mini|300px|Ungefähre Ausdehnung des Hunnenreichs unter Attila bzw. die von den Hunnen abhängigen Stämme Attila († 453) war seit 434 Mitherrscher mit seinem Bruder Bleda und von 444/45 bis zu seinem Tod Alleinherrscher des Kriegerverbands der Hunnen. Zentrum seines Machtbereichs war das Gebiet des heutigen Ungarns, wo die Hunnen im 5. Jahrhundert ein kurzlebiges Reich errichteten, das unter Attila die größte Machtentfaltung erlebte, aber bereits kurz nach seinem Tod wieder zusammenbrach.
Attila unternahm wiederholt Kriegszüge, die oft mit großer Härte durchgeführt wurden und sich zunächst gegen Ostrom, 451/52 jedoch vor allem gegen Westrom richteten. Daneben unterhielt er zu beiden Reichsteilen diplomatische Kontakte, die vor allem darauf abzielten, möglichst hohe Tributzahlungen der Römer durchzusetzen, die Attila benötigte, um sein nur locker aufgebautes Vielvölkerreich zusammenzuhalten. Die Römer wiederum waren an möglichst stabilen Verhältnissen im angrenzenden Barbaricum interessiert, um die Grenzen zu sichern. Für die römisch-hunnischen Kontakte dieser Zeit steht mit dem fragmentarisch erhaltenen Geschichtswerk des Priskos eine wichtige Quelle zur Verfügung.
Als legendäre Figur Etzel lebte Attila in zahlreichen mittelalterlichen Werken weiter, so im Nibelungenlied und der Dietrichepik.
Grundlagen hunnischer Herrschaftsbildung
Die Hunnen, ursprünglich ein aus Zentralasien stammendes, heterogen zusammengesetztes Reitervolk unklarer Herkunft,Einführend siehe (mit Hinweisen zur neueren Forschung) Mischa Meier: Die Hunnen. Geschichte der geheimnisvollen Reiterkrieger. München 2025; Attila und die Hunnen. Begleitbuch zur Ausstellung. Herausgegeben vom Historischen Museum der Pfalz, Speyer. Stuttgart 2007; Michael Schmauder: Die Hunnen. Ein Reitervolk in Europa. Darmstadt 2009; Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007. Die früher oft angenommene Verbindung der Hunnen mit den in chinesischen Quellen erwähnten Xiongnu ist heute sehr umstritten und wird vielfach bezweifelt, siehe dazu zusammenfassend Mischa Meier: Die Hunnen. München 2025, S. 29 ff.; Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung. München 2019, S. 156 ff.; Walter Pohl: Hunnen. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. 2. Auflage. Band 15, Berlin/New York 2000, S. 246–261, hier S. 248; Klaus Rosen: Attila. Der Schrecken der Welt. München 2016, S. 31; Michael Schmauder: Die Hunnen. Ein Reitervolk in Europa. Darmstadt 2009, S. 50–53; Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 21–24; vgl. auch Nicola di Cosmo: Ancient China and its Enemies. Cambridge 2002, S. 163ff. Sie wird heute nur noch vereinzelt vertreten, in abgeschwächter Form etwa bei Étienne de La Vaissière: The Steppe World and the Rise of the Huns. In: Michael Maas (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Age of Attila. Cambridge 2015, S. 175–192 und Hyun Jin Kim: The Huns. New York 2016, S. 6 ff. (keine biologische Verbindung, aber ein politisches und kulturelles Erbe). Der Name Hunne selbst ist der neueren Forschung zufolge aber wohl eher als eine prestigeträchtige Bezeichnung für eine heterogen zusammengesetzte Gruppe zu verstehen, da in verschiedenen Quellen ganz unterschiedliche Gruppen der Steppenzone darunter zusammengefasst wurden, vgl. Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 24 ff. lösten nach vorherrschender Meinung um 375 die sogenannte Völkerwanderung aus, als sie die Goten und andere Stämme aus ihren Stammsitzen in Osteuropa vertrieben, was eine wellenartige Fluchtbewegung zur Folge hatte.Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung. München 2019; Walter Pohl: Die Völkerwanderung. 2. Auflage. Stuttgart 2005. Um 400 traten die Hunnen in das nähere Umfeld des Römischen Reichs, in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts errichteten sie in der ungarischen Tiefebene einen eigenen Herrschaftsraum.Vgl. zur hunnischen Herrschaftsbildung zusammenfassend Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 51ff.; Christopher Kelly: Neither Conquest Nor Settlement: Attila’s Empire and Its Impact. In: Michael Maas (Hrsg.): The Cambridge Companion to the Age of Attila. Cambridge 2015, S. 193 ff.
