Taschendiebstahl gehört zur Straßenkriminalität und ist eine Form des Diebstahls, bei der der Täter, der Taschendieb, eine fremde bewegliche Sache, die sich im unmittelbaren Einflussbereich (am Körper) einer anderen Person befindet (z. B. Bekleidung oder Handtasche, Rucksack, Einkaufstüte), an sich bringt in der Absicht, diese sich oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen. Neben Geldbörsen gehören seit der weiten Verbreitung von Mobiltelefonen auch diese zu den bevorzugten Beutestücken von Taschendieben.

In Deutschland ging die Zahl der Anzeigen von Taschendiebstahl nach einem Höhepunkt im Jahr 2015 wieder deutlich zurück.

Geschichte Ihre erste Erwähnung fanden Taschendiebe im 13./14. Jahrhundert. Im Jahr 1585 wurde erstmals von Diebesschulen berichtet, in denen an Klingelpuppen das Handwerk der Taschendiebe geübt wurde. Zur damaligen Zeit gab es viele gute Taschendiebe, die einen Sonderstatus unter ihren Artgenossen innehatten. Zu den bekanntesten gehören dabei George Barrington, John Dawson, Mimi Lepreuil („la main d’or“), Lady Finger, Elizabeth West, John Larney, Emilie Kemnat und Sophie Lyons.

Im Mittelalter wurden Taschendiebe als „Beutelschneider“ bezeichnet. Der Begriff beschreibt den Vorgang: Zu der Zeit war es üblich, das Barvermögen in einem Beutel am Gürtel zu tragen. Auch diese Diebe machten sich vielfach das Gedränge auf Straßen oder bei einem Menschenauflauf zunutze. Andere Bezeichnungen sind der niederdeutsche Begriff Torfdrucker (Torf = Beutel, drucker = stehlen), Chailefzieher (chelef = umgangssprachlich Geld) oder Paddendrücker aus der Berliner Umgangssprache (Padde = Geldbörse). Schon damals nutzten die Täter ebenfalls die Möglichkeit, das Opfer anderweitig abzulenken, um den Beutel unbemerkt abzuschneiden.

Ähnliche Methoden finden auch heute wieder Anwendung, vor allem in belebten Touristengegenden. Dort schneiden die (häufig mit Mopeds motorisierten) Taschendiebe den Riemen von Handtasche oder Rucksack durch und entreißen diese dem Besitzer. Hierbei handelt es sich dann strafrechtlich um einen Raub gem. § 249 StGB (Deutschland).

Kriminalstatistik Deutschland Das Bundeskriminalamt gibt jährlich eine Statistik über alle in Deutschland gemeldeten Straftaten heraus, die Polizeiliche Kriminalstatistik. Danach macht Taschendiebstahl in Deutschland ca. 5 % aller Fälle von Diebstahl aus. Anders als bei Diebstahl insgesamt, wo sich die Fallzahlen in den letzten drei Jahrzehnten halbierten, verläuft die Entwicklung beim Taschendiebstahl uneinheitlich: Nach einem drastischen Anstieg Anfang der 1990er Jahre stagnierten die Zahlen, um bis zum Jahr 2015 erneut enorm zu steigen. 2015 war der Höhepunkt des Berichtszeitraums mit 168.142 angezeigten Fällen bzw. 207 Fälle pro 100.000 Einwohner erreicht. Bis 2021 fielen die Zahlen so schnell, wie sie zuvor anstiegen, auf nur noch 72.903 Fälle bzw. 88 pro 100.000 Einwohner.

Die Aufklärungsquote für das Delikt schwankte in den letzten 15 Jahren um 6 %. Die Aufklärungsquote beim Taschendiebstahl ist die geringste aller erfassten Delikte in der Polizeilichen Kriminalstatistik. Außerdem bleibt das große Dunkelfeld zu beachten.

Tatausführung Arbeitsteilige Organisation Zumeist gehen Taschendiebe in Teams von drei bis sechs Tätern arbeitsteilig vor: Einer beobachtet die Umgebung, einer lenkt das Opfer ab, ein dritter stiehlt, ein vierter übernimmt blitzschnell das Diebesgut und verschwindet damit.Thomas Öchsner: Tatort Bahnhof. In: Süddeutsche Zeitung vom 26. September 2016, S. 1. Vier A stehen dabei für Ausspähen, Ablenken, Aktion durchführen, Abtransport. In jeder Phase können potentielle Opfer den Dieb stören. Das Modell gehört daher zu den präventiven Aufklärungsmaßnahmen der Polizei.

