Ivanhoe ist ein 1820 veröffentlichter Roman von Sir Walter Scott und zugleich der Name der Hauptperson des Romans, des Kreuzritters Sir Wilfred of Ivanhoe.

Hauptthema ist die Rivalität zwischen den beiden großen hochmittelalterlichen „Nationen“ Englands, den Angelsachsen und Normannen, die sich während der Abwesenheit des rechtmäßigen Königs Richard Löwenherz durch die Intrigen seines Bruders und Statthalters verschärft.mini|Erste Seite einer Dünndruckausgabe von 1910

Im fiktiven Zusammenspiel der Romanfiguren mit historischen Persönlichkeiten entsteht in Ivanhoe ein anschauliches Bild Englands am Ende des 12. Jahrhunderts und zugleich ein nationaler Mythos. Dieser „historische Roman gilt als einer der ersten seiner Art, als Vorbild für ein Genre, das bald in ganz Europa Nachahmung fand. Wer das Buch heute liest, mag über manches Klischee und die mitunter haarsträubende Handlung schmunzeln – gute Unterhaltung findet er allemal.“Getabstract, siehe Weblinks. Stapleton, siehe Literatur: „His most popular work.“

Handlung Die Geschichte wird mit einiger Fantasie vor dem historischen Hintergrund der Rivalitäten zwischen Angelsachsen und NormannenDass Scott diesen Konflikt noch Ende des 12. Jahrhunderts als dominant darstellt, wurde von Scotts Zeitgenossen scharf kritisiert: „Scott was severely criticized for presenting Saxon-Norman enmity as persisting into the 12th century, when it was no longer an issue.“ Stapleton, siehe Literatur, S. 444. „Scott was remarkably loose with the facts when he wrote Ivanhoe. (…) It is meant to please, not to instruct.“ Sparknotes, siehe Weblinks. in England etwa 130 Jahre nach dem Sieg Wilhelm des Eroberers, der Kreuzzüge und der Geiselnahme des englischen Königs Richard Löwenherz in Österreich erzählt. Die Abwesenheit König Richards für den Aufbau einer eigenen Hausmacht nutzend, stützt sich dessen jüngerer Bruder Johann Ohneland auf die normannischen Ritter und Barone, die ihre Macht auszuweiten versuchen. (Die normannischen Gegenspieler Ivanhoes tragen französische Namen, weil der angelsächsische alte Adel nach der Niederlage in Hastings 1066 n. Chr. weitgehend entmachtet wurde und der neue aus der Normandie damals meist Französisch sprach: Brian de Bois-Guilbert, Maurice de Bracy, Philippe de Malvoisin, Ralph de Vipont, Reginald Front-de-Boeuf, der Herr von Torquilstone …).

