mini|Keller im Alter von 40 Jahren, Fotografie von Adolf Grimminger, Zürich ca. 1860 rahmenlos mini|Gottfried Keller, Porträt von Frank Buchser, 1872, Bundesfeierkarte 1919 zum 100. Geburtsjahr des Dichters mini|Gottfried Keller fotografiert von Johannes Ganz, 1885 mini|Bildnis Gottfried Keller von Karl Stauffer-Bern, 1886, Gottfried Keller-Stiftung, Inventarnummer GKS546, Depositum im Kunsthaus ZürichBildnis Gottfried Keller, 1886 von Karl Stauffer-Bern (1857–1891). In: Schweizerische Eidgenossenschaft, Eidgenössisches Departement des Innern EDI, Bundesamt für Kultur BAK, Museen und Sammlungen des Bundes, Bundeskunstsammlung Gottfried Keller-Stiftung. Abgerufen am 27. Februar 2025.
Gottfried Keller (* 19. Juli 1819 in Zürich; † 15. Juli 1890 ebenda, heimatberechtigt in Glattfelden und Zürich, ebenda auch Ehrenbürger) war ein Schweizer Maler, Dichter, Politiker und Erster Staatsschreiber des Kantons Zürich.Madeleine Boxler Klopfenstein, Anita Gresele: Gottfried Keller. Staatsschreiber. In: Zentralbibliothek Zürich, März 2019. Abgerufen am 12. März 2025. Kellers Werk ist bestimmend für den Kanon des bürgerlichen Realismus. Er zählt zusammen mit Jeremias Gotthelf und Conrad Ferdinand Meyer zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schweizer Autoren des 19. Jahrhunderts.Ursula Amrein: Gottfried Keller. In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), abgerufen am 23. November 2024.
Wegen eines Jugendstreiches von der höheren Schulbildung ausgeschlossen, trat Gottfried Keller eine Ausbildung an, um Landschaftsmaler zu werden. Er verbrachte zwei Studienjahre in München, von wo er 1842 mittellos in seine Vaterstadt zurückkehrte. Unter dem Eindruck der politischen Lyrik des Vormärz entdeckte er sein dichterisches Talent. Zur gleichen Zeit beteiligte er sich an der militanten Bewegung, die 1848 zur staatlichen Neuordnung der Schweiz mit einer neuen Verfassung vom Staatenbund zum Bundesstaat führte.
Als die Zürcher Regierung ihm ein Reisestipendium gewährte, wandte er sich nach Heidelberg an die Ruprecht-Karls-Universität, um Geschichte und Staatswissenschaften zu studieren, und von dort aus weiter nach Berlin, um sich zum Theaterschriftsteller auszubilden. Anstelle von Dramen entstanden jedoch Romane und Novellen, so Der grüne Heinrich und Die Leute von Seldwyla, seine bekanntesten Werke. Nach sieben Jahren in Deutschland kehrte er 1855 nach Zürich zurück, zwar als anerkannter Schriftsteller, doch immer noch mittellos. Letzteres änderte sich 1861 mit der Einbindung in die Regierung Alfred Eschers als Erster Staatsschreiber des Kantons Zürich. Dieser war die Veröffentlichung Das Fähnlein der sieben Aufrechten vorausgegangen, eine Erzählung, in der er seine «Zufriedenheit mit den vaterländischen Zuständen» ausdrückte, zugleich aber mit dem gesellschaftlichen Fortschritt verbundene Gefahren aufzeigte.
Gottfried Kellers politisches Amt nahm ihn zehn Jahre lang voll in Anspruch. Erst im letzten Drittel seiner Amtszeit erschien von ihm Neues: die Sieben Legenden und Die Leute von Seldwyla Teil zwei. 1876 legte er sein Amt nieder, um wieder als freier Schriftsteller tätig zu sein. Es entstanden eine Reihe weiterer Erzählwerke, die Züricher Novellen, die endgültige Fassung des Grünen Heinrich, der Novellenzyklus Das Sinngedicht sowie der sozialkritische Roman Martin Salander.
Gottfried Keller beschloss sein Leben als erfolgreicher Schriftsteller. Seine Lyrik regte eine Vielzahl von Musikern zur Vertonung an. Mit seinen Novellen Romeo und Julia auf dem Dorfe und Kleider machen Leute hatte er Meisterwerke der deutschsprachigen Erzählkunst geschaffen. Schon zu seinen Lebzeiten galt er als einer der bedeutendsten Vertreter der Epoche des bürgerlichen Realismus.
