mini|Emmanuel Todd (2024) Emmanuel Todd (* 16. Mai 1951 in Saint-Germain-en-Laye, Département Yvelines) ist ein französischer Anthropologe, Demograf und Historiker. Er hat vor allem zu Fragen der Bevölkerungsentwicklung und der Familienstrukturen in international vergleichender und historischer Perspektive publiziert. Er forschte am Nationalen Institut der Bevölkerungsstudien (INED) und befasste sich mit den verschiedenen Familienstrukturen auf der Welt und ihrem Einfluss auf Überzeugungen, Ideologien, politische Systeme und historische Ereignisse. Todd ist Autor zahlreicher Bücher.

Leben

Todd ist der Sohn des Schriftstellers und Journalisten Olivier Todd (1929–2024) und der Werbefachfrau Anne-Marie Nizan. Sein Großvater mütterlicherseits war der Philosoph und Romanautor Paul Nizan, seine Urgroßmutter väterlicherseits die britische Vogue-Herausgeberin Dorothy Todd. Seine Großmutter mütterlicherseits war eine Cousine des Anthropologen Claude Lévi-Strauss.Marie-Laure Delorme: Olivier et Emmanuel Todd, les intellectuels rivaux. In: Vanity Fair Nr. 51, Oktober 2017. Er besuchte das Lycée International de Saint-Germain-en-Laye und engagierte sich bei der Kommunistischen Jugend. Im Juni 1968, während der Hochphase der 68er-Bewegung, trat er mit 17 Jahren eine kurze Zeit der Parti communiste français bei.Clémentine Autain: In: regards.fr, 22. April 2011. Der Historiker Emmanuel Le Roy Ladurie, ein Freund der Eltern, weckte sein Interesse für Geschichte.

Todd studierte am Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po) und der Universität Paris-Sorbonne Geschichte und Anthropologie und schloss sein Studium 1972 mit der Maîtrise ab. Auf Empfehlung François Furets publizierte er 1975 seinen ersten Artikel in der renommierten Fachzeitschrift Annales.Emmanuel Todd: Mobilité géographique et cycle de vie en Artois et en Toscane au XVIIIe siècle. In: Annales – économies, sociétés, civilisations, Band 30 (1975), Nr. 4, S. 726–744. Am Trinity College der Universität Cambridge promovierte er 1976 bei Peter Laslett mit einer vergleichenden historisch-anthropologischen Arbeit über vorindustrielle Bauerngemeinden in Frankreich, Italien und Schweden.Emmanuel Todd: Seven peasant communities in pre-industrial Europe. A comparative study of French, Italian and Swedish rural parishes (18th and early 19th century). Dissertation, Univ. Cambridge 1976. Von 1977 bis 1984 war er Literaturkritiker für die französische Zeitung Le Monde. Seit 1984 arbeitet er am Institut national d’études démographiques (INED; „Nationales Institut der Bevölkerungsstudien“).

Todd ist Autor zahlreicher Bücher. In seinem Buch La chute finale von 1976Todd, Emmanuel: Vor dem Sturz: Das Ende der Sowjetherrschaft. 14. Auflage. München: Piper, 2003. ISBN 978-3-492-04535-3. sagte er den Zusammenbruch der Sowjetunion aufgrund von Faktoren wie der zunehmenden Kindersterblichkeit voraus. Während seiner Arbeit am Nationalen Institut für Bevölkerungsstudien in Frankreich entstanden die Werke La troisième planète (1983), L’enfance du monde (1984), La nouvelle France (1990), L’invention de l’Europe (1994). Er war ein einflussreicher Wahlkampfhelfer für Jacques Chirac, der 1995 zum französischen Präsidenten gewählt wurde. Der Gaullist fand 1995 in Todds Schriften Anregungen für seine Wahlkampagne zum Thema der fracture sociale (wörtlich „sozialer Bruch“, sinngemäß „die soziale Kluft“ oder „das Auseinanderbrechen der Gesellschaft“).„Die Deutschen haben die Türken islamisiert“. In: Frankfurter Allgemeine, 8. Januar 2001.Martina Meister: Von der „Moslemfeindlichkeit der Mittelschicht“. In: Welt, 12. November 2015. Zeitweilig fungierte er als Berater des Präsidenten Chirac, rief 1997 aber wieder zur Wahl der Kommunisten auf, weil er den EU-Vertrag von Maastricht ablehnte.Dorothea Hahn: „Maastricht – das ist der Abgrund“ – Warum die Kommunisten derzeit die interessanteste Partei in Frankreich sind. Ein Gespräch mit Emmanuel Todd. In: taz, 13. Mai 1997, S. 10.

