mini|hochkant=1.5|Größte Ausdehnung von Pontos unter Mithridates VI. Das Königreich Pontos lag an der Südküste des Schwarzen Meeres. Es wurde von Mithridates I. Ktistes im 3. Jahrhundert v. Chr. gegründet und existierte bis ins 1. Jahrhundert v. Chr. Das Königreich erreichte seine größte Ausdehnung unter der Herrschaft von Mithridates VI., der Kappadokien, Bithynien, Galatien, Kolchis, die römische Provinz Asia und das Bosporanische Reich kontrollierte. Nach einem langen Machtkampf zwischen dem Römischen Reich und Pontos wurde das Königreich schließlich zum Teil in das Römische Reich eingegliedert und existierte dort als Provinz Bithynia et Pontus weiter. Der östliche Teil von Pontos bestand als Klientelkönigreich Roms weiter bis zur Aufhebung unter Nero.

Unsichere Eckdaten Ein Königreich wird über seine Könige definiert. Im Fall des Königreiches Pontos ist die Anzahl und die Reihenfolge der Könige bis zum heutigen Tag nicht vollständig geklärt. Zu den offenen Fragen gehören eindeutige Regierungszeiten und – als Folge davon – die Zuordnung von einzelnen überlieferten Handlungen. Die etablierte Meinung der Wissenschaft stützt sich auf die Überlieferung von Georgios Synkellos, der in seiner Weltchronik 218 Jahre Herrschaft der pontischen Könige aufführt. In einer Konstruktion nimmt man den Tod von Mithridates VI. als das Ende des Königreichs Pontos an. Damit hätte das Reich von 281 v. Chr. bis 63 v. Chr. existiert.Oleg L. Gabelko: The Dynastic History of the Hellenistic Monarchies of Asia Minor According to the Chronography of George Synkellos. In: Mithridates VI and the Pontic Kingdom. Aarhus University Press, Århus 2009, S. 48; Georgy Kantor: Mithridates I–VI of Pontos. In: The Encyclopedia of Ancient History, Band 8. Blackwell Publishing Ltd., 2013, S. 4544–4545.

Geschichte Wurzeln des Königreichs Vom Pontos Euxeinos, dem Schwarzen Meer, wanderte der Begriff Pontos an dessen südöstliche Küste und zur Region,Für eine ausführliche Diskussion des Namens siehe das Kapitel „Names and Identities in the Pontus“ im Artikel Stephen Mitchell: In Search of the Pontic Community in Antiquity. In: Alan K. Bowman u. a. (Hrsg.): Representations of Empire: Rome and the Mediterranean World. Oxford 2002. die von den Mithridaten im 3. Jahrhundert v. Chr. bis Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. zu einer gesellschaftlichen Struktur geformt wurde. Pontos ist ein Begriff für Raum (Geografie) und Territorium (Politik). Die Herkunft eines pontischen Volks liegt im Dunklen. Als Pontier bezeichneten sich die Bewohner des Gebiets erst, als die Römer nach dem Ende des Königreichs das Gebiet als Provinz annektierten.Anica Dan: Pontische Mehrdeutigkeiten. In: eTopoi Journal for Ancient Studies Band 3, 2014, S. 44.

Die Spuren der Vorfahren der pontischen Könige führen nach Kios, einer kleinen Stadt am Südufer des Marmarameers in Mysien. Die Mithridatische Dynastie ist vom griechischen Geschichtsschreiber Diodor an drei Stellen überliefert.Diodor 15.90.3; 16.90.2; 20.111.4; A. B. Bosworth, P. V. Wheatley,The origins of the Pontic house. In: The Journal of Hellenic Studies 118, 1998, S. 155. Er erwähnt in einer der drei StellenDiodor 20.111.4. die Ermordung eines Angehörigen der königlichen Familie namens Mithridates durch Antigonos I. Monophthalmos. Dieser Mithridates habe 35 Jahre über Kios in Mysien geherrscht. Sein Nachfolger mit dem gleichen Namen habe die Herrschaft auf Kappadokien und Paphlagonien ausgedehnt. Diodor verwendet dafür die Wörter „Dynastie“ und an anderer Stelle „Königreich“. Diese Bezeichnungen deuten nicht auf Satrapien hin. Zudem wird Kios nicht als Teil eines persischen Lehen bezeichnet und es gibt keine Hinweise auf Satrapen oder auf eine persische Dynastie. Die über lange Zeit etablierte Meinung der Forschung konnte die Bedeutung dieser Indizien nicht einordnen und sprach daher immer von den Satrapen von Kios. Auch ein anderer Aspekt wurde bis anhin nicht beachtet: Das tributpflichtige Kios zahlte im Vergleich zu anderen Städten eine sehr bescheidene Steuer. Nachdem dieser Umstand in das Bewusstsein der Forschung getreten war, schloss man daraus, dass die Stadt keine große wirtschaftliche und politische Bedeutung gehabt habe.

