Faserland ist der 1995 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienene Debütroman des 1966 geborenen Schweizer Schriftstellers Christian Kracht. Von der Kritik zunächst eher zurückhaltend aufgenommen, zählt der Roman heute zu den bekanntesten deutschsprachigen literarischen Texten der 1990er-Jahre. Laut Christian Kracht ist Faserland der erste Teil eines Triptychons, bestehend aus den Romanen Faserland, 1979 und Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten.Thomas Lindemann: Christian Kracht und die nackte Angst. Die Welt. 13. Oktober 2008

Faserland wurde bislang (Stand: 2019) ins Russische, Französische, Ukrainischehttp://bookpost.com.ua/index.php?item=30561, Japanische, Koreanischehttp://moonji.com/?s=faserland, Hebräische, Lettische, Schwedischehttp://ersatz.se/bok_kracht3.htm und Litauische übersetzt. Der 2021 erschienene autofiktionale Roman Eurotrash erwähnt am Anfang die Autorschaft des Protagonisten an Faserland.

Inhalt

Der Roman erzählt die Geschichte einer Reise. Der Ich-Erzähler ist ein namenloser Endzwanziger und der Sohn einer reichen Familie, der von Nord nach Süd durch Deutschland und weiter in die Schweiz fährt bzw. fliegt. Dabei ist er mehr Zuschauer als Teilnehmer der geschilderten Ereignisse. Von Sylt aus erreicht er nach Aufenthalten in Hamburg, Frankfurt, Heidelberg, München und Meersburg am Bodensee schließlich Zürich. An jedem dieser Orte erlebt er exzessive Alkohol-, Drogen- und Sexpartys, die von den Teilnehmern nicht mehr als positive Erlebnisse erfahren werden, sondern lediglich Ausdruck ihrer Hoffnungslosigkeit sind. Der Protagonist beobachtet die Dekadenz seiner Generation – am ausführlichsten veranschaulicht am Beispiel eines wohlhabenden Jugendfreundes, der in der Villa seiner Eltern am Bodensee eine Luxusparty veranstaltet und anschließend Suizid begeht – und registriert, während er gleichzeitig eigene Kindheitserinnerungen reflektiert, auch seinen persönlichen Niedergang. Der Roman ist in acht namenlose Kapitel gegliedert.

Kapitel 1 Der Ich-Erzähler trifft am nördlichsten Punkt Sylts seine alte Bekannte Karin, die er noch aus seiner Schulzeit am Internat Salem, einer exklusiven Privatschule am Bodensee, kennt. Er wirkt abwesend, denn während Karin ihm viel erzählt, hört er ihr nicht zu. Während des eher einseitigen Gesprächs wird deutlich, dass der Ich-Erzähler und seine Bekanntschaft in reicheren Verhältnissen leben. Auf dem Weg nach Kampen halten sie am Strand, um Karins Freunde Anne und Sergio abzuholen. Nach ausgiebigem Champagnertrinken im „Odin“ verlassen Karin und der Erzähler die Bar und fahren zum Strand. Nachdem sie sich dort geküsst haben, möchte Karin ihn am nächsten Abend wiedersehen, obwohl er zu dieser Zeit schon abgereist sein wird. Als Karin gegangen ist, beschließt der Ich-Erzähler, nicht mehr nach Sylt zu reisen.

Kapitel 2 Der Ich-Erzähler befindet sich nach seiner Abreise von Sylt im Zug nach Hamburg-Altona. Dort konsumiert er fünf kleine Flaschen Wein, die letzte davon auf der Zugtoilette. In Hamburg angekommen besucht er seinen Freund Nigel, bei dem er in den folgenden Tagen wohnen möchte. Dessen Wohnung hält er für teuer eingerichtet, aber heruntergekommen. Allgemein macht er sich über Vieles Gedanken, hauptsächlich über andere, erinnert sich dann aber an seine erste Liebe und an den Tag, an dem er sich im Gästebett ihrer Eltern schlafend unter Alkoholeinfluss unfreiwillig übergab und erleichterte. Er begleitet seinen Freund Nigel auf eine Party, bei der er das erste Mal in seinem Leben eine Pille einwirft und daraufhin mit den Folgen zu kämpfen hat. Zunächst fühlt er sich mit einer Frau, der er auf der Party erstmals begegnet und die ebenfalls unter dem Eindruck von Drogen zu stehen scheint, stark verbunden. Nachdem diese sich jedoch im Badezimmer übergeben hat, nimmt er sich, angewidert von sich selbst und der Frau, ein Taxi zurück zu Nigel, da er diesen auf der Party nicht mehr angetroffen hat.

