mini|Jean-Luc Godard in Berkeley, 1968rahmenlos|hochkant|klasse=skin-invert-image Jean-Luc Godard, gelegentlich verwendetes Pseudonym Hans Lucas (* 3. Dezember 1930 in Paris; † 13. September 2022 in Rolle, Schweiz), war ein französisch-schweizerischer Regisseur und Drehbuchautor. Er wird von Kritikern zu den einflussreichsten Filmregisseuren der Filmgeschichte gerechnet und prägte mit innovativen, gesellschaftskritischen Filmen wie Außer Atem, Die Verachtung und Elf Uhr nachts in den 1960er Jahren das Kino.

Leben Jean-Luc Godard entstammte großbürgerlichen Verhältnissen: Sein Vater, ein Schweizer, war Augenarzt und Inhaber einer Privatklinik im waadtländischen Nyon; seine Mutter kam aus einer reichen französisch-protestantischen Familie. Die Ehe der Eltern wurde 1948 geschieden; sechs Jahre später kam seine Mutter bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Godard wuchs mit drei Geschwistern in Nyon auf. Er war ein Cousin des früheren peruanischen Präsidenten Pedro Pablo Kuczynski.Perus Präsident Pedro Pablo Kuczynski: Neoliberaler Schöngeist mit deutschen Wurzeln, Badische Zeitung, 10. Juni 2016 Sein Großvater mütterlicherseits sympathisierte während des Zweiten Weltkriegs mit dem Vichy-Regime. Godard, der ursprünglich nur die französische Staatsbürgerschaft besaß, wurde 1953 Bürger von Gland im Kanton Waadt (anderen Angaben zufolge 1940). Dazu sagte er: „Im Geiste bin ich sehr französisch, ich bin ja in Frankreich geboren. Und meinen Schweizer Pass habe ich gekauft, als ich 21 Jahre alt war. Das heisst, ich habe bezahlt dafür. Ich fühle mich nicht als Schweizer. Ich kenne mich auch überhaupt nicht aus in der Geschichte der Schweiz.“«Das Kino ist heute wie eine ägyptische Mumie». In: Tages-Anzeiger, 30. November 2010, S. 32. mini|hochkant|Anna Karina, erste Ehefrau von Jean-Luc Godard, 1994 mini|hochkant|Anne Wiazemsky, zweite Ehefrau von Jean-Luc Godard, 1969 Godard besuchte zunächst die Schule in Nyon. Nach der Scheidung seiner Eltern übersiedelte er 1948 nach Paris und besuchte dort das Lycée Buffon.Lycée Buffon Das Abitur bestand er im dritten Anlauf. Im Jahr 1949 schrieb er sich an der Sorbonne zum Ethnologiestudium ein. Seine Freizeit verbrachte er in Filmkreisen und Kinos. Als er das Studium vernachlässigte, stellte sein Vater um 1950 die finanzielle Unterstützung des Sohnes ein. Daraufhin beging der junge Godard Ladendiebstähle und wurde ins Gefängnis eingesperrt. Später verdiente er seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten. Eine 1950/1951 unternommene Amerikareise machte ihn mit dem dortigen Kino vertraut, das er damals bewunderte.

Godard war von 1961 bis 1965 mit der Schauspielerin Anna Karina (1940–2019) und von 1967 bis 1979 mit Anne Wiazemsky (1947–2017) verheiratet. Beide spielten in mehreren seiner Filme. Ab circa 1974 lebte und arbeitete er mit der Schweizer Filmemacherin Anne-Marie Miéville zusammen.

Nach einem schweren Motorradunfall im Jahr 1971 zog sich Godard in die Schweiz zurück. Etwa ab 1980 lebte er in der Kleinstadt Rolle am Nordufer des Genfersees.Lars-Olav Beier, Vollkommen einsam, in: Der Spiegel, Nr. 22/2014, S. 122f. (PDF)

Er starb im September 2022 im Alter von 91 Jahren in der Schweiz durch assistierten Suizid.Jean-Luc Godard a eu recours au suicide assisté: «Il n’était pas malade, il était simplement épuisé», liberation.fr, veröffentlicht und abgerufen am 13. September 2022.

