Axur, re d’Ormus (Axur, König von Hormus) ist eine tragikomische Oper (dramma tragicomico) in fünf Akten von Antonio Salieri, dem angehenden Hofkapellmeister Kaiser Josephs II. Das Libretto adaptierte Lorenzo Da Ponte nach demjenigen von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais zu Tarare, der Pariser Urfassung des Werkes. Die Uraufführung fand am 8. Januar 1788 am Wiener Burgtheater statt.

Handlung Erster Akt mini|Seite der Beschreibung des ersten Aktes aus dem Autograph Ein kleiner Wald am Ufer des Meeres, unweit von Atars Haus

Atar, der vom einfachen Soldaten zum königlichen Feldherrn aufgestiegen ist, und seine Frau Aspasia sind in inniger Liebe verbunden (Duett: Qui dove scherza l’aura). Ihr Glück wäre vollkommen, wenn sie zusammen ein zurückgezogenes Leben führen könnten. Aspasia ist überzeugt, dass König Axur ihrem Mann, in Anbetracht seiner Verdienste, dies nicht verweigern würde, wenn er ihn darum bäte (Arie: Perdermi? e chi potria svellermi dal tuo fianco?). Obwohl Atar darunter leidet, Aspasia häufig verlassen zu müssen, fühlt er sich seinem König und dem Volk, das ihn verehrt, verpflichtet. Plötzlich stören angstvolle Rufe die Idylle des Paares: Ein Feuer wütet in Atars Haus. Während Atar zur Brandstelle eilt, wird Aspasia von Altamor entführt.

Zweiter Akt Galerie im Palast Axurs

Axurs Vertrauter Biscroma bittet den König um Gnade für Atar und erinnert in daran, dass Atar ihm das Leben gerettet habe und er ihm seine Macht verdanke (Duett: Non mi seccar, Biscroma). Doch Axur, der Atar seine Beliebtheit beim Volk ebenso neidet wie sein persönliches Glück, ist entschlossen, ihn zu vernichten.

Altamor tritt auf und meldet die geglückte Entführung von Aspasia. Der König befiehlt Biscroma, zu Ehren der von ihm begehrten Frau ein Fest zu veranstalten.

Von Sklavinnen und Sklaven geführt, wird Aspasia dem König präsentiert (Chor: Ne’ più vaghi soggiorni dell’ Asia). Sie erfährt von Fiammetta, dass sie sich in dessen Serail befindet. Wütend beschimpft sie Axur, die Treue und den Mut ihres Mannes missbraucht zu haben.

Urson bittet für den verzweifelten Atar um Audienz beim König. Atar fleht Axur um Erbarmen an und berichtet von den Verbrechen, die ihm widerfahren sind (Arie: Pietade, Signore, del misero Atar). Heuchlerisch bietet Axur seine Hilfe an. Als Atar die Entführung Aspasias beklagt, spricht der König von ihr verächtlich als einer Sklavin. Entsetzt verteidigt Atar seine Frau (Arie: Soave luce di Paradiso). Axur erinnert ihn an seine vergangenen Taten und rügt sein unmännliches Verhalten. Zum Schein erteilt er Altamor den Befehl, Atar bei der Suche nach Aspasias Entführern zu unterstützen, gibt ihm jedoch heimlich die Weisung, Atar umzubringen. Biscroma ahnt die Gefahr, die Atar droht, und überlegt, wie er ihn retten könnte (Quartett: Pria che la nuova aurora).

Dritter Akt Weitläufiger Platz vor dem Tempel des Brahma

Der Hohepriester Arteneo meldet Axur, dass das Königreich neuerlich von Feinden bedroht werde (Cavatine: Di tua milizia). Er rät seinem Herrn, einen neuen Feldherrn zu ernennen und dem Volk zu sagen, dass dieser von den Göttern bestimmt worden sei. Nach geeigneten Namen befragt, schlägt Axur dem Hohepriester dessen eigenen Sohn vor: Altamor (Arie: Tu fa che intanto uniscasi il popolo agitato). Arteneo sieht durch die bevorstehende Wahl seines Sohnes bereits die eigene Macht wachsen (Monolog: O divina prudenza).

Biscroma stößt im Palast auf den träumenden Atar (Monolog: Da qual nuova sciagura) und berichtet ihm, dass Aspasia in Axurs Harem unter dem Namen Irza gefangen gehalten wird. Er schlägt vor, mittels einer Strickleiter, die vom Serail zum Meer führt, Aspasias Befreiung vorzubereiten. Atar soll sich nachts in den Garten schleichen und seine Gattin zurückholen (Arie: V’andrò, tutto si tenti).

