mini|Flüchtlingstrecks von Schwarzmeerdeutschen während des Zweiten Weltkriegs in Ungarn, Juli 1944 Schwarzmeerdeutsche werden die Bewohner ehemals deutscher Siedlungen am Nordufer des Schwarzen Meeres genannt, auf dem Gebiet der heutigen Ukraine werden sie auch als Ukrainedeutsche bezeichnet. Westlich des Dnister lebten Bessarabiendeutsche und im Süden Krimdeutsche. Seit 1765 wanderten viele Deutsche aus West- und Südwestdeutschland, seit 1789 auch westpreußische Mennoniten in die nördliche Schwarzmeerregion ein und bildeten dort die religiöse Minderheit der Russlandmennoniten. In Neurussland wurden viele Siedlungen im Süden des damaligen Russischen Kaiserreichs nahe der Hafenstadt Odessa gegründet. Wegen ihrer gemeinsamen Geschichte werden Schwarzmeerdeutsche zu den Russlanddeutschen gezählt.
Ursprünge Das südrussische Gebiet hatte Katharina II. durch zwei Kriege mit dem Osmanischen Reich (1768–1774) und die Annexion des Krimkhanats (1783) für das Russische Reich erobert. Durch den Frieden von Jassy fiel auch das dünn besiedelte Gebiet zwischen Südlichem Bug und Dnister an Russland. In diese Region wanderten auch zahlreiche aus dem Osmanischen Reich ausgewanderte Bulgaren, Griechen und Rumänen ein.
Die ersten deutschen Auswanderer aus dem Südwesten (Württemberg, Baden, Elsass, Lothringen, Pfalz) trafen 1803 ein, gerufen vom russischen Kaiser Alexander I. Sie kamen ab Ulm auf Ulmer Schachteln auf der Donau bis Galatz. Es waren neun Transporte mit etwa 1100 Personen, darunter die Hälfte Kinder. Ab Galatz ging es auf dem Landweg weiter nach Dubossary. Die Reisezeit betrug rund 80 Tage. Nach einer Quarantänezeit ging es weiter nach Odessa, wo sie das Fürsorgekontor Neurussland betreute.
Ansiedlung Der 17. Oktober 1803 gilt als Gründungstag der schwarzmeerdeutschen Kolonien bei Odessa. Kaiser Alexander I. kaufte an diesem Tag Land für die Kolonisten an. Im Frühjahr 1804 entstanden Großliebental und Kleinliebental als erste Ansiedlungen. Später folgten in der Nähe Neuburg, Peterstal und Josefstal. 1805 entstanden Alexanderhilf, Frankfeld, Mariental und Lustdorf. 1806 kam Freudental hinzu.
1808 erfolgte eine zweite Einreisewelle aus Baden und dem Elsass, die zur Gründung der Kolonistenbezirke Hoffnungstal und Straßburg führte. Im selben Jahr entstanden Neudorf, Bergdorf und Glückstal. Die russische Regierung hatte bereits die Einwandererquote auf 200 Familien im Jahr gesenkt, um alle Neuansiedler sachgerecht versorgen zu können. Für weitere Kolonisten besorgte der russische Generalgouverneur Herzog von Richelieu Land am Kutschurganer Liman (). Dort entstanden 1808 die Kolonien Kandel, Selz und Straßburg.
Da 1808 etwa 500 weitere Auswandererfamilien unterwegs waren, stellte die russische Verwaltung Siedlungsland am Fluss Beresan bereit. Dort entstanden 1809 die Siedlungen Landau, Speyer, Rohrbach. 1810 wurden Worms, Sulz, Karlsruhe, Rastatt und München gegründet.
Das Siedlungsgebiet der deutschen Auswanderer war nicht so kompakt angelegt wie das Wolgagebiet, sondern das Kerngebiet einer ganzen Kette von Kolonien. Die russische Verwaltung stellte den deutschen Auswanderern zwischen 1804 und 1809 rund 72.000 Desjatinen (knapp 80.000 ha) Land zur Verfügung.
Landwirtschaft und Viehzucht Die Gesellschaft der Schwarzmeerdeutschen war agrarisch geprägt. Die Auswanderer wirtschafteten anfangs fast ausnahmslos als Landwirte auf Boden, den ihnen der russische Staat zur Verfügung gestellt hatte.
Zur Haupteinnahmequelle wurde der Getreideanbau, da das Getreide vom Schwarzmeerhafen in Odessa bis 1859 zollfrei ausgeführt werden konnte. Die günstigen Produktions- und Absatzbedingungen bei Getreide sorgten für wirtschaftlichen Wohlstand und führten zur Gründung von weiteren Siedlungen. Angebaut wurden auch Gemüse, Wein und Obst. In der Tierhaltung waren Bienen, Seidenraupen und Merinoschafe dominierend. In Odessa ließen sich viele ausgewanderte deutsche Handwerker nieder. Daraus gingen später Fabriken für landwirtschaftliche Maschinen und Geräte hervor.
