mini|Hauskaninchen Großchinchilla mini|Kaninchenzüchter in den 1950er Jahren mit zeittypischem Stall und Rasse Weiße Wiener

Das Hauskaninchen (Oryctolagus cuniculus forma domestica) ist die domestizierte Form des Wildkaninchens. Es wird sowohl als Nutztier zur Fleisch- und Pelzproduktion als auch als Heimtier gehalten. Umgangssprachlich ist auch die Bezeichnung „Stallhase“ gebräuchlich.

Die kommerzielle Kaninchenmast geschieht heute in Freiland-, Boden- oder Käfighaltung.

Geschichte Seit Beginn des Holozän trugen kleinere Tierarten, insbesondere das Wildkaninchen, mehr als bis dahin zur Ernährung der Menschen in Südwestfrankreich bei.Emily Lena Jones: Broad spectrum diets and the European rabbit (Oryctolagus cuniculus): dietary change during the Pleistocene-Holocene Transition in the Dordogne, Southwestern France, Thesis for Doctor of Philosophy, University of Washington, Department of Anthropology, 2004, (PDF). Erste Berichte über Wildkaninchen stammen wohl von den Phöniziern, die auf der Iberischen Halbinsel Tiere vorfanden, die sie an Klippschliefer (Procavia capensis) erinnerten. Deshalb benannten sie das Land i-shephanim, Küste oder Insel der Klippschliefer (vergleiche hebräisch shaphan). Von den Römern wurde dieser Name später latinisiert als „Hispania“ übernommen. Erstmals sicher erwähnt wird das Wildkaninchen von Polybios. Er zitiert aus einem um 360 vor Chr. verfassten Spätwerk des griechischen Philosophen Platon über die Tierwelt von Korsika auch Unterschiede zwischen Kaninchen und Hasen und deren unterirdische Lebensweise. Wohl deshalb gibt er dem Tier den griechischen Namen kuniklos, das gräzisierte cuniculus. Die Römer bezeichneten Minen bzw. unterirdischen Gänge als Cuniculi.

Varro nennt im 1. Jahrhundert v. Chr. Spanien als die Heimat der Kaninchen und empfiehlt die Haltung in Leporarien – ummauerten Hasengehegen. Er berichtet über die Fruchtbarkeit der Tiere und dass die Weibchen häufig bereits wieder trächtig sind, während sie noch einen Wurf betreuen. Des Weiteren beschreibt er bereits die Form des Mästens: „Es ist eine geläufige Praxis, Tiere, die gemästet werden sollen, aus dem Hasengehege zu entnehmen und in einem separaten Stall zu halten.“De Re Rustica by Varro Loeb Classical Library, 1934. Strabon wiederum hinterließ in seinem Werk Geographika auch eine Beschreibung der Schäden, die Kaninchen in damaliger Zeit in Spanien anrichteten. Die Plage betraf ganz Spanien bis nach Massila und die umliegenden Inseln. Auf den Balearen wurde sie wohl durch ein einziges Kaninchenpaar ausgelöst, das auf die Inseln gebracht wurde.Strabon, Geographika 3,2 (p. 144) (englische Übersetzung). Plinius der Ältere berichtet im achten Buch seiner Naturgeschichte ebenfalls von einer Plage der Kaninchen in Spanien. Weiterhin beschreibt er den Brauch der Spanier, ungeborene Föten oder neugeborene Jungtiere zu verspeisen, die so genannten laurices.Plinius der Ältere, Naturalis historia 8,43 (englische Übersetzung) und 8,81 (englische Übersetzung).

Kaninchen galten als beliebtes Jagdobjekt und dank der bequemen Haltung und der enormen Vermehrungsrate dienten sie als Frischfleischvorrat. Von den Spaniern übernahmen die Römer den Brauch des Verzehrs von Föten und Neugeborenen der Kaninchen. Da diese als Fastenspeise erlaubt waren, wurde die Kaninchenhaltung später durch Klöster fortgesetzt. In Deutschland zählen Kaninchen noch heute zum jagdbaren Wild.Kaninchenjagd in Deutschland Im Judentum sind sie mit einem Nahrungstabu belegt.Nahrungstabu Kaninchen im Judentum

Berichte über Übergang von der Gehege- zur Käfig- bzw. Stallhaltung stammen aus der Zeit um 550. In Deutschland wurden Kaninchen 1149 erstmals urkundlich erwähnt: der Abt von Corvey an der Weser, Wibald, erbittet zwei Paare von seinem Amtsbruder Gerald, Abt des Klosters Solignac in Frankreich.

