mini|300px|Spaichingen, Blick vom Fuß des Klippeneck mini|Blick auf Spaichingen mit der Kirche St. Peter und Paul Spaichingen ist eine Kleinstadt an der Prim am Fuß des Dreifaltigkeitsberges. Sie ist die drittgrößte Stadt im Landkreis Tuttlingen.
Geographie Geographische Lage Spaichingen liegt unterhalb des Albtraufs im Tal der Prim, zwischen südwestlicher Schwäbischer Alb und dem Ostrand der Baarhochfläche, etwa auf halber Strecke (jeweils rund 15 km) zwischen den Kreisstädten Rottweil (nordwestlich gelegen) und Tuttlingen.
Stadtgliederung Zur Stadt Spaichingen gehören auch der Stadtteil Hofen und die Häuser Bleiche, Dreifaltigkeitskirche, Heusteig und Verenamühle. In Spaichingen aufgegangen ist die 1732 erbaute Kassiersmühle. Im Stadtgebiet liegen die abgegangene Burg Baldenburg und die Wüstungen Steinweiler, Stockingen und Niederhofen, das möglicherweise auch in Spaichingen aufgegangen ist.Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band VI: Regierungsbezirk Freiburg. Kohlhammer, Stuttgart 1982, ISBN 3-17-007174-2, S. 653–654.
Schutzgebiete
Nordöstlich von Spaichingen liegt das Landschaftsschutzgebiet Albtrauf zwischen Balgheim und Gosheim mit Dreifaltigkeitsberg, Klippeneck und Lemberg. Der Albtrauf bei Spaichingen gehört zudem zum FFH-Gebiet Großer Heuberg und Donautal sowie zum Vogelschutzgebiet Südwestalb und Oberes Donautal und zum Naturpark Obere Donau.
Geschichte Frühgeschichte Bei archäologischen Grabungen auf dem Dreifaltigkeitsberg wurden verschiedene Keramiken gefunden, die belegen, dass dort bereits seit Jahrtausenden Menschen gesiedelt haben. So haben Archäologen etwa Scherben aus dem Zeitraum der Michelsberger Kultur und Artefakte wie eine Hirschhornfassung aus der Horgener Kultur gefunden. Sie fanden Artefakte aus unterschiedlichen Epochen: Hallstadtkultur, Latènezeit, Urnenfelderkultur. Eine durchgehende Besiedlung des Berges lässt sich dadurch nicht ableiten, aber es zeigt, dass der Berg über die Jahrtausende hinweg (mit Ausnahme des 12.–14. Jahrhunderts n. Chr.) immer wieder besiedelt worden ist.
Mittelalter Erstmals wurde Spaichingen in einer Schenkungsurkunde vom 15. November des Jahres 791 an das Kloster St. Gallen urkundlich erwähnt:
„[…] Propterea donamus atque transfundimus pratum unum ad carradas XII in pago, qui dicitur Purihdinga │ in villa Dirboheim et in alia villa, qui dicitur Speichingas, de terraturio nostro solum unum et iurnales XII et mancipia III his nominibus: Reginfrid, │ Uro, Uuinburc ad monasterium sancti Gallonis [..]“
„[…] Deshalb geben und übertragen wir eine Wiese, die zwölf Fuder Ertrag bringt, im Gau, der Purihdinga genannt wird, im Ort Dürbheim sowie an einem anderen Ort, der Spaichingen genannt wird, von unserem Ackerland einen Boden und zwölf Tagwerk sowie die drei Hörigen Reginfrid, Uro und Winburc an das Kloster St. Gallen […]“.
Bereits im Frühmittelalter war Spaichingen ein zentraler öffentlicher Verwaltungsort. Dies belegt eine Urkunde des Mönches Heio vom 16. Juni des Jahres 802/803, die er in Spaichingen ausgestellt hat. In dieser bezeichnet er Spaichingen als villa publica. Der Begriff villa publica steht in der karolingischen Zeit für einen „Amtshof oder, allgemeiner ausgedrückt, einen Verwaltungsmittelpunkt“. Heio beurkundet, dass der alemannische Freie Erlobold seinen gesamten Besitz in Aldingen („in villa qui dicitur Aldingas“) an das Kloster St. Gallen verschenkt. Diese Urkunde ist damit die älteste nachweisbare Beziehung der Orte Aldingen und Spaichingen. Spaichingen lag zudem an einer unter Königsschutz stehenden öffentlichen Straße („via publica“), die von Rottweil über Rietheim nach Tuttlingen geführt hat. Das belegt die Urkunde I 351 im Stiftsarchiv des Klosters St. Gallen vom 1. Oktober 834.
