Porträts der Künstlerin.

Komponistin Maddalena Casulana wird in der Literatur mehrfach als selbstbewusste, professionelle Komponistin beschrieben, auch damit, dass sie offenbar als erste Frau von der Möglichkeit, durch den Druck bekannt zu werden, Gebrauch machte. Ihre Zusammenarbeit mit dem venezianischen Dichter und Schauspieler Antonio Molino sowie eigene von ihr verfasste Texte, von denen Molino drei vertonte,Dilettevoli madrigali a quattro, libro primo. zeigen, dass sie sich mitten im Diskurs um die Zusammenführung von Text und Musik auf dem Weg zur „Monodie“ befand. Darüber dürfte weiteres Material beispielsweise in den Widmungen an sie zu finden sein. Ihre überlieferten, für sie gesicherten Kompositionen sind nahezu ausschließlich drei– bis fünfstimmige weltliche Madrigale und wurden fast alle in Venedig, der Stadt des frühen Notendrucks, veröffentlicht.

Madrigale, die den Stile moderno und gleichzeitig die „Monodie“, den ausdrucksvollen Einzelgesang vorantrieben, waren damals die musikalisch höchste weltliche Kunstform. Ob Casulanas solistische Gesangsvorträge, die sie selbst mit der Laute begleitete, Bearbeitungen ihrer eigenen Madrigale waren oder eventuell heute verschollene Solokompositionen, ist nicht bekannt. Ein solcher Vortrag der „Casolana famosa“ bei einem Banquet in Perugia im Jahre 1582 wird in einer alten Quelle von Giambattista Crispoldi als „cantò al liuto di musica divinamente“ (s. o.) beschrieben.

Am 20. August 1582 dedizierte ihr der Verleger Angelo Gardano einen Verlagsband mit Madrigali a tre (dreistimmig) Philippe de Montes und verband damit die Bitte, sie möge ebenfalls dreistimmige Madrigale komponieren. Die Dreistimmigkeit machte etwa zehn Jahre später durch die drei Sängerinnen des berühmten Concerti delle Donne von Ferrara Schule.

Dass Casulana als Komponistin in der männlich geprägten, teils misogynen Gesellschaft der Zeit nicht nur willkommen war, ist bereits in ihrer Widmung von 1568 zu lesen, denn sie begründet die Zueignung ihres ersten selbstständigen Bandes an Isabella de’ Medici Orsina Il primo libro di madrigali a quattro voci folgendermaßen (Ausschnitt): Hieraus lässt sich folgern, dass sie als Komponistin Schwierigkeiten kannte, die mit ihrem Komponieren als Frau zusammenhingen. Dennoch folgten ein zweiter Band Madrigale 1570 und ein dritter 1583 Il primo libro di madrigali a cinque voci, jener Band, auf dessen Titel sie als „Maddalena Mezari detta Casulana Vicentina“ genannt ist. Insgesamt wurden über 65 Madrigale von ihr veröffentlicht.

Ihre Werke erfuhren auch Neuauflagen, so Il primo libro di madrigali a quattro voci, das 1586 eine zweite Auflage erlebte sowie ein dreistimmiges Madrigal, das in seiner 2. Auflage von 1586 bekannt ist.

Die Münchner Hochzeit