In den letzten Jahren sind in manchen Großstädten Deutschlands, beispielsweise Köln, immer wieder Taschendiebe in Erscheinung getreten, die tatsächlich oder vermeintlich (aber nicht nachprüfbar) unter 14 Jahre alt sind und daher weder strafrechtlich belangt noch für längere Zeit festgenommen werden können. In vielen Fällen ergibt sich aufgrund polizeilicher Ermittlungen der Verdacht, dass eine erwachsene Person die Kinder zum Diebstahl angestiftet hat.

Täter kamen z. B. in Hamburg im Jahr 2015 aus Nordafrika (Tunesien, Algerien) und Südosteuropa (Rumänien).André Zand-Vakili: Zahl der Taschendiebstähle geht zurück. In: Hamburger Abendblatt vom 13. Juli 2016, S. 15. Teilweise ist auch Bandenkriminalität im Spiel. Unter ihnen werden Revierkämpfe ausgetragen. Arbeiten müssen die Taschendieb-Gruppen, bis sie eine vorgegebene Summe pro Tag zusammengestohlen haben. Die Mittelsmänner sammeln die erbeuteten Gelder ein und überweisen sie sofort ins Ausland.Die rbb Reporter: Der große Klau – Die Mafia der Taschendiebe. Gezeigt im RBB Fernsehen am 12. April 2016 von 20:14 bis 21:00.

Typische Gefahrensituationen Äußere Umstände wie Gedränge an öffentlichen Plätzen oder Menschenansammlungen begünstigen die Durchführung der Tat, weshalb die Kriminalpolizei regelmäßig zu besonderer Aufmerksamkeit an solchen Örtlichkeiten aufruft.Polizei Hamburg: Wir informieren: Achtung Taschendiebe. Faltblatt, Hamburg, 02.2014. Die Opfer werden durch Beobachtung ausgespäht. Die Taschendiebe warten auf eine günstige Gelegenheit.

Gefahrensituationen sind: Enge: Menschenansammlungen in Verkehrsbauwerken (Bahnhöfe usw.), in Verkehrsmitteln, im Kaufhaus/Einkaufszentrum/Supermarkt, in Bars/Diskotheken/Restaurants, bei Großveranstaltungen (Konzert, Messe, Sportveranstaltung, Jahrmarkt), beim Aus- und Einsteigen, auf Rolltreppen, bei Sehenswürdigkeiten, auf Flaniermeilen, an Haltestellen.Andrea Steichele: Gauner, Diebe, Reifenstecher. In: ADAC motorwelt 6/2017, S. 52. Körperliche Nähe: Sie wird künstlich herbeigeführt durch Anrempeln, „Umarmen“, künstlich herbeigeführtes Gedränge, Fragen nach dem Weg, Fragen nach Produkten, Beschmutzung der Kleidung, Verwicklung in Gespräch mit fadenscheinigen Fragen, übersteigerte Hilfsbereitschaft.Programm polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (Hrsg.): Taschendiebstahl. Schlauer gegen Klauer! Faltblatt Stuttgart ca. 2017. Opfer ist eingeschränkt: Variante 1: Behinderung, Trunkenheit, Müdigkeit. Täter setzt sich neben das Opfer und stiehlt.Zivilfahnder nehmen Taschendieb fest. In: Hamburger Abendblatt vom 8. März 2016, S. 11. Autorenkürzel (dah). Variante 2: In der Anonymität von Krankenhäusern werden Patienten bestohlen.Diebe verursachen hohe Schäden in Krankenhäusern. In: Hamburger Abendblatt, 8. Februar 2019, S. 26. Quelle (dpa). Aufmerksamkeit ist abgelenkt: Auf Bahnhöfen ist dies an der Informationstafel für An- bzw. Abfahrt, auf dem Bahnsteig vor der Wagenstandsanzeige, beim Ein- und Aussteigen.Alexander Schuller: So schützen Sie sich gegen Taschendiebe. In: Hamburger Abendblatt vom 16. Dezember 2015, S. 14.

Typische Tricks der Taschendiebe Das Repertoire der Taschendiebe, ihr Modus Operandi, ist äußerst umfangreich.Vorgehensweise erklärt durch die PolizeiberatungDaniel Herder und Christoph Heinemann: Die Tricks der Profidiebe. In: Hamburger Abendblatt vom 6. Juni 2015, S. 10.

