Peter Kühne (* 11. Mai 1935 in Essen; † 12. Februar 2015 in PassauTraueranzeige Peter Kühne, Süddeutsche Zeitung, 21. März 2015) war ein deutscher Sozialwissenschaftler und akademischer Lehrer in der Erwachsenenbildung, zuvor einige Jahre als katholischer Seelsorger im kirchlichen Dienst. Seit Anfang der 1970er Jahre war Kühne einer renommiertesten Forscher im Bereich Arbeitsmigration, Flucht und Asyl.
Werdegang Peter Kühne besuchte ab 1942 die Volksschule zunächst in Essen-Huttrop, dann bis 1946 in Ingolstadt, wohin die Familie wegen der zunehmenden Luftangriffe auf Essen evakuiert war. In Ingolstadt erlebte er auch das Eintreffen befreiter KZ-Häftlinge aus Dachau – eine prägende Erfahrung. Nach dem Krieg besuchte er das Carl-Humann-Gymnasium in Essen und erlangte 1955 die Hochschulreife. Von 1955 bis 1960 studiert er in Bonn, München und Paderborn Katholische Theologie und Philosophie. Nach der Ordination 1960 im neugegründeten Ruhrbistum Essen arbeitete er als Seelsorger in den Arbeiterbezirken Gelsenkirchen-Buer, Essen-Frohnhausen und Essen-Altenessen und als Religionslehrer an verschiedenen Schulformen. In Altenessen gehörte Kühne dem Oratorium Philipp Neri an, einer Wohn- und Lebensgemeinschaft von Laien und Klerikern, aus der u. a. auch die Lehrlingsbewegung hervorging. Konflikte mit der Amtskirche entstanden vor allem in den Themenfeldern konfessionelle Mischehen, Geburtenregelung, Gemeinschaftsschulen sowie durch die Teilnahme an Ostermärschen (Predigt zusammen mit Martin Niemöller) und die Unterstützung Günter Wallraffs; sie führten schließlich zum Bruch und Peter Kühne entschied sich für einen beruflichen Neuanfang.
Ab 1967 studierte er Soziologie, Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung an der Ruhr-Universität Bochum und wurde 1971 mit einer Dissertation zur „Arbeiterliteratur 1960-1970. Arbeitshypothesen der Dortmunder Gruppe 61“ promoviert. Gutachter: Urs Jaeggi und Hanno Kesting. Die Doktorarbeit erschien 1972 unter dem Titel „Arbeiterklasse und Literatur“ mit einem Essay von Urs Jaeggi im Verlag Fischer Taschenbuch und erreichte eine beachtliche Auflagenhöhe.Nihat Öztürk, Harald Rüßler u. Andreas Treichler: Dem Zufluchts- und Einwanderungsland Deutschland ein menschliches Gesicht abringen – Zum 76. Geburtstag von Peter Kühne. In: Migration und soziale Arbeit . 33. Jahrgang H. 2, Mai 2011, S. 101–103 Nach seiner Promotion arbeitete Peter Kühne von 1971 bis 1974 als wissenschaftlicher Assistent und 1974–1975 als Akademischer Rat im Fachbereich Soziologie der Pädagogischen Hochschule Ruhr, Abt. Dortmund. 1975 wurde er auf den Lehrstuhl für Soziologie sowie als Koordinator des Lehrgebiets Sozialpolitik an die Sozialakademie Dortmund, einer wissenschaftlichen Akademie des Landes Nordrhein-Westfalen, berufen. An der 1947 gegründeten Akademie beteiligt waren der DGB (Stipendien und Internat) sowie die Stadt Dortmund (Gebäude). Ziel war vor allem die sozialwissenschaftliche Bildung von Arbeitnehmervertretern und Gewerkschaftern ohne regulären Hochschulzugang. In den Jahren 1980 bis 1982 sowie 1990 bis 1992 war Kühne Leiter der Sozialakademie. Dem Lehrstuhl von Kühne war wie den anderen Professuren der Akademie auch eine wissenschaftliche Mitarbeiterstelle mit Hochschulassistentenaufgaben zugeordnet. Diese sollten der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung dienen, ohne dass die Sozialakademie über ein entsprechend eigenes Promotionsrecht verfügte. 1998 zog sich der DGB aus der Förderung zurück und die Sozialakademie wurde in das Zentrum für Weiterbildung der Universität Dortmund integriert. Kühne wurde zudem in den Fachbereich Erziehungswissenschaft und Soziologie kooptiert. Er wirkte dort bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2000.
Von 1986 bis 1989 leitete er das DGB-Projekt Bildungsarbeit mit ausländischen und deutschen Arbeitnehmern.
