Ein Vorurteil (juristisch-philosophisch auch: Vorverständnis) ist ein Urteil, das einer Person, einer Gruppe, einem Sachverhalt oder einer Situation ohne eine gründliche und umfassende Untersuchung, Abklärung und Abwägung zuteilwird. Es gibt negative und positive Vorurteile. Meist ist „Vorurteil“ negativ gemeint und wird auch so verstanden, wenn nicht ausdrücklich „positiv“ als Eigenschaft vorangestellt wird. Vorurteile gibt es in allen Gesellschaften und allen gesellschaftlichen Gruppen, Klassen und Schichten mehr oder weniger ausgeprägt. Mit der kritischen Erforschung von Vorurteilen befasst sich die wissenschaftliche Vorurteilsforschung.
Allgemeines Definitionen Eine bekannte Definition des Vorurteils stammt von Gordon Allport (Sozialpsychologe) aus seiner Arbeit Die Natur des Vorurteils () von 1954. „Vorurteile sind Urteile ohne ausreichende Beweise.“ Nach ihm hat es die beiden Komponenten Einstellung und Überzeugung und äußert sich bei zunehmender Stärke in den Stufen Verleumdung, Kontaktvermeidung, Diskriminierung, körperliche Gewalt, Vernichtung (siehe Allport-Skala).
Die Definition von Werner Bergmann lautet: „Im Alltagsverständnis gebrauchen wir den Begriff Vorurteil, um ausgeprägte positive und negative Urteile oder Einstellungen eines Mitmenschen über ein Vorurteilsobjekt zu bezeichnen, wenn wir sie für nicht realitätsgerecht halten und der Betreffende trotz Gegenargumenten nicht von seiner Meinung abrückt. Da Urteile zumeist nur die Sichtweise des Betreffenden wiedergeben und Urteile fast immer gewisse Verallgemeinerungen enthalten, sind in jedem Urteil Momente des Vorurteilshaften zu finden.“Werner Bergmann: Was sind Vorurteile? In: Vorurteile – Stereotype – Feindbilder. (= Informationen zur politischen Bildung. Heft 271, 2001).
Das Vorurteil hat viele Eigenschaften mit dem Stereotyp gemeinsam. Vorurteile gehören wahrscheinlich zur psychischen Ökonomie. Das mentale Operieren mit Stereotypen vereinfacht, entlastet in einer reizüberflutenden Informationsfülle.
Menschen ändern ihre Einstellungen am wahrscheinlichsten, wenn sie sonst Nachteile oder zumindest weniger Vorteile erleiden. Zum Beispiel kann ein Mensch das Vorurteil „moderne Kunst ist elitär“ sein Leben lang ohne Nachteile aufrechterhalten, es sei denn, jemand grenzt ihn deswegen aus.
Nach der Idolenlehre von Francis Bacon von 1620 lassen sich Einschränkungen in der Urteilsfähigkeit als Vorurteile definieren.
Kritische Betrachtung des Vorurteils Historisch bedeutsam kritisierte die Frühaufklärung durch Vorurteile getrübtes Denken. So forderte der Aufklärer Christian Thomasius dazu auf, überkommene Urteile und Denkweisen eigenständig zu prüfen und gegebenenfalls abzulegen. Hierin wurzelt der spätere Wahlspruch der Aufklärung: „Wage es, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ (Sapere aude). Die Gattungen, in die Vorurteile eingeteilt wurden, wiesen auf verschiedene Ursachen fehlerhaften Urteilens.
Der aktuelle, umgangssprachliche Begriff des Vorurteils schließt daran an. Propaganda, Werbung usw. stiften ihn nichtsdestoweniger auch aktiv.
Rehabilitierung des Vorurteils Hans-Georg Gadamer sah in der aufklärerischen Philosophie eine Diskreditierung des Vorurteils durch die Ablehnung von Autorität und Tradition:Es gibt nämlich sehr wohl auch ein Vorurteil der Aufklärung, das ihr Wesen trägt und bestimmt: Dies grundlegende Vorurteil der Aufklärung ist das Vorurteil gegen die Vorurteile überhaupt und damit die Entmachtung der Überlieferung.Indem Gadamer den antiken hermeneutischen Zirkel weiterentwickelt, ist das Vorurteil hier neutral, da jeglicher Sachverhalt (sei es ein Text) mit der Vormeinung des Subjekts abgeglichen wird, welche sich empirisch konstituiert aufgrund der Erfahrungen und der Tradition, in der es steht. Nachdem neue Erfahrungen gesammelt wurden, werden die Vormeinungen oder Vorurteile des Subjekts damit abgeglichen und folglich werden sie zu einem Urteil aus besagtem Sachverhalt und Vorurteil; analog zur Hegelschen Dialektik: Synthese aus These und Antithese. Somit ist das Vorurteil nach Gadamer losgelöst von positiven oder negativen Wertungen.