Kirche und Schule mini|Katholische Kirche in Rastadt (Koloniebezirk Beresan)
Die Kirche bildete den Mittelpunkt des kulturellen Lebens der Schwarzmeerdeutschen. Praktisch trug der Gebrauch von Bibel und Gesangbuch dazu bei, dass die deutsche Sprache in der Fremde erhalten blieb. Der Schulunterricht für die Kinder war eng mit der Kirche verbunden, da es nur eine Kirchenschule gab. Im 20. Jahrhundert gründeten die Kolonisten auch höhere Schulen.
Ende der Kolonistenprivilegien und erneute Auswanderung Seit der Einwanderung hatten die Siedler den privilegierten Status von Kolonisten. 1871 wurde der Kolonistenstand aufgehoben und die Siedler waren den übrigen russischen Bürgern gleichgestellt. Die Einführung der 6-jährigen Wehrpflicht ab 1871 führte zu einer Auswanderung von etwa 15.000 Mennoniten in die USA. In den Jahren 1871–1915 wanderten etwa 79.000 evangelische und 37.500 katholische Schwarzmeerdeutsche in die USA aus. Auswanderungsziele waren auch Kanada, Australien, Argentinien und Brasilien.
20. Jahrhundert Während des Ersten Weltkrieges unterlagen die Schwarzmeerdeutschen einer starken Diskriminierung, weil man sie der Zusammenarbeit mit dem Feind in Gestalt der Deutschen verdächtigte. Gleichzeitig versahen etwa 250.000 deutschstämmige Kolonisten Dienst in der russischen Armee. Sie kämpften jedoch nicht an der deutsch-österreichischen, sondern an der türkischen Front. Nach der Oktoberrevolution waren die politischen Verhältnisse im Schwarzmeergebiet aufgrund des Bürgerkrieges über Jahre instabil. 1918 hielten sich kurzfristig deutsche und österreich-ungarische Truppen in der Ukraine auf, von denen sich die Schwarzmeerdeutschen dauerhaften Schutz erhofften.Das Akademische Deutschland, Berlin 1931, Bd. II, S. 1039.
Nach dem Abzug des deutschen Heeres stellten die Kolonisten eine Selbstschutztruppe auf, die 1919 die Rote Armee aus deutschen Siedlungsgebieten mit Waffengewalt vertrieb. 1920 kehrte die Rote Armee zurück und fügte dem deutschen Selbstschutzverband mit 500 Mann schwere Verluste zu, so dass sich die Truppe nach Polen zurückzog. Danach wurde die Sowjetmacht installiert und die Deutschen verloren daraufhin weitgehend ihr kulturelles Leben. Auch das kirchliche Leben war unterbunden und Kirchenbauten wurden als Lagergebäude zweckentfremdet. Trotzdem blieben ihre geschlossenen Siedlungen weitgehend erhalten. Die Bolschewiki übten vor allem Druck auf die wohlhabenden Bauern (Kulaken) aus. Im Rahmen der Sowjetisierung kam es zur Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und der Verstaatlichung von Betrieben, was in einigen Dörfern der Schwarzmeerdeutschen zu Unruhen führte. Mehrere zehntausend Deutsche verlangten während der Säuberungen um 1929 die Ausreise, während Deutschland nur rund 6.000 Personen vorübergehend aufnahm.
Verfolgungen in den 1930er Jahren Während der Nationalsozialistischen Herrschaft im Deutschen Reich wurden die Schwarzmeerdeutschen der Spionage und der Konterrevolution verdächtigt. Die meisten deutschen Familien waren von Verhaftungen und Verbannungen betroffen. 1936 wurden alle deutschen Schulen in der Ukraine geschlossen, Lehrkräfte wurden verhaftet und Ukrainisch wurde als Unterrichtssprache eingeführt. Die Religionsverfolgungen unter Stalin hatten katastrophale Folgen für das kirchliche Leben der Schwarzmeerdeutschen. Kirchen und Gebetshäuser wurden geschlossen und teilweise auch abgerissen. Geistliche wurden verschleppt und erschossen, darunter auch Bischof Alexander Frison am 20. Juni 1937.
