mini|hochkant|Kolorierte Zeichnung eines bengalischen Sarangi-Spielers von François Balthazar Solvyns. Erstmals veröffentlicht 1796François Balthazar Solvyns: A Flemish Artist in Bengal, 1791-1803. IIAS Newsletter, Nr. 28, 2002, S. 15 (PDF; 613 kB) Sarangi (von , auch )Vgl. Junker/Alavi: Persisch-deutsches Wörterbuch, Leipzig/Teheran 1970, S. 397. ist das am weitesten verbreitete Streichinstrument in Nordindien und Pakistan. Zur Gruppe der sarangi gehören Varianten, die in der Volksmusik und in der klassischen indischen Musik gespielt werden.
Bauform und Spielweise Allgemeine Kennzeichen der Instrumentengruppe sarangi sind:
Sie werden aus einem Holzblock geschnitten; der einteilige Resonanzkörper ist mit einer Tierhaut überzogen, auf der sich der Steg befindet; der Hals hat keine Bünde; das Instrument wird in senkrechter Position gespielt.
Klassische Sarangi mini|hochkant|Anant Kunte (* 1930) begleitet die Sängerin Shruti Sadolikar bei einem Konzert an der Universität Washington, Seattle, Juli 2007. mini|hochkant|links|Griffbrett einer klassischen Sarangi. Fingernagelkontakt mit den Saiten. Sarangi-Spieler Surjeet Singh (* 1961 in Delhi) Homepage (bei Internet Archive) Die sarangi hat die Form eines Kastens mit etwa 62 bis 68 Zentimetern Länge, 15 Zentimetern Breite und einer Höhe von 11 Zentimetern. Bevorzugt wird indisches Mahagony (Toona ciliata, syn. Cedrela toona, in Indien: Tun)All famed sarangi players have instruments made by him. ukpha.org, 5. Dezember 2007 oder Teakholz. Der von der Deckseite ausgehöhlte Resonanzkörper (pet) ist in der Mitte leicht und etwas asymmetrisch tailliert, mit Pergament aus Ziegenhaut bespannt und kaum breiter als das bundlose Griffbrett (pathari). Der breite Hals (chati oder sina) ist einschließlich des Wirbelkastens von der Rückseite ausgehöhlt. Quer um den Korpus ist im unteren Bereich ein Lederstreifen (tasma) gelegt, auf dem der Steg (ghurach, ghoraj) aufgestellt ist. Der Steg ist aus Elfenbein (bei billigen Instrumenten aus Kunststoff) und hat die Form eines Elefanten. Die sarangi hat drei dicke Melodiesaiten aus Darm, gelegentlich noch eine Bordunsaite aus Stahl und 30 bis 40 (meist 35) Resonanzsaiten (tarab) aus Metall (Stahl, Kupfer oder Messing), die über ein Stück Leder an der Unterkante entlang der gesamten Breite des Griffbretts nach oben zu seitlichen Stellschrauben gelenkt werden. Die erste, dickste Melodiesaite auf der rechten Seite heißt sur oder tip, die mittlere pancham oder dor und die dritte Saite kharaj. Die drei Melodiesaiten werden meist auf c – G – C gestimmt, also Grundton – Quinte – Oktave. Eine andere Möglichkeit ist Grundton – Quarte – Oktave. Die Melodiesaiten laufen über den Steg, die Resonanzsaiten durch ein für jede Saite gebohrtes Loch im Steg. 11 dieser Saiten werden in zwei Gruppen bis über den Hauptwirbelkasten hinaus zu Stimmschrauben am oberen Ende geführt. Dies sind die wichtigsten Resonanzsaiten, sie werden auf die Haupttöne (swaras) des zu spielenden Ragas gestimmt. Die anderen Resonanzsaiten sind ebenfalls in zwei Gruppen geteilt: 15 werden chromatisch gestimmt, die übrigen 9 wiederum auf die Töne des Ragas. Beide Gruppen haben einen Tonumfang von etwas über einer Oktave.
