mini|hochkant=1.6|Blick auf Hameln vom Berg Klüt
Hameln () ist eine große selbständige Stadt in Niedersachsen. Raumplanerisch ist die Mittelstadt als Mittelzentrum mit Teilfunktionen eines Oberzentrums eingestuft.Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz und Landesentwicklung (ML): Landes-Raumordnungsprogramm Niedersachsen 2017. Hannover 2017, S. 18 (PDF, 5,3 MB) Die Kreisstadt des Landkreises Hameln-Pyrmont liegt an der Weser und ist vor allem bekannt durch die Sage vom Rattenfänger von Hameln, die auf Ereignissen im Jahr 1284 beruhen soll.
Geografie Geografische Lage Hameln liegt südwestlich von Hannover etwa auf halber Luftlinie zwischen Herford im Westen und Hildesheim im Osten. Die Stadt befindet sich im Zentrum des Naturparks Weserbergland Schaumburg-Hameln und ist jeweils von Teilen des Weserberglands im Westen beziehungsweise Leineberglands im Osten umgeben. Hameln wird von einem Abschnitt der Oberweser durchflossen, in die im Stadtgebiet die Hamel (von Osten) und die Humme (von Westen) einmünden.
* Entfernungen sind gerundete Straßenkilometer bis zum Ortszentrum.
Direkt westlich der auf 68 m ü. NN gelegenen Stadt erhebt sich der Berg Klüt (258 m ü. NN), auf dem der Klütturm (Aussichtsturm) und das Klüthaus (Restaurant) stehen.
Stadtgliederung mini|Ausflugsschiff auf der Weser in Hameln (2010) Nordstadt Südstadt West/Klütviertel Ost/Basberg Mitte/Altstadt Wehl Afferde Hastenbeck Halvestorf (besteht aus den Ortsteilen Halvestorf, Bannensiek, Weidehohl und Hope) Haverbeck Hilligsfeld (besteht aus den Ortsteilen Groß und Klein Hilligsfeld) Sünteltal (besteht aus den Ortsteilen Holtensen, Unsen, Welliehausen) Klein Berkel / Wangelist Tündern Wehrbergen Rohrsen
Klima Hameln, als Teil des mittleren Weserberglandes, unterliegt größtenteils dem subatlantischen Klima, welches durch milde Winter und feuchte Sommer geprägt ist. Gleichzeitig zeigen sich schwache kontinentale Einflüsse mit zeitweilig mäßig kalten Wintern und wärmeren Sommern.
Geschichte Früheste Spuren Erste Siedlungsspuren im heutigen Stadtgebiet von Hameln gehen bis in die Steinzeit zurück. Ungeklärt ist, ab wann sich auf dem Boden der heutigen Altstadt erste dörfliche Strukturen herausbildeten. Ungefähr um das Jahr 790 wurde der damals etwa 50-jährige Benediktinermönch Erkanbert aus dem Kloster Fulda zum Bischof für den damals neueroberten Missionsbezirk zwischen Oberweser und Leine benannt. Zum Mittelpunkt seines Wirkens wählte er zunächst das Romanuskloster in Hameln, bevor er 803/804 den Bischofssitz nach Minden verlegte.Lexikon des Mittelalters. Band VI, Artemis-&-Winkler-Verlag, München/Zürich 1993, Spalte 631. Erkanbert war der Bruder des damaligen Abtes Baugulf von Fulda. Im Jahre 802 oder 812 errichteten der sächsische Graf Bernhard und seine Frau Christina auf ihrem Gut in Hameln eine Eigenkirche im Tilithigau. Im Jahre 826 starben beide kinderlos, die Besitzungen gingen an die Reichsabtei Fulda über. Diese gründete im Jahr 851 an dem günstig gelegenen Weserübergang ein Benediktinerkloster. Die ersten Ortsnamen bezeichneten den Ort als „Hamela“ oder „Hameloa“.
Klostergründung Im Laufe der Zeit bildete sich vor dem in ein Kollegiatstift umgewandelten Kloster (urkundliche Nennungen 1054 und 1074) eine Marktsiedlung, die um 1200 als Stadt genannt wird. Damit gehört Hameln zu den allerersten Städten im ehemaligen Königreich Hannover. Im Jahr 1209 wird zum ersten Mal eine (Stifts-)Mühle in Hameln erwähnt.
Die Stadthoheit über Hameln lag im 12. und 13. Jahrhundert bei der Abtei Fulda bzw. ihren Stiftsvögten in Hameln, den Grafen von Everstein. Die geistliche Oberhoheit lag beim Bischof von Minden. Im Jahr 1259 verkaufte der Abt von Fulda seine Rechte der Stadt Hameln an das Hochstift Minden. Das Hamelner Bürgerheer wollte dies nicht hinnehmen, aber unterlag im Jahre 1260 in der Schlacht bei Sedemünder dem Bischof von Minden. Im Verlauf weiterer Auseinandersetzungen erwarb Herzog Albrecht I. 1268 die Vogtei über Hameln. Im Jahr 1277 bestätigte er der Stadt mit einem Privileg ihre bis dahin vorbehaltenen Rechte.
