mini|Heerführer der Comitatenses und Limitanei im 5. Jahrhundert n. Chr.
mini|Porphyr-Figurengruppe der Kaiser und Mitregenten der 1. Tetrarchie an San Marco in Venedig. Die Augusti und ihre Caesaren sind in Militärkleidung des späten 3. Jahrhunderts dargestellt. mini|Kaiser Honorius (mit dem Labarum) in der Adjustierung eines spätrömischen Offiziers. Elfenbeindyptichon von 406 n. Chr. mini|Spätrömischer Offiziershelm (Kammhelm) vom Typ Berkasovo mini|Spätrömischer Offiziers- oder Gardereitereihelm mit Weintraubenornamenten, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg. mini|Gipsabguss einer Grabstele aus dem 4. Jhdt. n. Chr. für den Kavalleristen Lepontius aus der Rue Brûlée (Straßburg) mini|Figurine eines spätrömischen Offiziers des 5. Jahrhunderts, Museum Lauriacum mini|Relief spätrömischer Soldaten, wahrscheinlich Barbarensöldner, an der Basis des Theodosius-Obelisken (ca. 390) in Istanbul, vermutlich stellt es palatini dar
Die Comitatenses (lateinisch „Begleiter“) genannten Einheiten bildeten zusammen mit den Limitanei das römische Heer der Spätantike. Sie wurden im Unterschied zu den fest an der Grenze stationierten Limitanei, dem Grenzheer, als mobile Feldtruppen aus der ständigen Hofarmee des Kaisers an strategisch wichtigen Punkten im Hinterland eingesetzt. Im weiteren Verlauf des 4. Jahrhunderts wurde das Feldheer in Hofarmee und Sprengelkommandos der regionalen Heermeister unterteilt.
Definition Die Bezeichnung leitete sich vom sacer comitatus, dem „heiligen Gefolge“ des Kaisers, ab, das ihn ins Feld begleitete und zu seiner unmittelbaren Verfügung stand. Das Epitaph eines Reitersoldaten in Thyatira, der in Anchialos in Thrakien stationiert war, weist darauf hin, dass die Bezeichnung comitatenses seit dem späten 3. Jahrhundert in Gebrauch war. = Tituli Asiae Minoris (TAM) 5, 2, 1122; vgl. Alan Douglas Lee: War in late antiquity. A social history. Blackwell, Oxford 2007, S. 11. Die ersten Heere aus Reiterverbänden wurden von den Soldatenkaisern während der Reichskrise des 3. Jahrhunderts aufgestellt. Gallienus (253–268 n. Chr.) setzte mit der Schaffung einer vom Grenzheer losgelösten Reiterarmee zu seiner besonderen Verfügung den ersten Schritt zur Schaffung einer mobilen Eingreiftruppe. Die strategischen Reserven Diokletians und seines Mitregenten Maximian waren zwar noch nicht so zahlreich wie die Comitatenses des 4. Jahrhunderts, setzten sich aber aus besonders kampfkräftigen Einheiten zusammen, die zum großen Teil zu den Elitelegionen der Donauarmee zählten. Die oft einzige schriftliche Quelle für diese Truppen ist die Notitia Dignitatum, in der ihre Organisation, Namen und Schildbemalung überliefert wurden, etwa die der Minervii. Die Maßnahmen zur endgültigen Etablierung dieser neuen Teilstreitkraft wurden aber erst unter Diokletian und Konstantin I. in Gang gesetzt bzw. abgeschlossen.
Entwicklung Die spätrömische Armeestruktur entstand im Wesentlichen aus der Praxis, anstatt ganzer Legionen nur mehr vexillationes zum Kampfeinsatz in andere Regionen in Marsch zu setzen: Bis in die Mitte des 3. Jahrhunderts standen die Provinzstreitkräfte noch unter dem Kommando senatorischer Statthalter. Für größere Kampagnen mussten daher Einheiten aus mehreren Provinzen zusammengezogen werden, die für die Dauer des Feldzuges meist unter dem Oberbefehl des regierenden Kaisers gestellt wurden und nach Beendigung der Kämpfe in ihre Stammlager zurückkehrten. Im Jahr 271 zog Aurelian mit einigen Legionen, den Prätorianern und Kavallerieeinheiten nach Osten, um den Widerstand Palmyras zu brechen. Manche Forscher sind der Ansicht, dass Diokletian und seine Mitkaiser evtl. nach dem Vorbild Aurelians seit 284 schrittweise den sacer comitatus ausbauten. Ab der Regierungszeit des Gallienus befanden sich die römischen Herrscher häufig auf Feldzügen und benötigten (als Kern einer Interventionsarmee) dafür ständig verfügbare Truppen in ihrer Nähe. Dazu gehörte z. B. die legio II Parthica, die von vexillationes anderer Legionen und von neu gebildeten Einheiten (Illyriciani) unterstützt wurde. Die schon von Septimius Severus aufgestellte, nahe Rom stationierte legio II Parthica war, zusammen mit der Prätorianergarde, eine der Vorläufer der comitatenses des 4. Jahrhunderts.
