Die italienische Großstadt Neapel kann auf eine lange und bewegte, in wesentlichen Teilen auch von Fremdherrschaft und Unterdrückung geprägte Geschichte zurückblicken. In den Gebäuden und Museen, aber auch in den kulturellen Eigenheiten der Stadt sind bis heute Spuren aus fast allen Perioden dieser langen Entwicklung zu finden.

Altertum Italiker Vor der Gründung der griechischen Kolonien war die Region Kampanien von italischen Völkern besiedelt: den Oskern, Samniten und den eingewanderten Etruskern.

Griechen (700 v. Chr.–326 v. Chr.) Pithekoussai und Cumae Die erste griechische Siedlung in Kampanien entstand ab 770 v. Chr. auf der Insel Ischia. Der Name der Stadt war Pithekoussai, allerdings ist bis heute nicht geklärt, ob es sich dabei um die erste griechische Kolonie oder nur eine Stadt mit griechischem Handelsstützpunkt handelte. Die in Pithekoussai ansässigen Griechen kamen jedenfalls von der griechischen Insel Euböa, genauso wie die Gründer der ersten Polis auf dem italienischen Festland. Etwa gegen 740 v. Chr. wurde hier die einflussreiche griechische Kolonie Cumae gegründet.

Parthenope (oder Paläopolis) Gegen 700 v. Chr. gründeten die Griechen aus Cumae eine weitere Siedlung, nämlich Parthenope (später auch Paläopolis, d. h. „alte Stadt“ genannt) im heutigen Stadtgebiet Neapels. Parthenope befand sich auf dem am Meer liegenden Hügel Pizzofalcone (auch Monte Ecchia genannt) und der kleinen daran anschließenden Insel Megaride. Der Hafen von Parthenope befand sich im Nordwesten der Stadt.

Neapolis Seit etwa 500 v. Chr. begann im Nordosten des Hafens von Parthenope eine zweite Stadt zu entstehen. Von da an trägt die Stadt Parthenope auch den Namen Paläopolis, was so viel wie „alte Stadt“ bedeutet. Die zweite Stadt, auf dem Gebiet der heutigen Altstadt, bekam den Namen Neapolis, die „neue Stadt“.

An Bauwerken aus der griechischen Zeit sind lediglich Reste der Stadtmauer sowie einige andere funktionelle Strukturen entdeckt worden. Reste der griechischen Stadtmauer kann man noch heute auf der Piazza Bellini sehen. Wie viele andere griechische Kolonien wurde Neapolis nach einem rasterförmigen Plan, der auf den Stadtplaner Hippodamos zurückgeht, erbaut. Die heutige Stadt liegt über der griechischen, die Straßen der Altstadt nehmen aber immer noch den gleichen Verlauf wie damals. Drei Hauptstraßen (die Plateiai, in der römischen Zeit: Decumani) durchzogen die griechische Stadt von Westen nach Osten und wurden durch viele kleine Gassen (die Stenopoi, lat.: Cardi) miteinander verbunden. Der Hauptplatz der griechischen Stadt, die Agora, befand sich auf der heutigen Piazza San Gaetano, die Festung (Akropolis) auf dem Hügel Caponapoli im nordwestlichen Eck der griechischen Stadt.

Schon bald zählte die Stadt zu den prosperierendsten griechischen Städten Unteritaliens (→Magna Graecia). Ein mit dem expandierenden Rom 326 v. Chr. geschlossener Bündnisvertrag trug zu einer langen relativen Unabhängigkeit bei. Aber in den römischen Bürgerkriegen (88–82 v. Chr.) stand Neapel auf der falschen Seite und wurde in der Folge unter Sulla als abhängige Provinzstadt dem römischen Imperium einverleibt.

Römer (326 v. Chr.–476) Im 4. Jahrhundert v. Chr. begann Neapel eine Stadt der Italiker zu werden, wenn auch die Griechen blieben und weiterhin eine einflussreiche Volksgruppe bildeten.Christoph Höcker: Golf von Neapel. DuMont, Köln 1999, S. 81 Um Christi Geburt schildert Strabon Neapel als eine kampanisch-griechische Stadt, die noch über viele Institutionen einer Polis verfügte (Strab. Geograph. 5,4,7), und noch als Kaiser Nero den Ort besuchte, sprach er zu den Einwohnern Griechisch (Sueton, Nero 20,2f.). Inschriften belegen, dass Griechisch auch zur Zeit der Römer lange die Amtssprache blieb, erst im 2. Jahrhundert n. Chr. begann sich Latein durchzusetzen.Christoph Höcker: Golf von Neapel. DuMont, Köln 1999, S. 81. Im Jahr 241 v. Chr. stoppte aber die eigenständige Münzprägung der Stadt, was als Zeichen dafür gesehen werden kann, dass die Stadt im Vergleich zu anderen Städten an Einfluss verloren hatte.Christoph Höcker: Golf von Neapel. DuMont, Köln 1999, S. 81