Der angelsächsische Ritter Ivanhoe kehrt aus Palästina, dem Heiligen Land, nach England zurück. Da er wegen seiner Gefolgschaft für den normannischen Richard Löwenherz und seiner Liebe zu Rowena, dem Mündel seines Vaters Cedric des Sachsen, von dessen Hof verstoßen worden war, hat er sich als Pilger verkleidet. Auf dem Hof seines Vaters sieht er Rowena wieder und begegnet dem normannischen Tempelritter Brian de Bois-Guilbert, der kürzlich ebenfalls aus Palästina zurückgekehrt ist und gegen den er dort siegreich im Turnier gekämpft hatte. In der stürmischen Nacht findet auch ein jüdischer Geldverleiher namens Isaac von York in dem Anwesen Zuflucht. mini|Heutiger Zustand von Ashby Castle, in der Nähe des ersten Turniers. Cedric begibt sich anschließend wie all seine Gäste auf den Weg nach Ashby-de-la-Zouch, wo de Bois-Guilbert an einem Turnier teilnehmen will. Ivanhoe begleitet den Geldverleiher Isaac dorthin und schützt ihn so vor Überfällen. Zum Dank überlässt ihm der Jude eine Rüstung samt Pferd, womit auch Ivanhoe – zunächst inkognito als „enterbter Ritter“ (Disinherited Knight) – das Turnier besuchen kann, um den Sieg des Templers zu verhindern. Nachdem er mehrere normannische Kontrahenten wie Grantmesnil, die normannischen Grafen Philippe de Malvoisin und Reginald Front-de-Bœuf sowie Ralph de Vipont besiegt hat, gelingt es ihm zu guter Letzt, de Bois-Guilbert zu bezwingen. Er wird jedoch schwer verwundet. Der Geldverleiher Isaac und seine Tochter Rebekka nehmen Ivanhoe auf. Sie werden jedoch zusammen mit Ivanhoes Vater und Rowena von normannischen Rittern gefangen genommen und auf der Burg Torquilstone des normannischen Grafen Front-de-Bœuf festgesetzt. Dort gesteht der Ritter Maurice de Bracy Lady Rowena seine Liebe und seinen Wunsch, sie zu heiraten, wird aber abgewiesen. Ebenso erklärt der Tempelritter Bois-Guilbert Rebekka, dass er sie begehrt und sie zum Beischlaf zwingen werde und auch sie weist ihn ab, indem sie mit Selbstmord droht. Die Burg wird von Geächteten unter Führung von Robin von Locksley (Robin Hood) und dem weiterhin ohne Gefolgschaft auftretenden Schwarzen Ritter, dem bisher unerkannten Richard Löwenherz, angegriffen und erobert. De Bois-Guilbert gelingt unter Mitnahme von Rebekka als Gefangener die Flucht zu seinem Orden. Dort aber erscheint überraschend der Großmeister der Templer, Lucas de Beaumanoir, der Rebekka wegen Hexerei anklagt, da sie seinerzeit bei Miriam von Menassis, einer zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilten Hexe, die Heilkunst erlernt habe. Einige Zeugen sagen, was von ihnen verlangt wird und Rebekkas Lage scheint aussichtslos, da macht der nach wie vor in sie vernarrte Tempelritter sie bei seinem Verhör auf „Das Blatt, das Blatt!“ aufmerksam, das er ihr zuvor heimlich zugesteckt hat. Dort steht in arabischer Schrift: „Fordere einen Kämpfer.“ Rebekka tut das und ihr wird ein Gottesurteil per Gerichtskampf zugestanden, ein Zweikampf zwischen zwei Rittern. Sie erhält eine Frist von drei Tagen, um einen Kämpfer zu finden.

Als Vertreter der Templer ernennt der Großmeister Brian de Bois-Guilbert, um den Templer von dem angeblich auf ihm lastenden Hexenbann zu heilen. Als Rebekkas Kämpfer erscheint im letzten Moment Ivanhoe, nachdem er sich mit seinem Vater ausgesöhnt hat und Rowena heiraten darf. mini|Ivanhoe, als Pilger verkleidet, warnt den Juden Isaac vor einem Anschlag (6. Kapitel. Zeichnung 1910)Die Ritter kämpfen nur einen Gang: Bois-Gilberts Lanzenstoß wirft den von seiner Verletzung beim Turnier nur teilweise genesenen Ivanhoe samt Streitross zu Boden, dann aber fällt de Bois-Guilbert, obwohl kaum von Ivanhoes Lanze berührt, überraschend vom Pferd und stirbt: „Die Lanze seines Feindes hatte ihn nicht beschädigt – er war als ein Opfer seiner eigenen unbezähmbaren Leidenschaften gestorben.“

König Richard erscheint mit genügend Rittern, löst den Templerorden in England auf und zwingt seine Ritter, das Land zu verlassen. Ivanhoe und Lady Rowena heiraten,„Ihre Verbindung ist – wie analoge Szenen in Shakespeares Historiendramen – ein Sinnbild für die Erneuerung der vorübergehend gestörten Staatsordnung.“ Kindlers neues Literatur-Lexikon. Studienausgabe, Kindler 1996, Band 15. Sc-St, siehe Literatur, S. 80. Richard vollendet die Wiederherstellung seiner Herrschaft und Rebekka verlässt mit ihrem Vater England Richtung Cordoba.

Erzählweise Der Roman wird der unterschiedlichen Handlungsorte und mehrerer Handlungsstränge wegen in drei größeren Abschnitten episodisch und kürzer oder länger pausierend erzählt. Jedem der 44 Kapitel ist „als Motto ein Zitat, etwa von Homer, Shakespeare oder Schiller, vorangestellt.“Getabstract, siehe Weblinks. Thema des ersten Abschnitts ist die Ankunft des Kreuzritters Wilfred von Ivanhoe in seiner Heimat aus Palästina, die Verleugnung durch seinen Vater sowie seine Turnierkämpfe gegen normannische Adlige (Kapitel 1 – 14). Thema des zweiten Abschnitts ist die Belagerung einer normannischen Burg (Kapitel 15 – 33) und im dritten Abschnitt die Entführung und Befreiung Rebekkas aus der Haft der Templer (Kapitel 34 – 44). Mehrfach bastelt Scott in den Handlungsverläufen für den Leser überraschende Lösungen, die nachträglich Empfehlungen zu einer Überarbeitung ausgelöst haben: Der rechtmäßige König, gegen Usurpation und Aufstand kämpfend, zieht anfangs allein durchs Land, hat nicht einmal einen einzigen Ritter und Knappen bei sich; ein Adliger steht zur rechten Zeit von den Toten auf; ein anderer Recke fällt als Opfer seiner inneren Leidenschaften zur rechten Zeit tot aus dem Sattel ... „Es gibt genügend Hinweise darauf, dass eine gründliche Überarbeitung die literarische Qualität hätte deutlich verbessern können.“Samson, siehe Literatur. S. 518: „His almost mechanical rapidity of production forbade any kind of revision. How immensely he might have bettered the literary quality of his novels by careful revision there is sufficient proof.“