Im Mittelalter wurden Kaninchen in LapinierenW. Lutz: Zur Naturgeschichte des Wildkaninchens. In: LÖBF-Mitteilungen. 1/04, , S. 12. oder Garenne, wie sie im mittelalterlichen Vulgärlatein genannt wurdenP. Kaetzke, J. Niedermeier, M. Masseti (Paläontologie): Oryctolagus cuniculus (Linne, 1758) – Europäisches Wildkaninchen, E: European rabbit, Old world rabbit; F: Lapin de garem. In: F. Krapp (Hrsg.): Hasentiere – Lagomorpha. 1. Auflage. Akademische Verlags-Gesellschaft, Wiesbaden 2003, ISBN 3-89104-509-3.Kaninchen. In: Johann Georg Krünitz: Band 34, 1785, S. 126–157. (elektronische Ausgabe der Universitätsbibliothek Trier) bzw. in Kaninchengärten gehalten. Weitere Haltungsformen bestanden in der Ausnutzung natürlicher Gegebenheiten, wie zum Beispiel Inseln. 1235 wurden die ersten Kaninchen in Großbritannien ausgesetzt, einige Jahre später kam es bereits zu ersten Klagen über angerichtete Schäden. Auf dem Gebiet des heutigen Deutschland wurden Kaninchen wohl erstmals auf der Insel Amrum ausgesetzt, wo es seit 1231 Kaninchen gibt. Bekannt ist auch die Insel Kaninchenwerder im Schweriner See, die als Kaninekenwerder 1407 erwähnt wird. Ein wiederholter Versuch der Ansiedelung von Kaninchen auf dieser Insel vor einigen Jahrhunderten verlief jedoch erfolglos. In Hessen wurde es wahrscheinlich im 16. Jahrhundert, auf Helgoland 1597 und Anfang des 17. Jahrhunderts in Warnemünde eingeführt, wo es kurze Zeit später ebenfalls zur Plage wurde. Auf dem Gemälde „Madonna mit dem Kaninchen“ von Tizian aus der Zeit um 1530 ist ein weißes Kaninchen zu sehen. mini|Szene: Maria mit Christuskind, Hl. Katharina und Hl. Johannes der Täufer; Tizian um 1530

Im Jahr 1606 schrieb Conrad Gesner über verschiedene Fellfarben der Küniglein und dass sie gern Gras und Klee fressen.C. Gesner: Thierbuch. Johan Lancellor, Heidelberg 1606. Im Großen Universallexicon von Zedler aus dem Jahr 1733 werden die Fellfarben weiß, schwarz, grau und gescheckt beschrieben und die Tatsache, dass es in Deutschland domestizierte, aber keine Wildkaninchen gäbe. Er schreibt über die Haltung in Kaninchengärten bzw. -gehegen. In der Übersetzung der Naturgeschichte der vierfüßigen Thiere von Buffon aus dem Jahr 1755 wird ebenfalls von den Kaninchengärten berichtet – außerdem über das so genannte angorische Kaninchen mit langem Fell. Krünitz schrieb 1785 über die, bei den domestizierten Tieren, vorherrschenden Farben Weiß, Schwarz, Bläulich und Grau. Die Haltung in Gehegen wurde in England zum Teil bis nach dem Zweiten Weltkrieg praktiziert.I. Salaschek: Vom Notstandstier zum Wohlstandstier: Kaninchenhaltung in Deutschland. Dissertation. Tierärztliche Hochschule Hannover, 2009, ISBN 978-3-86504-262-0.

Die Zucht der Rassen wie sie heute bekannt sind, begann etwa ab 1800 in Frankreich. In Deutschland nahm die Kaninchenzucht nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 größeren Aufschwung. Deutsche Soldaten hatten in Frankreich die moderne Form der Kaninchenhaltung kennen gelernt, insbesondere die Haltung in den typischen Kaninchenställen, die eine Kontrolle und Steuerung der Fortpflanzung erlaubte. In Deutschland hielt man Kaninchen zu dieser Zeit meist noch freilaufend in den Großviehställen – daher auch die Bezeichnung Kuhhasen. Hier ernährten sie sich von dem Futter, das den Rindern vorgelegt wurde und von Küchenabfällen.G. Meinhardt: Die Kuhhasen des vorigen Jahrhunderts. In: Deutscher Kleintier-Züchter. Ausgabe Kaninchen. 18/1969, S. 18. Auch die einsetzende Industrialisierung begünstigte die Kaninchenhaltung, da das Kaninchen häufig die einzige Tierart war, die in beengten Platzverhältnissen zur Selbstversorgung gehalten werden konnte. Folgerichtig entwickelten sich besonders Industriegebiete zu Hochburgen der Rassekaninchenzucht (Sachsen, Ruhrgebiet).