Inzwischen hat sich das Volk vor dem Tempel versammelt (Marsch a-Moll), um den Namen des neuen Feldherrn zu erfahren und ihm Treue zu geloben. Die unschuldigen Lippen eines Knaben, Elamir, sollen ihn verkünden. Doch entgegen der Order des Hohepriesters benennt Elamir nicht Altamor, sondern Atar. Das Volk jubelt und Atar erklärt sich bereit, den Oberbefehl der Armee erneut zu übernehmen (Arie mit Chor: Chi vuol la gloria). Der übergangene Altamor beleidigt Atar, worauf ihn dieser zum Duell fordert (Quartett: Non partir, la scelta è ingiusta). Nur mit Mühe können Axur und Arteneo die Ruhe im Tempel wiederherstellen. Ein Chor zum Preise Brahmas beschließt den Akt.

Vierter Akt Beleuchteter Garten des Serails, zum Fest geschmückt

Axur hat seinen Sinn geändert und möchte das für den folgenden Tag anberaumte Haremsfest schon am jetzigen Abend durchgeführt wissen. Biscroma versucht ihn davon abzuhalten, um die geplante Entführung Aspasias nicht zu gefährden. Doch Axur lässt sich nicht umstimmen und Biscroma beschließt, dem Fest durch eine List frühzeitig ein Ende zu bereiten.

Sklaven führen Aspasia herbei und das Fest beginnt (Chor: Il Cielo rintuoni di gridi di gioia). Eine Harlekinade wird aufgeführt, die den Beifall des Königs findet. Dann singt Biscroma ein Liedchen, in dem er seinen Lebensweg schildert und erzählt, wie er einst von Atar gerettet wurde (Romanze: Nato io son nello stato romano). Kaum ist dieser Name über seine Lippen gekommen, stürzt sich Axur wutentbrannt auf Biscroma. Chaos bricht aus, alles flieht. Aspasia ist bei der Nennung von Atars Namen ohnmächtig geworden, und Fiammetta fürchtet um ihr Leben. Auf Fiammettas Aufschrei hin lässt Axur von Biscroma ab und kehrt in den Harem zurück.

In der Zwischenzeit hat sich Atar in den Palast eingeschlichen. Biscroma verkleidet ihn als einen Mohren, damit ihn der König nicht erkennen kann. Im selben Augenblick kommt Axur wütend aus Aspasias Zimmer, weil sie ihn entschieden zurückgewiesen hat. Beim Anblick des Mohren kommt er sogleich auf einen neuen bösartigen Gedanken (Cavatine: Misero abbieto negro): Als Strafe für die Demütigung, die ihm Aspasia zugefügt hat, soll der schwarze Mann ihr Gatte werden.

Prächtiges Zimmer Aspasias

Verzweifelt über ihr Schicksal und überzeugt davon, dass Atar umgebracht wurde, wünscht sich Aspasia den Tod herbei (Cavatine: Son queste le speranze und Rondo: Morte, pietosa morte). Als ihr Biscroma eröffnet, dass sie mit einem stummen Schwarzen verheiratet werden soll, bittet sie Fiammetta unter Tränen, sich an ihrer Stelle zu opfern, was diese tut (Duett: Salva me di tanta infamia).

Der „Mohr“ Atar ist enttäuscht, als er merkt, dass „Irza/Fiammetta“ nicht seine Aspasia ist (Finale: Dunque un muto tu non sei?). Plötzlich stürmt Urson mit Wachen in den Harem; Axur hatte ihnen Befehl gegeben, den Mohren zu töten, weil er die Hoffnung auf Aspasia doch noch nicht aufgeben will. Biscroma hält die Soldaten zurück und enthüllt ihnen die wahre Identität ihres Opfers. Entsetzt weichen sie zurück; sie wissen um die Ausweglosigkeit der Situation (Ensemble: Crudo Axur, chi può placarti?).

Fünfter Akt Innenhof im Palast Axurs, zur Hinrichtung Atars vorbereitet

Axur lässt Atar zu sich bringen, um ihm seine Strafe zu verkünden (Arie: Idol vano d’un popol codardo). Dieser wünscht sich selbst jedoch nur noch den Tod und warnt Axur vor den Folgen seines schändlichen Tuns (Cavatine: Morir posso solo una volta). Außerdem erklärt er dem König, dass das Mädchen „Irza“ gar nicht Aspasia sei.

Der indignierte König lässt sofort nach Aspasia schicken, und als sie erscheint, fallen sich die beiden Liebenden glücklich in die Arme. Fiammetta gesteht, dass sie sich als „Irza“ verkleidet hatte und wird zum Tode verurteilt. Auch Atar, der von Aspasia getrennt wird, erwartet die Todesstrafe. Aspasia droht, sich selbst zu erstechen, falls die Wachen Atar ergreifen (Terzett: Il mio corragio deluse i voti tuoi).