Leben mini|hochkant|links|Gottfried Kellers Geburtshaus «Zum goldenen Winkel» am Neumarkt 27 in Zürich mini|links|Tafel am «Haus zur Sichel», Rindermarkt 9, beschrieben im Grünen Heinrich
Eltern und Kindheit Gottfried Kellers Eltern waren der Drechslermeister Johann Rudolf Keller (1791–1824) und seine Ehefrau Elisabeth, geb. Scheuchzer (1787–1864), beide aus Glattfelden im Zürcher Unterland. Rudolf Keller, Sohn eines Küfers, war nach einer Handwerkslehre und mehrjähriger Wanderschaft durch Österreich und Deutschland in sein Heimatdorf zurückgekehrt und hatte um die Tochter des dortigen Landarztes geworben. Die Scheuchzer-Familie war weitläufig mit dem gleichnamigen Zürcher Patriziergeschlecht verwandt, das mehrfach Ärzte hervorbrachte, darunter im 17. Jahrhundert den universalgelehrten Mediziner und Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer.
Nach der Eheschliessung im Jahre 1817 liess sich das Paar in Zürich im Haus «Zum goldenen Winkel» nieder, wo Gottfried 1819 als zweites Kind zur Welt kam. Bald darauf kaufte Kellers Vater das Haus «Zur Sichel». Hier wurde 1822 die Schwester Regula geboren,Gottfrieds Mutter und Schwester. einziges von fünf weiteren Geschwistern Gottfrieds, das nicht im frühen Kindesalter starb. Der Dichter beschrieb das Haus «Zur Sichel» und die Menschen, die es bevölkerten, in seinem Roman Der grüne Heinrich. Überhaupt ist «die eigentliche Kindheit» seines Romanhelden, des «grünen» Heinrich Lee, nicht erfunden, sondern «sogar das Anekdotische darin, so gut wie wahr».«Autobiographisches» (1876), zitiert nach Gottfried Keller’s Nachgelassene Schriften und Dichtungen. Hrsg. von Jakob Baechtold. Berlin 1893, S. 20 (online unter s:Zwei autobiographische Schriften). – Baechtold, von Keller zum literarischen Nachlassverwalter bestimmt, legte mit Gottfried Kellers Leben, seine Briefe und Tagebücher (Berlin 1894–1897) das Fundament der Keller-Biographie. 1915/1916 erschien von Emil Ermatinger Gottfried Kellers Leben. Mit Benutzung von Jakob Baechtolds Biographie dargestellt. ein Werk, das 1950 die 8. Auflage erlebte und 1990 noch einmal unverändert nachgedruckt wurde. Aus Gründen, die Jonas Fränkel dargestellt hat (in: Göttinger Gelehrter Anzeiger. Dezember 1916, S. 681–706), wird im vorliegenden Artikel auf Baechtold zurückgegriffen, außer dort, wo die Keller-Forschung dessen Darstellung seither korrigiert bzw. ergänzt hat.
Kellers Vater war Parteigänger der liberalen Bewegung, welche in der Schweiz gegen die restaurative Politik der alten städtischen Eliten mobil machte und für eine stärker zentralisierte Staatsform eintrat. Als Patriot und Staatsbürger nahm Rudolf Keller an den Wehrübungen des Salomon Landoltschen Scharfschützencorps teil, als weltoffener Handwerker fühlte er sich Deutschland verbunden, verehrte Friedrich Schiller und wirkte an Liebhaberaufführungen Schillerscher Dramen mit. 1823 wurde er zum Obmann der Drechslerinnung gewählt. Auch gehörte er dem Vorstand einer Schule an, in der Kinder aus armen Familien nach der Methode des Zürcher Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi unentgeltlich unterrichtet wurden. Kellers Eltern bekannten sich zur evangelisch-reformierten Kirche, was den Vater nicht abhielt, Kritik am Religionsunterricht der Zürcher Geistlichkeit zu üben. In diesem Zusammenhang ist er als beeindruckender Redner bezeugt. Er starb 1824, 33 Jahre alt, an Lungentuberkulose. Auf dem Zürcher Friedhof Sihlfeld fand er seine letzte Ruhestätte.
Der Witwe Elisabeth Keller gelang es, das Haus und zunächst auch den Betrieb zu retten. 1826 heiratete sie den Leiter ihrer Werkstatt, der sich jedoch nach wenigen Monaten mit ihr zerstritt und sie verliess. Danach lebte sie mit ihren beiden Kindern äusserst eingeschränkt vom Ertrag des Hauses und ihrer Arbeit darin. Die endgültige Auflösung ihrer Ehe konnte sie erst 1834 erreichen, nachdem 1831 die Liberalen die Macht ergriffen und im Zuge der Regeneration die Trennung von Staat und Kirche durchgeführt und die kirchliche Ehegerichtsbarkeit abgeschafft hatten, wodurch die Scheidung nur mehr formell bestehender Ehen erleichtert wurde.Rainer Würgau: Der Scheidungsprozeß von Gottfried Kellers Mutter. Thesen gegen Adolf Muschg und Gerhard Kaiser. Niemeyer, Tübingen 1994, S. 78f. (Kurzfassung dieser Studie).