Das Königreich der Mithridatischen Dynastie konnte sich also nicht nur auf kleine Städte wie Kios beschränken, wie bisher angenommen, sondern – so die Schlussfolgerung – erstreckte sich über ganz Mysien in der Form eines vererbbaren Fürstentums.A. B. Bosworth, P. V. Wheatley,The origins of the Pontic house. In: The Journal of Hellenic Studies 118, 1998, S. 156.

Das Herrschaftsgebiet der Mithridaten reichte aber noch weiter. Polybios beschreibt es dem Schwarzen Meer entlang, ein Gebiet, das ihnen von Dareios I. übergeben worden war. Es ist die Region Mariandynien mit ihrem Zentrum Bithynion, das spätere Claudiopolis.A. B. Bosworth, P. V. Wheatley: The origins of the Pontic house. In: The Journal of Hellenic Studies 118, 1998, S. 158. Zur gleichen Zeit herrschte Ariarathes I. als Satrap über Kappadokien. Es sieht so aus, als ob das spätere Gebiet des Königreichs Pontos ursprünglich von diesen zwei Familien beherrscht worden ist.A. B. Bosworth, P. V. Wheatley,The origins of the Pontic house. In: The Journal of Hellenic Studies 118, 1998, S. 157.

Stammbaum der Mithridaten Von Justin, der sich auf Pompeius Trogus stützt, stammen die Äußerungen von Mithridates VI. Eupator, der seine Familie mütterlicherseits auf Alexander den Großen und Seleukos I. und väterlicherseits auf Kyros II. und Dareios I. zurückführt.D. Burcu Arıkan Erciyas; Studies in the archaeology of hellenistic Pontus: The settlements, monuments, and coinage of Mithradates VI and his predecessors. Dissertation, University of Cincinnati, 2001, S. 74. Dieser Anspruch auf königliche Linien wurde ihm von den Historikern bis vor kurzem abgesprochen.A. B. Bosworth, P. V. Wheatley,The origins of the Pontic house. In: The Journal of Hellenic Studies 118, 1998, S. 155. Stattdessen griff man auf den phrygischen Satrapen Ariobarzanes zurück und baute mit dem wenigen vorhandenen Quellenmaterial einen Stammbaum der Mithridaten, der in der Folge zu vielen Ungereimtheiten führte, die nie vollständig aufgelöst werden konnten.Brian C. McGing: The Kings of Pontus: some problems of identity and date. In: Rheinisches Museum für Philologie, Neue Folge, 129. Bd., 1986, S. 248–259.

Eine neuere Studie arbeitet mit dem gleichen Quellenmaterial, setzt das Material aber neu zusammen und kommt zu einer völlig neuen Interpretation, die dem Anspruch von Mithridates VI. Eupator recht geben könnte. Das Besondere ist die Tatsache, dass sie mit ihrer Hypothese alle Quellen in Übereinstimmung bringt.A. B. Bosworth, P. V. Wheatley,The origins of the Pontic house. In: The Journal of Hellenic Studies 118, 1998. Der Stammbaum von Bosworth und Wheatley ist mit leichten Änderungen in der folgenden Grafik dargestellt.

rahmenlos|hochkant=4.0|Der Stammbaum der Mithridaten vor den Königen von Pontos.

Die Zeit der Könige Der Begriff „Königreich Pontos“ oder „pontisches Königreich“ wurde von der Nachwelt erschaffen. Die Könige selber und Zeitgenossen haben diesen Begriff nicht verwendet, sondern sprachen vom „Reich des Königs“. Es gehört zur persischen Tradition, dass die Abstammung und nicht das Territorium einem König seinen Titel verleiht.Anca Dan: Pontische Mehrdeutigkeiten. In: eTopoi Journal for Ancient Studies Band 3, 2014, S. 46.

Die Herausbildung der griechisch-iranischen Monarchie hat das Territorium in der Folge stark geprägt und ihm eine Identität gegeben. Der „pontische“ Name wurde ihm wahrscheinlich von den Persern oder den Seleukiden gegeben. Noch Polybios spricht aber von einem pontischen Kappadokien, als er über die Hochzeit von Antiochos III. mit Laodike, der Tochter Mithridates’ II. berichtet,Anca Dan: Pontische Mehrdeutigkeiten. In: eTopoi Journal for Ancient Studies Band 3, 2014, S. 47. und Strabon erzählt: „Was Kappadokien betrifft: Es kam, von den Persern in zwei Satrapien geteilt, in den Besitz der Makedonen, die es teils gern, teils ungern geschehen ließen, dass aus den Satrapien Königreiche wurden; von diesen nannten sie das eine ‚Kappadokien‘ im engeren Sinne oder ‚Kappadokien am Tauros‘ oder gar ‚Großkappadokien‘, das andere ‚Pontos‘ (Andere, ‚Kappadokien am Pontos‘).“ Erst Gaius Iulius Caesar überliefert als erste römische Quelle „einen Triumph ex Ponto“.Anca Dan: Pontische Mehrdeutigkeiten. In: eTopoi Journal for Ancient Studies Band 3, 2014, S. 48.

