mini|St.-Thomas-Kreuz
Thomaschristen sind die Angehörigen indischer christlicher Kirchen, die ihre Geschichte auf eine Erstmission durch den Apostel Thomas zurückführen und heute insgesamt etwa sieben Millionen Mitglieder zählen. Dies sind hauptsächlich: die katholische syro-malabarische Kirche, die „Metropolie von Malabar und Ganz Indien“ der Assyrischen Kirche des Ostens, die autokephale malankarische orthodox-syrische Kirche, die malankarische syrisch-orthodoxe Kirche als „Katholikat von Indien“ der syrisch-orthodoxen Kirche, die katholische syro-malankarische Kirche und die protestantisch-anglikanisch orientierte Mar-Thoma-Kirche.
Thomaschristen haben wie andere Religionsgemeinschaften in Indien eine eigene alte Tradition von Meditationspraktiken (Dhyanam).Developing a Practice of Orthodox Christian Meditation Practice. A Christian Dhyanam from the East. Mission Society of St. Gregorios of India, Madison, Wisconsin (USA).
Namen Die Bezeichnung „Thomaschristen“ hat keinen amtlichen Charakter. Ihr Alter ist nicht genau bekannt. Die Benennung entspringt dem lokalen Thomas-Kult, der mit der Verehrung eines Apostelgrabes verbunden ist. Der als Indiens Erstmissionar verehrte Apostel Thomas gilt in der Folge auch als Begründer eines apostolischen Bischofsstuhles (Kathedra) in Indien. Einheimische Christen und Kirchenführer ziehen daraus Konsequenzen für ihre Stellung und Rechte in der Gesamtchristenheit und innerhalb der eigenen kirchlichen Konfession. Aus der Behauptung eigenständiger Apostolizität ergeben sich Spannungen und Autonomieforderungen, die bis zu Kirchenspaltungen führen.
Einheimische Namen sind Nasranikkal („Nazranis“) und Suryanikkal („syrische Christen“).
Gründung Der Apostel Thomas verließ nach lokaler Thomas-Hagiographie Jerusalem etwa im Jahr 40 n. Chr. und kam – nachdem er eine Zeit lang im Mittleren Osten (heute Iran, Irak, Afghanistan und Belutschistan) evangelisiert hatte – um das Jahr 52 nach Nordindien. Dort reiste Thomas einer späteren Legende zufolge entlang der südwestlichen Küste Indiens (damals Malabar, heute der Bundesstaat Kerala) und gelangte schließlich nach Madras (heute: Chennai im Bundesstaat Tamil Nadu) an der Koromandelküste, wo ihn ein Speer tödlich getroffen habe. Über der ihm zugeschriebenen Grabstätte wurde dort (heute St. Thomas Mount) 1547 eine Kirche errichtet, in der sich ein Kreuz mit einer mittelpersischen Inschrift aus dem 8./9. Jahrhundert befindet. Die bekanntere Verehrung von Thomas-Reliquien in Edessa wird mit der Überführung eines Großteils seiner Gebeine dorthin im 3. Jahrhundert erklärt. Die alten christlichen Kirchen Indiens betrachten Thomas bis heute als ihren Gründer und spirituellen Vater und bezeichnen sich als „Töchter des hl. Thomas“.
Selbst wenn die Gründungsgeschichte, wie viele andere apostolische Gründungen auch, legendär ist, so ist doch das Christentum in Indien älter als viele Kirchen in Europa. Im dritten Jahrhundert überlagerte in Syrien/Mesopotamien die Thomastradition die ältere Addaitradition. Etwa zur gleichen Zeit entstanden die Thomasakten, die von einer Missionsreise nach Indien, allerdings der Beschreibung nach dem Norden des Landes, das heutige Afghanistan und Belutschistan, berichten. Seit dem 4. Jahrhundert ist die Indientradition bei den Kirchenvätern verbreitet.Albrecht Dihle: Art. Indien. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 18 (1998), Sp. 1–56, hier Sp. 46. In der Mitte des 6. Jahrhunderts fand der als Kosmas Indikopleustes bekannte alexandrinische Reisende Christen in Südindien vor.
Als außerhalb des römischen Reiches und jenseits des „islamischen Gürtels“ gelegene Kirche hatten diese indischen Christen über Jahrhunderte kaum Kontakt zur Reichskirche oder gar zur römischen Kirche und entwickelten ein eigenständiges Kirchenleben in Gemeinschaft mit dem Katholikos der ostsyrischen „Kirche des Ostens“ von Seleukia-Ktesiphon (später in Bagdad bzw. Mosul). Ihre traditionelle gottesdienstliche Ordnung wird dem Ostsyrischen Ritus zugerechnet und wurde bis in die Neuzeit in syrischer Sprache gefeiert.