mini|Emmanuel Todd bei einer Konferenz (2008) Anfang der 1990er Jahre wurde in Frankreich die Einwanderung zu einem wichtigen Thema. Emmanuel Todd beteiligte sich an der Diskussion, indem er die Ergebnisse früherer Forschungsarbeiten in Le destin des immigrés (dt. „Das Schicksal der Immigranten“) (1994) veröffentlichte. In diesem Buch, für das er vom französischen Parlament eine Auszeichnung erhielt, zeigt er anhand von demographischem und historischem Material, wie die Familienstruktur (insbesondere die Erbfolge) Gesellschaft und Ökonomie beeinflusst. Weltmacht USA: Ein Nachruf (, 2002) ist wohl sein bekanntestes Werk, in dem er den Machtverlust der USA beschreibt und bereits Überlegungen zu zukünftigen internationalen politischen Konstellationen anstellt.

Forschungsschwerpunkte In Nachfolge seiner akademischen Lehrer Le Roy Ladurie, Peter Laslett und Alan Macfarlane befasst sich Emmanuel Todd vor allem mit historischer Anthropologie und historischer Demographie. Er bezeichnet sich als „Produkt“ der Annales-Schule, der Le Roy Ladurie zugerechnet wird, wie auch der Cambridge-Schule, die Laslett und Macfarlane vertraten.Pierre Salvadori: « Après la démocratie », une conversation avec Emmanuel Todd. In: Le Grand Continent, 8. Januar 2018. Todd beruft sich außerdem auf Methoden des Soziologen Fréderic Le Play und seinen Thesen zu Familienstrukturen aus dem 19. Jahrhundert.Nicolas Journet: Au début était le couple. In: Sciences Humaines, Nr. 230 (10/2011), S. 45.

Er spricht demographischen, familienstrukturellen, religiösen und Erziehungsfaktoren großes Gewicht bei der Entwicklung einzelner Gesellschaften, aber auch für die Entwicklung des globalen politischen Systems zu. Eine seiner Thesen besagt, dass viele sozio-politische Phänomene anhand der jeweils vorherrschenden Familienstruktur in der Gesellschaft zu erklären seien. Er entwickelte ein Klassifizierungsmuster von Gesellschaften, mit dem auch unter Berücksichtigung der zunehmend globalen Wechselwirkungen von Gesellschaftsformen die zukünftige Entwicklung dieser Gesellschaften absehbar sei. Todd meint, dass seine Thesen vor allem in den angelsächsischen Ländern und in Frankreich angegriffen werden, wo die prägende Rolle der Familienstrukturen zugunsten individualistischer Erklärungsmuster oder universalistischer Werte weitgehend negiert wird.Emmanuel Todd: Traurige Moderne. München 2018, S. 28. Aber auch in Deutschland sei nach dem Krieg die differenzielle historische Darstellung von Bevölkerungsgruppen (und ihrer Wirtschaftssysteme und Kulturen) mit einem Tabu belegt gewesen. Man habe nicht mehr an die Erkenntnisse Max Webers und der deutschen Historischen Schule angeknüpft, sondern die Existenz universeller ökonomischer Gesetze postuliert.Todd: Traurige Moderne, S. 16. Die Ökonomie sei jedoch ein relativ kurzlebiger Faktor im Vergleich zu den Glaubenssystemen, und diese wiederum wandelten sich schneller als die Familienstrukturen. Anders als von Marx postuliert, schaffe die Ökonomie sich nicht ihren je spezifischen Überbau; dieser sei vielmehr pfadabhängig, sehr konservativ und wandle sich nur langsam.So auch Michael Witzel: The Origins of the World's Mythology. Oxford University Press, New York 2011, S. 407.

Todd bezeichnete sich selbst als „empirischen Hegelianer“Süddeutsche Zeitung, Samstag, 14. Februar 1998, Seite 23 (Feuilleton) und gilt als „Stichwortgeber für Debatten der französischen linken Mitte“.Dominik Geppert: Ein Europa, das es nicht gibt. Die fatale Sprengkraft des Euro. Europaverlag Berlin 2013, ISBN 978-3-944305-18-9, S. 81

Veröffentlichungen (Auswahl)

„The Explanation of Ideology: Family Structure and Social Systems“ (mit David Garrioch)

