Die Wiener Klavierfabrik Bösendorfer ist ein Hersteller von Klavieren. Die Flügel von Bösendorfer haben im 19. und 20. Jahrhundert die Entwicklung der Klaviermusik maßgeblich begleitet.

Geschichte

mini|220px|Gründer Ignaz Bösendorfer (1794–1859) mini|220px|Sohn Ludwig Bösendorfer (1835–1919) mini|220px|Subtile Werbung für Bösendorfer in einer Zeitungsannonce für ein Konzert von Sophie Menter und David Popper im Jahre 1870: „Der Concertflügel ist aus der Fabrik des k. k. Hofpiano-Fabrikanten in Wien.“ mini|220px|Franz Liszt gibt ein Konzert für Kaiser Franz Joseph I. auf einem Bösendorfer

19. Jahrhundert

Das Unternehmen wurde am 25. Juli 1828 von Ignaz Bösendorfer in Wien gegründet, der Lehrling bei Joseph Brodmann war und nun dessen Werkstatt übernahm. Innerhalb kürzester Zeit erwarb er sich durch seine sauber verarbeiteten und klangschönen Instrumente einen hervorragenden Ruf und erhielt 1839, als erster Klaviermacher überhaupt, vom Kaiser den Titel eines k.k. Hof-Claviermachers. 1858 folgte die Ernennung zum höher angesehenen Kammerlieferanten des Kaisers.

Als er 1859 starb, übernahm sein erst 24-jähriger Sohn Ludwig Bösendorfer das Unternehmen. Da die Titel der Hof- und Kammerlieferanten auf die Person bezogen waren, musste er erneut ein Gesuch beim Kaiser einreichen. Den Titel des k.u.k. Hoflieferanten erhielt er erst 1866, den des Kammerlieferanten Seiner Majestät 1869. Mit viel Geschick führte er das Unternehmen weiter und die Instrumente wurden bald in alle Welt exportiert. Franz Liszt, der Ausnahmepianist, dessen Klavierspiel bis dahin noch fast jedes Klavier ruiniert hatte, spielte vorwiegend auf Bösendorfer-Klavieren, da diese Instrumente seinem Spiel standhielten.

1870 bezog das Unternehmen das schon bestehende Fabrikgebäude in der Starhemberggasse (heutige Adresse Graf-Starhemberg-Gasse 14) im 4. Wiener Gemeindebezirk Wieden. Zwischen 1871 und 1873 wurde die Fabrik für Bösendorfer adaptiert.Thomas Trenkler: Abriss in Wien: Bösendorfer-Fabrik ist Geschichte. In: Der Standard, 6. Juli 2012. Abgerufen am 18. Juli 2012. 1872 später fand das erste Konzert in der ehemaligen Reitschule des Palais Liechtenstein an der Herrengasse statt, dem Bösendorfer-Saal mit seiner legendären Akustik.

Aufsehen erregte 1900 der Imperial-Flügel mit acht Oktaven Tonumfang (vom Subkontra-C bis zum c5), der auf Anregung von Ferruccio Busoni gebaut wurde. Mit seinen 290 Zentimetern war der Imperial bis zum Erscheinen des Modells 308 des Unternehmens Fazioli der längste in Serie hergestellte Flügel und ist bis heute das einzige Klavier mit 97 Tasten.

Mit dem Gründungsdatum 1828 ist Bösendorfer einer der am längsten bestehenden Klavierhersteller.

20. Jahrhundert

In diese Zeit um die Jahrhundertwende fiel die Hochblüte des Klavierbaus, an der Bösendorfer wesentlichen Anteil hatte. Die Instrumente waren technisch ausgereift, nur bestes Material fand Verwendung und in der Produktion war der Faktor Zeit noch nicht der entscheidende.

Ludwig Bösendorfer, der kinderlos blieb, verkaufte 1909 das Unternehmen seinem Freund Carl Hutterstrasser. 1913 fiel trotz zahlreicher Proteste der Bösendorfer-Saal der Bauspekulation zum Opfer. Das Gebäude wurde abgerissen, und wie zum Hohn blieb der Platz im Zentrum von Wien für viele Jahre unbebaut.

Der Erste Weltkrieg brachte für das Unternehmen einen schweren Rückschlag, 1919 starb Ludwig Bösendorfer. Die Produktion lief nur schleppend wieder an. 1931 traten die Söhne Carl Hutterstrassers, Alexander und Wolfgang, in das Unternehmen ein, das eine OHG (Offene Handelsgesellschaft) wurde.