Kapitel 3 Nachdem der Ich-Erzähler bei Nigel zuhause angekommen ist, öffnet er absichtlich die Schlafzimmertür, da ihm verdächtige Geräusche zu Ohren gekommen sind, und sieht dort seinen Freund, einen Acid Jazzfreak und ein schwarzes Model, die auch auf der Party gewesen sind, bei einem Dreier, welcher explizit beschrieben wird. Aufgrund seiner schockierten Verfassung macht er sich zum Flughafen auf und kauft eine Karte nach Frankfurt. Er stört andere Fluggäste mit seinem unangemessenen Verhalten und fantasiert über die Schauspielerin Isabella Rossellini. Die Stimmung ist bedrückt und er scheint einsam.

Kapitel 4 Der Ich-Erzähler befindet sich im Frankfurter Flughafen. Nachdem er den Flughafen verlassen hat, fährt er mit dem Taxi zum Hotel Frankfurter Hof. Er erinnert sich an seinen alten Freund Alexander. Auf seinem Hotelzimmer liegt er auf seinem Bett und denkt an Alexander. Angespannt ruft er ihn schließlich an, als ihm plötzlich übel wird. Er fällt zu Boden und muss sich übergeben. Als er anschließend ein Bad nimmt, schläft er ein. Nachdem er aufwacht, ist auf wundersame Weise alles aufgeräumt und nichts mehr von dem vorherigen Vorfall zu sehen. Er beschließt, in das Café Eckstein zu gehen. Dort denkt er über verschiedene Charaktere von Mädchen nach und flirtet sogar mit einem. Plötzlich betritt Alexander das Café, erkennt den Erzähler jedoch nicht. Der Ich-Erzähler nimmt Alexanders Barbourjacke von der Stuhllehne und zieht sich diese über, nachdem Alexander in den Keller verschwunden ist.

Kapitel 5 Da der Erzähler Frankfurt als abstoßend empfindet, entschließt er sich, mit dem Zug nach Karlsruhe zu fahren. Im Zug begegnet er jedoch dem ihm bekannten Trendforscher Matthias Horx, der ebenfalls auf dem Weg nach Karlsruhe ist. Nach einem kurzen Gespräch steigt der Erzähler vorzeitig in Heidelberg aus, da diese Stadt dem Hörensagen nach besonders schön sein soll. Dort checkt er in einem Hotel ein, welches ihn an seine Kindheit erinnert und fährt anschließend zu einer Bar. In der Bar lernt er dann den Studenten Eugen kennen, welcher ihn mit zu einer Party nimmt. Auf der Party lernt er auch Nadja kennen und führt mit ihr eine längere Unterhaltung. Als der Erzähler Getränke für Nadja und sich holen möchte, stößt er auf Eugen, der ihn drängt, Kokain zu konsumieren. Der Erzähler lehnt ab, wird jedoch kurz darauf von Eugen sexuell belästigt. Er flieht aus dem Zimmer und sucht nach Nadja. Im Keller findet er sie sie schließlich, wie sie mit dem ebenfalls auf der Party befindlichen Nigel zusammen Drogen konsumiert. Nigel und Nadja sind nicht mehr ansprechbar. Von dem Gesehenen entsetzt, flüchtet er geschockt aus dem Haus und fällt in Ohnmacht.

Kapitel 6 Rollo, ein alter Freund, der auch auf der Party in Heidelberg war, rüttelt den Protagonisten aus seiner Ohnmacht wach und bringt ihn in seinem Porsche nach München. Sie fahren zu einem Rave am Stadtrand von München, wo die beiden aufgrund ihrer Kleidung auffallen, da diese ordentlich ist und sie keine rasierten Schädel haben. Nach einiger Zeit setzt sich ein Hippie zu ihnen; da dieser sehr freundlich ist, wagen es die beiden nicht, ihn abzuweisen. Er bietet ihnen Drogen an, die sie annehmen, aber nicht konsumieren. Dann macht sich Rollo einen Spaß daraus, zwei ahnungslosen Festivalbesuchern Valium unterzumischen. Kurze Zeit später fahren sie weiter in die Innenstadt. Eine Bar verlassen sie nach kurzer Zeit wieder, weil dort eine Schlägerei mit Neonazis ausbricht. Der Erzähler übernachtet in Rollos großer Wohnung in Bogenhausen.

