mini|Übersicht über die Ordensburg.Blick von Westen von Wollseifen auf die Hundertschaftshäuser (Nr. 17 auf Geländeplan) mit dahinter liegendem Hauptgebäude (Nr. 6) und dem Turm (Nr. 11). Eines der Kameradschaftshäuser (das am höchsten gelegene, links neben Nr. 16) ragt links unterhalb des Hauptgebäudes hervor. mini|Nicht mehr aktueller Geländeplan der Anlage, Darstellungsstand 2009 mini|Erster Spatenstich zum Bau der Ordensburg Vogelsang mini|Ankunft zur Kreisleitertagung auf der Ordensburg Vogelsang vom 22. bis 29. April 1937, Aufnahme aus dem Bundesarchiv mini|Lage der Ordensburg auf dem Erpenscheid oberhalb des Urftstausees
Die sogenannte NS-Ordensburg Vogelsang ist ein von den Nationalsozialisten in der Eifel oberhalb der Urfttalsperre auf dem Berg Erpenscheid errichteter Gebäudekomplex bei Schleiden-Gemünd in Nordrhein-Westfalen. Die Anlage diente, im Gegensatz zur SS-Junkerschule und zur Reichsführerschule, der NSDAP zwischen 1936 und 1939 als Schulungsstätte für den Nachwuchs des NSDAP-Führungskaders. Der unter Denkmalschutz stehende Teil der Bauwerke umfasst eine Bruttogeschossfläche von mehr als 50.000 Quadratmetern und gilt nach den Parteitagsbauten in Nürnberg mit fast 100 ha bebauter Fläche als das größte erhaltene Beispiel der Architektur im Nationalsozialismus in Deutschland.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Komplex von britischen Streitkräften übernommen, die im umliegenden Gelände auf 6354 ha den Truppenübungsplatz einrichteten. 1950 wurde die Infrastruktur von belgischen Militärstreitkräften übernommen, die unter dem Namen „Camp Vogelsang“ dort eine Kaserne einrichteten und diese und den Truppenübungsplatz bis 2005 nutzten bzw. verwalteten. Seit 1989 stehen die Gebäude unter Denkmalschutz. 2016 wurde Vogelsang im Rahmen einer Dauerausstellung und als architektonische Erinnerungsstätte zu einem NS-Dokumentationszentrum.
Zeit des Nationalsozialismus Planung und Bau 1933 forderte Adolf Hitler in einer Rede an der Reichsführerschule der NSDAP und der Deutschen ArbeitsfrontSchulungsort für den Massenmord auf www.bpb.de in Bernau bei Berlin den Bau von neuen Schulen für den Führernachwuchs der NSDAP. Mit dem Bau wurde der Reichsleiter Robert Ley betraut, dieser gab den Bau dreier „Schulungslager“ (NSDAP-Ordensburgen) in Auftrag: in Crössinsee (Pommern), in Sonthofen (Allgäu) und Vogelsang in der Eifel.
Finanziert wurde der Bau, der größtenteils auf der Gemarkung der Gemeinde Schleiden vollzogen wurde, aus Geldern der enteigneten Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände. Der Name Vogelsang ergab sich aus der historischen Flurbezeichnung des Geländes.
Den Planungsauftrag für Crössinsee und Vogelsang bekam der Kölner Architekt Clemens Klotz. Am 16. März 1934 erfolgte der erste Spatenstich zum „Reichsschulungslager Vogelsang“. Die Bezeichnung NS-Ordensburg für die drei Bauwerke wurde erst ab 1935 üblich. Der Bau der Burg Vogelsang wurde im März 1934 begonnen und im ersten Bauabschnitt von bis zu 1500 Arbeitern innerhalb von nur zwei Jahren errichtet.Hans-Dieter Arntz: Ordensburg Vogelsang … im Wandel der Zeiten. Helios-Verlags- und Buchvertriebsgesellschaft, Aachen 2007, S. 8 f.
„Burgkommandant“ war zwischen dem 22. September 1934 und dem 1. Juli 1935 Franz Binz, der sich zuvor als Kreisleiter der NSDAP von Schleiden für den Bau eingesetzt hatte.
Zusätzlich zu den auf Vogelsang errichteten Bauwerken waren noch weitaus größere Bauten geplant. Unter anderem sollte ein gigantisches „Haus des Wissens“ als Bibliothek entstehen, das die vorhandenen Gebäude schon alleine mit seiner Grundfläche von 100 m × 300 m buchstäblich in den Schatten gestellt hätte. Darüber hinaus war ein „Kraft durch Freude-Hotel“ mit 2000 Betten geplant. Auf Vogelsang sollten zudem die größten Sportstätten Europas entstehen. Die teilweise bereits begonnenen Bauarbeiten wurden bei Kriegsbeginn eingestellt.
