mini|hochkant|Kolorierter Kupferstich von Maria Sibylla Merian aus Metamorphosis insectorum surinamensium (1705), Bildtafel LX Die Insektenkunde (über „Insekt“ von , wörtlich ‚das Eingeschnittene‘, von , ‚einkerben‘, daher auch Kerbtierkunde) oder Entomologie (von , ‚das Eingeschnittene‘, von ) ist der Zweig der Zoologie, der sich mit den Insekten (Insecta), der artenreichsten Gruppe von Lebewesen, befasst. Ein Insektenforscher wird fachsprachlich als Entomologe bezeichnet.
Teilgebiete Systematik und Taxonomie der Insekten Angewandte Entomologie (Insekten als Nützlinge bzw. Schädlinge) Forstentomologie landwirtschaftliche Entomologie entomologische Parasitologie (Medizinische Entomologie) forensische Entomologie (Nutzung von Insekten für kriminologische Zwecke) Faunistik Insektenphysiologie
Disziplinen, die sich bestimmten Tiergruppen innerhalb der Insekten widmen: Apidologie – Bienen Dipterologie – Zweiflügler Koleopterologie – Käfer Lepidopterologie – Schmetterlinge Myrmekologie – Ameisen Odonatologie – Libellen Orthopterologie – Heuschrecken Heteropterologie – Wanzen
Volkstümliche Sicht
Die Beschäftigung mit Insekten konzentrierte sich ursprünglich auf wenige Arten, die für Menschen von unmittelbarer Bedeutung sind. Wichtigstes Beispiel ist die Honigbiene, die bereits seit Jahrtausenden als Nutztier gehalten wird. Andere Beispiele sind Insekten von religiös-mythologischer Bedeutung, wie etwa der Skarabäus, der schon im alten Ägypten bildlich dargestellt wurde, oder Schadinsekten wie beispielsweise die Wanderheuschrecken.
Darüber hinaus werden Insekten vielfach mit Misstrauen bedacht oder ignoriert, ganz im Gegensatz zu Säugetieren und Vögeln. Diese Haltung änderte sich nicht grundlegend, weder mit dem Beginn wissenschaftlicher Beschäftigung mit Insekten in der Antike noch mit der Fülle neuer Erkenntnisse dank der Erfindung des Mikroskops oder der Einführung einer allgemeinen naturwissenschaftlichen Bildung. Oft werden Insekten pauschal als Schädlinge angesehen, abergläubische Vorstellungen halten sich hartnäckig, Insektenforschern wird mit Vorbehalten begegnet. Jean-Henri Fabre stellte beispielsweise fest, dass einfache Bauern genaue Bezeichnungen auch für die unscheinbarsten Kräuter verwenden, die riesige Zahl der Insekten dagegen nur mit wenigen, allgemeinen Begriffen benennen.
Andererseits kommt es auch immer wieder vor, dass durch aufmerksame Beobachtungen und anschauliche Schilderungen Unkenntnis in Neugier, Interesse und letztlich gar Faszination gegenüber einer vorher unbekannten Welt umschlägt. Zeitweise war das Sammeln von Insekten, speziell Schmetterlingen, ein verbreitetes und beliebtes Hobby. In neuester Zeit gibt die Fotografie, speziell die Makrofotografie mit Digitalkameras, vielen einen Zugang zur Welt der Insekten.
Geschichte der Entomologie Antike Als Ausgangspunkt der abendländischen systematischen Beschäftigung mit der Tierwelt wird das Werk Historia animalium des Aristoteles (384–322 v. Chr.) angesehen. Es stellt den ersten bekannten Versuch einer Beschreibung und Klassifizierung der Lebewesen dar und bildete neben der Naturalis historia von Plinius dem Älteren (das 11. Buch handelt von den Insekten, in der Leipziger Ausgabe Band 6) bis in die Neuzeit eine wichtige Grundlage wissenschaftlicher Arbeit. Aristoteles ordnete die Insekten als „Gattung“ ein und fasste sie mit Spinnentieren, Tausendfüßern und Würmern zu den „blutlosen Tieren“ zusammen. Insekten seien durch eine Körpersubstanz charakterisiert, die ein Zwischending aus hartem Skelett und weichem Fleisch sei. Die Metamorphose der Raupe zum Schmetterling war Aristoteles bereits bekannt, andererseits lehrte er aber die Theorie der Urzeugung, also dass Insekten oft aus unbelebter Materie, aus faulendem Fleisch oder im Körper von Wirbeltieren entstehen. Die Urzeugung blieb lange Zeit wissenschaftliche Lehrmeinung, galt zeitweise sogar als charakteristisch für die Insekten und wurde erst durch Francesco Redi experimentell widerlegt (Esperienze intorno alla generazione degl'insetti, Florenz 1668).