Lehrtätigkeit An der Pädagogischen Hochschule waren neben allgemeiner Soziologie, Arbeitssoziologie und Arbeiterkultur die Themenfelder „Kinder nicht-deutscher Muttersprache im deutschen Schulsystem“ sowie die Wohn- und Lebenssituation angeworbener ausländischer Arbeitnehmer und ihrer Familien Schwerpunkte der Lehrtätigkeit Kühnes. Im einjährigen Hauptstudiengang der Sozialakademie legte er den Focus im Einführungstrimester auf die Möglichkeiten sozialen Handels (Systemtheorie, Handlungstheorie), Strukturen moderner Gesellschaften, Ambivalenzen der ‚Moderne‘. Es folgte eine Vertiefungsphase mit Seminaren u. a. zur Zukunft der Arbeitsgesellschaft, Geschichte und Struktur der deutschen und europäischen Arbeiterbewegung, zum Verhältnis von Ökonomie und Ökologie, zur Migration in Deutschland und Europa, zu Geschlechterrollen und Geschlechterverhältnis. Im letzten Trimester organisierte Kühne projektförmiges Lernen in den Themenfeldern Zukunft der Gewerkschaften, Zeitbedürfnisse und Geschlechterrollen, ökologische Herausforderungen, multikulturelle Gesellschaften. In öffentlichen Abendveranstaltungen eröffnete Kühne den Studierenden Diskussionsmöglichkeiten mit Intellektuellen der Arbeiterbewegung und wichtigen Zeitzeugen (z. B. Wolfgang Abendroth, Walter Fabian, Theo Pinkus, Günter Wallraff, Jakob Moneta).Hochschule Fulda: Peter-Kühne-Archiv. Prof. Dr. Peter Kühne – Skizze des Bildungsgangs, des beruflichen und wissenschaftlichen Werdegangs, Februar 2015 (Manuskript) Integraler Bestandteil des Studiengangs waren Auslands-Studienreisen mit dem Ziel, dortige Gewerkschaften kennenzulernen. Kühne begleitete und bereitete folgende Studienreisen vor: Frankreich, Italien, Portugal, Israel, Nicaragua, Tschechoslowakei. Am Zentrum für Weiterbildung bot Kühne im Rahmen der Kontaktstudiengänge Blockseminare aus dem Themenbereich „Risikogruppen des Arbeitsmarkts“ sowie zu Fragen der Entwicklung und Kooperation europäischer Gewerkschaften sowie der Migrationspolitik der EU an. Forschung Die Schwerpunkte der Forschungstätigkeit Kühnes – die Forschungsergebnisse fanden ihren Niederschlag in Publikationen (Monographien, Aufsätze, Herausgeber), Gutachten, Vorträgen sowie der Veranstaltung von Fachtagungen und öffentlichen Foren – seit 1971 lagen in den Bereichen: Literatursoziologie in Verbindung mit Arbeits-, Industrie- und Betriebssoziologie, Gewerkschaften und Arbeitsbeziehungen in der Bundesrepublik Deutschland und in Westeuropa Arbeitsimmigration und die Lage der Migranten in Arbeitsmarkt, Betrieb und Gewerkschaften, und Lebensverhältnisse der Flüchtlinge in Deutschland und speziell in Nordrhein-Westfalen.
Bürgerschaftliches Engagement und Mitgliedschaften Peter Kühne unterstützte seit seiner Jugend links-sozialistische, menschenrechtliche, humanistische, friedenspolitische, gewerkschaftliche, migrantische und asylpolitische Organisationen, Initiativen und Vereine. Während der Schulzeit und kirchlichen Tätigkeit engagierte er sich im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (mit Führungsaufgaben), den Hochschulgruppen des Bundes Neudeutschland, der Christlichen Arbeiterjugend (CAJ), der Kampagne für Abrüstung NRW und der Deutschen Gesellschaft für Kultur- und Wirtschafts-Austausch mit Polen. Als Seelsorger legte er einen Schwerpunkt auf die Jugendarbeit (Internationaler Jugendaustausch mit Frankreich und Polen) sowie die Familienbildung. Freundschaftliche Beziehungen aus dieser Zeit hielten bis zum Lebensende.
Schon früh setzte sich Kühne persönlich (auch finanziell) für den Schutz und das Aufenthalts – und Bleiberecht sowohl von Arbeitsmigranten als auch von Geflüchteten und Studierenden mit befristeten Aufenthaltserlaubnissen ein – das betraf u. a. Regimegegner des franquistischen Spanien, Chilenen, Studierende und Lehrer aus der Türkei, Polen nach dem Militärputsch, Weißrussen und Afghanen. Sein Einsatz dauerte bis in die letzten Lebensjahre an.