Die hunnische Herrschaft war in Form eines „Steppenreichs“ überaus locker aufgebaut. Sie beruhte im Wesentlichen auf den militärischen Fähigkeiten der Hunnen, die nicht nur germanische Stammesgruppen und Romanen unterworfen hatten, sondern auch im Kontakt mit dem Römischen Reich in West und Ost standen. In den Quellen werden hunnische reges (was hier nur eingeschränkt als „Könige“ zu verstehen ist) und phylarchoi (Stammesführer) erwähnt. Immer wieder kam es zu (allerdings begrenzten) kriegerischen Übergriffen der Hunnen auf römisches Territorium, die oft darauf abzielten, von den Römern Gelder zu erpressen.Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 57 ff. In den Quellen sind mehrmals römische Gesandtschaften zu den Hunnen belegt, wie die des Olympiodoros von Theben im Jahr 412 zu den Hunnen im Donaugebiet und die Reise des Priskos an den Hof Attilas im Jahr 449. In diesem Zusammenhang kam es offenbar nicht selten zu Spannungen; so berichtet Olympiodoros nicht nur von der Reise, sondern auch vom Mord an dem Hunnenführer Donatus und der Wut des Hunnenkönigs Charaton über diese Tat.Olympiodoros, Fragment 18 (nach der Ausgabe Fragmenta Historicorum Graecorum, Paris 1851). Vgl. auch Klaus Rosen: Attila. Der Schrecken der Welt. München 2016, S. 90 f.
Die „klassizistisch“ orientierten griechischsprachigen oströmischen Geschichtsschreiber bezeichneten im Rückgriff auf traditionelle ethnographische Vorstellungen die Hunnen als „Skythen“ (Skythai). In der Folgezeit wurde der Begriff Hunne von griechischen (byzantinischen) Geschichtsschreibern wiederum für später auftauchende Gruppen aus dem pontischen Steppengebiet nördlich des Schwarzen Meeres benutzt,Vgl. Walter Pohl: Die Awaren. 2. Auflage. München 2002, S. 21 ff. wie beispielsweise die Kutriguren. Ebenso ist zwischen den westlichen Hunnen (im Balkanraum) und den sogenannten iranischen Hunnen in Zentralasien zu unterscheiden (siehe dazu auch die Ausführungen im Artikel Spätantike). Zur Zeit Attilas bestand der hunnische Verband dann aus Menschen unterschiedlichster Herkunft; der Augenzeuge Priskos beschreibt sie als ein „Gemisch aus vielen Völkern“ und schildert eine Begegnung mit einem hochrangigen Hunnen griechischer Herkunft.
Die Hunnen waren nicht nur Gegner, sondern agierten auch als Partner Roms. Die Kaiserhöfe in Mediolanum (heute Mailand) bzw. später Ravenna (im Westen) und in Konstantinopel (im Ostreich) waren bestrebt, möglichst gute Beziehungen zu den Hunnen zu unterhalten, um so hunnische Vorstöße in das Reich zu verhindern. Attilas Vorgänger Rua agierte mehrmals als Gegner und Partner Roms und erhielt dafür offenbar auch Zahlungen. Auf diese waren die Hunnen angewiesen, um durch materielle Zuwendungen an die eigenen Gefolgsleute den Herrschaftsverband zusammenzuhalten, während die Römer an möglichst stabilen Verhältnissen im außerrömischen Barbaricum interessiert waren, um so die Gefahr von feindlichen Angriffen der Hunnen oder ihnen untergebenen Stämmen aus diesem Raum zu reduzieren.
