Die Samson-Raphael-Hirsch-Schule war eine jüdisch-orthodoxe Schule in Frankfurt am Main. Sie war eine Realschule für Knaben und ein Lyzeum für Mädchen der Israelitischen Religionsgesellschaft. Die Schule vermittelte sowohl traditionelle jüdische Werte als auch eine weltliche Bildung, wodurch sie Modellcharakter für moderne orthodoxe jüdische Schulen erlangte. Die Bildungseinrichtung bestand 86 Jahre – sie wurde nach der sukzessiven Vertreibung und Entrechtung ihrer jüdischen Schüler und Lehrer durch die Nationalsozialisten im Jahr 1939 geschlossen. Das Schulgebäude wurde im Zweiten Weltkrieg durch britische und US-amerikanische Bombenangriffe in Mitleidenschaft gezogen und nach einer erneuten Inbetriebnahme zwischen 1946 und 1948 in den Nachkriegsjahren schließlich 1960 abgerissen. An seine Stelle trat ein Erweiterungsbau des heutigen Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums. Dort wird seit 1989 durch eine erste Gedenktafel an die dort vorher stehende Schule erinnert.

Geschichte miniatur|1861: Realschule und Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft am südwestlichen Rand der Pfingstweide auf dem Areal des Militärhospitals, im rechten oberen Viertel des Kartenausschnittes (mit „18“ bezeichnet) miniatur|1864: Die Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft (von der linken oberen Ecke aus das zweite vollständig abgebildete Gebäude) miniatur|Das zweite Schulgebäude der Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft, das im Jahr 1881 eingeweiht wurde miniatur|1887: Eine 1. Klasse der Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft mit ihrem Lehrer miniatur|1895: Realschule und Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft, auf dem Kartenausschnitt oben links unterhalb des dort als „Staats-Gymnasium“ bezeichneten Kaiser-Friedrichs-Gymnasiums, des heutigen Heinrich-von-Gagern-Gymnasiums miniatur|Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft und Kaiser-Friedrichs-Gymnasium auf einer Postkarte von 1905 miniatur|Ansichtskarte zum 75. Jubiläum der Schule aus dem Jahr 1928 mit hebräisch- und deutschsprachiger Aufschrift

1853–1871 Die Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft wurde im Jahr 1853 am südwestlichen Rand der Pfingstweide, eines ehemaligen Exerziergeländes, in der Schützenstraße im Ostend durch Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) eingeweiht, der auch als erster Schulleiter agierte. Der westliche Teil des Ostends wurde bis zum Zweiten Weltkrieg maßgeblich durch seine jüdische Bevölkerung geprägt.

Das Schulgebäude wurde auf dem Areal eines Militärhospitals errichtet. Zu dieser Zeit bestand zwischen dem östlichen Abschluss der ab 1846 so bezeichneten Pfingstweidstraße und dem nordöstlichen Abschluss der Kleinen Pfingstweidstraße (heute: Zobelstraße) noch keine Straßenverbindung, sondern ein beiderseits von Bäumen gesäumter breiter Weg der Pfingstweide, dessen Verlauf im Wesentlichen der heutigen Bernhard-Grzimek-Allee (früherer Straßenname dieses Straßenabschnitts: Am Tiergarten) entspricht. Über die Kleine Pfingstweidstraße konnte nach wenig mehr als einhundert Metern der 1847 eröffnete Hanauer Bahnhof erreicht werden. Die Dampflokomotiven prägten somit zumindest bis 1912 auch die Geräuschkulisse im schulischen Umfeld.

1871–1918 1874 zog der im Jahr 1858 gegründete Zoologische Garten von der Bockenheimer Landstraße in Frankfurts Stadtteil Westend auf die Pfingstweide und wurde so unmittelbarer Nachbar der Schule. Gegenüber der Ostfassade des Schulgebäudes wurde die Grundstückseinfriedung des Zoos errichtet, während der an der Schule entlang führende Weg zur Straße ausgebaut wurde.

1875 wurde eine Pferdebahnlinie zum Hanauer Bahnhof eröffnet, so dass die Schule durch ein weiteres öffentliches Verkehrsmittel erreichbar war. Den steigenden Schülerzahlen Rechnung tragend, konnte 1881 der Neubau der Schule bezogen werden, der mehr Unterrichtsräume bot als der Vorgängerbau.