Nach Josef Esser ist die juristische Methodenlehre dem Richter weder Hilfe noch Kontrolle. Der Richter benutze sie nur, um die nach seinem Vorverständnis gefundene und als richtig erachtete Entscheidung lege artis zu begründen. Esser unterscheidet zwischen der vorverständnishaften Findung und der methodengerechten Begründung einer Entscheidung. Die nachträgliche Begründung stelle nur die plausible Legitimation der vorangegangenen Entscheidung nach außen dar. Zur Begründung wähle der Richter eine Auslegungsmethode, die sich für den Nachweis der Vereinbarkeit seiner Entscheidung mit dem gesetzten Recht als zweckdienlich erweise.Josef Esser, Vorverständnis und Methodenwahl in der Rechtsfindung, Frankfurt, 1970
Arten der Vorurteile
Positive und negative Vorurteile „Das negative Vorurteil ist mit dem positiven eins. Sie sind zwei Seiten einer Sache“, so formuliert es Max Horkheimer in seinem Aufsatz Über das Vorurteil. Vorurteile werden heute meist per se als negativ empfunden: Wenn in Debatten über Vorurteile gestritten wird, geht es fast ausschließlich um negative Vorurteile. Wie entscheidend Vorurteile für das tägliche Überleben sind, gerate darüber in Vergessenheit. Der moderne Alltag sei ohne Vorurteile nicht zu bewältigen. Horkheimer erklärt: „Im Dschungel der Zivilisation reichen angeborene Instinkte noch weniger aus als im Urwald. Ohne die Maschinerie der Vorurteile könnte einer nicht über die Straße gehen, geschweige denn einen Kunden bedienen.“ Alle Eigenschaften, die dazu führen, dass negative Vorurteile kritisch gesehen werden, bergen umgekehrt positive Folgen. Der von Albert Einstein überlieferte Satz „Ein Vorurteil ist schwerer zu spalten als ein Atom“ birgt bezüglich der sozialen Orientierung eine entscheidende Hilfestellung. Jedes Individuum hat den Wunsch, die Welt zu beurteilen, sein Ge- oder Missfallen an den Geschehnissen auszudrücken – dies ist ohne Vorurteile ein unmögliches Unterfangen. Oft sind kollektive Vorurteile das Ergebnis historisch gewachsener Interpretationsmuster, eine „normale“ Vereinfachung, um die Vielfalt der sozialen Wirklichkeit irgendwie zu bündeln.
Positive Vorurteile spielen eine entscheidende Rolle im Wirtschaftsleben, denn positive Vorurteile über z. B. eine Marke oder ein Produkt sind entscheidend für jedes Unternehmen, das langfristig und wirtschaftlich erfolgreich am Markt existiert oder existieren will: Ein VW Golf ist besonders zuverlässig, ein Fahrzeug von Alfa Romeo ist sportlich, bei ALDI kann billig eingekauft werden oder die Deutsche Lufthansa ist eine pünktliche und sichere Fluggesellschaft. Der Aufbau und die Führung von Marken erfordern den behutsamen und sensiblen Umgang mit existierenden Vorurteilen, damit das Vertrauen in ein solches Marken-Vorurteil in der Kundschaft nicht erschüttert wird. Oft wurden solche „positiven Vorurteile“ über viele Jahrzehnte aufgebaut, d. h., das Unternehmen hat kontinuierlich eine Produktleistung erbracht und auf diese Weise es geschafft, sich einen guten Ruf oder ein positives Vorurteil aufzubauen. Die sozialen Mechanismen, die zu negativen Vorurteilen führen, funktionieren auch auf dem umgekehrten Wege – mit, wirtschaftlich gesehen, äußerst positiven Folgen. Markensoziologisch betrachtet ist eine Marke in erster Linie ein von vielen Menschen geteiltes positives Vorurteil über eine Produktleistung. Diese Leistung ist mit einem Namen verkoppelt.