Bei der wissenschaftlichen Erforschung der Insekten folgte nach Plinius dem Älteren (ca. 23–79 n. Chr.) eine lange Pause bis zu Ulisse Aldrovandi, der das Thema erst 1602 wieder aufgriff.
Mittelalter Im abendländischen Mittelalter betrachtete man Naturkunde als Zweig der Philosophie. Nach Überzeugung der christlich geprägten Wissenschaft war die belebte und unbelebte Natur als Schöpfung Gottes das Abbild göttlichen Willens und Wirkens. Das Augenmerk der Wissenschaftler lag nicht auf der Darstellung von Naturbeobachtungen, sondern im Ergründen des Willens Gottes, der sich, so die allgemeine Überzeugung, auch in den kleinsten und unscheinbarsten Teilen der Natur offenbarte. In diesem Sinn zu deuten ist etwa der Physiologus, ein Tierbuch der frühchristlichen Antike, in dem sich Naturkunde und Mythologie vermischen und das im Mittelalter populär war. Insekten spielen darin nur eine Nebenrolle, wie auch in Hrabanus Maurus’ De rerum naturis (ca. 850), einer Sammlung des gesamten Wissens über das Universum, und in den späteren Natur-Enzyklopädien von Thomas von Cantimpré (Liber de natura rerum, 1241), Albertus Magnus (De animalibus), Jacob von Maerlant (Der naturen bloeme, um 1270) und Konrad von Megenberg (Buch der Natur, 1348). Auch wenn in diesen Werken zunehmend die Ergebnisse eigener Beobachtungen eingeflossen sind, stehen immer noch die daraus zu ziehenden Lehren im Vordergrund. So sieht Thomas von Cantimpré im Bienenstaat das Vorbild für die ideale menschliche Gemeinschaft (Bonum universale de apibus, um 1260).
16. Jahrhundert Mit der wesentlich verbesserten Verbreitung und Zugänglichkeit des Wissens durch den Buchdruck und einer globaleren Weltsicht durch Erkundung fremder Regionen änderte sich auch die Wissenschaft seit Beginn der Neuzeit grundlegend. Naturwissenschaft wurde zunehmend als eigenständige Disziplin gesehen, Forschung zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn betrieben und die Werke früherer Autoren mehr und mehr hinterfragt. Die Begründung der Zoologie als eigenständige Wissenschaft und nicht mehr als Teil einer philosophischen Weltbeschreibung wird allgemein Conrad Gessner und seiner Historia animalium (1551–1558) zugeschrieben, deren sechster Band (Insectorum sive minimorum animalium theatrum) sich mit Insekten befasst (postum 1634 in London erschienen). Dabei konnten die Herausgeber zurückgreifen auf Ulisse Aldrovandis De animalibus insectis libri septem, Bologna 1602, das Standardwerk der Entomologie seiner Zeit, das alles enthielt, was bis dato über Insekten niedergelegt wurde.
17. Jahrhundert Nach der erstmaligen wissenschaftlichen Erforschung der Fortpflanzung der Insekten durch Francesco Redi (Esperienze intorno alla generazione degl'insetti, Florenz 1668) ist die Entwicklung der Entomologie eng verbunden mit der Entwicklung der zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten. Insbesondere die Erfindung des Mikroskops hat erstmals eine nach heutigem Verständnis wissenschaftlich betriebene Entomologie ermöglicht. Während die vorherigen Forschungen an Insekten nur lückenhaft sein konnten, war nun ein genaueres Studium der Morphologie und eine immer bessere Unterscheidung der Arten möglich.
Bahnbrechende Erkenntnisse auf dem Gebiet der Insektenmorphologie gelangen durch Einsatz des Mikroskops im 17. Jahrhundert Marcello Malpighi (Dissertatio de bombyce, London 1669, eine Abhandlung über den Seidenspinner) und Jan Swammerdam (Biblia naturae, Amsterdam 1737). Erstmals wurde die Tracheenatmung und das Verdauungssystem der Insekten untersucht.