Werk Filmkritiker In seiner Studienzeit kam Godard mit einem Pariser Filmclub in Kontakt, dem „Ciné-club du Quartier Latin“, und fand Zugang zu einer Gruppe, der auch François Truffaut, Jacques Rivette und Éric Rohmer angehörten. Als André Bazin, Lo Duca und Jacques Doniol-Valcroze 1951 die Filmzeitschrift Cahiers du cinéma gründeten, gehörte Godard neben Rivette und Rohmer bald zu ihren Autoren der ersten Jahre, gelegentlich unter dem Pseudonym Hans Lucas. Im Jahr zuvor hatte er mit Rohmer und Rivette eine eigene Filmzeitschrift gegründet, die Gazette du cinéma, die jedoch nach fünf Ausgaben eingestellt wurde. Er bezeichnete diese Phase seines Lebens als äußerst wichtig für sein späteres filmisches Schaffen, so u. a. bereits Ende 1962 in einem Gespräch mit den Cahiers du cinéma, als sein Film Vivre sa vie (Die Geschichte der Nana S.) gerade angelaufen war: „Zwischen Schreiben und Drehen gibt es nur einen quantitativen, nicht einen qualitativen Unterschied.“Jean-Luc Godard: „Ecrire, c’était déjà faire du cinéma, car, entre écrire et tourner, il y a une différence quantitative, non qualitative.“ Interview in Cahiers du cinéma, No. 138, vom Dezember 1962. Wie Truffaut gehört er zu den Regisseuren der Nouvelle Vague, die ihre Filme mit konzeptionellen Schriften begleitet haben. Darin beruft er sich unter anderem auf die Regisseure Carl Theodor Dreyer und Friedrich Wilhelm Murnau sowie auf den Schriftsteller Fjodor Dostojewski.

Godard, Ende 1962, rückblickend auf die Zeit als Filmkritiker:

Kurzfilme Nach einem fehlgeschlagenen Versuch drehte er 1954 seinen ersten eigenen Film, Opération Béton, der über den Bau der Staumauer Grande Dixence in der Schweiz berichtete. Godard selbst arbeitete dort als Telefonist auf der Baustelle, um seine Finanzen aufzubessern. Der Film wurde nachträglich von der Betreiberfirma des Staudamms gekauft. Kritiker bezeichneten ihn zwar als uninspiriert und oberflächlich, doch ermöglichte er dem jungen Drehbuchautor und Regisseur den Start seiner Karriere. Zwischen 1955 und 1958 drehte er vier weitere Kurzfilme, von denen einige Vorgriffe auf seinen ersten Kinofilm, Außer Atem, enthielten. Zur selben Zeit arbeitete er als Filmeditor an Dokumentarfilmen, eine Arbeit, bei der er sich stark der Montage-Ästhetik des klassischen Spielfilms bediente.

Nouvelle Vague Mit dem 1960 erschienenen Spielfilm Außer Atem (französischer Originaltitel: À bout de souffle), etablierte sich Godard als Spielfilmregisseur. Auch seinem Hauptdarsteller Jean-Paul Belmondo verhalf der Film zum Durchbruch. Während der Dreharbeiten, die vier Wochen dauerten, ging Godard häufig intuitiv vor und nahm sich auch tagelange Pausen. Der ganze Film ist mit einer Handkamera gedreht. Zudem wurde nur minimal beleuchtet, und Raoul Coutard, der Kameramann, verwendete Stilmittel, die für jene Zeit unkonventionell waren, Achsensprünge und -verschiebungen. Außer Atem gilt als der erste Film, bei dessen Schnitt mit sogenannten Jump Cuts gearbeitet wurde. Godard selbst spielt in einer kleinen Nebenrolle einen Passanten.

Sein zweiter Film sorgte nicht nur künstlerisch, sondern vor allem politisch für Aufsehen. Der kleine Soldat (Le petit soldat) spiegelt die Brutalität wider, mit der die französische Armee die algerische Unabhängigkeitsbewegung bekämpfte. Der Film wurde von der Zensur verboten und durfte in Frankreich zwei Jahre lang nicht aufgeführt werden, da er die Jugend davon abhalten könne, in Algerien ihren Militärdienst zu leisten. Erst nachdem Godard alle Namen in den im Film verwendeten Radionachrichten sowie alle abgebildeten Zeitungsmeldungen gelöscht hatte, erhielt er die Freigabe für Frankreich.

Bis zum Ende der 1960er Jahre war Godard überaus produktiv – in fast jedem Jahr entstanden zwei oder drei Filme, Kurzfilme nicht einmal mitgezählt. Mitte des Jahres 1966 drehte er Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß und Made in U.S.A. sogar zeitlich parallel. Er entfernte sich in diesen Werken immer weiter vom realistischen Erzählkino (etwa im Stile François Truffauts) hin zu einem experimentellen Umgang mit Musik, Schrifttafeln und zum Beispiel Beiträgen zum Vietnamkrieg, der in fast allen Filmen dieser Zeit Erwähnung fand. Weekend beispielsweise enthält eine der längsten Kamerafahrten der Filmgeschichte, die viermal durch Schrifttafeln unterbrochen wird. Der Hauptdarsteller des Films kämpft sich rücksichtslos durch einen Stau auf einer Landstraße, an dessen Ende Godard ein Blutbad inszeniert. Der Film ist Godards Reflexion seiner Zeit; er zeigt Hippies, die sich als Kannibalen entpuppen, brennende Fiktionsfiguren (entlehnt von Lewis Carroll) und zwei Afroamerikaner, die Malcolm X zitierend den Untergang der Konsumgesellschaft prophezeien. Am Ende erscheint statt „Fin“ (Ende) der Schlusstitel „Fin du cinéma“ (Ende des Kinos), der den Betrachter mit dem Abbild einer Welt ohne Perspektive zurücklässt.