Rattenfänger mini|Lithografie von 1902: „Gruss aus Hameln“ mini|hochkant=0.6|links|Pflasterstein in der Fußgängerzone
Weltweite Bekanntheit erlangte Hameln durch die Rattenfängersage, die auf dem Auszug der „Hämelschen Kinder“ im Jahre 1284 beruht. Als historischer Hintergrund ist anzunehmen, dass es junge Bürger aus Hameln gewesen sind, die von adligen Territorialherren oder Lokatoren zur Ostkolonisation angeworben wurden. Daraus entwickelte sich später die Rattenfängersage. Die Datierung auf dieses Jahr 1284 geht auf das Spätmittelalter zurück. Der älteste Bericht hierzu stammt aus der Zeit zwischen den Jahren 1430 und 1450. In der Kultur der Stadt, die sich offiziell Rattenfängerstadt Hameln nennt, spielt die Rattenfängersage eine bedeutende Rolle. Mit dieser Symbolfigur ist Hameln auch Teil der Deutschen Märchenstraße.
Befestigung, Hanse und Dreißigjähriger Krieg mini|Belagerung von Hameln im Dreißigjährigen Krieg
Wahrscheinlich im 13. Jahrhundert entstand die Hamelner Stadtbefestigung als umgebende, etwa 9 Meter hohe Stadtmauer mit Mauertürmen und Stadttoren zum Schutz vor Angriffen. Als äußerer Schutzring diente die im 14. Jahrhundert entstandene Hamelner Landwehr. 1426 wurde Hameln Mitglied der Hanse, welcher es bis 1572 angehörte. 1540 wurde die Reformation eingeführt. Bürgermeister und Rat der Stadt unterzeichneten 1580 die lutherische Konkordienformel von 1577.Vgl. BSLK, S. 766; vgl. S. 17.
Im 16. Jahrhundert erfolgte ein wirtschaftlicher Aufstieg, der bis zum Dreißigjährigen Krieg anhielt. Im Wettstreit der reichen Kaufmannschaft mit dem Landadel entstanden in dieser Zeit die prächtigen Bauten der Weserrenaissance, die das Stadtbild noch heute in der Altstadt schmücken.
Im Laufe des Dreißigjährigen Krieges nahm die Stadt im Mai 1625 zunächst nur eine kleine Truppe des Königs Christian IV. von Dänemark auf, der von den Ständen als Kriegsoberst gewählt worden war. Als sich die Lage gegenüber den ligistischen Truppen zuspitzte, zog Christian am 14. Juli 1625 selbst in Hameln ein. Eine Woche später erlitt er jedoch einen Reitunfall und er verließ überstürzt mitsamt allen Truppen die Stadt. Schon am 2. August folgte der kaiserliche Feldherr Tilly, nachdem er eine Kapitulationserklärung mit dem Rat der Stadt vereinbart hatte.Stadtarchiv Hameln, Tilly-Briefe, Best. 2607, Nr. 1, H. 11 Die kaiserliche Besatzung von Hameln währte bis 1633, als Herzog Georg von Braunschweig-Lüneburg und schwedische Truppen die Stadt ab März des Jahres belagerten.Ernst Schmidt: Die Belagerung von Hameln und die Schlacht bei Hessisch-Oldendorf im Jahre 1633. (Diss. phil. 1880). Karrasianis, Halle (Saale) 1880 (Google-Books). Nach der Niederlage eines Entsatzheeres in der Schlacht bei Hessisch-Oldendorf kapitulierten die Kaiserlichen in Hameln am vor dem Herzog.
Festung mini|Plan der Festung Hameln von 1777 (nachträglich koloriert) mini|Letzter steinerner Rest der Klütfestung
Im Jahr 1664 begann der Ausbau der Stadt zur welfischen „Haupt- und Prinzipalfestung“. Der erste Bauabschnitt der Festung Hameln galt 1684 als abgeschlossen. 1664 bis 1668 wurde die Stadt mit sternförmigen Bastionen umgeben.
Im Jahr 1690 wurden durch herzogliches Privileg in Hameln Flüchtlinge (Refugiés) aus Frankreich (Hugenotten) angesiedelt.Refugiés in Hameln
1734 wurde auf dem Werder bei Hameln die erste in staatlicher Regie errichtete Weserschleuse in Betrieb genommen, die den Schiffern bei der Überwindung des berüchtigten „Hamelner Loches“ half.