Das soziale Feld Der gesellschaftliche Raum wird zur Zeit der Handlung (historisch um 1193/94) als noch immer tief in zwei „Nationen“ gespalten gezeichnet, in die der Angelsachsen mit ihrem niedrigen AdelAuch dieser Adel hält sich Leibeigene, z. B. Cedric seinen Hofnarren Wamba und seinen Schweinehirten Gurth, die sich in idyllischer Zuneigung zu ihrem Herrn sogar für ihn zu opfern bereit sind. Zur wirklichen Situation der Leibeigenen im nordfranzösischen Hochmittelalter vergleiche Tuchmann, Der ferne Spiegel (siehe Literatur), S. 213 ff., und ebendort auch zu den Bauern als Hauptopfern der Fehden der in ihren Burgen geschützten Adligen, S. 416 ff. und die normannischen Prinzen und Barone, die seit dem Sieg über die Angelsachsen (Schlacht bei Hastings 1066) das Zentrum der Macht in England bilden. Auch der Übergang der englischen Krone von den normannischen Königen zum Haus Anjou-Plantagenet und damit zu Richard Löwenherz ändert daran nichts. Scott legt die Handlung nach Yorkshire in das Jahr von Richard Löwenherz´ Rückkehr nach EnglandRichard wird 1194 aus seiner Haft am Rhein freigelassen. Im Wettkampf der Bogenschützen im 13. Kapitel erklärt Locksleys Gegner, sein Großvater habe in Hastings (also 128 Jahre zuvor) gekämpft, was real kaum möglich ist: Auch hier eine narrative Einschmelzung historischer Distanz. und dort können die Ruinen von Ashby-de-la-Zouch, einem der Turnierorte, heute noch besichtigt werden: In seiner Mischung von historischer Realität und Fiktion wird der Roman so zu einem Manifest nationaler Erinnerung, zu einem nationalen Denkmal. Scott förderte mit seinem bekanntesten Roman eine Romantisierung dieser abenteuerlichen Vergangenheit.Scott male ein Bild der „adventurous past“. Sampson, siehe Literatur, S. 518. Ebenso Shmoop: Ivanhoe Analysis, siehe Weblinks.

Ein allwissender Er-Erzähler wendet sich mit historischen Einschüben, Erläuterungen und Vergleichen an den Leser, dem er den Zugang zu seinem Bild einer mehr als 600 Jahre alten Geschichte erleichtern will. Hierfür verwendet er umfangreiche Beschreibungen des Settings der Anschaulichkeit und Glaubwürdigkeit wegen: So werden Baustile, Einrichtungen, Kleidungen, Essgewohnheiten, Waffen und Wettkämpfe ausführlich dargestellt und dem Leser historische Ereignisse ins Gedächtnis gerufen.Shmoop: Ivanhoe Analysis, siehe Weblinks. Obgleich die Erzählung eine „romantische“ Welle in Europa auslöst,Mit seinen historischen Romanen löste Scott geradezu eine literarische Welle aus: Er initiierte „the great romantic movement at the beginning of the nineteenth century.“ Sampson, siehe Literatur, S. 518. sind die Dialoge durchweg unsentimental, zwar emotional, aber vom Standpunkt der Figuren immer reflektiert und argumentierend; um Gedanken zu erzählen werden statt eines inneren Monologs oder erlebter Rede, die noch nicht erfunden sind, Selbstgespräche in wörtlicher Rede benutzt. mini|Ivanhoe besiegt im ersten Turnier als "Enterbter Ritter" seinen Gegner Brian de Bois-Guilbert (8. Kapitel. Zeichnung 1910) Habitus der Figuren