Ursachen Teilweise in Folge der territorialen Erweiterungen des Römischen Reiches unter den Severern, vor allem aber aufgrund der hohen Verluste in den Bürgerkriegen des 3. Jahrhunderts, mangelte es überall an den Grenzen an Militärpersonal. Hinzu kam, dass die Nachschubwege sehr lang waren und auch die Kommunikation zwischen den einzelnen Heeresverbänden am Limes nur schleppend funktionierte. Diese Situation ermutigte zahlreiche Stammeskrieger jenseits der Rhein- und Donaugrenze sich zu Beutegemeinschaften zusammenzuschließen und immer ausgedehntere Plünderungszüge ins Reichsgebiet zu wagen. Im Orient bahnte sich derweil ein für das Reich äußerst bedrohlicher politischer Umbruch an: Die parthische Dynastie der Arsakiden wurde gewaltsam durch die Sassaniden unter ihrem Gründer Ardaschir I. (224–240) abgelöst, die alles daran setzten, die Römer wieder aus Nordmesopotamien zu vertreiben, das die Severer annektiert hatten. 252 fiel Schapur I. (240/242–270) ins Römische Reich ein, unterwarf rasch Armenien und plünderte große Landstriche Kleinasiens, Syriens und schließlich auch eine der wichtigsten Metropolen des römischen Ostens, Antiochia. Kaiser Valerian (253–260) musste auf diese ernste Bedrohung der römischen Herrschaft im Osten rasch und nachhaltig reagieren. Er übertrug daher die Regierungsverantwortung für die westlichen Provinzen seinem ältesten Sohn und Nachfolger Gallienus (261–266), um so seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Abwehr der Sassaniden widmen zu können. Nach Ansicht mancher Forscher ging die Aggression allerdings in Wahrheit von den Römern aus; aber in jedem Fall steht fest, dass Valerian seit etwa 256 einen großangelegten Feldzug gegen die Perser vorbereitete. Zu diesem Zweck wurden u. a. auch große Kontingente der Rhein- und Donauarmee in das Expeditionsheer Valerians eingereiht und Richtung Osten in Marsch gesetzt, wo die Römer jedoch 260 bei Edessa eine katastrophale Niederlage erlitten.
Die zunehmende Verlegung schlagkräftiger Einheiten in dem Osten sorgte bereits seit den 230er Jahren für eine stetige Verkleinerung der Garnisonen am Rhein-Donau-Limes, gleichzeitig nahmen die Übergriffe der germanischen Beutegemeinschaften immer mehr zu und überforderten im zunehmenden Maße die Möglichkeiten der in ihrer Mannschaftsstärke stark reduzierten Grenzschutzeinheiten. Die althergebrachte römische Militärorganisation war auf die neue Bedrohung im Norden nur schlecht vorbereitet. Die Armee verfügte dort über zu wenige schlagkräftige Reiterverbände, um auch schon weit ins Reichsinnere vorgedrungene Plünderer rasch und effektiv bekämpfen zu können. Diese konnten fast ungehindert raubend und brandschatzend durch die Provinzen ziehen, sobald sie den Limes hinter sich gelassen hatten. Gallienus verlegte daher den Großteil seiner verfügbaren Truppen ins Hinterland und bestimmte Mediolanum zum Hauptquartier einer neu aufgestellten, ausschließlich berittenen Eingreiftruppe. Zusätzlich wurde um 260 das – wohl schon weitgehend verwüstete – Dekumatenland aufgegeben (Limesfall), um die Grenzlinie zu verkürzen und diese wieder hinter der natürlichen Barriere der Flüsse Rhein, Main und Donau neu aufzubauen (Donau-Iller-Rhein-Limes).