Angeblich bereits im Jahre 345, jedenfalls vor dem achten Jahrhundert, soll es unter einem Kaufmann Thomas von Kana zur Ansiedlung und Privilegierung christlich-syrischer Einwanderer in Cranganore gekommen sein. Im Zuge dessen erlangten die Thomas-Christen Indiens einen eigenen, aus Persien bzw. Mesopotamien entsandten Metropoliten, der in der Rangfolge der ostsyrischen Kirche an zehnter Stelle stand. Diesem stand wie üblich ein „Archidiakon“ (trotz des Namens ein Presbyter/Priester) als eine Art Generalvikar zur Seite. Da die ostsyrischen „Metropoliten von Ganz Indien“ als Auswärtige die Landessprache Malayalam kaum beherrschten, mussten sie sich für gewöhnlich mit der Rolle einer Art Weihbischof begnügen, während die tatsächliche Kirchenleitung durch einen Einheimischen ausgeübt wurde, der als „Erzdiakon von Indien“ firmierte und in Südindien wie ein fürstlicher Ethnarch des christlichen Bevölkerungsanteils amtierte.
Etwa um das Jahr 720 unterstellten sich die Thomas-Christen in Malabar dem ostsyrischen Katholikos von Seleukeia-Ktesiphon (später: Bagdad). Bischöfe werden fortan von Seleukeia-Ktesiphon (später: Bagdad) gesandt. Die tatsächliche Verwaltung der Kirchenprovinz Malabar lag jedoch in den Händen von einheimischen Erzdiakonen.
Kolonialismus mini|Das Innere der Valia Palli (Große Kirche) in Kottayam
Als 1498 die nach neuen Handelswegen suchenden Portugiesen nach Indien kamen, fanden sie zu ihrer Überraschung dort christliche Gemeinden vor. Obwohl die Portugiesen zunächst sehr erfreut waren, Christen in Indien vorzufinden, und von den Thomaschristen als Brüder begrüßt wurden, begann nach wenigen glücklichen Jahrzehnten, insbesondere mit Einsetzen der Gegenreformation, die Jahrhunderte währende Zeit einerseits der Fremdbestimmung und der Latinisierung von Gottesdienst und Frömmigkeitsformen, anderseits des Widerstandes Einheimischer dagegen mit dem Ergebnis, dass sich die indisch-ostkirchliche Christenheit in mehrere Gruppen aufspaltete.
mini|links|hochkant|Cheria Pally (Kleine Kirche) in Kottayam (1579)
Legitimiert durch das Padroado-System und mit militärischer Gewalt, die auch vor Bischofsentführungen und Seeblockaden nicht Halt machte, begannen die portugiesischen Kolonisatoren, die Thomas-Christen unter die Hoheit von Bischöfen des lateinischen Ritus zu bringen.
1553 spaltete sich die ostsyrische „Kirche des Ostens“ in einen autokephal bleibenden Zweig („Nestorianer“) und einen, der Gemeinschaft mit dem Papst in Rom aufnahm („Chaldäisch-katholische Kirche“).
1553 wurde die römisch-katholische Diözese Goa gegründet, deren Territorium sich vom Kap der Guten Hoffnung bis an die Grenzen Chinas erstreckte, somit Indien einschloss. Als 1597 der letzte ostsyrische „Metropolit von Indien“, der zum Katholizismus konvertierte Mar Abraham, starb, verstärkte sich der portugiesische Griff auf die Thomaschristen. Der lateinische Erzbischof von Goa, Aleixo de Menezes (1559–1617), der in Stellvertretung des portugiesischen Vizekönigs auch politischer Machthaber war, veranstaltete 1599 die Synode von Diamper mit dem Ziel, die Kirche der Thomaschristen und ihre Liturgie im Geist des römisch-katholischen Konzils von Trient zu reformieren, hier erstmals der Pflichtzölibat für Diakone und Priester eingeschlossen. 1599 wurde die ostsyrische „Metropolie von Ganz Indien“ mit Sitz in Angamaly mit einem lateinischen Bischof, Francisco Roz SJ (ordiniert 1601; † 1624), besetzt und zum Suffraganbistum des portugiesischen Metropoliten von Goa herabgestuft (1605 nach Cranganore verlegt). In den folgenden Jahrhunderten wurden fast nur noch von Goa oder Rom ernannte europäische Bischöfe bzw. Apostolische Vikare eingesetzt, welche die lokalen Traditionen wenig achteten. Das Padroado-Regime ließ nicht zu, dass auf seinen indischen Territorien noch einmal ein ostsyrischer Bischof amtierte. Die weiterhin syrischsprachige Liturgie (Messfeier) der Thomaschristen wurde zunächst nur doktrinär, dann auch in ihrer Gestaltung nach lateinischem Muster korrigiert sowie für nicht wenige nicht-eucharistische Gottesdienste Übersetzungen aus dem Lateinischen in das Syrische vorgenommen und bis weit in das 20. Jahrhundert regelmäßig liturgisch benutzt.
