Jesus von Nazaret wird auch außerhalb des Christentums eine besondere Bedeutung zugesprochen. So haben die Schriften des Urchristentums auch die Jesusbilder einiger anderer Religionen, neuzeitlicher Philosophie und Literatur beeinflusst. Diese kulturelle Rezeption reicht von hoher Wertschätzung bis zu betonter Ablehnung und ist von den je eigenen Glaubens- oder Denkvoraussetzungen sowie von historischen Konflikten mit Kirchen und Christen mitbestimmt.

Judentum Jesus war galiläischer JudeMartin Hengel, Anna Maria Schwemer: Jesus und das Judentum. Band 1, Mohr Siebeck, Tübingen 2007, ISBN 978-3-1614-9359-1, S. 273 f.Richard A. Horsley: Die ersten Christen. Sozialgeschichte des Christentums. Band 1, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2007, ISBN 978-3-579-08001-7, S. 48 f. und jede ernsthafte historische Rekonstruktion seiner Selbstsicht – aus den Quellen – muss innerhalb des Judentums seiner ZeitRichard A. Horsley: Die ersten Christen. Sozialgeschichte des Christentums. Band 1, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2007, ISBN 978-3-579-08001-7, S. 13–62 bleiben und nicht aus einer späteren christlichen Theologie heraus interpretiert werden.Schalom Ben-Chorin: Der Nazarener in jüdischer Sicht. (= 1253 dtv Taschenbuch), Dtv/List, München 1978, ISBN 3-423-01253-6, S. 7 fGuido Baltes: Jesus, der Jude und die Missverständnisse der Christen. Francke, Marburg an der Lahn 2013, ISBN 978-3-86827-414-1, S. 5 f.

Nach bekennt sich Jesus mit dem Sch'ma Jisrael, dem zentralen jüdischen Glaubensbekenntnis aus zum Judentum, „Höre, Israel, der Herr unser Gott, der Herr ist Einer!“

Im Zentrum seiner Botschaft stand „Das Reich Gottes ist mitten unter euch (…)“ () oder „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe (…)“ ().John Dominic Crossan: Der historische Jesus. C. H. Beck, München 1994, ISBN 3-406-38514-1, S. 379 f. Eine Aussage, in der nicht eine zukünftige Hoffnung anklingt, sondern ein Aufruf, der die Gegenwärtigkeit JHWHs beschreibt. Jesus selbst sah sich nicht als Messias im gängigen Sinn. Seine Anhängerschaft (Judenchristen) deuteten ihn nachträglich zum Messias.

Das pharisäische Judentum zur Zeit Jesu war stark geprägt durch zwei bedeutende Lehrschulen: die „Schule des Hillel“ (Beit Hillel) und die des „Schammai“ (Beit Shammai). Diese beiden Richtungen standen exemplarisch für unterschiedliche Auslegungen der Halacha, des religiösen Gesetzes, das auf der Interpretation des Tanach – insbesondere der Gebote des Pentateuchs – basiert.

Die „Schule des Hillel“, die um das späte 1. Jahrhundert v. Chr. entstand, vertrat eine pragmatisch-barmherzige Gesetzesauslegung. Ihr Gründer, Hillel der Ältere (), legte Wert auf Geduld, Demut und eine ethisch-moralische Ausrichtung der Gebote. Dem gegenüber stand die „Schule des Schammai“, gegründet von Schammai (. So vertrat die Schule Schammais eine rigide und formalistische Halacha-Interpretation. Sie betonte die Einhaltung des Gesetzes in seiner wortgetreuen und autoritativen Form. In den Evangelien lässt sich beobachten, dass Jesus von Nazareth in seiner Gesetzesauslegung teils der pragmatisch-barmherzige Linie Hillels nahesteht, etwa wenn er Barmherzigkeit und das Wohl des Menschen in den Vordergrund stellt (z. B. Schabbatheilungen, siehe ). In anderen Fällen jedoch übernimmt er eine klare und kompromisslose Haltung, ähnlich der Positionen der Schammai-Schule – etwa bei der Scheidungsthematik, siehe ), wo Jesus eine sehr strenge Auslegung vertrat. Trotz dieser ambivalenten Haltung lässt sich bei Jesus eine grundlegende Tendenz erkennen: die „Verinnerlichung des Gesetzes“. Im Zentrum steht dabei die Liebe – sowohl zu Gott als auch zum Nächsten – als das entscheidende Motiv und Ziel des Gesetzes (siehe ). Diese innere Ausrichtung unterscheidet Jesu Verständnis des Gesetzes sowohl von der formalistischen Strenge des Schammai als auch von der rabbinisch-pragmatischen Auslegung des Hillel.Schalom Ben-Chorin: Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht. dtv/List, München 1997, ISBN 3-423-01253-6, S. 15.Guido Baltes: Jesus, der Jude und die Missverständnisse der Christen. Francke, Marburg an der Lahn 2013, ISBN 978-3-86827-414-1, S. 59 f.