Schulzeit, 1825–1834 mini|Malerei des zehnjährigen Gottfried: Knabe mit Vögeln im Wald, 1829
Nach dem Wunsche seines Vaters besuchte Gottfried vom sechsten bis zum zwölften Lebensjahr die erwähnte Schule für Arme, danach zwei Jahre eine weiterführende Anstalt, das «Landknabeninstitut», an der auch Französisch und Italienisch unterrichtet wurde. Er lernte ohne Mühe und zeigte früh das Bedürfnis, sich malend und schreibend auszudrücken. Erste Schreibversuche realisierte er 1832/1833 mit kurzen Geschichten über die Natur. Aus seiner Knabenzeit haben sich neben phantasievollen Wasserfarbenbildern auch einige kleine Theaterstücke erhalten, die er, von Darbietungen gastierender Wanderbühnen angeregt, für seine Spielgefährten schrieb und mit ihnen aufführte.
Ostern 1833 wurde er in die neugegründete kantonale Industrieschule aufgenommen, die über mehrere naturwissenschaftlich und literarisch hochqualifizierte Lehrkräfte verfügte. Sein Lehrer in Erdkunde und Geschichte war der deutsche Geologe und Politiker Julius Fröbel, später Förderer und erster Verleger des jungen Dichters. Sein Französischlehrer, der Zürcher Geistliche Johann Schulthess (1798–1871), dessen Unterricht er besonders schätzte, machte ihn mit französischen Schriftstellern bekannt, darunter Voltaire, sowie – in französischer Übersetzung – mit dem Don Quijote, einem Werk, das lebenslang zu Kellers Lieblingsbüchern zählte.
Aus dieser Umgebung wurde er schon im folgenden Jahr herausgerissen. Er hatte an einem Aufmarsch teilgenommen, den ältere Schüler nach dem Muster der damals in der politisch bewegten Schweiz häufigen Putsche veranstalteten. Dabei kam es vor dem Hause eines pädagogisch unqualifizierten und politisch missliebigen Lehrers – er gehörte zur herrschenden liberalen Partei, während in der kantonalen Industrieschule die Söhne konservativer Stadtbürger den Ton angaben – zu lärmenden Szenen. Als eine Kommission den Vorfall untersuchte, redeten die wahren Schuldigen sich heraus und gaben Gottfried als Rädelsführer an. Der gegen Keller voreingenommene Schulleiter, Johann Ludwig Meyer (1782–1852), Kirchenrat und gewesener Eherichter,Würgau, S. 86. glaubte ihnen aufs Wort und formulierte den Antrag: «Gottfried Keller ist aus der Schule gewiesen und dieses seiner Mutter von Seiten der Aufsichtskommission anzuzeigen.»Baechtold, Bd. 1, S. 39. Der Antrag wurde angenommen, dem knapp Fünfzehnjährigen war damit der weitere schulische Bildungsweg versperrt.
Berufsziel Maler, 1834–1842 mini|links|Haus des Arztes Heinrich Scheuchzer, Oheim von Gottfried Keller, Glattfelden mini|Dorfkern von Glattfelden auf einer Zeichnung des 15-jährigen Gottfried Kellers, 1834, links: Haus des Oheims, rechts: Mühle
Vor die Berufswahl gestellt, liess sich Gottfried Keller durch Erinnerungen an seine kindlichen Malübungen und frische Eindrücke auf einer der jährlichen Zürcher Gemäldeausstellungen bestimmen. Trotz der Bedenken seiner Mutter und ihrer Ratgeber entschied er sich für die Landschaftsmalerei. Den Sommer nach dem schulischen Missgeschick verbrachte er im malerisch gelegenen Glattfelden, wo er in der vielköpfigen Familie seines Oheims und Vormundes, des Arztes Heinrich Scheuchzer (1786–1856), häufiger Feriengast war. In der Büchersammlung des Scheuchzerschen Hauses fand er die Briefe über die Landschaftsmalerei des Zürcher Malers und Dichters Salomon Gessner, eine Lektüre, die ihn in seinem neugewonnenen Selbstgefühl als Künstler bestätigte. Über diese Wahl schrieb Keller im Jahre 1876: «In sehr früher Zeit, schon mit dem fünfzehnten Jahre, wendete ich mich der Kunst zu; so viel ich beurtheilen kann, weil es dem halben Kinde als das Buntere und Lustigere erschien, abgesehen davon, daß es sich um eine beruflich bestimmte Thätigkeit handelte. Denn ein ‹Kunstmaler› zu werden, war, wenn auch schlecht empfohlen, doch immerhin bürgerlich zulässig.»Zwei autobiographische Schriften, S. 13.
Lehrjahre in Zürich