Wo die heutige Piazza San Gaetano liegt, befand sich der römische Hauptplatz (Forum). Rund um dieses Forum gab es den Tempel der Dioskuren, von dem zwei der originalen Säulen in die heutige Fassade der Basilica di San Paolo Maggiore integriert sind, und den römischen Markt (Macellum), dessen Reste man unter der Kirche San Lorenzo Maggiore besichtigen kann. Im Norden des Forums sind fast ausschließlich unter Wohngebäuden gefundene Reste des römischen Theaters von Neapel zugänglich. Direkt neben diesem größeren Theater lag ein kleineres, überdachtes Theater (Odeon). Im Westen von Neapel, entlang des Hügels Posillipo, entstanden nur in winzigen Resten erhaltene Lustvillen der Oberschicht.

Wie auch die Christen in der Hauptstadt des Imperiums war die frühchristliche Gemeinde Neapels sporadischen Verfolgungen ausgesetzt. Wie in Rom zogen sich die frühen Christen auch in Neapel in Katakomben wie die Hypogäen an der Via dei Cristallini zurück, die der Gemeinde als Begräbnisstätte und Ort des Totengedenkens (nicht aber als Zufluchtsorte, wie man früher meinte) dienten. Dieser Zustand änderte sich endgültig erst, als der junge Glaube nach dem Toleranzedikt von Mailand von der verfolgten Religion zum Staatskult avancierte. Die Katakomben sind bis auf den heutigen Tag erhalten und können besichtigt werden.

Nach Jordanes (Getica, 156„...egressi per Campaniam et Lucaniam simili clade peracta...“) zogen die Goten Alarichs durch Kampanien und Lukanien, also nach 410, und nach der erneuten Plünderung Roms durch die Vandalen, zogen auch diese nach 455 durch Kampanien, wie Paulus Diaconus berichtet. Sie plünderten allerdings nicht Neapel, sondern Capua und Nola (Hist. Rom. 14, 16–17).„Relicta itaque urbe per Campaniam sese Wandali Maurique effundentes cuncta ferro flammisque consumunt, quicquid superesse potest diripiunt, captam nobilissimam ciuitatem Capuam, ad solum usque deiciunt captiuant praedantur. Nolam nihilo minus urbem ditissimam aliasque quam plures pari ruina prosternunt.“ Nach Paulus Diaconus konnten sie Neapel wegen der starken Mauern nicht erobern, doch deportierten sie zahlreiche Bewohner des Umlandes.

miniatur|hochkant=1|Das Reich Odoakers im Jahr 480

Odoaker (476–493) und die Ostgoten (493–ca. 542) Nach 476 beherrschte zunächst der Heerführer Odoaker Italien, 493 etablierte Theoderich der Große dann die ostgotische Herrschaft über den Rumpf Westroms.

Byzantiner (ca. 542–763) Seit 535 eroberten dann die Oströmer unter dem Feldherrn Belisar im Auftrag des Kaisers Justinian im Zuge der Renovatio imperii – dem Versuch, das römische Imperium wiederherzustellen – vorübergehend ganz Italien. Neapel, dessen Einwohner sich mehrheitlich auf die Seite der Ostgoten stellten, fiel nach hartem Kampf, als Belisars Männer durch die Aquädukte in die Stadt eindrangen (Belagerung von Neapel (542–543)). Mit der oströmischen Herrschaft ging eine wieder größere Verbreitung der griechischen Sprache in Süditalien und auf Sizilien einher (bis ins 11. Jahrhundert).