Die forcierte „Latinisierung“ von indischen Christen unter Missachtung ihrer ostkirchlichen Traditionen sowie der einheimischen „Archidiakone“ führte schließlich 1653 zum Bruch mit Portugal und Rom. Mit dem Schwur vom Schiefen Kreuz gelobten indische Thomaschristen am 3. Januar 1653 in Mattancherry bei Cochin, nie wieder einen portugiesischen Jesuiten-Bischof über sich zu dulden. Am 22. Mai 1653 ordinierten zwölf Priester – in einer „Notzeremonie“ ohne Mitwirkung eines Bischofs – den bisherigen Archidiakon Thomas Parambil (Thomas de Campo) als Mar Thomas I.zu ihrem kirchlichen Oberhaupt. Die Mehrheit der Thomaschristen schloss sich dem neuen Metropoliten an und verließ den lateinischen Erzbischof. Der Schwur vom schiefen Kreuz ist der Beginn der bis heute bestehenden Spaltung der indischen Christen in verschiedene kirchliche Gruppen mit unterschiedlichen Liturgien.
Neuzeit mini|Geschichtliche Entwicklung und Spaltung der indischen Thomaschristen Der größere Teil der Thomaschristen in Malabar/Malankara kehrte ab 1662, nachdem Papst Alexander VII. italienische Karmeliten zu ihrer Betreuung entsandt und für die nicht-portugiesischen Territorien Apostolische Vikare bestellt hatte, wieder zur Einheit mit der katholischen Kirche zurück. Sie wurden über Zwischenstufen zur heutigen Syro-malabarischen katholischen Kirche. Am 1. Februar 1663 wurde Chandy Parampil (Alexander de Campo; 1663–1687), ein Vetter des genannten Mar Thomas I., zum Apostolischen Vikar für Malabar erhoben und damit der erste (und bis zum 18. Jahrhundert einzige) einheimisch-indische (Titular-)Bischof der mit Rom vereinten Thomaschristen des ostsyrischen Ritus (Gruppe I).
Der kleinere, nicht-katholische Teil der Thomaschristen näherte sich in der Folge der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien, d. h. den sogenannten Jakobiten, an, übernahm von ihr das Bekenntnis zum Konzil von Ephesos und schrittweise die Westsyrische Liturgie (Gruppe II). Sie standen in der Folge unter einem eigenen einheimischen „Metropoliten von Malankara“. Doch stellte sich für sie immer wieder das Problem der ordentlichen Ordination ihres Kirchenoberhaupts in apostolischer Sukzession. Dafür blieben sie auf die Kirche von Antiochien und von dieser nach Indien entsandte Bischöfe angewiesen, die dort aber auch ihre eigenen Gefolgschaften begründeten. Aus daraus resultierenden Streitigkeiten ging 1772 die kleine Unabhängige Syrische Kirche in Thozhiyur (Anjur, bei Trichur) hervor (Gruppe III). Während der britischen Kolonialherrschaft spaltete sich 1888 von den nicht-katholischen Thomaschristen des westsyrischen Ritus auch die mit der Church of England unierte Mar-Thoma-Kirche ab (Gruppe IV).
1912 wurde in Indien versucht, die Bedeutung der Thomaschristen innerhalb des antiochenischen Patriarchats dadurch aufzuwerten, dass ein nach Autonomie strebender Zweig der Kirche in Malankara das im 19. Jahrhundert erloschene Amt des „Maphrians“, d. h. des „Katholikos des Ostens“ (ehemals zweithöchster Würdenträger der syrisch-orthodoxen Kirche; Amtsname: Basilios), wieder aufleben ließ, in Personalunion verbunden mit dem Amt des „Metropoliten von Malankara“.