Der Zweite Weltkrieg brachte den nächsten großen Rückschlag, 1944 verbrannte nach einem Bombenangriff das Holzlager. Als nach dem Krieg die ersten Facharbeiter aus der Kriegsgefangenschaft zurückkamen, begann der mühevolle Neuanfang. Langsam konnte die Produktion wieder aufgenommen und gesteigert werden. In den Jahren der sowjetischen Besatzung konnte Steinway sozusagen ohne Konkurrent den Markt erobern.

Anlässlich des 125-jährigen Bestehens des Unternehmens 1953 stiftete Bösendorfer einen goldenen Fingerring als Auszeichnung für den bedeutendsten Pianisten. Erster Träger des Bösendorfer-Rings wurde Wilhelm Backhaus. Der Ring wird nach dem Tod des Trägers an einen vorher von ihm ausgewählten würdigen Nachfolger weitergegeben. Zum 150-jährigen Geschäftsjubiläum wurde 1978 der Ring an Paul Badura-Skoda verliehen.

1966 wurde das Unternehmen Bösendorfer zur Aktiengesellschaft und zu 100 % von der US-amerikanischen Hersteller Kimball International in Jasper (Indiana) übernommen. Diess Unternehmen beschäftigte sich mit Holzverarbeitung im weitesten Sinn und baute auch Klaviere. Zwar konnte mit dem Engagement von Kimball die Produktion gesteigert und viele Instrumente in alle Welt exportiert werden, aber gravierende Managementfehler führten in den 1980er Jahren zu einem deutlichen Qualitätsverlust bei gleichzeitig stark steigenden Preisen für die Instrumente.

Im Jahr 1973 wurde die Fertigung zum Großteil in die neue Fabrik in Wiener Neustadt verlegt, 1983 für Konzerte ein neuer Bösendorfer-Saal im Fabrikgebäude auf der Wiener Wieden eingeweiht.

Mit dem Ende der 1990er Jahre gelang wieder eine deutliche Steigerung der Qualität der Instrumente auf ein angemessenes Niveau.

21. Jahrhundert

2001 erhielt das Unternehmen die Staatliche Auszeichnung und damit das Recht zum Führen des Bundeswappens im Geschäftsverkehr. 2002 kam Bösendorfer wieder in österreichische Hand, das Unternehmen wurde von der BAWAG-Unternehmensgruppe übernommen. Im Jahr 2003 brachte die Österreichische Post eine Briefmarke anlässlich des 175-jährigen Bestehens des Unternehmens heraus.. Abgerufen am 12. Dezember 2011.

Nach den Turbulenzen der BAWAG und deren Übernahme durch den US-Fonds Cerberus wurde die traditionsreiche Klaviermanufaktur im Dezember 2007 an den japanischen Musikinstrumentenerzeuger Yamaha verkauft. Yamaha, seinerseits einer der größten und bedeutendsten Klavierhersteller, der seine Instrumente zurzeit in Japan, England (bis Herbst 2009) und Indonesien produziert, hat für Bösendorfer eine Garantie für den Standort Österreich abgegeben.Bösendorfer wird an Yamaha verkauft. In: wien.ORF.at. 20. Dezember 2007, abgerufen am 21. September 2023.

Am 19. Mai 2010 wurde das neue Auswahlzentrum am Produktionsstandort Wiener Neustadt eröffnet, wo auch die Instrumente unter Konzertsaalbedingungen ausprobiert werden können. Gleichzeitig wurden die Verwaltung und der Verkauf aus Wien nach Wiener Neustadt übersiedelt, um so Einsparungen zu erzielen. Während das alte Fabrikgebäude auf der Wieden damit aufgegeben wurde, bleibt in Wien der Stadtsalon im Musikvereinsgebäude erhalten. Seit Oktober 2010 gibt es im Mozarthaus Vienna in der Domgasse 5, nahe dem Stephansdom, wieder einen „Bösendorfer-Saal“, in dem regelmäßig Konzerte veranstaltet werden.Bösendorfer kündigt Zusammenlegung von Produktion und Vertrieb an. Presseaussendung in: APA-OTS, 25. März 2009. Abgerufen am 10. April 2009.