Das Judentum sieht Jesus von Nazaret nicht als Sohn GottesPeter Schäfer: Zwei Götter im Himmel. Gottesvorstellungen in der jüdischen Antike. C. H. Beck, München 2017, ISBN 978-3-406-70412-3, S. 61–65. an, da ein Mensch nach jüdischer Auffassung nicht göttlich sein kann. Es sieht in ihm auch nicht den Messias, da er nicht die endgültige Verwandlung der Welt gebracht habe, die die Juden nach biblischer Prophetie vom Messias erwarten.Martin Hengel, Anna Maria Schwemer: Jesus und das Judentum. Band 1, Mohr Siebeck, Tübingen 2007, ISBN 978-3-1614-9359-1, S. 498 f.Udo Schnelle: Die ersten 100 Jahre des Christentums. 30-130 n. Chr. 2. Auflg, (= 4411 UTB), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016, S. 66–68 Eine Ausnahme bilden Messianische Juden.

Rabbinische Tradition Nach dem verlorenen Aufstand der Juden gegen die römische Herrschaft, der mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 endete, gewannen die Pharisäer die Führungsrolle im Judentum. Im gegenseitigen Abgrenzungsprozess galt das noch stark von Judenchristen geprägte Christentum nun als unvereinbar mit dem Judentum und wurde auf dem Sanhedrin von Jamnia (um 95) ausgegrenzt. Zur Trennung kam es, als die urchristliche Mission sich seit Paulus von Tarsus auch an Nichtjuden richtete.Norbert Scholl, Winfried Belz, Karl-Heinz Knauber: Christentum und Judentum imprimatur, Trier 2018. Durch die Aufnahme von Christen ohne jüdischen Hintergrund (Heidenchristen) änderten sich die Mehrheitsverhältnisse. Die Auseinandersetzungen führten schließlich auch zu einem Antijudaismus der Heidenchristen.

Der seit etwa 200 entstandene babylonische Talmud nannte Jesus daraufhin meist nur „jenen Mann“, vermied also seinen Namen, beschrieb ihn als falschen Propheten und Verführer Israels, der Zauberei trieb, über die Weisen spottete und nur fünf Jünger hatte. Er sei am Vorabend des Pessach gehängt worden, nachdem sich trotz vierzigtägiger Suche kein Entlastungszeuge für ihn gefunden habe (Sanhedrin 43a; vgl. ). Jesu Herkunft erklärt der Talmud mit einem Fehltritt Marias: Sie habe sich mit einem römischen Legionär namens Panthera eingelassen und das dabei entstandene Kind dem „Heiligen Geist“ zugeschrieben. Für die talmudischen Rabbiner war sie eine „Hure“. Jesus sei durch seinen römischen Vater „nicht nur ein Bastard, sondern der Sohn eines Nichtjuden“. Die im NT verkündete Abstammung von König David könne er daher nicht beanspruchen. Diese Idee war mitsamt dem Messias- und Sohn-Gottes-Anspruch Jesu bzw. des NT für die Talmudautoren reiner Betrug. Zudem stellten sie Jesus als promisk dar, der mit einer Prostituierten verkehrt habe und seiner Mutter nachgeraten sei. Dies beweise, dass er kein Prophet gewesen sei.Peter Schäfer: Jesus im Talmud. Tübingen 2007, S. 45f

Etwa im 8. Jahrhundert entstanden im Raum Italien die Toledot Jeschu, eine polemische jüdische Jesuserzählung, die talmudische und andere volkstümliche Legenden aufnimmt. Jesus erscheint hier als fehlgeleiteter Schüler der Rabbinen, dem nicht zuletzt seine Zauberkünste zum Verhängnis werden. Teilweise ist diese Geschichte mit einer Petruslegende verbunden, der zufolge Petrus als Papst eigentlich im Sinne der Rabbinen gewirkt habe und sie durch strikte Trennung vom Christentum vor Schlimmerem bewahrt habe.