Nach dem Tod von König Georg II. von Großbritannien-Hannover 1760 wurde noch während des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) unter seinem Nachfolger König Georg III. die Festung Hameln durch die Befestigungsanlagen auf dem Klüt verstärkt. Das Fort I (Fort George) wurde von 1760 bis 1763 auf dem Berg Klüt errichtet. 1774 bis 1784 wurden auf dem Klüt zwei weitere Forts angelegt: Fort II (Fort Wilhelm) und Fort III. Damit wurde Hameln zum uneinnehmbaren Gibraltar des Nordens, der stärksten Festung des damaligen Kurfürstentums Hannover. Während der napoleonischen Zeit und unter wechselnden französischen und preußischen Besatzungen wurde 1806 am Bergfuß des Klüts Fort IV (Fort Luise) errichtet.
Nach der Schlacht bei Jena kapitulierte Hameln am 20. November 1806 unter General Le Coq nahezu kampflos vor den zahlenmäßig unterlegenen Franzosen des Generals Savary.Großer Generalstab (Hrsg.): 1806 – Das Preußische Offizierkorps und die Untersuchung der Kriegsereignisse. Ernst Siegfried Mittler und Sohn, Berlin 1906. Die von Napoléon 1808 angeordnete Schleifung der Befestigung (bis auf zwei Stadttürme) schuf die Voraussetzung für eine weitere Ausdehnung der Stadt. Aus den Steinen des ehemaligen Fort George entstand 1843 ein zunächst Georgenturm genannter Aussichtsturm (1887 aufgestockt), der heute unter dem Namen Klütturm ein beliebtes Ausflugsziel ist.
Kreisfreie Stadt/Kreisstadt mini|Hameln um 1900, Osterstraße
1866 wurde Hameln nach 700-jähriger Oberhoheit der Welfen preußisch. Seit 1885 ist die Stadt Sitz der Kreisverwaltung des Kreises Hameln (ab 1922 Landkreis Hameln-Pyrmont), bis sie 1923 kreisfrei wurde. Mit der Verwaltungs- und Gebietsreform in Niedersachsen 1972/1973 wurde der kreisfreie Status wieder beendet.
1872 wurde die Bahnstrecke Hannover–Altenbeken durch die Hannover-Altenbekener Eisenbahn-Gesellschaft eröffnet, 1875 kam die Bahnverbindung nach Hildesheim und Löhne (Weserbahn) hinzu. Zwischen 1889 und 1897 wurde die Strecke Hameln–Lage (Begatalbahn) mit der Weserbrücke und dem Klüttunnel gebaut.
Erster Weltkrieg mini|Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Regiments Nr. 164 am „164er Ring“
Am 1. April 1897 wurde das 4. Hannoversche Infanterie-Regiment Nr. 164 mit zwei Bataillonen in Hameln aufgestellt. 1902 kamen eine Maschinen-Gewehr-Abteilung und 1913 das III. Bataillon in Holzminden hinzu. Das Regiment nahm ab August 1914 am Ersten Weltkrieg in Belgien und Frankreich teil. 2423 Soldaten des Regiments sind bis 1918 gefallen. Am 23. August 1925 wurde am 164er Ring (Straße) ein Denkmal für die Gefallenen des Regiments eingeweiht.
Bereits im August 1914 begann die Militärverwaltung auf dem Exerzierplatz der Garnison ein Lager für etwa 10.000 Kriegsgefangene zu errichten. Die dafür in den ersten drei Monaten aufgewandten Mittel in Höhe von rund 1,5 Millionen Mark kamen zu 90 Prozent Unternehmen aus dem Stadtbezirk zugute. Die zunächst für die ersten Gefangenen aus Belgien und Frankreich errichteten Erdhütten wurden durch 60 feste Baracken ersetzt, in denen bis Jahresende etwa 4.500 Gefangene und Internierte untergebracht wurden. Da ab 1915 aber die meisten Gefangenen auf Arbeitslager im gesamten Wehrbezirk verteilt wurden, verblieben in dem Lager in Hameln nur rund 1.000 Personen. Nach Kriegsende wurden im Lager etwa 3.500 Russen interniert und nach deren Auszug 1921 noch mehrere Jahre lang Grenzlandvertriebene aus Oberschlesien und Posen untergebracht.
Frühe Automobilindustrie mini|Denkmal für die Hamelner Autoindustrie in der Zeit 1907–1931
1907 wurden im Industriegebiet südlich des Bahnhofs die Norddeutschen Automobilwerke (N. A. W.) von Hans Hartmann gegründet. 1908 begann das Werk mit der Produktion des Personenkraftwagens der unteren Mittelklasse Colibri. Ab 1911 kam das Modell Sperber dazu, das in zahlreiche Länder exportiert wurde; darunter Russland, baltische und skandinavische Staaten, Österreich, Großbritannien und in Übersee nach Südafrika und Neuseeland.