Am 4. Juni 817 wird Spaichingen in einem kaiserlichen Erlass explizit erwähnt. In dem überlieferten Herrscherdiplom schenkte Kaiser Ludwig der Fromme dem Kloster St. Gallen die bisher den Grafen zustehenden Einkünfte aus insgesamt 47 Mansen auf der Baar und dem Bodenseeraum. Darunter waren auch drei Mansen aus Spaichingen, die zu den Grafen Otto, Waramann und Adalmar gehörten: „[…] ad Speichingas mansum Ottonis et Uuaramanni et Adalmari […]“.
Die Hoheitsrechte in Spaichingen besaßen im Mittelalter die Grafen von Hohenberg. Nach einer Urkunde aus dem Jahr 1381 verkaufte Graf Rudolf III. (gestorben 1389) an Herzog Leopold III. von Habsburg. Spaichingen wurde somit für über 400 Jahre österreichisch und gehörte zum vorderösterreichischen Oberamt Rottenburg und der Obervogtei Oberhohenberg mit Sitz in Fridingen. Wegen seiner strategisch günstigen Lage musste der Ort Plünderungen und Brandschatzungen bei vielen Truppendurchzügen über sich ergehen lassen. Auch die Pest von 1530 traf den Ort und die Umgebung hart. Trotzdem konnte sich Spaichingen zu einem wirtschaftlichen Zentrum entwickeln.
Oberhalb von Spaichingen auf dem heutigen Dreifaltigkeitsberg lag die Burg Baldenberg. Dies lassen Geländebefunde vermuten, archivalisch ist die Burg aber bis heute nicht nachgewiesen.
Das Adelsgeschlecht von Spaichingen Das Adelsgeschlecht derer von Spaichingen, in der Chronik des Gallus Öhem als „freyer herr“ betitelt, taucht im 11. Jahrhundert in Zusammenhang mit der Gründung von zwei Klöstern im Schwarzwald auf. Einmal bei der Gründung des Klosters St. Georgen im Schwarzwald am 13. Januar 1086: „Diese Übergabe geschah im Ort Irslingen in Anwesenheit der Zeugen, deren Namen diese sind: […] Benno von Spaichingen […]“. und einmal bei der Gründung des Klosters Alpirsbach am 28. August 1099. Hier tritt der mutmaßlich selbe Benno von Spaichingen als „testamenti doctor“, als Vermittler der für die Klostergründung geltenden rechtlichen Bestimmungen auf:
„Der Unterweiser dieser Verfügung war Benno von Spaichingen, nicht einmal, sondern zweimal. Zuerst, wie geschrieben ist, am Ort [Alpirsbach] selbst, als dort das besagte Gebetshaus geweiht wurde, zum Zweiten im Ort, der Rottweil heißt, vor Herzog Berthold [II.] und anderen Fürsten des Königreichs“.
Auch am 6. April 1092 wird bei einem Gütertausch ein Adelbert von Spaichingen als Zeuge benannt. Mitte des 12. Jahrhunderts verschenkt ein Markward von Spaichingen sieben Hörige aus Aldingen und Spaichingen sowie eine Mühle an das Kloster Allerheiligen bei Schaffhausen in der Schweiz. Der Name „von Spaichingen“ lässt sich bis ins 15. Jahrhundert verfolgen. 1476 stirbt mit Rudolf von Spaichingen in Bern der letzte männliche Träger des Namens aus.
Aus spätmittelalterlichen Quellen lässt sich ableiten, dass die Herren von Spaichingen im Ort einen Herrenhof besaßen, den späteren Hänlihof. Der in der um 1500 entstandenen Chronik des Gallus Öhem benannten „burgstal, speichingen genant“, lässt sich dagegen nicht nachweisen.
Frühe Neuzeit Seit dem Spätmittelalter war Spaichingen Sitz der Landschaftsversammlung der Landschaft Oberhohenberg. Dies war ein genossenschaftlicher Verband aller Gemeinden in der österreichischen Grafschaft Hohenberg. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wollten die Einwohner von Wehingen erreichen, dass die Landschaftsversammlung, statt wie bisher nur in Spaichingen, künftig immer im jährlichen Wechsel auch in Wehingen tagt. Das Rottenburger Hofgericht urteilte 1517 aber, dass die Landschaftsversammlung dauerhaft in Spaichingen bleiben solle, „wie von alter hero, dieweil eben Spaichingen größer, namhaffter auch an Volckh mechtiger ist dan die anderen Derffer“.
1582 soll eine Feuersbrunst große Teile von Spaichingen zerstört haben: „Den 30. März 1582 vernichtete ein Brand in Zeit von einer Stunde 15 schöne Häuser, 21 Scheuern, viele Schweineställe, gegen 70 Stücke Rindvieh und 8 Pferde nebst vielen Ziegen und Schafen und vielem Hausgeräthe.“
1623 erhielt Spaichingen das Recht, einen Wochenmarkt und einen Jahrmarkt abzuhalten, in diesem Schreiben wurde Spaichingen zudem als „Hauptflecken“ im Oberhohenbergischen bezeichnet, in dem „Justicia gehalten und die ‚Maleficanten‘ hingerichtet und Kontributionskasse, Fahne, Privilegien und Siegel der oberen Herrschaft Hohenberg aufbewahrt werden“.
