Hans Kafka, ab 1940 auch John Kafka oder John H. Kafka (* 26. Dezember 1902 in Wien; † 5. Februar 1974 in München) war ein österreichischer Journalist, Schriftsteller und Drehbuchautor. Er ist nicht mit dem Schriftsteller Franz Kafka verwandt.

Leben Kafka ging 1925 nach Berlin, wo er als Theater- und Filmkritiker arbeitete und zwei Bände mit Erzählungen veröffentlichte. Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 emigrierte er nach Wien, London und Paris und schrieb Drehbücher sowie seinen ersten Roman Die Geschichte einer großen Liebe.

Von 1940 bis 1958 lebte er in Hollywood und New York, hauptsächlich als Drehbuchautor. Er war lange Jahre Redakteur der Kolumne „Hollywood Calling – Hans Kafka Speaking“ in der deutschen Exilzeitschrift Aufbau und versorgte die deutschsprachige Emigrantenkolonie in Los Angeles mit Neuigkeiten aus dem kulturellen Leben. 1947 und 1949 entstanden seine beiden Hauptwerke, die Romane The apple orchard und Sicilian street.

1958 kehrte Kafka zurück nach Deutschland und berichtete als Korrespondent des New Yorker Wochenblatts Variety über das Kulturleben im deutschsprachigen Raum.

Frühe Jahre Hans Kafka wurde am 26. Dezember 1902 in Wien-Mariahilf als Sohn eines jüdischen Arztes geboren. Er hatte eine Schwester, Mimi Kafka, die in erster Ehe mit Fritz Mandel verheiratet war, in zweiter Ehe mit Hans Schnabl. Sie emigrierte 1939 nach Australien und kehrte 1950 nach Wien zurück, wo sie 1975 starb.#Wagner 2008.2, S. 365.

Der „kleine Kafka“, wie ihn seine Freunde im kalifornischen Exil nannten, war nicht verwandt mit Franz Kafka, eine Begegnung mit diesem gehörte jedoch zu seinen „stärksten Kindheitserinnerungen“. Er besuchte das Wiener Kandl-Gymnasium und begann anschließend auf väterlichen Wunsch ein Medizinstudium an der Wiener Universität. Nach zwei Jahren tauschte er das Studienfach gegen Philosophie und Rechtswissenschaften. Während oder nach dem Studium war er bei der Wiener Creditanstalt angestellt.#Zohn 1976.1, S. 423.#Bolbecher 2000. – Die Angabe bei Bolbecher „1930 Promotion zum Dr. phil. (Literatur, Psychologie)“ ist wohl falsch, da Kafka damals schon fünf Jahre in Berlin lebte.

Als junger Mann veröffentlichte er erste Gedichte und Prosaskizzen in den Wiener Zeitschriften Die Wage und Der Tag (gegründet 1922). Das Berliner Tageblatt brachte Reisereportagen Kafkas aus Italien, aber auch Kurzgeschichten, Skizzen und Aufsätze.

Berlin (ab 1925) thumb|Programmzettel "Das unsichtbare Mädchen", Komödie von Hans Kafka 1927 1925 ging Kafka nach Berlin und lebte von nun ab vom Schreiben. Er arbeitete hauptsächlich als Theater- und Filmkritiker für die Tageszeitungen B.Z. am Mittag und Tempo, die beide im Ullstein-Verlag erschienen, und für das Wochenblatt Die literarische Welt. Für die illustrierten Wochenblätter Simplicissimus und Jugend lieferte er kleine Glossen und kurze Erzählungen.Kafkas Beiträge zum Simplicissimus: simplicissimus.info – Kafkas Beiträge zur Jugend: jugend-wochenschrift.de. Im Mai 1927 wurde in Berlin durch die Junge Generation seine Komödie Das unsichtbare Mädchen uraufgeführt, Choreographie der Tänze Alexander von Swaine, Orchesterbegleitung durch die Weintraub Syncopators. Ab 1930 verfasste Kafka im Auftrag des Ullstein-Verlags unter anderem Reportagen über berühmte Kriminalfälle, für die er auf Reisen durch Italien, Frankreich und Skandinavien recherchierte.#Weniger 2011 1927 erschien seine erste Novellensammlung Das Grenzenlose mit „fünfundzwanzig Geschichten“, die Franz Theodor Csokor als „surrealistisch“ empfand, während Oskar Maria Graf das „Spielerisch-Gelassene“ der Erzählungen hervorhob. Es folgte 1928 sein zweiter Erzählband Berechnungen und 1931 die Biografie Hans Albers. Das Märchen einer Karriere. 1932 betätigte sich Kafka zum ersten Mal als Drehbuchautor für das Filmlustspiel Im Bann des Eulenspiegels. Von 1928 bis 1932 war Kafka auch an 18 Hörfunksendungen beteiligt.