Grundbedürfnisse Sozialkontakt mit Artgenossen (Kaninchen benötigen mindestens einen Partner gleicher Art) Bewegung, Nagen, Graben, Versteckmöglichkeiten/Unterschlupfe Überblick Abwechslung, Ruhepausen Abwechslungsreiche Nahrung (Heu zur ständigen Verfügung, Kräuter, Gemüse und Obst)

Ernährung Kaninchen sind Pflanzenfresser (Herbivoren) und werden unter diesen zu den Blattfressern (Folivore) gezählt.J. Kamphues u. a.: Supplemente zu Vorlesungen und Übungen in der Tierernährung. 10., vollst. überarb. u. erg. Auflage. Verlag M. & H. Schaper, Alfeld-Hannover 2004, ISBN 3-7944-0205-7.Wolfgang Schlolaut (Hrsg.): Das große Buch vom Kaninchen. 3., erw. Auflage. DLG-Verlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-7690-0592-9. Die Nahrung besteht überwiegend aus den blättrigen Bestandteilen grüner Landpflanzen wie Gräsern und Kräutern. Dieser Anteil beträgt etwa 3/5 der Nahrung und kann bis zu 50 % aus Pflanzen bestehen, die vom Menschen als Heil- und Giftpflanzen bezeichnet werden.R. Allgöwer: In: Monika Braun und Fritz Dieterl (Bearb.; Hrsg.): Die Säugetiere Baden-Württembergs. Band 2: Insektenfresser (Insectivora), Hasentiere (Lagomorpha), Nagetiere (Rodentia), Raubtiere (Carnivora), Paarhufer (Artiodactyla). Ulmer, Stuttgart (Hohenheim) 2005, ISBN 3-8001-4246-5.F. Turček, B. Stiavnica: Beitrag zur Kenntnis der Fraßpflanzen des Wildkaninchens, Oryctolagus cuniculus (Linne, 1758), in freier Wildbahn. In: Säugetierkundliche Mitteilungen. Heft 7, 1959, S. 151–153. Besonders im Winter wird dieser durch Knospen, Triebspitzen, Rinden und Wurzeln ergänzt. Bekannt ist das Kaninchen auch als Kulturfolger durch Schäden, die es an Pflanzen wie Weinreben, Getreide, Luzerne und Bohnen verursacht.H. Zillig: Das Wildkaninchen als Rebschädling an der Mosel und in den übrigen deutschen Weinbaugebieten. In: Journal of Pest Science. Volume 10, Number 7, Springer, Berlin/Heidelberg Juli 1934, S. 80–83. M. J. Crawly: Rabbit grazing, plant competition and seedling recruitment in acid grassland. In: The Journal of applied ecology. (27) Blackwell, Oxford, 1990, S. 803–820. In der Fachliteratur wird gelegentlich auch über einen möglichen Fleischverzehr spekuliert. Abgeleitet wird dieser aus der Tatsache, dass Kaninchen in Gefangenschaft ohne Zwang auch fleischliche Kost aufnehmen, obwohl ausreichend vegetarische Nahrung zur Verfügung steht.Walter H. Leicht: Tiere der offenen Kulturlandschaft. Teil 1, Feldhase, Wildkaninchen. Quelle und Meyer, Heidelberg 1979, ISBN 3-494-00937-6. (Ethologie einheimischer Säugetiere, 1) Konkret über den Verzehr von Schweine- und Rindfleischresten durch Wildkaninchen wird beispielsweise von Gaffrey berichtet.G. Gaffrey: Zur Ernährungsweise des Wildkaninchens. In: Säugetierkundliche Mitteilungen. 2 (1954), Verlag Arbeitsgemeinschaft; Franckh; Bayer. Landwirtschaftsverlag München/Stuttgart, , S. 81.