Im Dreißigjährigen Krieg schrumpfte die Zahl der Einwohner auf unter die Hälfte des Vorkriegsstands. Trotz dieses immensen Rückschlags wurde Spaichingen im Jahr 1688 Sitz des Obervogts für Oberhohenberg.
Ab 1768 existierte am Ort eine Florettspinnerei, später kam auch eine Seidenspinnerei dazu. Um 1800 war Spaichingen sowohl politisch als auch wirtschaftlich eindeutiges Zentrum von Oberhohenberg.
Württembergische Zeit Im Rahmen des Friedens von Pressburg kam Spaichingen 1805 zum Kurfürstentum Württemberg, das 1806 im Bündnis mit Napoleon Bonaparte zum Königreich erhoben wurde. Dadurch wurde Spaichingen 1806 Sitz des gleichnamigen Oberamtes. Offiziell zur Stadt erhoben wurde Spaichingen aber erst 1828. Am 15. Juli 1869 ging mit der Eröffnung des Abschnitts Rottweil–Tuttlingen der Oberen Neckarbahn der Bahnhof Spaichingen in Betrieb. Damit war die Oberamtsstadt an das Streckennetz der Württembergischen Eisenbahn angeschlossen.
Am 7. Juli 1832 fand auf dem Dreifaltigkeitsberg ein „kleines Hambacher Fest“ statt: „Nun kam noch die Reaktion der 30er Jahre, wo alles nach Freiheit schrie, die damals noch sehr verkümmert war […] Es wurde dann eine Zusammenkunft auf dem Dreifaltigkeitsberg bei Spaichingen veranstaltet, an der viele Leute aus der ganzen Umgebung teilnahmen. Die Polizei bekam aber Wind von der Sache“.
Im Mai 1848 fand eine „Volksversammlung“ vor dem Rathaus statt, bei der die Redner aus den Fenstern des Rathaussaales heraus sprachen. Diese Versammlung erklärte, dass sie die Freiheit „nicht durch gewaltsame Einführung der Republik, sondern nur im Wege der konstitutionellen monarchistischen Regierungsform [und] nur auf dem Boden des Gesetzes und der Ordnung“ erlangen sollen. Die Volksversammlung erklärte zudem, sich den Beschlüssen der „konstituierenden Nationalversammlung […] zu unterwerfen“.
NS-Zeit Aufgrund einer umfassenden Gebietsreform während der NS-Zeit in Württemberg kam die Stadt Spaichingen nach Auflösung des ab 1934 so genannten Kreises Spaichingen im Jahr 1938 zum neuen Landkreis Tuttlingen.
Vom 26. September 1944 bis zum 18. April 1945 bestand in Spaichingen ein Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof. Das KZ war dem Lager in Schömberg untergeordnet. Von hier erhielt es seine Verpflegung, obwohl es nicht zu den sogenannten „Wüste-Lagern“ gehörte. Die Waffenfabrik Mauser aus Oberndorf verlegte unter dem Tarnnamen „Metallwerke Spaichingen“ einen Teil ihrer Produktion nach Spaichingen. Hunderte Frauen und Männer wurden nach Deutschland verschleppt und dort, aber auch in Textilbetrieben und bei Bauarbeiten zur Zwangsarbeit gepresst, mindestens 96 kamen dabei ums Leben. An der Bahnstrecke Plochingen–Immendingen erinnert seit dem 24. November 1963 ein Mahnmal von Bildhauer Roland Martin an die Opfer.Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation. Band 1, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1995, ISBN 3-89331-208-0, S. 84. Die Lagerkommandanten Werner Halter und Helmut Schnabel wurden entweder nicht angeklagt (Halter) oder im Fall von Schnabel mit „6 Jahren Zuchthaus wegen versuchten Mordes“ abgeurteilt.
Das KZ Spaichingen wurde am 18. April 1945 aufgelöst; rund 400 Häftlinge wurden auf einen etwa zehntägigen Marsch in Richtung Allgäu getrieben. Ein ehemaliger Häftling berichtete als Zeuge bei einem Prozess, dass nur etwa die Hälfte der Männer das Ende des Marsches in Füssen erlebte.Jochen Kastilan: siehe auch
Seit 1945 1945 wurde die Stadt Teil der Französischen Besatzungszone. Somit erfuhr sie 1947 die Zuordnung zum neu gegründeten Land Württemberg-Hohenzollern, das 1952 im Land Baden-Württemberg aufging.
Mit der Kreisreform wechselte die Stadt Spaichingen 1973 als Teil des Landkreises Tuttlingen vom Regierungsbezirk Südwürttemberg-Hohenzollern zum Regierungsbezirk Freiburg.