Kriegsverschleppungen Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs umfasste die Volksgruppe der Schwarzmeerdeutschen rund 326.500 Menschen (darunter 52.300 Männer, 107.800 Frauen und 166.400 Kinder), die in 228 Dörfern lebten. In den ersten Kriegsmonaten waren etwa 18.000–40.000 Personen von Deportationen ins Innere der Sowjetunion betroffen. Nur wenige der verschleppten Männer haben ihre Verschleppung mit Kälte, Hunger, schwerer Arbeit sowie willkürlichen Erschießungen überlebt. Die relativ geringe Zahl der Verschleppten beruht auf dem schnellen Vorrücken der Front beim Angriff auf die Sowjetunion im Juli und August 1941. Nach dem Durchzug der Front gehörten die Schwarzmeerdeutschen zu dem von Rumänien eingerichteten Gebiet Transnistrien. Ende 1941 erhielten sie in ihrem Siedlungsgebiet weitgehende Autonomie von der rumänischen Verwaltung und unterstanden dem Sonderkommando R unter Horst Hoffmeyer mit Sitz in Landau, das zum Hauptamt Volksdeutsche Mittelstelle (VoMi) gehörte.
Beteiligung am Holocaust Der SS-Gruppenführer Otto Ohlendorf, der sich mit der von ihm geführten Einsatzgruppe Süd in dem Gebiet befand, nahm Kontakt zu Schwarzmeerdeutschen auf. Er organisierte unter ihnen den bewaffneten Selbstschutz in einer Stärke von ungefähr 7000 Mann, der der Volksdeutschen Mittelstelle unterstand. Anfang 1942 deportierte die rumänische Gendarmerie nach dem Massaker von Odessa mehrere zehntausend Juden aus Odessa. Sie trieben sie in das volksdeutsche Siedlungsgebiet in Richtung Bug und überließen sie teilweise ohne Bewachung sich selbst. Unter den Deportierten breitete sich massiv Fleckfieber aus. Es kam auch zu Überfällen volksdeutscher Siedler auf die Judentrecks, bei denen sie unter Waffengewalt den geschwächten Menschen Wertgegenstände raubten. Das Sonderkommando R war völlig überfordert mit der Situation und befahl dem „volksdeutschen Selbstschutz“, hilflose jüdische Personen am Wegesrand zu töten, was in etwa 3000 Fällen erfolgte. Die Leichen wurden auf Scheiterhaufen verbrannt. Am Fluss Bug kam der Zug der Deportierten zum Stehen. Sie wurden südlich von Rastatt in das Lager Beresowka umgeleitet, wo sie durch rumänische Gendarmen bewacht wurden. Nach Rücksprache des Sonderkommandos R mit der Volksdeutschen Mittelstelle wurde aufgrund der Seuchengefahr ihre Ermordung beschlossen. Die Einsatzgruppen lehnten ab, da Transnistrien unter rumänischer Hoheit stand. Mitglieder des volksdeutschen Selbstschutzes und Angehörige der Volksdeutschen Mittelstelle führten je 100 Personen in die Steppe, erschossen sie und kremierten einige Leichen durch zweckentfremdete Nutzung von Kalkbrennöfen. Bewohner der deutschen Dörfer waren Zeugen und stellten auch Pferdefuhrwerke zum Transport der Opfer. Die Wertgegenstände der Opfer wurden in deutschen Dörfern verteilt. Die genaue Zahl der Tötungen ist nicht bekannt. Aus einer Notiz des Auswärtigen Amtes geht hervor, dass im Winter 1941/42 rund 28.000 Juden in deutsche Dörfer gebracht und ermordet wurden.
Im KZ Bogdanowka erschossen und verbrannten Angehörige des Selbstschutzes sowie der Volksdeutschen Mittelstelle über mehrere Wochen die Deportierten.
Bei einer weiteren Tötungswelle von Mitte bis Ende 1942 transportierten rumänische Stellen Juden in unbekannter Zahl in Güterzügen in das deutsche Einflussgebiet, wo sie von Angehörigen des Selbstschutzes getötet wurden. Danach ging man dazu über, Tötungen nicht als Seuchenprophylaxe zu betreiben, sondern forderte jüdische Arbeitskräfte aus Rumänien an und betrieb ihre Vernichtung durch Arbeit.Marianne Hausleitner, Brigitte Mihok, Juliane Wetzel: Rumänien und der Holocaust – Zu den Massenverbrechen in Transnistrien 1941–1944.
Umsiedlung, Flucht und Vertreibung mini|hochkant|Die Schwarzmeerdeutschen bzw. Transnistriendeutschen wurden im rumänischen Zensus von 1941 erfasst. Diese Karte zeigt das Gouvernement Transnistrien (das während des Zweiten Weltkriegs unter rumänischer Verwaltung stand und somit Teil des Königreichs Rumänien war), wobei die deutsche Bevölkerung rot dargestellt ist.