Zwischen 1884 und 1888 wurde an die nördliche Stirnwand der jüdischen Schule das Königliche Kaiser-Friedrichs-Gymnasium angebaut, das heutige Heinrich-von-Gagern-Gymnasium, eingeweiht am 11. April des Dreikaiserjahres. Diese Schule sollte das Städtische Gymnasium entlasten. Einige erhaltene Klassenfotos der Samson-Raphael-Hirsch-Schule aus der Kaiserzeit sind online über die Einzelnachweise abrufbar.Foto: Klasse des Lyzeums mit zwei Lehrern, um 1906 auf: before-the-holocaust.netFoto: Klasse der Realschule mit Lehrerin, 1906 auf: before-the-holocaust.netFoto: Klasse der Realschule mit Lehrer, 1907 auf: before-the-holocaust.net

Zwischen 1907 und 1910 entstand an Stelle des großen Riederbruchs, eines ehemaligen Flussarmes des Altmains, der Ostpark mit einem Schulgarten, von dem auch der Naturkundeunterricht der nahegelegenen Schule profitierte. 1913 wurde als Nachfolger des im Vorjahr stillgelegten und abgetragenen Kopfbahnhofes (ehemaliger Hanauer Bahnhof) der als Durchgangsbahnhof konzipierte Neubau des Ostbahnhofes am neu entstandenen Danziger Platz eröffnet, von der Schule ein paar hundert Meter weiter entfernt.

Der Beginn des Ersten Weltkrieges wurde von den Schülern und Lehrern enthusiastisch gefeiert, patriotisch gestimmt gingen einige der Lehrer und ältere sowie frühere Schüler im Kriegsverlauf als Soldaten an die Front.

1918–1933 In der Weimarer Republik wuchs die Anzahl der Schüler erneut an. Als 1928 das 75-jährige Bestehen der Schule gefeiert wurde, zählte sie rund 400 Schüler und 22 Lehrer. Zum Jubiläum erhielt die Schule erstmals einen eigenständigen Namen und wurde nach ihrem Gründer Samson-Raphael-Hirsch-Schule benannt. Neuer Direktor wurde Markus Elias (* 15. Juli 1886 in Wien). Mehrere erhaltene Fotos von Klassen, Lehrerkollegium und 75. Schuljubiläum aus der Zeit der Weimarer Republik können online über die Einzelnachweise abgerufen werden.Foto: Klassenfoto mit Lehrer auf dem Schulhof, um 1919 auf: before-the-holocaust.netFoto: Klassenfoto mit Lehrer Moses Kaufmann auf dem Schulhof, um 1920 auf: before-the-holocaust.netFoto: Lehrer Moses Stern, um 1920 auf: before-the-holocaust.netFoto: Klassenfoto mit Lehrern im Klassenraum, 1925 auf: before-the-holocaust.netFoto: Lehrerkollegium mit Hilfskräften auf dem Schulhof, um 1926 auf: before-the-holocaust.netFoto: Postkarte anlässlich des 75-jährigen Jubiläums der Samson-Raphael-Hirsch-Schule mit hebräisch- und deutschsprachiger Aufschrift, 1928 auf: before-the-holocaust.netFoto: Klassenfoto auf dem Schulhof, um 1930 auf: before-the-holocaust.net

1933–1945 Die Schule war der jüdischen Orthodoxie verpflichtet und unterrichtete daher auch Althebräisch, Talmud und Tnach (Heilige Schrift/Bibel). Dieses Schulprofil behielt bis Anfang des Jahres 1933 seine Gültigkeit, danach bestimmten die Nazis maßgeblich mit. Deren Maßnahmen zur sukzessiven Ausgrenzung, Vertreibung und Verfolgung der Juden beeinflusste die Entwicklung der Schule nachhaltig. Ab 1935 wurde in allen Klassen Ivrit, die hebräische Umgangssprache, gelehrt. In deren Kontext stand eine stärkere Betonung der Gegenwartskunde gegenüber abstraktem historischen Wissen. Ebenfalls neu war Palästinakunde, neben dem Erlernen von Fremdsprachen ganz vor dem Hintergrund der von den Nazis zunächst betriebenen Auswanderungspolitik für Juden. Diesem Anspruch konnten einige Lehrer gerecht werden, die das Land aus eigener Erfahrung kannten. Der Ausgrenzung setzte die Schule jüdische Themen entgegen, um die Schüler (und Lehrer) mental zu stärken. Nicht verhindern ließ sich jedoch, dass im Biologieunterricht die Vererbungslehre und die NS-Rassenkunde großen Raum einnahm, die nun Pflicht waren.Meier-Schüler. In: „Die Samson-Raphael-Hirsch-Schule in Frankfurt am Main. Dokumente – Erinnerungen – Analysen“. S. 105