Folgende Bauwerke wurden geplant und teilweise auch ausgeführt: der Eingangsbereich mit Tor und zwei Türmen (größtenteils fertiggestellt), das Haus des Wissens (nur Sockelmauern fertiggestellt), das Gemeinschaftshaus mit Adlerhof, Turm, Ost- und Westflügel (fertiggestellt, teilweise kriegszerstört), die Burgschänke (fertiggestellt), zehn Kameradschaftshäuser für jeweils 50 Zöglinge (fertiggestellt, teilweise kriegszerstört), vier Hundertschaftshäuser für jeweils 100 Zöglinge (fertiggestellt), der Thingplatz als Veranstaltungsbühne und Sonnenwendplatz (fertiggestellt), Sportanlagen mit Tribüne, Turn- und Schwimmhalle (fertiggestellt), das Feuermal Fackelträger (fertiggestellt), das Haus der weiblichen Angestellten (fertiggestellt).
Struktur der Anlage Insgesamt war der Komplex für 1.000 Menschen ausgelegt (500 Bedienstete und 500 Gäste). Das Areal ist rund 100 ha groß, und die Gesamtnutzfläche liegt bei rund 70.000 Quadratmetern. Eingangswache, Schulungs- und Wirtschaftsgebäude, Flugfeld sowie Unterkünfte befinden sich als Kasernengelände auf einem Höhenrücken über dem Urftstausee. Am Rand des Hangs befinden sich das Gemeinschaftshaus mit Adlerhof und Galerien mit großem Parkplatz sowie der die Ordensburg überragende Turm. Von hier aus können Talsperre und Höhenzüge des heutigen Nationalparks Eifel gut überschaut werden. Die Kameradschafts- und Hundertschaftshäuser schließen sich nach unten terrassenförmig an. In zentraler Lage davor liegt der Thingplatz über einer Turn- und Schwimmhalle sowie weiteren Sportanlagen in Ufernähe. Der Gesamthöhenunterschied der Terrassenanlage liegt bei rund 70 m.
Dorf Vogelsang mini|1940, Dorf Vogelsang mini|Reste der Personalwohnungen von Dorf Vogelsang, inzwischen abgerissen
Unweit der Hauptgebäude, auf der anderen Talseite, auf halbem Weg nach Wollseifen, war eine Mustersiedlung für die Bediensteten und die Verwaltung geplant. Es sollten 60 Mehrfamilienhäuser entstehen, einschließlich Schule und Kindergarten, ebenso ein Friedhof. Im Endzustand sollten über 4500 Menschen hier leben. Mit dem Beginn des Krieges wurden die Arbeiten eingestellt, 12 Häuser waren bereits gebaut. Nachdem Vogelsang zum Truppenübungsplatz geworden war, wurden die Häuser ebenso wie Wollseifen als Ziele benutzt und damit zerstört, heute steht nichts mehr, die letzten Reste wurden aus Unfallschutzgründen abgetragen und planiert.
Ideologisch-künstlerische Gestaltung mini|Besuch Hitlers auf der Ordensburg, Aufnahme aus dem Bundesarchiv mini|Grundriss eines Kameradschaftshauses mini|hochkant|Marschierende Männer auf der Ordensburg Vogelsang, 1937
Die meisten Plastiken in Vogelsang – Fackelträger, Der deutsche Mensch und das Sportlerrelief – stammen von Willy Meller. Während die Holzplastik Der deutsche Mensch 1945 verschwunden ist, sind die beiden anderen Plastiken – teilweise beschädigt – heute erhalten (siehe Galerie).
Der Fackelträger am Sonnenwendplatz ist eine 5 m hohe, martialisch-muskulöse Gestalt des nach der NS-Ideologie zu züchtenden arischen „Herrenmenschen“. Die Inschrift auf der Reliefplatte lautet: „Ihr seid die Fackelträger der Nation. Ihr tragt das Licht des Geistes voran im Kampfe für Adolf Hitler“.
Das Sportlerrelief (1938) aus roter Lava an der Stirnwand der Ehrentribüne ist stark verwittert und weist Schäden durch Einschusslöcher auf.
Nach einem Besuch Adolf Hitlers im Jahre 1937 wurde das Eingangstor mit dorischen Säulen ohne irgendeine statische Funktion ergänzt. Berichten zufolge ging die Initiative dazu von Hitler selbst aus. Darüber hinaus waren Teppichzyklen von Willy Meller, eine von Ferdinand Liebermann geschaffene Bronzebüste, Adolf Hitler darstellend, oder ein Intarsienbild von dem Kölner Bildhauer Josef Pabst ausgestellt. Ein Marmorputzmosaik von Ernst Zoberbier in der Schwimmhalle und ein Gobelin von Peter Hecker, Siegfrieds Tod und Der Kampf in Etzels Saal darstellend, vervollständigten die nationalsozialistische Propagandakunst, deren „Lehrmeister“ im Umfeld Werner Peiners und der Hermann Göring Meisterschule für Malerei zu suchen sind.Ruth Schmitz-Ehmke: Die Ordensburg Vogelsang. Architektur, Bauplastik, Ausstattung. Köln 1988, S. 55ff.