Der Musiker sitzt beim Spiel im Schneidersitz auf dem Boden und hält die sarangi senkrecht vor sich an die linke Schulter gelehnt. Das Instrument wird auf dem Boden oder im Schoß aufgestützt. Der etwa 70 Zentimeter lange Bogen (gaj, gaz oder kamani) aus indischem Palisanderholz (Dalbergia, in Indien: shesham) ist leicht gekrümmt, mit einem dicken Bündel Pferdehaar bespannt und wird mit der rechten Hand gegriffen. Er muss nicht nachgespannt werden. Die Handfläche zeigt nach oben, Mittelfinger und Ringfinger werden zwischen Holzstab und Spannhaare gelegt. Derselbe Bogen wird auch für die drei anderen nordindischen Streichinstrumente mayuri vina, dilruba und esraj verwendet. Die Saiten werden nicht niedergedrückt, sondern von drei Fingern der linken Hand mit der Nageloberseite an der Hautkante seitlich berührt. Dazu müssen die Finger mit Talkum eingerieben werden. Diese Methode erlaubt es, Glissando (meend)Meend. ITC Sangeet Research Academy zu spielen, wie es im klassischen Dhrupad-Stil üblich ist, und ein starkes Vibrato um eine Note (gamak)Gamak. ITC Sangeet Research Academy zu erzeugen, was ein Merkmal des im 17. Jahrhundert entstandenen Khyal-Stils ist. Der Daumen greift nicht in die Saiten. Je nach Lehrmeinung soll er beim Spiel am Hals festgedrückt werden oder zwecks besserer Beweglichkeit an diesem entlang gleiten.
Die sarangi bietet, gerade mit der Möglichkeit, ein intensives gamak zu produzieren, enorme klangliche Variationsmöglichkeiten, ist aber schwierig zu spielen und verlangt eine hohe Konzentration beim Stimmen. Von allen Instrumenten soll der Klang der sarangi der menschlichen Stimme am nächsten kommenNext only to the human voice. Indian Express, 17. April 2000 – das Ideal für sämtliche klassische indische Musik. Die sarangi hat einen weichen, aber dennoch scharfen und leicht näselnden Ton. Der Name setzt sich aus sau („hundert“) und rang („Farbe“) zusammen. Ihr werden hundert Klangfarben zugesprochen.
Regionale Sarangi-Varianten mini|hochkant|Die nepalesische sarangi mit offenem Resonanzkörper entspricht einer sarinda. In Nepal ist das am weitesten verbreitete traditionelle Streichinstrument eine sarangi. Damit wird jedoch ein dreisaitiges, der sarinda ähnliches Instrument bezeichnet, mit dem in der Volksmusik Geschichten erzählt werden. Die Gaine, eine Kaste von Bettelmusikern, begleiten mit der sarangi ihren Gesang. Die nepalesische sarangi ersetzte weitgehend die früher verwendete Zupflaute arbajo. Grundsätzlich werden sarangi und sarinda als zwei unterschiedliche Instrumentengruppen betrachtet. Während der Korpus der sarangi einteilig und geschlossen ist, besitzen die sarinda einen, allen Formvarianten gemeinsamen, oberen, zu den Saiten hin offenen Teil des Resonanzkörpers.
Etwas kleiner als die nepalesische sarangi, aber von derselben Bauform ist die chikara. Ihre drei Saiten werden auf den Grundton, die Quarte und Quinte gestimmt. Hinzu kommen üblicherweise fünf Resonanzsaiten, die auf Quinte, Sexte, Septime, Grundton und den zweiten Ton der höheren Oktave gestimmt werden. Dergleichen Streichlauten spielen im Kathmandutal Wandersänger und Bettler, die in der Newar-Kastengesellschaft zu den Unreinen gehören. Einige halbprofessionelle Musiker arbeiten zugleich als Metzger und Gerber und siedeln am Dorfrand.Alain Daniélou: Südasien. Die indische Musik und ihre Traditionen. Musikgeschichte in Bildern. Band 1: Musikethnologie. Lieferung 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, S. 82
In Kaschmir gibt es eine kleine saran oder sarang mit einem rechteckigen, eng taillierten Korpus, zwei Stahl-, zwei Darm- und acht, zehn oder 19 Resonanzsaiten.Sunita Dhar: Instruments Used with the Traditional Music of Kashmir. The Traditional Music of Kashmir Sie ähnelt der kaschmirischen gezupften Laute rabab. Beide sind Teil eines Chakari (Chakkari) genannten Ensembles. Die saran ist mit 54 Zentimetern Länge kleiner als die modernen indischen sarangi.Alastair Dick: Sarān. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Vol. 4. Oxford University Press, Oxford/New York 2014, S. 383
Dhadd sarangi heißt die Streichlaute im Panjab nach dem aus drei Musikern und Sängern bestehenden Dhadi-Ensemble, das zur Begleitung von sarangi und der kleinen Sanduhrtrommel dhadd epische Volkslieder vorträgt. In der religiösen Musik der Sikhs wird die Gruppe um einen Erzähler ergänzt, der von den Taten der als Märtyrer umgekommenen Helden berichtet.