Ausbau Zur Zeit der Tetrarchie erkannte man, dass ein entlang der Grenzen aufgereihtes Heer für die Verteidigung des Reiches nicht mehr genügte und immer schwerer zu finanzieren war. Auch standen dafür nicht mehr genügend Soldaten zur Verfügung. Anfang des 4. Jahrhunderts ging man daher dazu über, ein eigenes Feld- oder Bewegungsheer ohne feste Garnisonen zu schaffen, das im Krisenfall die neuen Grenzeinheiten (limitanei) unterstützen und vor allem schon ins Reichsinnere eingedrungene Feinde verfolgen und vertreiben oder vernichten sollte. Dies war bis dahin Aufgabe der Grenztruppen gewesen, was aber jedes Mal eine gefährliche Entblößung des Limes mit sich brachte. Außerdem konnte sie so auch bei Usurpationen rasch zum Einsatz gebracht werden, zu deren Bekämpfung ansonsten wieder Limestruppen abgestellt werden mussten, was in weiterer Folge zum Problem der unterbesetzten Grenzkastelle zurückführte und barbarische Invasoren und Plünderer zu neuen Einfällen ins Reich ermunterte. Wie viele dieser mobilen Einheiten unter den Tetrarchen aufgestellt wurden, ist unbekannt. Vermutlich wurden anfangs vor allem Vexillationen von – unter Diokletian (284–305) und Maximian (286–305) rekrutierten – neuen (und viel kleineren) Elitelegionen verwendet (legio Herculiani bzw. legio Ioviani). Diokletian führte hierfür auch ein neues Steuersystem (capitatio-iugatio) ein und führte bei Feldzügen seinen Hofstaat und Palasttruppen, den sogenannten comitatus, mit sich, um Bedrohungen schneller und flexibler begegnen zu können – ein Beispiel, dem auch die anderen Tetrarchen folgten. Das mündete unter Konstantin I. (306–337) in eine großangelegte Militärreform und endgültige Trennung des römischen Heeres in mobile Feldarmeen und stationäre Grenztruppen.
Konstantin I. konnte sich schließlich nach langwierigen internen Kämpfen als Alleinherrscher über das Reich durchsetzen. Nach dem Sieg über Maxentius (306–312) und der Übernahme des gesamten westlichen Reichsteiles taucht in den Quellen auch die Bezeichnung comitatenses auf. Im Codex Theodosianus werden in diesem Zusammenhang ripenses, comitatenses, protectores, alares und cohortales angeführt, wodurch die erstmalige Verwendung des Begriffs gesichert in das Jahr 325 datiert werden kann.Codex Theodosianus 7,20,4. Dazu Alan Douglas Lee: War in Late Antiquity. A Social History. Blackwell, Oxford 2007, ISBN 978-0-631-22926-1, S. 11. Konstantin fügte je fünf Vexillationen von Legionstruppen und zehn Auxiliareinheiten zu einem comitatus zusammen, dessen Einheiten auch einen höheren Status als die Grenztruppen innehatten. Im comitatus selbst stand wiederum die Kavallerie im Rang höher als die Infanterie. Seine Armeereform, die die im Laufe des vorangegangenen Jahrhunderts improvisierten Maßnahmen festschrieb und in ein reichsweit einheitliches System einband, sollte vor allem das weströmische Heer bis zu dessen Auflösung maßgeblich prägen.
Die mobile Feldarmee erhielt unter Konstantin eine klar festgelegte Organisationsstruktur. Seine comitatenses mussten ihm ständig zur Verfügung stehen und wurden strikt von den Grenztruppen getrennt. Die Vierteilung in Bezug auf die neuralgischen Gebiete wurde beibehalten. Um sich ihre Loyalität zu sichern, betraute er seine drei Söhne und seinen Neffen mit dem Kommando über diese Verbände. Auch kam erstmals eine neue Truppengattung (mit alter Bezeichnung) hinzu, die auxilia, schwer gepanzerte, größtenteils aus germanischen Söldnern bestehende Infanteristen, die ebenfalls als Elitekämpfer galten. Durch die Loyalität der – nun auch innenpolitisch wichtigen – comitatenses konnte Konstantin seine Alleinherrschaft dauerhaft absichern. Außerdem gewann er dadurch auch die Unterstützung der Provinzen, die hofften, mit Hilfe dieser neuen Streitkräften ihre Sicherheitsprobleme lösen zu können. Allem Anschein nach schrieben sich die Soldaten dennoch lieber bei den limitanei ein, was die höhere Besoldung der comitatenses erklärt. Damit schuf man einen höheren Anreiz für Rekruten, sich für den Dienst im Feldheer zu melden, das oft fernab von zu Hause operierte.