Die Schüler spürten den Druck, den die Nazis auf ihre Familien und die Schule ausübten, ihre berufstätigen Angehörigen wurden vielfach aus ihren Berufen und den entsprechenden Ausbildungsstätten gedrängt und zur Berufsumschichtung gezwungen. Die Schule stellte sich den daraus resultierenden Anforderungen mit der Intensivierung des Englisch- und Iwrith-Unterrichts und der Palästinakunde als Vorbereitung auf die Emigration. „Von größter Wichtigkeit waren aber angesichts der immer stärker um sich greifenden Umschichtung die 1933 begründeten und bis 1938 fortgesetzten Schreinerkurse …“ Zugleich zu diesen zum Teil außerhalb des normalen Unterrichts angebotenen Aktivitäten intensivierten die Schüler ihr sportliches Engagement, um ihre die körperliche Widerstandskraft zu erhöhen.„Geschichte der Samson-Raphael-Hirsch-Schule – 1928–1939“, zitiert nach Ernst Karpf: Samson Raphael Hirsch-Schule – Schule der Israelitischen Religionsgesellschaft auf der Webseite Frankfurt am Main 1933-1945 des Instituts für Stadtgeschichte

Um der Ausgrenzung und Benachteiligung im kleinstädtischen und ländlichen Milieu zu entfliehen, zog es immer mehr jüdische Schüler aus dem weiteren Umland in die Großstadt. Die Schule musste daher nicht nur weitere Schülerströme aufnehmen, sondern auch Förderkurse für Hebräisch einrichten. Für diese Schüler wurde in unmittelbarer Nähe das Wohnheim Beth Nearim eingerichtet, das von der Agudas Jisroel unterstützt wurde.Foto: Gemeinsames Abendessen im Wohnheim Beth Nearim für auswärtige Schüler der Samson-Raphael-Hirsch-Schule, rechts der Leiter des Wohnheims, Josef Meyer – Aufnahme um 1936 auf: ffmhist.de Wie überall im Deutschen Reich waren die jüdischen Schülerinnen und Schüler ebenso wie die Lehrer auf dem Schulweg nahezu täglich Anfeindungen und massiver Diskriminierung ausgesetzt, teils auch physischer Gewalt. Dazu trugen auch die Schüler des benachbarten Kaiser-Friedrichs-Gymnasiums (das heutige Heinrich-von-Gagern-Gymnasium) aktiv bei. Den jüdischen Lehrern war der Kopf geschoren worden, viele hatten massiv an Körpergewicht verloren.Berichte gegen Vergessen und Verdrängen von 100 überlebenden jüdischen Schülerinnen und Schülern über die NS-Zeit in Frankfurt am Main. Verlag Marg. Wehle. Witterschlick/Bonn 1995. S. 28, 55, 76, 77, 112, 132, 136.

Unterstützung benötigte jedoch auch die Schule selbst. Die zu diesem Zweck gegründete „Nothilfe zur Erhaltung des Schulwerkes der Israelitischen Religionsgesellschaft“ sammelte Spenden, um den Schulbetrieb in vollem Umfang aufrechterhalten zu können. Ansässig war die Nothilfe-Organisation im Gebäude der Samson-Raphael-Hirsch-Schule, Am Tiergarten 8.Faksimile: Danksagung der Nothilfe zur Erhaltung des Schulwerkes der Israelitischen Religionsgesellschaft für eine großzügige Spende, 1938 auf: ffmhist.de

Die Schülerzahlen blieben in den 1930er Jahren auf einem relativ konstanten Niveau, obwohl große Fluktuation herrschte. Einerseits nahmen die Schülerabgänge durch zunehmende Auswanderungen stark zu, andererseits kamen aus dem näheren und weiteren Umland ständig neue Schüler hinzu.Meier-Schüler. In: Die Samson-Raphael-Hirsch-Schule in Frankfurt am Main. Dokumente – Erinnerungen – Analysen. S. 111. Die so genannten Landjuden sahen sich zunehmenden Anfeindungen der „arischen“ Landbevölkerung ausgesetzt und erhofften sich durch Zuzug in die nächstgelegene Großstadt einen besseren Schutz durch die dort weitaus größeren jüdischen Gemeinden. Die ersten (organisierten) Anfeindungen datieren auf den 1. April 1933, fanden in der Bevölkerung jedoch keine große Resonanz. Am 24. Februar 1935 veranstaltete die Samson-Raphael-Hirsch-Schule gemeinsam mit der Israelitischen Volksschule einen Künstlerischen Abend im Saalbau.Foto: Künstlerischer Abend der Samson-Raphael-Hirsch-Schule und der Israelitischen Volksschule Frankfurt am Main im Saalbau am 24. Februar 1935 auf: before-the-holocaust.net Im gleichen Jahr verstärkten sich die Übergriffe erheblich, mit den Nürnberger Rassegesetzen nahm auch der staatliche Druck deutlich zu.Zuflucht in Frankfurt für Juden vom Lande auf: ffmhist.de

miniatur|Statistische Erhebung 1935–1937: Zuzug von Landjuden zur Großstadt, gleichzeitig Emigration wohlhabender jüdischer Familien bzw. Kinderverschickung ins Ausland