Dieser Haltung entsprechend unterstützte er durch Mitgliedschaft und Aktivitäten einschlägige Organisationen wie z. B. den Förderverein Pro Asyl, den Flüchtlingsrat NRW (Vorstand) und später den Flüchtlingsrat Bayern, Amnesty International, BAG Asyl in der Kirche, den Verein „Hilfe für Menschen in Abschiebehaft“, die Forschungsgesellschaft für das Weltflüchtlingsproblem, das Spanische Zentrum Essen, das Internationale Zentrum Dortmund-Eving, das Asylcafé Passau.
Darüber hinaus dokumentieren das wissenschaftliche wie auch soziale, kulturelle und bürgerschaftliche Engagement weitere Mitgliedschaften und Tätigkeiten (Auswahl): Werkkreis Literatur der Arbeitswelt, Fritz-Hüser-Gesellschaft (Vorstand), Sozialistisches Büro Offenbach, Deutsche Gesellschaft für Soziologie, Vertrauensdozent der Hans Böckler Stiftung am Hochschulstandort Dortmund und Gründungsmitglied des Hattinger Kreises, Komitee für Grundrechte und Demokratie, AG Alternative Wirtschaftspolitik, Wissenschaftlicher Beirat der Freunde der SPD NRW. Kühne war seit 1973 Gewerkschaftsmitglied (GEW, später ver.di).
Würdigung Peter Kühne blieb bis zum Lebensende bürgerschaftlich und wissenschaftlich aktiv. Sein Interesse an der politischen Praxis blieb präsent. Seine Solidarität galt insbesondere den „Verdammten dieser Erde“, den politisch Verfolgten und den vor Krieg, sozialem Elend und Umweltkatastrophen geflüchteten Menschen. Die wissenschaftliche und gleichermaßen sozialethisch fundierte Urteilskraft, sein breiter Erfahrungshorizont wirkten und wirken heute noch auf seine zahlreichen wissenschaftlichen Mitarbeiter, Lehrbeauftragten und Studenten anregend und ermutigend, für Menschenrechte einzutreten. Er forderte stets die Geltung der demokratischen Normen „Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit“ für alle. Der Umgang mit Minderheiten und vulnerabelsten Gruppen war für ihn der Prüfstein für die Wertschätzung von Demokratie, Menschenrechten und Solidarität. Deshalb scheute er sich nicht davor, Gewerkschaften, Kirchen und progressive Teile der Zivilgesellschaft wegen des zumeist geringen, nicht nachhaltigen Engagements gegen Diskriminierung und Rassismus zu kritisieren. Peter Kühne stand in der Tradition der humanistischen Aufklärung. Er war ein Kosmopolit und Altruist und den Menschen stets zugewandt. Unter seinen Bekannten und Studenten galt Peter Kühne als der „freundliche Riese“, der sich immer lächelnd zu seinen Gesprächspartnern herunter beugte. Er lebte Wissenschaft und soziales Engagement auf eine Weise vor, dass sein Blick auf die Welt sehr vieles umfasste, nur nicht: Resignation und Zynismus.„Gesprächsrunde: Früh an der Seite von Migranten und Flüchtlingen. Kolloquium in memoriam Peter Kühne“ am 20. November 2015 im Hoesch-Museum Dortmund (Berichte und Statements, Zusammenfassung: Dr. Wilfried Kruse) Nachlass Peter Kühne hat seine Fachliteratur und Materialbestände zum Themenschwerpunkt Migration, Flucht und Asyl dem Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Hochschule Fulda übereignet. Im dortigen, inzwischen weitgehend erschlossenem „Peter Kühne Archiv“ können Studierende, Doktoranden und Wissenschaftler die Schriften und Materialsammlung nutzen. Seine literatursoziologischen Materialien sowie Sammlungen und Publikationen zur Arbeiterliteratur hat Peter Kühne dem Fritz-Hüser-Institut überlassen. Alle weiteren Veröffentlichungen sowie Korrespondenzen und persönliche Dokumente aus seiner beruflichen Praxis als Soziologe werden im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn aufbewahrt.
Veröffentlichungen (Auswahl) Die Schwerpunkte der Forschungstätigkeit Kühnes und seine Forschungsergebnisse fanden ihren Niederschlag in Publikationen (Monographien, Aufsätze, Herausgeber), Gutachten, Vorträgen sowie der Veranstaltung von Fachtagungen und öffentlichen Foren. Arbeiterklasse und Literatur. Mit einem Essay von Urs Jaeggi. Frankfurt/M.: Fischer-Taschenbuch. Texte zur politischen Theorie und Praxis 1972. Gewerkschaftliche Betriebspolitik in Westeuropa. Vergleiche und Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Herausgabe und Einleitung. Duncker & Humblot, Berlin 1982.