mini|links|Langa-Musiker mit einer kleinen Sindhi-sarangi und einer Streichlaute kamaica spielen Volksmusik von Rajasthan. In Gujarat war im 19. Jahrhundert eine altertümliche viersaitige sarangi in Gebrauch, die keine Resonanzsaiten hatte.Sarangi, 19th century. The Metropolitan Museum of Art Die in derselben Region und in Rajasthan im 19. Jahrhundert gespielte Sindhi-Sarangi besaß rund ein Dutzend Resonanzsaiten.Sindhi Sarangi. Hartenberger World Music Collection Diese Sindhi sarangi ist heute ein etwas einfacheres Instrument und klingt blecherner, ähnelt aber der üblichen Konzert-Sarangi und wird in der Volksmusik Rajasthans von der Doppelfell-Fasstrommel dholak begleitet. Die Sindhi-sarangi mit bis zu 25 Resonanzsaiten wird überwiegend von der Musikerkaste der Langas zusammen mit der dholak eingesetzt. Sie spielen auf Bestellung ihrer Gönner zu deren Familienfeiern und zu Dorffesten. Eine andere Musikerkaste, die teilweise über der Grenze in der pakistanischen Provinz Sindh lebt sind die Manganiyars. Beide Gruppen sind Muslime. Musikalisch unterscheiden sie sich, da die Manganiyars anstelle der sarangi das Streichinstrument kamaica (kamaicha) mit einem kreisförmigen, breiten Korpus verwenden, der an der Oberseite vollständig mit Pergament überzogen (und mit der kamantsche sprachverwandt) ist. Langa-Musikgruppe mit Sindhi sarangi und dholak (bei Internet Archive)Pragya Paliwal Gaur: Lest we forget. Herstellung von Sindhi sarangi und kamaica
In Adivasi-Regionen von Rajasthan und Madhya Pradesh gibt es verschiedene, zu den sarangi zählende Streichinstrumente, die wie im Nepal chikara genannt werden. Eine chikara hat zwei Melodiesaiten, aus Bronze und Stahl, und sieben Resonanzsaiten. Der Korpus sieht aus wie eine umgedrehte sarinda. Höher entwickelte chikaras, die einer modernen sarangi ähnlicher sehen, heißen wie in Uttar Pradesh zuweilen kingra. Umherziehende Yogis (Kingiriyas) begleiten damit ihre religiösen Lieder.Joep Bor, S. 17
Eine einfachere, nicht zu den sarangi zählende, jedoch weit verbreitete Gruppe von Streichinstrumenten bilden die ein- bis dreisaitigen Spießlauten, deren Korpus meist aus einer Kokosnusshalbschale besteht. Hierzu gehören die zweisaitige ravanahattha in Gujarat und Rajasthan mit einem Dutzend Resonanzsaiten, die dreisaitige Schalenspießlaute bana in Madhya Pradesh, die als kingri in Andhra Pradesh bekannt ist, die einsaitige banam in Zentralindien und die einsaitige pena im nordostindischen Bundesstaat Manipur.
Es gibt regional weitere Instrumentenarten der sarangi in der Volksmusik, auch die klassische sarangi ist nicht standardisiert. Qualitativ hochwertige Instrumente lassen für Kenner die Meisterwerkstatt erkennen. Als Zentrum der Sarangi-Herstellung gilt Meerut in Uttar Pradesh. Die von heutigen Musikern am meisten geschätzten Instrumente wurden in der Werkstatt von Abdul Aziz Behra († um 1945) gebaut.Joep Bor, S. 24
Herkunft Neben einer mythologischen Herleitung der sarangi und einem vermuteten Ursprung bei der altgriechischen Leier wurde auch eine Entstehung in jüngerer Zeit vorgeschlagen. Demnach käme Miyan Sarang (Niamat Khan) ein Hofmusiker des Mogulkaisers Muhammed Shah Rangila (1702–1748) als Erfinder des Instruments in Frage. Niamat Khan (Niamat bedeutet „Himmel“) war ein verehrter Sänger des Dhrupad, Khyal und Tarana-Gesangsstils.
Der Begriff sārang wird in Afghanistan sowohl für die sarangi als auch für die in der Volksmusik gespielte Streichlaute sarinda aus dem persisch-zentralasiatischen Raum verwendet.John Baily: Music of Afghanistan: Professional Musicians in the City of Herat. Cambridge University Press, Cambridge 1988, S. 166 Vorläufer der sarangi dürften in dieser Region entstanden sein. Die Entwicklung zum heute gebräuchlichen Instrument geschah in Indien. Eine Herleitung des Namens von der saranga vina, die in alten Sanskrit-Texten zur indischen Musik (wie Narada: Sangita Makaranda, 11. Jahrhundert) erwähnt wird, gilt als wahrscheinlich.Alain Danielou: Einführung in die indische Musik. Heinrichshofen’s Verlag, Wilhelmshaven 1982, S. 97