Eberhard Klaus Jüngel (* 5. Dezember 1934 in Magdeburg; † 28. September 2021evangelisch.de in Tübingen) war ein deutscher evangelischer Theologe. Er war bis 2003 Ordinarius für Systematische Theologie und Religionsphilosophie sowie Direktor des Instituts für Hermeneutik an der Eberhard Karls Universität Tübingen.Angaben zu Jüngel. Seite der Ev.-theologischen Fakultät der Universität Tübingen; abgerufen am 13. Januar 2015. Er war bis 2013 Kanzler des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste. Für seine wissenschaftlichen Leistungen erhielt er zahlreiche Ehrungen.

Leben und Wirken

Schulzeit und Studienjahre Eberhard Jüngel war Sohn der Margarete Jüngel, geborene Rothemann, und des Elektromeisters Kurt Jüngel. Er besuchte die Schule in der DDR. In seinem Elternhaus war Religion kein zentrales Thema. Einen Tag vor dem Abitur wurde Jüngel als „Feind der Republik“ aus dem Gymnasium entfernt, weil er es sich erlaubt hatte, das, was er für Wahrheit hielt, auszusprechen:

Für Jüngel kam nur noch das Studium der evangelischen Theologie an einer Kirchlichen Hochschule in Betracht. Er wollte Pfarrer werden. 1953 begann er seine theologische Ausbildung am Katechetischen Oberseminar in Naumburg (Saale). Zwei Jahre später wechselte er an das Sprachenkonvikt, eine kirchliche Hochschule in Ost-Berlin. 1957 setzte er seine Studien an den Universitäten Zürich und Basel fort. Zu den für ihn wichtigen Hochschullehrern gehörten der Naumburger Philosoph Gerhard Stammler, aber auch die Theologen Heinrich Vogel und Gerhard Ebeling. Zu seinem prägendsten theologischen Lehrer wurde Ernst Fuchs, durch den Jüngel Rudolf Bultmann und Martin Heidegger kennenlernte, dessen Schriften ihn schon früh beeindruckten. Fuchs selbst war wie Ebeling ein Bultmann-Schüler. In der Schweiz gewann die Begegnung mit Karl Barth eine entscheidende Bedeutung für sein theologisches Denken:

Das Theologiestudium schloss Eberhard Jüngel 1960 mit dem Ersten Theologischen Examen beim Konsistorium der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg ab.

Der junge Theologe Es folgten Tätigkeiten als Vikar der Berliner Kirche und als Assistent an der dortigen Kirchlichen Hochschule. 1961 wurde Jüngel in West-Berlin mit einer neutestamentlichen Dissertation zu Paulus und Jesus promoviert, die 1962 veröffentlicht wurde:Eberhard Jüngel: Paulus und Jesus. Eine Untersuchung zur Präzisierung der Frage nach dem Ursprung der Christologie. 6. unveränd. Auflage. Mohr, Tübingen 1986.

Jüngel lehrte nach dem Mauerbau 1961 in Berlin am Sprachenkonvikt im Ostteil der Stadt, das seitdem von der Kirchlichen Hochschule in Berlin-Zehlendorf getrennt war. 1962 wurde er in Magdeburg zum Pfarrer der evangelischen Kirche ordiniert. Er habilitierte sich im selben Jahr im Fach Systematische Theologie an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin-Ost. Ein Versuch, ihn an die Theologische Fakultät der Universität Greifswald zu berufen, schlug 1964 fehl. Er unterrichtete am Sprachenkonvikt bis zum Ende des Sommersemesters 1966 zunächst Neues Testament und später Dogmatik. 1965 veröffentlichte er sein zweites Buch Gottes Sein ist im Werden. Darin versuchte er, die Trinitätslehre Karl Barths mit den hermeneutischen Diskussionen der Bultmann-Schule zu verbinden.