Aufwertende Vorurteile Vorurteile sind nicht notwendigerweise abwertend. Zu den aufwertenden Vorurteilen können die Sicht Verliebter auf Geliebte, der Blick auf die eigenen Kinder oder die eigene Nation oder das Vertrauen eines kleinen Kindes in die unbegrenzten Fähigkeiten und Kräfte der Eltern gezählt werden. Auch Mythen, die sich um bestimmte Gegenstände, Sachverhalte oder Personen ranken, können als positive (manchmal auch negative) Vorurteile betrachtet werden, welche die Basis für Verehrung oder für Fanrituale bilden.
Abwertende Vorurteile Vorurteile sind jedoch oft negative oder ablehnende Einstellungen gegenüber einem Menschen, einer Menschengruppe, einer Stadt oder Gemeinde, einer Nation oder generell einem Sachverhalt. Vorurteilsbildung wird als „Übergeneralisierung“ interpretiert, bei der unzulässigerweise von einzelnen Eigenschaften eines Individuums auf Eigenschaften aller Individuen einer Gruppe geschlossen wird.Was sind Vorurteile?. Website der Bundeszentrale für politische Bildung. Abgerufen am 28. April 2015. Vorurteile besitzen einen emotionalen Gehalt und treten als deutliche, stereotype Überzeugungen auf. Sie implizieren oft negative Gefühle und Handlungstendenzen und können zu Intoleranz und Diskriminierung führen.Stereotyp und Vorurteil – Definitionen und Begrifflichkeit. Website der IKUD Seminare. Abgerufen am 28. April 2015.
Abwertende Vorurteile aufgrund von ethnischen Merkmalen werden Ethnophaulismen genannt. Sie treffen vor allem Menschen, die benachteiligt werden und dienen oftmals dazu, Ungerechtigkeiten zu legitimieren.Manfred Markefka: Vorurteile – Minderheiten – Diskriminierung. 1995, S. 37.
Beispiele Soldaten sind lediglich für Kriege (und damit zum Töten feindlicher Menschen) zuständig. Siehe Soldaten sind Mörder. Bankkaufleute haben es nur auf das Geld der Kunden abgesehen. Arbeitslose Personen sind Schmarotzer und faul. Der Staat verschwendet sinnlos Steuergelder der Bürger. Übergewichtige Personen haben zu viel Gewicht, weil sie zu viel essen und bewegungsfaul sind.
Merkmale
Das Vorurteil wird durch folgende Merkmale charakterisiert: Es ist ein voreiliges Urteil, also ein Urteil, das überhaupt nicht oder nur sehr ungenügend durch Realitätsgehalt, Reflexionen geprüft wird. Es ist meist ein generalisierendes Urteil, d. h., es bezieht sich nicht nur auf einen Einzelfall, sondern auf viele Urteilsgegenstände. Es hat häufig den stereotypen Charakter eines Klischees und wird vorgetragen, als sei es selbstverständlich oder zumindest unwiderlegbar. Es enthält neben beschreibenden oder theoretisch erklärenden Aussagen direkt oder indirekt auch richtende Bewertungen von Menschen, Gruppen oder Sachverhalten. Es unterscheidet sich von einem Urteil durch die starre Verallgemeinerung.
Bei der Fehlerhaftigkeit geht es weniger darum, ob der Inhalt des Vorurteils empirisch – also aufgrund der eigenen Lebenserfahrung – mit der Realität übereinstimmt oder nicht. Vielmehr ist die Generalisierung von Bedeutung: Ich lehne eine Person (oder mehrere) nur aufgrund deren Gruppenzugehörigkeit ab. Die Gruppe kann zwar „im Mittel“ bestimmte Eigenschaften aufweisen, jedoch betrifft dies kaum alle Mitglieder dieser Gruppe („ökologischer Fehlschluss“).
Ursachen
Soziale Ursachen Soziale Ungleichheit: Aus dem ökonomischen Verhältnis zweier Gruppen lassen sich deren Stereotype gegeneinander vorhersagen. Oftmals dienen Vorurteile dazu, bestehende Ungleichheiten zu rationalisieren, d. h., sie werden aus scheinbar naturgegebenen Unterschieden hergeleitet.