Kapitel 7 Der Ich-Erzähler fährt zu Beginn des Kapitels mit seinem Freund Rollo von Bogenhausen nach Meersburg, dort will Rollo seinen Geburtstag in der am See gelegenen Villa seiner reichen Eltern feiern. Auf der Party trifft er Karin wieder und unterhält sich kurz mit ihr. Rollo ist tabletten- und alkoholabhängig, zudem stellt der Erzähler fest, dass Rollo keine echten Freunde, sondern lediglich oberflächliche Bekannte hat, daher wirkt dieser sehr einsam auf ihn. Gegen Ende des Kapitels findet der Ich-Erzähler seinen Freund Rollo betrunken und im Drogenrausch am See. Er verspricht, für beide Bier zu holen, um Rollo danach zuzuhören. Stattdessen flüchtet er, indem er Rollos Porsche stiehlt, um sich damit nach Zürich zu begeben. Die Stimmung im ganzen Kapitel wirkt sehr betrübt, alle teilhabenden Personen scheinen ihre Gefühle zu unterdrücken.

Kapitel 8 mini|Das Grab von Thomas Mann

Im achten Kapitel des Romans ist der Ich-Erzähler mit Rollos Porsche nach Zürich gefahren. Zwei Tage sind vergangen. Davor hat er ein Hotelzimmer bezogen und den gestohlenen Wagen am Zürcher Flughafen abgestellt. Er läuft an Straßencafés und verschiedenen Geschäften vorbei. An einem Kiosk besorgt er sich eine Tageszeitung und eine Schachtel Zigaretten, nachdem er seine wenige Minuten zuvor an einem der Straßencafés zurückgelassen hatte. Als er, entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten, die Zeitung liest, erfährt er vom Tod seines Freundes Rollo, welcher nach der Party in seiner Villa Selbstmord begangen hatte. Er denkt, dass hier in der Schweiz alles nicht so schlimm ist wie in Deutschland, und träumt davon, mit seiner Frau Isabella Rossellini und ihren Kindern in einer Holzhütte in den Bergen zu wohnen und ihnen von der deutschen Klassengesellschaft, wie er sie auf seiner Reise erlebt hat, zu erzählen. Er fährt mit einem Taxi zum Friedhof der Nachbargemeinde Kilchberg, um sich das Grab von Thomas Mann anzusehen, dessen Bücher er lieber gelesen hat als die der Schweizer Schriftsteller aus dem Pflichtlektüreprogramm seiner Schule. Die schon von Beginn an vorherrschende bedrückende Stimmung verstärkt sich: Die Dunkelheit bricht herein, er findet das Grab des Ehepaars Mann nicht und läuft zum Zürichsee zurück. Am Bootsanleger trifft er auf einen Mann und bietet diesem 200 Franken, wenn er ihn mit seinem Ruderboot zum anderen Ufer übersetze. Fast in der Mitte des Sees angekommen, endet die Geschichte mit den Worten „Schon bald“.

Rezeption Faserland wurde bei seinem Erscheinen in den deutschsprachigen Feuilletons breit rezipiert,Besprechungen erschienen etwa in der FAZ (22. Mai 1995), der Zeit (7. April 1995), dem Zürcher Tages-Anzeiger (29. April 1995), der Wiener Presse (17./18. Juni 1995), der Neuen Zürcher Zeitung (4./5. März 1995), der taz (23. März 1995), der Süddeutschen Zeitung (6. April 1995) sowie in fast allen größeren regionalen Zeitungen (Hamburger Abendblatt am 16. Mai 1995, Berliner Zeitung am 23. März 1995 etc.) zunächst aber eher zurückhaltend besprochen: Martin Halter etwa notierte im Zürcher Tages-Anzeiger: „Da schreibt ein widerlich arroganter Schnösel, der sein ‚Zeitgeist‘-Dandytum schon für Literatur hält und seine banalen Reisenotizen für erbarmungslos scharfe Beobachtungen“.Vgl. Martin Halter in: Tages-Anzeiger, Zürich, vom 29. April 1995. Früh wurden Vergleiche des Buchs mit den Werken vor allem der angloamerikanischen Literatur gezogen, etwa zu Jay McInerney oder Bret Easton Ellis.Vgl. Hajo Steinerts Rezension von Faserland „Dandy, Schnösel oder Ekel“ in: Die Weltwoche vom 30. März 1995.