Attilas Hunnen konnten ihr Ziel, am Wohlstand des Imperiums zu partizipieren, im Grunde als angeworbene Söldner, als plündernde Kriegergruppen oder durch indirekten Druck und Erpressung von Tributen erreichen. Die materielle Abhängigkeit der Hunnen ist durchaus typisch für das Beziehungsgeflecht zwischen Reitervölkern und den an sie grenzenden sesshaften und staatlich organisierten Gemeinwesen:Vgl. dazu vor allem Thomas Barfield: Perilous Frontier: Nomadic Empires and China. Cambridge (MA)/Oxford 1989. Infolge einer oft prekären Existenzgrundlage waren Reitervölker auf die Ressourcen sesshafter Gesellschaften angewiesen, wodurch sich eine Spannungssituation ergab, die die Forschung als „endemischen Konflikt“ bezeichnet.Timo Stickler: Die Hunnen. München 2007, S. 12 ff. Selbst auf dem Höhepunkt ihrer Macht verfügten die Hunnen anscheinend über keine ausreichende materielle Versorgungsgrundlage bzw. waren aufgrund der losen Struktur ihrer Herrschaft auf Beuteverteilung angewiesen.
Anscheinend konnte Rua ein relativ verlässlicher Partner sein; so unterstützte er 433 Flavius Aëtius, der einen Teil seiner Jugend als Geisel bei den Hunnen verbracht hatte.Siehe zu seiner Person Timo Stickler: Aëtius. Gestaltungsspielräume eines Heermeisters im ausgehenden Weströmischen Reich (= Vestigia. Bd. 54). München 2002. Mit Hilfe von Ruas Hunnen setzte sich Aëtius im Westreich im dortigen internen Machtkampf durch, 436 vernichtete er mit Unterstützung hunnischer Krieger das Burgundenreich am Rhein. Der letztere Vorgang bildet wahrscheinlich den historischen Kern der Nibelungensage; bei den damals am Rhein kämpfenden Hunnen handelte es sich jedoch wohl um eigens von den Römern angeworbene Söldner (Foederaten).Vgl. Alexander Demandt: Die Spätantike. 2. Auflage. Beck, München 2007, S. 187 f.
Leben Geteilte Herrschaft Über Attilas frühe Jahre ist kaum etwas bekannt. Er wurde wohl um 400 geboren; sein Vater hieß Mundzuk, der Name seiner Mutter ist unbekannt. Mundzuk war zusammen mit seinen Brüdern Oktar und Rua (auch Ruga genannt), die einige Zeit ein hunnisches Doppelkönigtum ausübten,Klaus Rosen: Attila. Der Schrecken der Welt. München 2016, S. 97ff. wohl ein Führer der Hunnen im Balkanraum, doch ist seine genaue Herrschaftsposition unbekannt. In der Forschung wird auch manchmal vermutet, dass Mundzuk keinen Anteil am hunnischen Königtum hatte.Vgl. Herwig Wolfram: Die Goten. 4. Aufl. München 2001, S. 259.
Rua starb 434 unter ungeklärten Umständen. Attila vollendete zusammen mit seinem Bruder Bleda die von ihrem Onkel begonnene weitgehende Einigung der Hunnen im Balkanraum, wenngleich Attila nie über alle Hunnen herrschte. Zu dem großen Kriegerverband, der ihm und Bleda unterstand, zählten neben Sondergruppen wie den Akatziren, die um 448/49 unterworfen wurden, höchst verschiedene germanische und sogar kleinere iranische Gruppen (Alanen).
Nach Ruas Tod schlossen die Brüder wohl noch im Jahr 434 (die Datierung ist umstritten) den Vertrag von Margus mit dem Oströmischen Reich. Der Vertrag begünstigte eindeutig die Hunnen. Die Römer wurden zur Auslieferung von geflohenen Hunnen verpflichtet und mussten den Hunnen Zugang zu Märkten gestatten. Hinzu kamen eine einseitige Neutralitätsverpflichtung der Römer, die keinen gegen die Hunnen gerichteten Vertrag mit einer anderen Partei schließen durften, sowie Tribute des oströmischen Kaisers Theodosius II. Statt der 350 Goldpfund, die Rua erhalten hatte, sollten die Römer nun jährlich 700 Goldpfund entrichten.Priskos, Fragment 1.1 (Edition Pia Carolla). Zum Vertrag vgl. auch Christopher Kelly: Attila the Hun. London 2008, S. 87–89 (der den Vertrag allerdings in das Jahr 439 datiert); Klaus Rosen: Attila. Der Schrecken der Welt. München 2016, S. 106ff.; Raimund Schulz: Die Entwicklung des römischen Völkerrechts im vierten und fünften Jahrhundert n. Chr. Stuttgart 1993, S. 110ff.