mini|Montaigne auf einem zeitgenössischen Gemälde von Thomas de Leu (1560–1612) rahmenlos|215px|rechts|Signatur mini|215px|Das Wappen von Michel Eyquem de Montaigne. Inhalt des Wappenschildes: „Blau, besät mit goldenen Kleeblättern, über allem pfahlweise eine goldene, rotbewehrte Löwenvorderpranke“ (Französisch: (Essais, I, 46.))
Michel Eyquem de Montaigne [] (älter: [])Petit Larousse illustré, hrsg. unter der Leitung v. Claude Augé, Paris, 1922, S. 1469: archive.org.Jean-Marie Pierret: Phonétique historique du français et notions de phonétique générale. Peeters, Louvain-la-Neuve 1994, S. 103. (;Historia Critica Philosophiae, Lipsiae, 1744. Band 4, Ausgabe 2 von Johann Jakob Brucker: books.google.fr. * 28. Februar 1533 auf Schloss Montaignefranzösisch Château de Montaigne. im Périgord; † 13. September 1592 ebenda) war Jurist, Skeptiker und Philosoph, Humanist und Begründer der Essayistik. Als dem katholischen Glauben verbundener Politiker hatte er Zugang zu den einflussreichen Persönlichkeiten der französischen MonarchieDaniel Ménager: Montaigne et la philosophie de l’ambassade. Bulletin de la Société des Amis de Montaigne (BSAM), VIIIe série, nº 17–18, janvier-juin, 2000, S. 55–68. am Ende der Renaissance sowie der beginnenden Gegenreformation.Man kategorisiert Montaigne als französischen Moralisten, einer Strömung oder Textgattung, welche sich u. a. im essayistischen Stil durch Analyse menschlichen Verhaltens darstellt, ohne historischen oder zeitlichen Bezug. Die Bezeichnung stammte von Amaury Duval (1760–1838).
Leben und Schaffen Herkunft und Jugend mini|Schloss Montaigne um 1823
Montaigne wurde als Michel EyquemDer Nachname Eyquem war und ist ein recht häufig vorkommender Familienname in der Gironde und erscheint zuweilen auch in der Schreibvariante Yquem: gw.geneanet.org. auf Schloss Montaigne geboren, das sein Urgroßvater Ramon Felipe Eyquem (1402–1478),Uwe Schultz: Michel de Montaigne. Rowohlt, Reinbek 1989, ISBN 3-499-50442-1, S. 22, 142. ein durch Handel mit Fisch, Wein und Indigo reich gewordener Kaufmann aus Bordeaux,siehe auch medievale Geschichte Bordeaux, Guyenne, Angevinisches Reich im Jahr 1477 samt der zugehörigen Grundherrschaft gekauft hatte. Ramon Felipe war seit dem Jahr 1444 mit Isabeau de Farraygues (1428–1508) verheiratet. Das Paar hatte zwei Söhne, Grimon und Perrin Eyquem, sowie die beiden Töchter Pélegrina und Audeta.Genealogische Daten der Urgroßeltern. Ramon Felipe Eyquem erwarb am 10. Oktober 1477 ebenfalls das nach ihm benannte Château d’Yquem als Lehen der Erzbischöfe von Bordeaux; der Kaufpreis soll 900 Goldfranken (franc à pied) betragen haben.Renaud Camus: Demeures de l’esprit II La France du Sud-Ouest. Fayard, Paris 2008, ISBN 978-2-213-64554-4, Kapitel 3. Dieses Erbe wurde von Montaignes Großvater Grimon Eyquem (1450–1519), jurade de Bordeaux, weitergeführt.Biographische Daten des Großvaters. Er war seit 1490 mit Jeanne du Fourn (um 1470–1519) verheiratet.Théophile Malvezin: Michel de Montaigne Son Origine, Sa Famille. Charles Lefebvre, Bordeaux 1875 (Reprint Slatkine, Gèneve 1977), S. 58–59 (Textauszug Auf: books.google.de) (Volltext Auf: gallica.bnf.fr)zu den sozialen Verhältnissen, siehe Martin Dinges: Stadtarmut in Bordeaux 1525–1675, Alltag, Politik, Mentalitäten. Pariser Historische Studien, hrsg. vom Deutschen Historischen Institut Paris, Band 26, Bouvier Verlag, Edition Röhrscheid, Bonn 1988 (Volltext Auf: perspectivia.net) hier S. 52 Fußnote 28; S. 113 Fußnote 20; S. 341