Exil (ab 1933) Nach der Machtübernahme der Nazis verlor Kafka im April 1933 wegen seiner „nicht-arischen“ Abstammung seine Anstellung beim Ullstein-Verlag. Er unternahm eine Reise nach Chicago, lebte kurze Zeit in der Tschechoslowakei, kehrte 1934 in seine Heimatstadt Wien zurück, ging 1936 nach London, 1937 nach Paris und emigrierte 1940 in die USA, wo er bis 1958 in Hollywood lebte, zwischendurch auch drei Jahre in New York. Um 1934/35 hielt er sich zeitweise im Haus des ehemaligen Opernsängers Hans Siewert, dem Erholungsheim Anker in Henkenhagen bei Kolberg, vor der nationalsozialistischen Verfolgung versteckt.

Wien / London Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, arbeitete Kafka in Wien für den Ralph A. Höger Verlag an verschiedenen Auftragswerken, unter anderem verfasste er einen Kunst-Baedeker von Wien und 1935 das mit italienischem Geld finanzierte Buch Gedanken und Worte, eine Auswahl von Reden und Schriften Mussolinis, die er übersetzte und um eine Einleitung und Kapitelkommentare ergänzte. Zwischen 1935 und 1936 entstand, ebenfalls in Wien, Kafkas erster Roman Die Geschichte einer großen Liebe, die „fiktionale Schilderung der Liebesbeziehung zwischen Lord Nelson und Lady Hamilton“, die er unter dem Pseudonym Walter Gundacker veröffentlichte.#Jaeger 2002, S. 13. 1936 übersiedelte er nach London, „um mit Alexander Korda an Filmprojekten zu arbeiten“.#Jaeger 2002, S. 15.

Paris 1937 ließ sich Kafka mit seiner Frau, der Theaterschauspielerin Trude Burr,Trude (Gertrud) Burr, Kafka oder Kafka-Burr, bisweilen auch Burg. in Paris nieder. Hier verfasste er das Drehbuch zu dem Film Carrefour, der 1938 von Kurt Bernhardt verfilmt und vom französischen Staat preisgekrönt wurde. Eine englische Version des Films kam 1940 unter dem Titel Dead Man’s Shoes heraus.#Ulrich 1993. In Paris schrieb er auch die Story The Uniform, die 1940 unter dem Titel They Met in Bombay in Hollywood verfilmt wurde. Die Story The Birthday Gift, konnte er ebenfalls nach Hollywood verkaufen (erst 1960 unter dem Titel North to Alaska verfilmt), und von dem Erlös die Emigration nach den USA finanzieren.

Im Juni 1939 zogen Kafka und seine Frau zusammen mit dem Komponisten Erich Zeisl und seiner Familie in eine Villa bei Paris (siehe Hans Kafka und Erich Zeisl). Nach Kriegsausbruch wurde Kafka als Österreicher fünf Monate lang interniert, in Maisons-Laffitte bei Paris und in zwei Lagern in der Normandie, Domfront und Damigny. Nachdem seine Frau beim amerikanischen Konsulat in Paris Visa für die Ausreise nach den USA erwirkt hatte, wurde Kafka im Februar 1940 aus dem Internierungslager entlassen.

Hollywood (ab 1940) Nach seiner Freilassung aus der französischen Internierung schifften sich Kafka und seine Frau auf dem Dampfer „De Grasse“ ein, dem letzten Fahrgastschiff, das vor dem deutschen Einmarsch noch von Frankreich aus abfuhr. Am 22. Februar 1940 landeten sie in New York und wurden von dem Produzenten Paul Gordon und Kafkas Agent George Marton empfangen. Im Mai 1940 ließ sich das Ehepaar Kafka in Los Angeles nieder. Sie mieteten einen Bungalow in der Larrabee Street im Westen Hollywoods, einige Kilometer östlich von Beverly Hills, wo viele prominente Emigranten residierten. In der „Kolonie“ der deutsch-österreichischen Emigranten, wo jeder jeden kannte, fühlte er sich alsbald zu Hause.#Jaeger 2002, S. 16–17. In einem Akt der Anpassung an die neue Heimat änderte Kafka seinen Namen in John Kafka bzw. John H. Kafka und nahm 1945 auch unter diesem Namen die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Anders als viele seiner Emigrantenkollegen fand der gut Englisch sprechende Kafka dank seiner bereits in England geknüpften Kontakte schnell Arbeit in Hollywood.#Zohn 1976.1, S. 424–425. Seine Frau hatte weniger Glück. Sie arbeitete zwar als Schauspielerin an kleineren Bühnen in Los Angeles, eine Karriere beim Film blieb ihr jedoch verschlossen.