Neues Testament (NT) In den ältesten Texten, dem Markusevangelium und der Logienquelle Q wird Jesus und sein Anhängerschaft als eine „prophetisch orientierte Bewegung“ gesehen, deren Streben eine Erneuerung Israels war sowie die römische Fremdherrschaft verurteilt.Richard A. Horsley: Die ersten Christen. Sozialgeschichte des Christentums. Band 1, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2007, ISBN 978-3-579-08001-7, S. 46 Jesu erste Anhänger (Nachfolger bzw. Jünger) waren Juden wie er und verstanden ihn und seine Botschaft vom Reich Gottes als Aktualisierung der biblischen Glaubenshoffnungen, die damals in einer Vorform des Tanach schriftlich überliefert waren. Sie bezeichneten Jesus laut den Evangelien als Rabbi (Schriftlehrer) (; ), so auch der reiche junge Mann und einige Pharisäer .

Die damalige jüdische Landbevölkerungsiehe hierzu Am ha'aretz, in der Zeit des rabbinischen Judentums bezeichnete Jesus analog zu einer seiner Selbstbezeichnungen als Propheten (siehe auch Prophetie im Tanach und Prophetie im Urchristentum). Manche sahen in ihm den wiedergekommenen Elija , der im Volk als Vorläufer des Endgerichts erwartet wurde. Einige seiner Nachfolger bezeichneten Jesus eventuell schon zu Lebzeiten als „den Gesalbten“ (hebr. maschiach; griech. Christos, Χριστός), das hieß den von Gott zur Befreiung Israels und der Völkerwelt bestimmten endzeitlichen Retter: so laut Simon Petrus. Der Messias galt als Nachkomme des israelitischen Königs David. So bezeichnete ein blinder Bettler Jesus auf dessen Weg nach Jerusalem als „Sohn Davids“ . Eine Menge von Festpilgern pries seinen Einzug in Jerusalem laut: „Gesegnet sei das Reich unseres Vaters David, das nun kommt.“ Demnach trugen sie die Erwartung einer messianischen Befreiung von römischer Fremdherrschaft an Jesus heran. Diese hatte er mit dem impliziten Messiasanspruch seiner Reich-Gottes-Botschaft zugunsten der Armen, Leidenden und Rechtlosen geweckt .

Jesu Hauptgegner, die Sadduzäer, sahen in ihm wegen seiner scharfen Tempelkritik einen falschen Propheten . Nach dem Ende der sadduzäischen Führungsschicht, das im Zusammenhang mit dem Aufstand der Zeloten und der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 n. Chr.) stand, sowie dem Scheitern der militanten Bewegungen in Folge der römischen Unterdrückung, etablierten sich die Pharisäer als dominierende religiöse Strömung innerhalb des Judentums. Aus ihrer Tradition entwickelte sich im Verlauf des 2. Jahrhunderts das rabbinische Judentum. Dieser Transformationsprozess wurde maßgeblich durch die Ereignisse nach dem Bar-Kochba-Aufstand (132–135 n. Chr.) beschleunigt, als andere konkurrierende Gruppen endgültig verschwanden.Ernst Axel Knauf, Hermann Michael Niemann: Geschichte Israels und Judas im Altertum. De Gruyter, Berlin / Boston 2021, ISBN 978-3-11-014543-4, S. 428.

Seine Selbstbezeichnung als MenschensohnPeter Schäfer: Zwei Götter im Himmel: Gottesvorstellungen in der jüdischen Antike. C. H. Beck, München 2017, ISBN 978-3-406-70412-3, S. 25–39 gemäß der Vision Daniels bestätigte dieses Bild. Das war der wahrscheinliche Grund seiner Auslieferung an den römischen Statthalter zur Kreuzigung.

Neuzeit Von einigen jüdischen Religionswissenschaftlern wird Jesus als genuin jüdischer Lehrer der Tora gesehen, der den Völkern den Glauben an JHWH, den Gott Israels, vermittelt habe. Die „Wissenschaft des Judentums“ brachte bedeutende Jesus-Forscher wie Abraham Geiger und Leo Baeck hervor. Vor der Schoa trafen diese Forschungen bei christlichen Theologen meist auf Ablehnung und Ignoranz. Seit 1945 beschäftigen sich besonders deutschsprachige jüdische Religionswissenschafter wie Martin Buber, David Flusser, Pinchas Lapide, Schalom Ben-Chorin, Abraham Joshua Heschel, Walter Homolka und andere mit Jesus.

Die Messianischen Juden erkennen Jesus als den Messias an, halten aber zugleich an jüdischen Bräuchen fest, die sie mit dem christlichen Gottesdienst verbinden.

Mandäer Die Mandäer – eine monotheistische Religion, die sich auf Johannes den Täufer zurückführt – betrachten Jesus als „Lügenpropheten“. Im Sidra Rabba, dem heiligen Buch der Mandäer, heißt es:

Manichäismus