Ordinarius Zum Wintersemester 1966 folgte Jüngel mit einer befristeten Ausreisegenehmigung der DDR-Behörden einem Ruf an die Theologische Fakultät der Universität Zürich. Dort hatte er bis 1969 den Lehrstuhl für Systematische Theologie und Dogmengeschichte inne. 1969 erhielt er einen Ruf an die Evangelisch-theologische Fakultät der Universität Tübingen. Er wurde Ordinarius für Systematische Theologie und Religionsphilosophie sowie Direktor des Instituts für Hermeneutik. Von 1970 bis 1972 war Jüngel Dekan. 1977 erschien sein Hauptwerk Gott als Geheimnis der Welt. Zur Begründung der Theologie des Gekreuzigten im Streit zwischen Theismus und Atheismus. Gott ist für Jüngel das Geheimnis der Welt, weil er zwar unsichtbar ist, aber er gibt sich zu erkennen, indem er zur Welt kommt. Der Tübinger Universität blieb Jüngel trotz einiger Rufe an andere Fakultäten, wie zum Beispiel an die Ludwig-Maximilians-Universität München, treu. Er lehrte in Tübingen auch an der Philosophischen Fakultät. Eberhard Jüngel war zweimal Dekan der Evangelisch-theologischen Fakultät und Gastprofessor an mehreren Universitäten in Deutschland. Im Studienjahr 1999/2000 war er Fellow am renommierten Wissenschaftskolleg zu Berlin. Jüngels Bücher zur Rechtfertigungslehre und zum Tod gelten als Standardwerke der Systematischen Theologie.Christian Tsalos: Eberhard Jüngel wird 75. Pressemitteilung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg vom 2. Dezember 2009. Die Emeritierung Jüngels erfolgte im Jahr 2003. Sein Nachfolger auf dem Tübinger Lehrstuhl wurde der Systematische Theologe Christoph Schwöbel.

Öffentliches Wirken Eberhard Jüngel war ab 1973 29 Jahre lang Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und in deren Ständigem Ausschuss für Schrift und Verkündigung. Von 1987 bis 2005 war er im Nebenamt Ephorus des Evangelischen Stifts Tübingen. Sein Nachfolger in diesem Amt wurde der Theologe und Kirchenhistoriker Volker Henning Drecoll. Von 2003 bis 2006 leitete er außerdem die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg. Jüngel war Gadamer-Stiftungsprofessor im Jahr 2007. Er hat sich immer wieder durch Zeitungsartikel und Vorträge in die politische Diskussion eingemischt. Der für seine präzisen Differenzierungen bekannte Theologe lebte in Tübingen und war Junggeselle und Hobbykoch. Mit den Professorenfreunden Hans Küng und Jürgen Moltmann traf er sich über Jahrzehnte regelmäßig zum Abendessen, was „früher bis tief in die Nacht dauerte“.Zitiert nach Markus Brauer: Der Denker, der aus der DDR kam, in: Stuttgarter Nachrichten vom 4. Dezember 2009. Richard von Weizsäcker, selbst evangelisch, äußerte sich: „Der Jüngel, das ist doch unser Ratzinger“.Thomas Krazeisen: Befreiende Wahrheit, in: Eßlinger Zeitung, Artikel vom 5. Dezember 2009

Am 7. Februar 1985 wurde Jüngel vom Landtag von Baden-Württemberg als Nachfolger des verstorbenen Ernst Steinbach zum stellvertretenden Richter in der Gruppe „ohne Befähigung zum Richteramt“ am Staatsgerichtshof für das Land Baden-Württemberg gewählt. In diesem Amt wurde er 1988 und 1997 vom Landtag wiedergewählt. Er amtierte bis 2006.

Theologie

Allgemeines Eberhard Jüngel, der auf eine originelle Weise die Grundanliegen der theologischen Antipoden Rudolf Bultmann und Karl Barth miteinander zu verbinden versteht, galt – gemeinsam mit seinen theologischen Weg- und Generationsgefährten Jürgen Moltmann und Wolfhart Pannenberg – als einer der bedeutendsten deutschen evangelischen Theologen der Nachkriegszeit und wird auch nach seinem Tode weit über den deutschsprachigen und protestantischen Raum hinaus rezipiert. Für Jüngel war es die Aufgabe der Theologie, Gott als Liebe zu denken. Gott teilt sich nach Jüngel nicht als höchstes Wesen mit, das über der Welt steht und dann in einem zweiten Schritt sich auf die Welt und die Welt auf sich bezieht. Gott habe sich vielmehr in Ewigkeit frei dazu bestimmt, dass er nur durch den am Kreuz dem Fluch über die Sünde anheimgegebenen Menschen Jesus zu sich selbst und damit zu uns kommen wolle. Deshalb gehöre zur Wesensdefinition Gottes die frei angenommene Geschichtlichkeit.

Nach Jüngel kommen wir also nicht durch eine der Offenbarung vorgängige Wesenserkenntnis zum geschichtlichen Wirken Gottes. Sondern durch das geschichtliche Wirken Gottes werden wir dazu bestimmt, zu seiner Wesenserkenntnis zu kommen. Eine Gotteserkenntnis außerhalb der Offenbarung sei uns verwehrt. Nur im Ereignis seiner Identifikation mit dem toten Jesus könne das Wesen Gottes erkannt werden.