Ablenken Anrempeln: In Zügen, Bussen, auf Rolltreppen, in Fahrstühlen, Drehtüren, Ein- und Ausgängen wird das Opfer vom Täter angerempelt, oder der Täter bleibt plötzlich stehen. Ein zweiter Täter nimmt das abgelenkte Opfer in die Zange und führt den Taschendiebstahl aus. Drängeln: Der Täter rückt unangenehm nahe an das Opfer. Dieses wendet sich durch Drehung ab und präsentiert dabei ungewollt seine Tasche zum Diebstahl. Künstlicher Stau: Der erste Täter blockiert den Zugang beim Einsteigen in einen Eisenbahnwaggon. Der zweite nachfolgende Täter stiehlt die Geldbörse aus dem Rucksack/der Reisetasche des Reisenden.Polizei muss bekannte Trickdiebinnen freilassen. In: Hamburger Abendblatt vom 22. Oktober 2015, S. 11. Autorenkürzel: zv. Beschmutzen: Vom Täter wird die Bekleidung des Opfers z. B. mit Senf oder Ketchup beschmutzt. Die Täter „helfen“ beim Reinigen und stehlen dabei. Vorgetäuschter Tanz: Eine Gruppe von Tätern umringt das Opfer auf der Straße, tänzelt um es herum. Einer der Täter bestiehlt das Opfer. Fußballtrick: Jüngere Opfer werden angesprochen: „Kennst Du den neuesten Trick von Ronaldo?“ Durch einen Komplizen wird dem abgelenkten Opfer die Geldbörse gestohlen.André Zand-Vakili: So Schützen Sie sich vor Taschendieben. In: Hamburger Abendblatt, 7. November 2018, S. 16. Rolltreppentrick: Der Täter steht hinter dem Opfer auf der sich aufwärts bewegenden Rolltreppe. Variante 1: Ein Mittäter stoppt die Rolltreppe per Nothalt. Die Balanceschwierigkeiten und die Unbeweglichkeit des Opfers beim Erklimmen der ungewohnt hohen Stufen nützt der Täter aus für den Zugriff auf Wertgegenstände.Die rbb Reporter: Der große Klau – Die Mafia der Taschendiebe. Gezeigt im RBB Fernsehen am 12. April 2016 von 20:14 bis 21:00. Variante 2: Eine Täterin stellt sich nah an das Opfer (Mann) und lenkt ihn ab, eine zweite Täterin stiehlt das Portemonnaie des Opfers aus der Tasche.Zwei Taschendiebinnen im Flughafen festgenommen. In: Hamburger Abendblatt vom 3. Juni 2016, S. 13. Autorenkürzel (cia). Variante 3: Ein Täter stellt sich auf der Rolltreppe vor das Opfer, einer hinter das Opfer. Am Ende der Rolltreppe erzeugt der davorstehende Täter einen künstlichen Stau. Das Opfer läuft auf, der nachfolgende Täter greift zu.Thomas Öchsner: Tatort Bahnhof. In: Süddeutsche Zeitung vom 26. September 2016, S. 1.

Beobachten/Günstige Gelegenheit mini|Taschendiebstahl bei einem schlafenden Opfer.

Beobachtung am Geld-/Fahrscheinautomaten: Der Aufbewahrungsort der Geldbörse und Handicaps der Opfer werden dadurch ausgekundschaftet. Durch Kinder abgelenkte Mütter: Täter stehlen aus Kinderwagen, Einkaufswagen. Beiseite gelegte/unbeaufsichtigte Tasche/Jackett: In Bahnhöfen, Zugabteilen, Bussen, Restaurants, Garderoben greifen die Täter zu. Restaurant-Trick: Das Opfer hängt sein Jackett über die Stuhllehne im Restaurant oder legt seine Handtasche auf die Seite. Der Täter nimmt am Nebentisch Platz und entwendet aus dem Jackett des Opfers Wertgegenstände oder entwendet die Handtasche. Schlafopfer: Schlafende Fahrgäste werden von den Tätern bestohlen.

Verdeckte Stehl-Hand mini|Vorbereitung eines Taschendiebstahls in Colmar. Opfer wurden rechtzeitig gewarnt.

Betteln/verdeckte Hand: Variante 1: Der Täter hält dem Opfer ein Pappschild mit der Bitte um Unterstützung entgegen. Das Opfer sucht im Kleingeldfach. Der Täter entwendet im Sichtschutz des Schildes Geldscheine aus dem Geldscheinfach. Variante 2: Der Täter nimmt die Rolle eines Blinden oder Kriegsversehrten ein und humpelt mit einem Pappschild in der Hand auf das Opfer zu. Ein weiterer Täter bestiehlt das abgelenkte Opfer. Klemmbretttrick: Die Ablenkung erfolgt durch einen angeblich „taubstummen“ oder „gehörlosen“ Spendensammler oder eine Spendensammlerin mit einer Spendenliste auf einem Klemmbrett. Das Klemmbrett wird dem Opfer unter die Nase gehalten und gestikuliert. Mögliche Schädigungen der Opfer: Diebstahl aus dem Portemonnaie und/oder Spendenbetrug.Spendenbetrüger auf der Fuhle. In: Hamburger Wochenblatt vom 29. Dezember 2015, S. 2. Autorenkürzel (th).Vermeintlich gehörlose Frau bestiehlt 75-Jährigen. In: Hamburger Abendblatt vom 7. März 2016.