Michel war das älteste von vier ins Erwachsenenalter gelangten Kindern von Pierre Eyquem,Biographische Daten des Pierre Eyquem de Montaigne. einem römisch-katholischen Franzosen, der König Franz I. auf seinem Italienfeldzug begleitet hatte und dort mit den Ideen der Renaissance und des Humanismus in Berührung gekommen war. Der Vater bekleidete mehrfach hohe Ämter in der Stadt Bordeaux: 1530 wurde er als Profos des dortigen Ordnungswesens eingesetzt, ab dem Jahre 1533 war er stellvertretender Bürgermeister und ab 1554 Bürgermeister. Montaignes Mutter, Antoinette de Louppes de Villeneuve (1514–1603)Siehe auch Joseph d’Eymard. aus Toulouse, stammte wahrscheinlich aus einer Familie von Marranen (unter Zwang zum Christentum konvertierten spanischen oder portugiesischen Juden, Alhambra-EdiktMathurin Dreano: La pensée religieuse de Montaigne. Éditions Beauchesne, Paris 2000, S. 23.), was aber nicht zweifelsfrei belegt ist.zeno.org Heinrich Graetz: Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1890, Band 8, S. 472–482.So wird ein Moses und Meir Paçagon aus Villanueva de Sigena in Aragon den mütterlichen Vorfahren zugesprochen. Er ließ sich taufen oder wurde zwangsgetauft und nahm den Namen „Lopez de Villanueva“ an. Aus dem aragonesischen Namen wurde dann die französische Form „Louppes de Villeneuve“. Der Historiker Paul Courteault aus Bordeaux schließt jedoch in seinem Aufsatz von 1935 (in den Mélanges Laumonier) über die Mutter Montaignes aus, dass sie die Religion weiterhin praktiziert habe.Paul Courteault: Montaigne, maire de Bordeaux. Bordeaux 1933. Er ist hingegen wie andere Forscher der Ansicht, sie sei eher der Reformation zugeneigt gewesen und habe zwei ihrer Kinder bei deren Konversion zum Calvinismus unterstützt.Jean Lacouture: Michel de Montaigne. Ein Leben zwischen Politik und Philosophie. Campus, Frankfurt/New York 1998, S. 30. Michel hatte drei Schwestern namens Jeanne (* 1536), Léonore (* 1552) und Marie (* 1554) sowie zwei Brüder, Thomas (1537–1597) und Bertrand Charles (1560–1620). Die Familie mütterlicherseits war – ähnlich wie jene des Vaters – zu Reichtum und Wohlstand gekommen. So brachte Antoinette de Louppes de Villeneuve 4000 Livres als Mitgift mit in die Ehe.Richard Friedenthal: Entdecker des Ich. Montaigne, Pascal, Diderot. P. Piper, München 1969, S. 24. Sein jüngerer Bruder Thomas Eyquem de Montaigne heiratete eine Tochter seines Freundes Étienne de La Boétie.Sarah Bakewell: Wie soll ich leben? oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten. C.H. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-63969-2, S. 102.
Bereits als Säugling wurde Montaigne zu einer in einfachen Verhältnissen im nahegelegenen Weiler Papessus bei Montpeyroux lebenden Amme gegeben.Collectif: Montaigne. Éditions Slatkine, Paris / Genéve 2002, S. 39 in books.google.Yves Louagie: Montaigne de lettres et de pierres. S. 16. (online, PDF; 10,28 MB). Als er, etwa drei Jahre alt, zu seiner Familie zurückkam, stellte sein Vater einen aus Deutschland stammenden Arzt mit Namen Horstanus als Hauslehrer ein, der weder Französisch noch Gascognisch konnte und mit dem Kind nur Latein sprach.Alain Ruiz: Présence de l’Allemagne à Bordeaux du siècle de Montaigne à la veille de la Seconde Guerre mondiale. Hommage au Goethe-Institut de Bordeaux, à l’occasion de son 25e anniversaire. Presses Universitaires de Bordeaux, Bordeaux 1997, ISBN 2-86781-208-9, S. 176. Da auch die Eltern sich bemühten, dies zu tun und sogar die Bediensteten es versuchen mussten, wurde das Lateinische fast zur Muttersprache Montaignes. Später soll der doctor Horstanus eine Lehrtätigkeit am Collège de Guyenne begonnen haben.Donald M. Frame (Hrsg.): Michel de Montaigne: The Complete Essays of Montaigne. Stanford University Press, Redwood City (CA) 1958 und 1976, ISBN 0-8047-0486-4, S. 128, Fußnote 7. Seine humanistisch geprägte Erziehung betrachtete Montaigne selbst als ein Experiment seines Vaters, der dem Beispiel des Erasmus von Rotterdam folgen wollte. So sollte der erste lebende Sohn „mit der lateinischen Sprache, künstlerischen Fertigkeiten und ohne Zwang erzogen, der Familie zu Ansehen und Anerkennung verhelfen“.Marlene Meding: Sein-Selbst-Ich bei Michel de Montaigne. Helenos Verlag, Salzkotten 2015, ISBN 978-3-945691-01-4, S. 15–16.