Schulungsburg der NSDAP, 1936 bis 1939 Am 24. April 1936 wurden die drei Ordensburgen in einem Festakt an Adolf Hitler übergeben. Wenig später rückten die ersten 500 NS-Junker auf Vogelsang ein. Die Lehrgangsteilnehmer kamen aus ganz Deutschland. Sie waren auf Vorschlag der Gauleitungen von Robert Ley handverlesen ausgewählt worden. Die meisten waren Mitte 20. Voraussetzung waren erste Bewährung in der Parteiarbeit, völlige körperliche Gesundheit, Arbeits- und Militärdienst sowie ein Abstammungsnachweis, welcher bis ins 18. Jahrhundert zurückreichte. Weiterhin mussten die Bewerber auf Anordnung von Robert Ley verheiratet sein, dagegen interessierten ihre schulischen Leistungen überhaupt nicht. Den Bewerbern war bei ihrem Eintritt versprochen worden, dass sie nach Abschluss der Ausbildung jedes Regierungs- und Verwaltungsamt in Deutschland bekleiden könnten.
Der Stundenplan sah vor: 6:00 Uhr Frühsport, 7:00 Uhr Fahnenappell, 8:00 bis 10:00 Uhr Arbeitsgemeinschaften, 10:00 bis 12:00 Uhr Vortrag im großen Hörsaal durch Gast- oder Hauptlehrer, nachmittags Sport, 17:00 bis 18:30 Uhr Arbeitsgemeinschaften, 22 Uhr Zapfenstreich. In den Hauptvorlesungen zu den Themen Rassenkunde und „Geo-Politik“ wurden die Junker mit aggressiven außenpolitischen und rassistischen Thesen indoktriniert. Daneben gab es intensive sportliche Schulung, der Schwerpunkt dieser Ausbildung lag bei der Ordensburg Vogelsang auf dem Reitsport.
Die Lehrgänge auf den NS-Ordensburgen sahen auch eine Pilotenausbildung vor. Zu diesem Zweck wurden Flugplätze an allen drei Burgen gebaut. Der Vogelsanger Flugplatz entstand in der Nähe des Walberhofes, nahe der Ortschaft Schleiden-Morsbach. Auf Wunsch der Parteileitung in Berlin wurde die Ordensburg Vogelsang von insgesamt 16 Bunkern des Westwalls gesichert, deren Reste noch heute erkennbar sind und am 1. Dezember 2006 unter Denkmalschutz gestellt wurden.
Nach der Eröffnung des Schulbetriebs nutzte die politische Prominenz des Dritten Reichs Vogelsang auch als Repräsentationsort. Adolf Hitler sowie weitere führende Mitglieder des NS-Staates besuchten mehrfach die Ordensburg. Andere kamen zeitweise als Gastdozenten, so Theodor Oberländer, der spätere CDU-Bundesminister, im November 1936.Bestimmung: Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen, Katalog zur Dauerausstellung NS-Dokumentation Vogelsang, Verlag Sandstein Kommunikation, 2016, ISBN 978-3-95498-220-2. Im Bericht des Gauschulungsleiters im Gau Köln-Aachen Julius Kölker vom 1. Juli 1939 (Bundesarchiv Berlin [BA B], NS 8, Nr. 23) wird eine Bereitschaft zu unbedingtem Kriegseinsatz und einer radikalen Rassenpolitik dem „Dünkel“ der „Ordensjunker“ gegenübergestellt, der sie für politische Ämter nicht mehr brauchbar mache.
Kommandanten Franz Binz (1934–1935) Richard Ohling (1935–1936) Richard Manderbach (1936–1939) Hans Dietel (1939–1941) Fritz Franz Montag (1941–1943) Heinrich BruhnHeinen: NS-Ordensburgen. 2011, S. 67, 68 ().
Nutzung durch die Wehrmacht ab 1939 Bei Kriegsausbruch im September 1939 wurde der Schulbetrieb eingestellt, die Junker entlassen und zur Wehrmacht eingezogen. Die Burg Vogelsang wurde der Wehrmacht übergeben. Diese nutzte die Bauwerke zweimal als Truppenquartier: 1940 beim Westfeldzug, danach im Rahmen der Ardennenoffensive im Dezember 1944. Geübt wurde u. a. ab 1940 auf dem Truppenübungsplatz Elsenborn. Während des Westfeldzuges wurde das Flugfeld Vogelsang (erbaut 1934–39) mit einbezogen. Dort waren 1940 folgende Fronttruppenteile eingesetzt: schwere Flak-Abteilung 143 17. Jägerleit-Kompanie / Luftnachrichten-Regiment 211 I. / Kampfgeschwader 76 II. / Kampfgeschwader 76 2. / Jagdgeschwader 3 I. / Jagdgeschwader 21