Da stürzen sich Sklavinnen und Sklaven zu Axurs Füßen und bitten ihn um Gnade für Atar. Unter Biscromas Führung erscheinen Soldaten, um Atar zu befreien. Doch dieser gebietet Einhalt und verlangt, den König zu respektieren. Axur muss erkennen, dass Atars Autorität im Volk unangefochten und größer ist als seine eigene. Unter bitteren Verwünschungen ersticht er sich.

Die Menge ruft Atar zu ihrem neuen König aus. Zuerst weist er diese Ehre zurück, nimmt sie dann aber unter der Bedingung an, dass ihm die Ketten nicht abgenommen werden. Sie sollen ihm eine Mahnung sein, die neu gewonnene Macht nur zum Wohle des Volkes einzusetzen (Schlusschor: Qual piacer le nostr’ anime ingombra).

Instrumentation Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:Josef Heinzelmann: Tarare/Axur re d’Ormus, in: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters, Band 5, Piper, München/Zürich 1994, ISBN 3-492-02415-7, S. 536.

Holzbläser: zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte Blechbläser: zwei Hörner, zwei Trompeten Pauken, Schlagzeug: Große Trommel, Becken, Trommel Mandoline Streicher Basso continuo

Werkgeschichte Entstehung Das Libretto von Lorenzo Da Ponte beruht auf der ebenfalls von Salieri komponierten Oper Tarare (1787) von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais. Nach dem triumphalen Erfolg dieser Oper in Paris wünschte sich Kaiser Joseph II. eine italienische Version für sein Hoftheater in Wien. Die Hochzeit des späteren Franz II. war der Anlass zur festlichen Erstaufführung.

Von Da Ponte und Salieri wurde die französische Vorlage auf die Bedürfnisse der Wiener Bühne zugeschnitten, das Ballettdivertissement wurde durch eine italienische Harlekinade ersetzt. Der Prolog entfiel, dafür schrieben Da Ponte und Salieri einen neuen ersten Akt und benannten die meisten Personen um: Aus „Atar“ wurde „Axur“, aus „Tarare“ wurde „Atar“, aus „Calpigi“ nun „Biscroma“, „Spinette“ wurde zu „Fiammetta“. Politische Anspielungen wurden weitgehend geglättet bzw. ganz eliminiert.Eine tabellarische Darstellung der Unterschiede findet sich bei Ignaz Franz von Mosel: Über das Leben und die Werke des Anton Salieri (…), Johann Baptist Wallishausser, Wien 1827 (), S. 98–112.

Während Da Pontes Libretto eine freie Übertragung des französischen Originals in die italienische Sprache darstellt, ist die musikalische Ähnlichkeit der beiden Versionen viel geringer. Während die Pariser Musik für „französisch singende Schauspieler“ entstanden war, standen in Wien „italienisch schauspielende Sänger“ auf der Bühne. Salieri komponierte einen Großteil des Werkes neu: Die andere Gesangsweise und das andere Verhältnis zwischen Wort und Gesang erforderten seiner Meinung nach einen anderen musikästhetischen Ansatz. Fast alle Musiknummern sind von Salieri eingehend umgearbeitet oder gänzlich neu komponiert worden, in einem Stil, den er auch in seinen anderen zwischen Buffa und Seria angesiedelten italienischen Opern anwendet, vor allem im freien Übergang vom Accompagnato zu den in sich selber auch sehr frei behandelten Musiknummern. Deutlicher voneinander abgehoben sind bis zu einem gewissen Grad die komischen und die dramatischen Akzente, die im Tarare quasi von Zeile zu Zeile changierten. Es entstand „ein Meisterwerk einer ganz neuen Art, wie sie die italienisch gesungene Oper bisher nicht kannte“, „ein Meilenstein in der Überwindung der italienischen Gattungsoper zu einem vielschichtigen Musiktheater,“ […] „auch in ihrer italienischen Fassung ein hintergründiger politischer Kommentar über die Zustände des Ancien régime und sein mögliches Ende“.Volkmar Braunbehrens: Salieri, Ein Musiker im Schatten Mozarts? Eine Biografie, Piper, München/Zürich 1989, ISBN 3-492-03194-3, S. 192 ff.

Die Vorbereitungen der Uraufführung erstreckten sich über mehrere Monate. Die Darstellung dieser Umstände in Da Pontes Memoiren aus dem Jahre 1827 ist von Vorbehalten geprägt. Da Ponte musste wegen des Axur vor der Uraufführung des Don Giovanni von Prag nach Wien zurückkehren. Für Salieri fiel in diese Zeit der Tod seines Gönners Christoph Willibald Gluck und die Komposition des Oratoriums Le Jugement dernier für das Pariser Concert spirituel.