Mittelalter Herzogtum Neapel (763–1139) Als bald nach Justinians Tod 568 die Langobarden in Italien einfielen und damit den Beginn des Mittelalters einläuteten, gelang es den Oströmern bzw. Byzantinern dennoch lange Zeit, ihren Einfluss in Neapel zu behaupten. Erst im Zusammenhang mit dem Ikonoklasmus des 8. Jahrhunderts wechselte die Stadt die Fronten und näherte sich der mit den Langobarden verbündeten römisch-katholischen Kirche an. In der Folge gewann das bereits im 7. Jahrhundert entstandene neapolitanische Herzogtum eine gewisse Autonomie, gehörte aber formell weiterhin zu Byzanz.

In einem eher regionalen Konflikt (mit Benevent) riefen die Herzöge von Neapel um 835 die sizilianischen Araber aufs Festland. Das Bündnis währte ein halbes Jahrhundert, und Neapel wurde so zu einer Ausgangsbasis für die Ausbreitung des Islam in Italien und seiner für den sensiblen Beobachter bis heute im Süden des Landes wahrnehmbaren kulturellen Einflüsse. Insgesamt waren die letzten anderthalb Jahrhunderte des ersten Jahrtausends für die Stadt von anhaltendem Wohlstand geprägt, gemeinsam mit den Flotten der zeitweise verbündeten Seerepublik Amalfi und des Herzogtums Gaeta beherrschte Neapel noch vor den Venezianern und Genuesen den Seehandel im Mittelmeer.

Normannen (1139–1197) Im Jahr 1139 fiel Neapel dann nach zähem Widerstand in die Hand der Normannen und wurde Bestandteil des normannischen Königreichs Sizilien. Die Normannen verstanden es, durch eine geschickte Innenpolitik die unterschiedlichen, oströmisch-byzantinischen, arabischen und westlichen Wurzeln der Region zu einem einzigartigen und eigenständigen kulturellen Konglomerat zu verschmelzen.

Staufer (1197–1266) miniatur|hochkant|Konradin von Hohenstaufen Die Normannenherrschaft dauerte 55 Jahre. 1194 traten die Staufer unter Heinrich VI. an ihre Stelle, indem sie eine dynastische Schwäche der Normannen ausnutzten und sich in einem kurzen Feldzug Süditaliens bemächtigten. Heinrichs Sohn und Nachfolger Friedrich II. gründete 1224 mit der Universität Neapel, die heute seinen Namen trägt, die erste staatliche Hochschule Europas.

Anjou (1266–1442) Die staufische Herrschaft in Neapel überdauerte Friedrichs Tod (1250) nicht lange. Karl I. von Anjou eroberte das so genannte „Königreich beider Sizilien“ als Lehensnehmer des Papstes nach seiner Krönung in Rom 1266. Nach erbitterten Auseinandersetzungen mit den staufischen Erben wurde Konradin, der letzte männliche Staufer, 1268 in Neapel enthauptet.

Nachdem in der Folge der sizilianischen Vesper 1282 die Insel Sizilien für die Anjou verloren gegangen war, konzentrierten sie sich ganz auf ihre festländischen Besitzungen und machten Neapel zur Residenz ihres Königreiches. Auch wenn ihre bis 1442 andauernde Herrschaft innenpolitisch von brutaler Unterdrückung geprägt war, sorgten sie für eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit der Stadt und ergriffen grundlegende städtebauliche Maßnahmen zu ihrer Modernisierung. Neapel wurde in dieser Epoche neben Florenz zum tonangebenden Zentrum auf den Gebieten der Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Architektur in Italien und Europa. Zahlreiche unter den Anjou errichtete Bauwerke zeugen noch heute von der ökonomischen Prosperität und dem kulturellen Glanz der Stadt in dieser Zeit.

Neuzeit

Aragonesen (1442–1501) miniatur|hochkant|Das Königreich Aragón

1442 besiegte der aragonesische König Alfonso den letzten Herrscher der Anjou. Unter den Aragonesen wurden die ökonomischen Verbindungen Neapels zur Iberischen Halbinsel intensiviert, die Wirtschaft insgesamt gefördert und die Stadt zu einem Zentrum der italienischen Renaissance.

Spanische Habsburger (1501–1647 und 1648–1713) Zu Beginn des 16. Jahrhunderts schließlich, nach einer nur kurzen Episode französischer Herrschaft, wurden Stadt und Königreich Neapel als Provinz dem spanisch-habsburgischen Weltreich angegliedert. Damit begann die Ära der spanischen Vizekönige von Neapel, unter denen die Stadt den Tiefpunkt ihrer wirtschaftlichen und politischen Entwicklung erreichen sollte.

miniatur|hochkant|Vizekönig Pedro Álvarez de Toledo