In seinem gemeinsam mit dem heute an der Monash University lehrenden Historiker David Garrioch veröffentlichten umfangreichen BuchZuerst 1985, Neuauflage 1989 bei Blackwell Publishing Co., Oxford, ISBN 978-0-631-15491-4 untersucht Todd den Einfluss von Familienstrukturen auf eine Reihe sozialer Phänomene von der Partnerwahl über Kindersterblichkeit, Kindestötung und Ehestabilität bis hin zum Selbstmord und zum Erbrecht. Daran anschließend versucht er die Affinität bestimmter Familientypen zu Religionen und Ideologien zu erklären. Den auch in Deutschland verbreiteten autoritären Familientyp mit vorrangiger Erbberechtigung des ältesten Sohnes hält er für besonders anfällig für faschistische Ideologien. Die südostasiatische von ihm sogenannte „anomische Familie“ lasse keine ideologischen Präferenzen erkennen. Die endogame Großfamilie des Orients mit häufiger Verwandtenheirat tendiere zum Islam. Die exogame Großfamilie mit Gleichstellung aller Brüder, Vorherrschaft des ältesten Vaters, ohne Verwandtenheirat und von den Eltern bestimmter Partnerwahl (z. B. in Russland oder China) sei für kommunistische und sozialistische Ideologien anfällig. Die „absolute Kernfamilie“ der angelsächsisch-normannischen Welt habe sich den Werten des Liberalismus, Kapitalismus und Feminismus verschrieben.

In diesem Buch prophezeite er den Zusammenbruch der Sowjetunion und die Herauslösung ihrer islamischen Regionen ebenso wie einen Konflikt zwischen der zunehmend feministischen angelsächsischen Welt und der Welt des Islams hinsichtlich der Rolle der Frau.

„Die neoliberale Illusion – Über die Stagnation der entwickelten Gesellschaften“

In seinem Buch „Die neoliberale Illusion“Todd, Emmanuel: Die neoliberale Illusion: über die Stagnation der entwickelten Gesellschaften. Zürich: Rotpunktverlag, 1999. ISBN 3-85869-177-1. beschreibt Todd mögliche Gefahren einer europäischen Gesellschaft, die sich zu einer Oligarchie oder Plutokratie der transnationalen Konzerne und der Vermögensoberschicht entwickeln könnte. Bei fortschreitendem, unbegrenztem Freihandel und neoliberaler Wirtschaftspolitik könnte sich ein verhärteter Kampf zwischen Finanzelite und verarmter Restbevölkerung in größerem Maße einstellen.

Todd vertritt in seinem Buch die These, dass „das Wirtschaftssystem […] keineswegs Motor der Geschichte oder deren primäre Ursache“ sei, sondern „es ist selbst nur eine Folge der Kräfte und Bewegungen, die auf tieferen Ebenen der gesellschaftlichen und geistigen Strukturen wirken“. Laut Todd müsse man jedoch auch die kulturellen, wirtschaftlichen und anthropologischen Ebenen miteinbeziehen und untersuchen, um die Krise der industrialisierten Welt genauer analysieren zu können.

Für Todd ist die Krise des Neoliberalismus „das Ergebnis eines langfristigen Wandels des Bildungsniveaus verschiedener Bevölkerungen“. Dies sieht er in den USA, die als „am höchsten entwickelte Gesellschaft, die bis vor kurzem eine führende Rolle in der Menschheitsentwicklung einnahm“; diese habe in den 70ern aber ihr „kulturelles Limit“ erreicht.

Die „intellektuelle Abnützung der mächtigsten Nation“ verberge sich hinter der „universalisierend-arroganten Fassade des Ultraliberalismus“ der USA. Seiner Meinung nach existieren zwei unterschiedliche anthropologische Systeme verschiedener Gesellschaften: zum einen das der individualistischen „Kernfamilie der angelsächsischen Welt“, zum anderen das der „integrativen Stammfamilie wie in Deutschland oder Japan“. Diese integrative Stammfamilie neige dazu, das Erbe (vor allem an Grund und Boden) zusammenzuhalten und die Produktion höher zu bewerten als den Konsum. Auffälligerweise gehören diese Ökonomien zu den besonders exportintensiven. Todds Argumentation zielt darauf ab, die Ideologie und Illusion des Neoliberalismus zu widerlegen, die die Krise der industriellen Welt verschärfe und zu gefährlichen, auf Kreditbasis finanzierten Handelsungleichgewichten führe. Die globale Konkurrenz und der permanente ökonomische Krisenzustand habe die Nationen in starke und schwache aufgespaltet und Europa eine neue Hierarchie aufgezwungen.

„Das Schicksal der Immigranten“