18. Jahrhundert Nach der Widerlegung der Urzeugungstheorie war der Weg frei für die Formulierung eines biologischen Artbegriffs. Dieser Schritt wurde von John Ray vollzogen (Methodus insectorum, London 1705; Historia insectorum, London 1710). Auch die Insektenarten wurden jetzt als feste Arten angesehen, die seit Erschaffung der Welt unverändert existieren, und ihre Verschiedenheit nicht mehr als Spielarten der individuellen Entstehung interpretiert. Mit der Lehre der Konstanz der Arten begann die Beschreibung immer neuer Arten und die Suche nach Möglichkeiten, diese zu unterscheiden, also die systematische Entomologie. Ray hatte als erster Autor einen einigermaßen realistischen Blick auf die Artenfülle der Insekten, wenn er auch mit der Schätzung von weltweit 10.000 bis 20.000 Arten um mehrere Größenordnungen unter den heutigen Schätzungen lag, was in erster Linie der damals praktisch unbekannten tropischen Insektenfauna zuzuschreiben ist.
Die Beobachtung lebender Insekten war ein weiterer Zweig der Entomologie, der seit dem 17. Jahrhundert starken Aufschwung nahm. Wichtige Werke auf diesem Gebiet stammen von Maria Sibylla Merian (Der Raupen wundersame Verwandlung und Blumennahrung, Nürnberg, 1. Band 1679, 2. Band 1683; Metamorphosis insectorum surinamensium, Amsterdam 1705), René-Antoine Ferchault de Réaumur (Mémoires pour servir a l'histoire des insectes, Paris 1734–1742), August Johann Rösel von Rosenhof (A. J. Rösel's Insektenbelustigungen, Nürnberg 1746–1755) und vor allem Carl De Geer (Mémoires pour servir à l'histoire des insectes, Stockholm 1752–1778; Genera et species insectorum, Leipzig 1783), die sich auch durch die sehr exakten und detaillierten bildlichen Darstellungen auszeichnen.
Der Spaßvogel John Hill nutzte die neue Bilderwelt aus den mikroskopischen Untersuchungen, um in seinem Werk A decade of curious insects (London 1773) kurios erdichtete, aus verschiedenen Individuen phantastisch zusammengesetzte Insekten darzustellen – wahrscheinlich um seine Fachkollegen zu narren und auf ihre Fachkenntnis zu prüfen. Empört empfahl Johann Christian Fabricius in Systema eleutheratorum (Kiel 1801), John Hill und seine „erfundenen Insekten“ zu verdammen: (Vorwort, Seite 9).
Im 18. Jahrhundert erlebte die Naturwissenschaft allgemein einen bemerkenswerten Popularitätsschub. Viele Adlige, die heute als wissenschaftliche Pioniere bekannt sind, betrieben Naturforschung als Zeitvertreib. Fürsten betrachteten es als Prestigefrage, Gelehrte zu fördern und reichhaltige Naturalienkabinette, darunter auch Insektensammlungen, vorweisen zu können. Hinzu kam der immer stärkere Zustrom exotischer Anschauungsstücke aus allen Teilen der Welt. Mit dem Zeitalter der Aufklärung änderte sich auch wieder das Wissenschaftsverständnis. Für Autoren des 18. Jahrhunderts waren religiöse Bezugnahmen durchaus üblich, Insektenkundler deuteten die Arten- und Formenvielfalt als Beweis für die Schöpfungskraft Gottes.
Damit war seit Ulisse Aldrovandi (De animalibus insectis, 1602) die Zeit der augenscheinlichen Naturbeobachtung einzelner Individuen abgeschlossen und die Menge der Arten unübersichtlich geworden, so dass man versuchte, durch geeignete Systematisierungen wieder einen Überblick zu gewinnen. Carl von Linné unterschied die Insekten in Systema Naturæ (Leiden 1735) besonders nach ihren Flügeln. Die Systematisierungsversuche von Carl De Geer (ab 1752) stießen auf Ablehnung und hatten keinen langen Bestand. Vorerst richtete sich die Systematik lediglich nach einzelnen äußeren Körpermerkmalen (Flügel, Beine, Mundwerkzeuge) und war stets unzureichend gelöst, so dass sie immer wieder bemängelt und kritisiert werden konnte. Johann Christian Fabricius gilt mit seinem Werk Systema entomologiae sistens insectorum classes (Leipzig 1775) als Begründer der Entomologie als eigenständige Wissenschaft. Seine Systematik beruhte vorwiegend auf den Mundwerkzeugen und hatte immerhin ein halbes Jahrhundert Bestand. Insgesamt war das 18. Jahrhundert eine Zeit der stürmischen Entwicklung. Die Systematik der Insekten ist bis heute noch nicht abgeschlossen.
19. Jahrhundert