Im Sommer 1940 arbeitete Kafka an dem Film They Met in Bombay, für den er mit The Uniform die Vorlage geliefert hatte, dann an dem Film Crossroads, eine amerikanische Neuauflage von Carrefour bzw. Dead Man’s Shoes. Bei beiden Filmen wird Kafka im Vorspann nur als Story-Geber genannt.IMDb: imdb.com, imdb.com. Auch Kafka musste immer wieder um Verträge mit den Studios ringen, wie aus seinem Briefwechsel mit Erich Zeisl hervorgeht.#Wagner 2008.2, S. 119–129. Im Lauf der Jahre hatte er mehrere Kontrakte mit einer Laufzeit von vier bis zwölf Monaten, drei Verträge bei MGM, je zwei bei Columbia und King Brothers und einen mit Warner Brothers. Seine Mitarbeit an dem Drehbuch zu dem 1960 herauskommenden Film Man on a String war Kafkas letzte Arbeit für Hollywood.#Zohn 1976.1, S. 424.

Von 1941 bis 1947 war Kafka Mitarbeiter der wöchentlich erscheinenden deutschsprachigen Emigrantenzeitschrift Aufbau (siehe unten). Zeitweise war Kafka auch Redakteur der Beilage „Die Westküste“ und der Clubseite des „Jewish Club of 1933“,#Jaeger 2002, S. 6, 10, Impressum der Clubseiten des „Jewish Club of 1933“. in dem er Mitglied war. 1944 und 1946 wurde er jeweils für zwei Jahre als Member of the Board of Directors (Vorstandsmitglied) gewählt und dem Press Committee zugeteilt, das verantwortlich war für die Clubseite im Aufbau.Aufbau, 10. Jahrgang, Nummer 33, 18. August 1944, S. 16; . Aufbau, 12. Jahrgang, Nummer 35, 30. August 1946, S. 20;

Zwischen 1945 und 1946 entstand sein erstes Hauptwerk, ein Roman in englischer Sprache, The apple orchard, der 1947 veröffentlicht wurde. Der Roman schildert die „Lebensgeschichte“ einer Apfelbaumplantage im amerikanischen Nordwesten, beginnend zur Zeit des Bürgerkriegs, und beschreibt gleichnishaft die Geschichte des amerikanischen Westens. Die Apfelplantage wird von Pilgern aufgebaut, erlebt während eines Goldrauschs ihren Niedergang und dann ihre erfolgreiche Wiederauferstehung durch die gesammelten Anstrengungen einer Kooperative. Die Meinung der Kritik war geteilt, aber eher positiv. Warner Brothers kaufte zwar die Filmrechte, aber nachdem Kafka ein halbes Jahr am Drehbuch gearbeitet hatte, wurde die Verfilmung des Stoffs wieder aufgegeben, wahrscheinlich aus politischen Bedenken.#Zohn 1976.1, S. 425–428, #Warfel 1951.

New York 1947 beendete Kafka seine Mitarbeit beim Aufbau und übersiedelte 1948 mit seiner Frau nach New York, Schauplatz seines zweiten Hauptwerks, des ebenfalls englisch geschriebenen Romans Sicilian street, den er 1948 in Hollywood begonnen hatte. 1949 vollendete er den Roman, der „den Existenzkampf eines italienischen Puppentheaters in New York schildert“. Kafka beleuchtet darin „den Zusammenprall der alten europäischen Romantik mit der amerikanischen Wirklichkeit“. Der Roman stand vier Wochen auf der vorläufigen Bestsellerliste der New York Times, im Übrigen war die Meinung der Kritik auch bei diesem Werk geteilt. Drei Hollywood-Studios erwarben die Optionsrechte für den Stoff, ohne sie zu nutzen. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland erstellte Kafka eine deutsche Neufassung des Romans mit dem Titel Verzauberung in Manhattan, die 1960 in Hamburg erschien und 1961 vom Bertelsmann Lesering übernommen wurde.#Zohn 1976.1, S. 429–431, #Warfel 1951.

Hollywood (ab 1950) 1950 ließ sich Kafka wieder in Hollywood nieder. Er verfasste ein Drehbuch für seinen Roman Sicilian street, das jedoch nicht verfilmt wurde. Um 1952 geriet seine Karriere als Filmschriftsteller ins Stocken. Gründe dafür waren eine schwere Erkrankung in den Jahren 1953 bis 1955, gewiss aber auch sein vorübergehender Weggang nach New York, die reduzierte Produktion der Filmgesellschaften und die Konkurrenz durch renommierte Drehbuchautoren unter den Kriegsheimkehrern. Kafka versuchte, sich durch den Verkauf von Geschichten an kleinere Filmgesellschaften und die aufkommenden Fernsehproduktionen über Wasser zu halten, und lieferte zudem Beiträge für den deutschsprachigen Sender Voice of America und sogar Werbetexte für eine Versicherung.#Jaeger 2002, S. 29#Zohn 1976.1, S. 426.