Mit der Stilllegung des Fabrikgebäudes auf der Wieden im Jahr 2010 wurde der straßenseitige Trakt vom Bundesdenkmalamt (BDA) in erster Instanz unter Denkmalschutz gestellt. Die damaligen drei Besitzerinnen der Immobilie gingen dagegen mit Erfolg in Berufung: Im November 2011 hob das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur den Unterschutzstellungsbescheid auf. Der für Wien zuständige BDA-Landeskonservator Friedrich Dahm begründete dies gegenüber dem Nachrichtenmagazin profil im Juli 2012 damit, dass bei der Entscheidung des BDA hauptsächlich der kulturhistorische Wert des klingenden Namens Bösendorfer im Vordergrund gestanden habe, während die Fabrik vom baukünstlerischen Status sei. Dies sei auch die Begründung für die Aufhebung des Denkmalschutzbescheides gewesen.Abriss von alter Bösendorfer Fabrik. In: wien.ORF.at. 18. Juli 2012. Abgerufen am 18. Juli 2012. Auch die BDA-Präsidentin Barbara Neubauer hielt die Aufhebung des Schutzes für richtig. Das Objekt habe „keine Denkmalqualität“ und sei nur ein „klassischer Gedenktafelfall“. Anfang 2012Anfang 2012: Nach Der Standard im Jänner, nach wien.ORF.at im März 2012. wurde die Immobilie von der Real-Treuhand, einer Tochtergesellschaft der Raiffeisenlandesbank, erworben, die auf dem 2711 Quadratmeter großen Areal ab Mitte 2013 einen Wohnbau mit 80 Miet- und Eigentumswohnungen und Tiefgarage erbauen wollte. Seit Mitte Juli 2012 wurden die Gebäude der traditionsreichen Bösendorfer-Fabrik abgerissen.

Im Herbst 2013 baute Bösendorfer das 50.000. Instrument. Die Stückzahl des Hauptkonkurrenten Steinway ist mehr als zehnmal so hoch. Zusammen mit C. Bechstein, Blüthner, Steingraeber, Fazioli, Petrof und Steinway & Sons werden die Instrumente von Bösendorfer zur Spitzenklasse im Bereich Klaviere und Flügel gezählt.

Am 19. September 2023 kam es zu einem Großbrand in einem Nebengebäude am Werksgelände in Wiener Neustadt (Notrufe ab 22:30). Die Feuerwehr konnte dank Feuermauer ein Übergreifen auf das Hauptgebäude mit Produktionshalle und Lager verhindern. Laut Geschäftsführerin Sabine Grübmüller ist das Archiv betroffen. Die Produktion startete am 20. September 2023 regulär um 6 Uhr morgens.Brand bei Klavierfabrik Bösendorfer orf.at, 20. September 2023, abgerufen am 21. September 2023.

Klavierflügel Modelle mini|Bösendorfer-214CS-Flügel mini|Innenlackierung mit Noten im Deckel eines Bösendorfer-Flügels und die Reflexionen des Gussrahmens und der Saiten

Zurzeit werden Flügelmodelle in folgenden Längen gebaut: 170 cm, 185 cm, 200 cm und 214 cm (Tonumfang Subkontra A–c5) mit je 88 Tasten, 225 cm (Tonumfang Subkontra F–c5) mit 92 Tasten, 230 cm (Tonumfang Subkontra A–c5) 280 cm (Tonumfang Subkontra A–c5) mit 88 Tasten und 290 cm (Tonumfang Subkontra C–c5) mit 97 Tasten. Die Conservatory Series (CS) umfasst die Flügelmodelle (die Ziffer steht für die Länge des Flügels in Zentimetern) 170 CS, 185 CS, 200 CS und 214 CS (Tonumfang Subkontra A–c5) mit je 88 Tasten.

Weiters werden zwei Pianinomodelle mit 120 cm und 130 cm Höhe gebaut (Tonumfang Subkontra A–c5) mit je 88 Tasten. Alle Bösendorfer Klaviere werden in Österreich – Wiener Neustadt – gefertigt.

Besonderheiten Im Gegensatz zu anderen Herstellern bezieht Bösendorfer auch das Gehäuse in die Klangerzeugung ein. Der typische Bösendorferklang ist „gesanglich“, mit grundtonstarken Bässen. Ein guter Bösendorfer ist klanglich zu vielen Nuancen fähig und bietet sich besonders zu Kammermusik und Liedbegleitung an, sowohl im Bereich Klassik als auch beim Jazz.

Bis zum Ersten Weltkrieg baute Bösendorfer auch Flügel mit Prellzungenmechanik (Wiener Mechanik), Ende des 19. Jahrhunderts auch mit verschiedenen Spielarten der Stoßzungenmechanik (Englische Mechanik).

Der typische Bösendorfer-Klang steht mittlerweile von verschiedenen Unternehmen auch als Sample (in digitalisierter Form) für die elektronische Musikproduktion zur Verfügung.

mini|Ausstellungsraum von Bösendorferauf der Rückseite des Musikvereins

Computerflügel Erste Generation SE