Radikale Gesellschaftskritik Auch später, besonders nach 1968, provozierte Godard in seinen Filmen immer wieder mit radikaler Gesellschaftskritik. Mit Truffaut und Malle sowie osteuropäischen Filmemachern wie Miloš Forman und Roman Polański hatte er 1968 für den Abbruch der Internationalen Filmfestspiele von Cannes gesorgt. (Dokumentarmaterial, französisch mit englischen Untertiteln; Teil des Films Deux de la Vague (Godard trifft Truffaut)). Das Jahr ist kulturgeschichtlich gesehen von einschneidender Bedeutung, denn es kam zu den „événements de mai 68“, dem so genannten Pariser Mai, die Godard herausforderten. Nachdem er den Produzenten seines Films One plus One (auch: Sympathy for the Devil) geohrfeigt hatte, wurden seine Werke dem Kinopublikum nicht mehr über den Filmverleih zugänglich gemacht, was in beiderseitigem Einvernehmen geschah. Daher werden seine danach entstandenen Werke oft als die unsichtbaren Filme Godards bezeichnet. Gemeinsam mit dem sozialistischen Theoretiker und Althusser-Schüler Jean-Pierre Gorin gründete er die Groupe Dziga Vertov (benannt nach dem sowjetischen Filmemacher und Filmtheoretiker Dsiga Wertow), die dem kommerziellen Kino eine Absage erteilte und ihre Filme in den Dienst der Revolution stellte, insbesondere auch der „antizionistischen“ der Palästinenser.siehe hierzu ein Godard-Interview für das ZDF (ca. 1969), in dem Godard ein A5-Emblem mit einem ineinander verschrenkten Hakenkreuz und Davidstern, mit der Unterschrift NAZISRAEL in der Hand, erst sich vor das Gesicht und dann in die Kamera hält und sich für das Interview einen Scheck der deutschen TV-Anstalt ausstellen lässt, „die von den Zionisten subventioniert wird“: Godard und die Groupe Dziga Vertov -- Interview Aus Sicht dieser Gruppe konnte man das imperialistische Kino jener Zeit nicht mit dessen eigenen Waffen bekämpfen. Und da seit D. W. Griffith keine revolutionären Filme mehr hergestellt worden seien, müsse man auch die Grammatik und die Formen der Darstellung neu erfinden.

Im Jahr 1973 gründete Godard gemeinsam mit Anne-Marie Miéville die Firma Sonimage,Wilfried Reichart: Von der „Groupe Dziga Wertow“ zu Sonimage. In: Filmkritik. 2/1977, S. 69.M. J. E. Witt: On communication: The work of Anne-Marie Miéville and Jean-Luc Godard as „Sonimage“ from 1973 to 1979; “submitted for the degree of PhD of the University of Bath”, 1998, S. 1 sowie der gesamte Abschnitt Sonimage: a very brief history; online verfügbar als PDF bei de.scribd.com (englisch; abgerufen am 11. Juli 2023). die ihn von größeren Produktionsfirmen unabhängig machte und die Selbstverwaltung der Produktionsmittel ermöglichte. Ungefähr vier bis fünf Jahre später kam es zu einem Vertrag zwischen Sonimage und dem unabhängig gewordenen Mosambik. Die Regierung des Landes unter Samora Machel hatte sich mit der Bitte an Godard gewandt, das Land beim Aufbau seines ersten eigenen TV-Senders technisch und programmatisch zu unterstützen.Sarinah Masukor: An Imaginary Africa; online verfügbar bei: screeningthepast.com (englisch; abgerufen am 9. Juli 2023). – Godards eigener Text Naissance (de l’image) d’une nation; ursprünglich erschienen in den Cahiers du cinéma No. 300 vom Mai 1979; online verfügbar – in englischer Übersetzung: Birth (of the image) of a nation – bei ocec.eu (abgerufen am 9. Juli 2023). Godard arbeitete in den folgenden Jahren vorwiegend mit Videotechnik und näherte sich einem dokumentarischen Stil. In den Jahren bis 1979 entstanden als Sonimage-Produktionen die Filme Ici et ailleurs (Hier und anderswo), Numéro 2 und Comment ça va? sowie die Fernsehreihen Six fois deux und France tour détour deux enfants.

Neuanfang in den 1980ern