Die Könige schufen in ihrem Reich eine einheitliche Verwaltung und strukturierten das Gebiet mit wirtschaftlichen, militärischen und religiösen Zentren. „Trotz einer Vielzahl von Sprachen, Traditionen und Lebensweisen müssen wir annehmen, dass zum Zeitpunkt des Todes Mithridates’ VI. Eupator das pontische Reich eine gewisse Symbiose aus griechischen, iranischen und anatolischen Elementen erreicht hatte, die als ‚pontisch‘ bezeichnen werden können.“

Mithridates I. Ktistes links|mini|Alter Orient um 300. v. Chr. Mithridates Ktistes gilt als der Begründer des Königreichs, dessen genaue Geburtsstunde nicht geklärt ist. Er kämpfte in den Diadochenkriegen auf der Seite von Eumenes und wechselte nach der Schlacht von Gabiene auf die Seite von Antigonos I. Monophthalmos. Im Jahr 302 v. Chr. flüchtete er aufgrund der Warnung seines Freundes Demetrios nach Paphlagonien, wo er zwischen 302 und 266 v. Chr. herrschte. In diesem Zeitraum proklamierte er sich als ersten König von Pontos.Studies in the archaeology of hellenistic Pontus: The settlements, monuments, and coinage of Mithradates VI and his predecessors. D. Burcu Arıkan Erciyas, Dissertation, University of Cincinnati, 2001, S. 78; Georgy Kantor: Mithridates I–VI of Pontos. In: The Encyclopedia of Ancient History, Band 8. Blackwell Publishing Ltd., 2013, S. 4544–4545.

Ariobarzanes Über Ariobarzanes’ Regierungszeit ist nur wenig bekannt. Er dürfte die letzten Herrschaftsjahre seines Vaters mit ihm geteilt haben. Er wird im Zusammenhang mit der Eroberung von Amastris und bei Geschäften mit den Galatern genannt.Georgy Kantor: Mithridates I–VI of Pontos. In: The Encyclopedia of Ancient History, Band 8. Blackwell Publishing Ltd., 2013, S. 4545.

Mithridates II. Der Sohn des Ariobarzanes, Mithridates II., war noch ein Kind, als sein Vater starb. Die Galater versuchten die Schwäche des Reichs auszunutzen und überquerten die Grenzen von Pontos. Der Angriff wurde mit Hilfe von Herakleia Pontike zurückzuschlagen. Um sein Land außenpolitisch zu festigen, betrieb Mithridates II. später eine aktive Heiratspolitik. Er selber heiratete die Schwester Seleukos’ II. und verheiratete seine Töchter sowohl mit Seleukos’ Sohn Antiochos III. als auch mit Antiochos Hierax. Die königlichen Wurzeln der Mithridatischen Familie könnten der Hintergrund der Hochzeiten zwischen den Seleukiden und einer zur damaligen Zeit unbekannten nicht-griechischen Königsfamilie gespielt haben. Im Bruderstreit zwischen Antiochos Hierax und Seleukos II. unterstützte Mithridates II. Antiochos Hierax und siegte zusammen mit ihm in der Schlacht von Ancyra. Das genaue Todesjahr des dritten pontischen Königs ist nicht bekannt.

Mithridates III. Über die Herrschaftszeit von Mithradates’ Sohn Mithradates III. sind nur wenige Informationen überliefert. Manche Wissenschaftler vermuten, er sei mit Mithridates II. identisch. Das würde aber zu einer Herrschaftszeit von Mithridates II. führen, die unwahrscheinlich lang ist. Zum Zweiten würde die von Plutarch und Appian überlieferten Anzahl pontischer Könige von acht nicht eingehalten.George Synkellos erwähnt sogar zehn Könige, siehe dazu The Dynastic History of the Hellenistic Monarchies of Asia Minor According to the Chronography of George Synkellos. Oleg L. Gabelko, in Mithridates VI and the Pontic Kingdom. Aarhus University Press, Århus 2009, S. 47–61. Als letztes können die fünf Felsengräber in Amaseia, von denen das letzte unbeendet ist und Pharnakes zugeschrieben wird, nicht zugeordnet werden.