Schule, Studien (1539–1554) 1539 bis 1546 besuchte Montaigne das Collège de Guyenne in Bordeaux, wo er bei seinen Lehrern teilweise gefürchtet war, weil er besser Latein sprach als sie. Der amtierende Rektor war André de Gouveia.Richard Friedenthal: Entdecker des Ich. Montaigne, Pascal, Diderot. P. Piper, München 1969, S. 23. Hier lernte Montaigne auch Altgriechisch. Zu seinen Lehrern gehörten neben de Gouveia der schottische humanistische Philosoph George Buchanan (1506–1582) und der Historiker und Übersetzer antiker Texte Élie Vinet (1509–1587).Uwe Schultz: Michel de Montaigne. Rowohlt, Reinbek 1989, ISBN 3-499-50442-1, S. 25. Montaigne hat später gesagt, dass er die Liebe zu Büchern, die ihn von den meisten Adeligen seiner Zeit abhob, seiner Schulbildung verdanke.
Über die Jahre 1546 bis 1554 ist fast nichts bekannt. Montaigne absolvierte vermutlich zunächst propädeutische Studien an der Artistenfakultät von Bordeaux; es folgte ein Studium der Rechte. Es gibt auch Hinweise auf ein Studium in Paris (Professoren beider Universitäten dort hat er später erwähnt). Roger Trinquet (1972)Roger Trinquet: La Jeunesse de Montaigne. A. G. Nizet, Paris 1972. findet in den Essais manche Hinweise auf frühe Aufenthalte in Paris, und Montaigne erwähnt durchaus Adrien Turnèbe in Paris und André de Gouveia in Bordeaux, doch keinen Toulouser Rechtsgelehrten seiner Studienzeit. Jean Lacouture (1998) schließt daher auf ein Studium in Paris und nur einige verwandtschaftlich bedingte Aufenthalte in Toulouse.Jean Lacouture: Michel de Montaigne. Ein Leben zwischen Politik und Philosophie. Campus, Frankfurt / New York 1998, S. 14–16. Montaigne schloss sein Studium wahrscheinlich mit dem akademischen Grad eines licentiatus juris ab.
Unbekannt ist ebenfalls, ob er 1548 in Bordeaux die Revolte vom 17. bis zum 22. August 1548 miterlebte, mit der die Stadt auf die Auferlegung der Salzsteuer durch den neuen König Heinrich II. reagierte; sie wurde von königlichen Truppen blutig niedergeschlagen und einige Patrizier wurden getötet. Der Marschall und Connétable von Frankreich Duc de Montmorency stellte die königliche Autorität bis zum Ende desselben Jahres wieder her.
Gerichtsrat, in politischer Funktion und wichtige private Ereignisse (1554–1571 und 1565) 1554, mit einundzwanzig Jahren, erhielt Montaigne das Amt eines Gerichtsrats, conseiller am Steuergericht, Cour des Aides, in Périgueux. Im selben Jahr begleitete er seinen soeben zum Bürgermeister gewählten Vater zu Verhandlungen mit dem König nach Paris. Ein Onkel von Montaigne, Pierre Eyquem seigneur de Gaujac,Théophile Malvezin: Michel de Montaigne: Son origine, sa famille. Slatkine, Genève 1970, S. 269 (Nachdruck eines Buchs von 1875). überließ ihm 1556 seinen Richtersitz in Périgueux.Jean Lacouture: Michel de Montaigne. Ein Leben zwischen Politik und Philosophie. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-593-36025-X, S. 110.Mathurin Dreano: La Pensée Religieuse De Montaigne. Editions Beauchesne, 2000, ISBN 2-7010-0252-4, S. 67–69.
Als 1557 das Steuergericht von Périgueux aufgelöst wurde, bekam Montaigne einen Gerichtsratsposten am Parlement von Bordeaux, dem obersten Gerichtshof der Provinz Guyenne. Hier schloss er eine (wie er es rückblickend sah) geradezu „symbiotische“ Freundschaft mit dem gut zwei Jahre älteren, humanistisch hochgebildeten Richterkollegen Étienne de La Boétie, dessen frühen Tod 1563 er nur schwer verschmerzte und den er lange betrauerte. Er betrachtet sich selbst als den Überlebenden einer Freundschaft, die es so nur einmal in dreihundert Jahren gibt, und er richtet seinem Freund „eine immerwährende Totenfeier aus, denn existieren heißt für ihn, unter dem Blick des Freundes zu existieren.“Marlene Meding: Sein-Selbst-Ich bei Michel de Montaigne. Helenos Verlag, Salzkotten 2015, S. 43.