Gott erschließe sich uns durch seine Selbstunterscheidung und Selbstidentifikation. Nicht weil Jesus Gottes Sohn sei, bekenne sich Gott zu ihm. Sondern weil Gott sich zu Jesus bekenne, sei Jesus Gottes Sohn.Eberhard Jüngel: Ganz werden. Theologische Erörterungen V, 2003, S. 83. Gott definiere sich in seinem Gottsein als das Leben und als die Liebe durch die Identifikation mit dem gekreuzigten Jesus, den er als seinen Sohn offenbare. Im Ereignis des Todes Jesu nehme Gott den Tod als das ihm fremde und widerstrebende, also als die ganze Gottlosigkeit der Welt in seinen Wesensvollzug auf und behaupte sich gegenüber dem Tod als das Leben. Seit dem Kreuz gehöre der Tod zum ewigen Sein und Wesen Gottes. Der Tod Gottes am Kreuz sei die Offenbarung des dem Tod gegenüber größeren Lebensgottes als Liebe. Gott könne als Liebe nur gedacht werden aufgrund seiner Identität mit dem Menschen Jesus:

Die Allmacht Gottes kann nach Jüngel nur als die „Allmacht des für sein Geschöpf leidenden Gottes“ verstanden werden, nicht als Allkausalität.Eberhard Jüngel: Gottes ursprüngliches Anfangen als schöpferische Selbstbegrenzung. In: Ders.: Wertlose Wahrheit. Zur Identität und Relevanz des christlichen Glaubens, theologische Erörterungen. III, München 1990, S. 272. Die Rede von der creatio ex nihilo sei so zu verstehen, dass Gott sich hier selbst begrenzt habe, indem er „das von ihm gewollte Andere neben sich“ setzt. Die Selbstbegrenzung Gottes in seinem ursprünglichen Anfangen entspreche dem Geheimnis der Liebe Gottes, die das trinitarische Sein Gottes ausmache – als „Gemeinschaft gegenseitigen Andersseins“ und damit auf sich selbst bezogen und selbst begrenzt zugleich.Jüngel: Gottes ursprüngliches Anfangen als schöpferische Selbstbegrenzung. 1990, S. 268. Das Entstehen des Bösen und die Faktizität der Übel könne nur als ein dunkles Rätsel bezeichnet werden.Jüngel: Gottes ursprüngliches Anfangen als schöpferische Selbstbegrenzung. 1990, S. 274.

Der historische Jesus

Dogmatische Notwendigkeit Für Jüngel ist die dogmatische Bedeutung der Frage nach dem historischen Jesus das Zentrum der Theologie. Dafür hat er zwei Gründe:

Christliche Theologie ist inhaltlich auf Jesus als Christus bezogen. Das Thema führt methodisch in das Zentrum theologischer Denkarbeit.

Die theologische Denkarbeit besteht wiederum in einer Spannung mit zwei Polen:

historische Erkenntnis dogmatische Verantwortung

Die historische Erkenntnis ist eine Analyse von Gewordensein, Gewesensein und Wirkung, also z. B. der historische Jesus im Zugang historischer Forschung. Die dogmatische Verantwortung soll die gegenwärtige Bedeutung erörtern – auch und gerade angesichts des Wahrheitsbewusstseins der Neuzeit und ihrer Kritik. Die historische Erkenntnis ist die Voraussetzung, aber nicht der (Beweis-)Grund der dogmatischen Verantwortung. Zugleich bleibt die dogmatische Verantwortung immer rückbezogen auf die historische Erkenntnis. Die dogmatische Verantwortung setzt an dem Punkt ein, wo Jesus als Christus/Kyrios/Gottessohn bekannt wird (christologisches Als). Die überleitende Frage vom historischen Jesus zum nachösterlich bekannten Christus hat schon Bultmann gestellt: Wie wird aus dem Verkündiger (historischer Jesus) der Verkündigte (von der nachösterlichen Gemeinde)? Jüngels Antwortversuch: Jesus bekommt die Prädikation Christus, was zwei Seiten impliziert:

„Jesus = Christus“ ist ein Bekenntnis über den Menschen Jesus, nämlich dass man von ihm zu reden und zu denken hat wie von Gott. „Jesus = Christus“ ist eine Aussage einer homologischen Situation: Der, der das sagt, bekennt sich selbst als ein Glaubender.

In der bisherigen Forschung gibt es zwei Extreme:

Leben-Jesu-Forschung, die den Glauben auf Tatsachen gründen. Kerygma-Theologien, die die Kritik von Kähler, Hermann, Schweitzer, … aufgreifen und so sehr radikalisieren, dass der historische Jesus irrelevant wird (Bultmann + Barth)