Marmagen ist ein Handwerkerdorf in der Eifel mit ca. 1600 Einwohnern. Die ehemals eigenständige Bürgermeisterei ist seit 1969 Ortsteil der Gemeinde Nettersheim im Kreis Euskirchen. Marmagen gilt als ältester Ort des ehemaligen Landkreises Schleiden und wird zurückgeführt auf den römischen Vicus Marcomagus an der Römerstraße Trier–Köln, der bereits in römerzeitlichen Wegeverzeichnissen des 2. bis 4. Jahrhunderts erwähnt wird. Nach einer 700-jährigen Geschichte als Klosterdorf im Besitz der naheliegenden Prämonstratenserabtei Steinfeld entwickelte sich in Marmagen seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts eine ausgeprägte Handwerkskultur im Bausektor. Heute versteht Marmagen sich als Naturerlebnis-Dorf in der Gemeinde Nettersheim.
Geographie Lage mini|Marmagen, Luftaufnahme (2016) mini|Mitteldevonischer Kalkstein im geologischen Aufschluss Schleidener Straße mini|Orchideenwiese im Naturschutzgebiet Gillesbachtal bei Marmagen Marmagen liegt im deutsch-belgischen Naturpark Hohes Venn-Eifel. Die Gemarkung Marmagen wird im Osten durch das Urfttal, im Süden von der Bundesstraße 258 (Blankenheim – Schleiden) und im Westen von den Tälern des Marmagener Baches und des Gillesbaches eingeschlossen. Im Norden grenzt sie entlang der Kreisstraße 59 an die Gemarkung Nettersheim. Mit ihren ausgedehnten Waldbeständen (Flächenanteil 65 %) nimmt sie einen großen Teil der sogenannten Marmagen-Nettersheimer Hochfläche (540 bis ) ein.
Zur Gemarkung Marmagen gehört auch der Weiler Bahrhaus, Milzenhäuschen und die Wüstung Stritterhof.
Kartografisch ist die Gemarkung Marmagen auf der vom Landesvermessungsamt Nordrhein-Westfalen herausgegebenen Topographischen Karte TK 25 Blatt 5505 Blankenheim dargestellt.
Geologie, Vegetation Geologisch wird die Gemarkung Marmagen im Nordwesten von den südwestlichen Ausläufern der Sötenicher Kalkmulde erreicht. Den waldbedeckten größeren Teil der Gemarkung bilden Klerfer Schichten des Mitteldevon mit Sandstein-Konglomeraten und Tonschiefer.Geologisches Landesamt NRW (Hrsg.): Geologische Karte von Nordrhein-Westfalen. Erläuterungen. Blatt 5505 Blankenheim. Krefeld 1983. Die geologische Struktur der Gemarkung Marmagen ist durch einen Geologischen Wanderpfad erschlossen.
Ein weithin bekanntes Landschaftsschutzgebiet ist das Gillesbachtal nordwestlich von Marmagen. Hier auf den Ausläufern der Sötenicher Kalkmulde finden sich großflächige, intakte und artenreiche Kalkmagerrasen mit einem großen Arten- und Individuen Reichtum an Insekten und anderen Gliedertieren. Das Schutzgebiet zeichnet sich durch einen außergewöhnlichen Reichtum an gefährdeten Pflanzenarten aus. Zahlreiche Orchideen blühen im Mai/Juni, darunter riesiges Vorkommen der Mücken-Händelwurz. Zudem gibt es hier Massenvorkommen der Kuhschelle – dem größten in der Eifel – von Deutschem Enzian und Gewöhnlichem Fransenenzian.Wolfgang Schumacher: Natur und Landschaft in der Gemeinde Nettersheim. In: Eifelverein, Düren (Hrsg.): Die Schöne Eifel: Nettersheim. Nettersheim 1984.
Das Marmagener Bach-Tal, westlich des Ortes gelegen, birgt zwei Feuchtbiotope, den Hermann-Löns-Teich und den Marmagener Mühlenteich. Im östlichen steilen Talhang des Mertesberges befindet sich die Fuchshöhle, ein 6 m tiefer Erdgang im Dolomitkalkgestein, der zwei unterirdische Kammern verbindet. Die Höhle entstand im 18. Jahrhundert bei Versuchsgrabungen für ein vermutetes Silbererz-Vorkommen.
Die Marmagener Waldbestände weisen neben den im 19. Jahrhundert angesiedelten Fichten-Kulturen, verschiedene, teils seltene Buchenwaldtypen auf, darunter Perlgras-, Bärlauch, Zahnwurz- und Blaugras-Buchenwald. Auch werden die historisch typischen Eifeler Eichenbestände wieder systematisch vermehrt.
Klima Marmagen ist seit dem Jahre 1993 staatlich anerkannter, heilklimatischer Erholungsort. Aufgrund der Lage zwischen 450 und weist der Ort in den Sommermonaten ein reizmildes Klima auf, das in den Wintermonaten in einzelnen Jahren in ein reizmäßiges Klima übergehen kann. Durch die Höhenunterschiede zwischen den Tälern und den kuppigen Hochflächen ergibt sich eine breite Skala von Klimabedingungen, die der Gast und die Einwohner als wichtigen Erholungsfaktor nutzen können. Da belastende Faktoren, wie Schwüle oder Nebel, nur selten auftreten, und wegen des Waldreichtums, des geringen Verkehrsaufkommens und des Fehlens immissionsträchtiger Betriebe herrschen in und um Marmagen gute Luftreinheitsbedingungen.Klimagutachten des DWD Essen von 1988
Geschichte Kelten und Römer (Vorgeschichte) mini|Römischer Grabfund aus dem Jahre 1957 Marmagen ist dem Namen nach keltischen Ursprungs. Die keltogallische Endung „-magus“, die im Rheinland mehrfach anzutreffen ist (zum Beispiel Recomagus = Remagen, Durnomagus = Dormagen), wird als „Ort, Flecken“ gedeutet und der Name „Marcomagus“ mit „Grenzort“ übersetzt, da dieser Ort im Grenzbereich der Stammesgebiete von Treverern und Eburonen lag.E. Schmidt: Römerstraßen im Rheinland. IN: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande. Jg. XXXI.1, Bonn 1861, S. 43. Andere Interpretationen übersetzen den Namen mit „Roßfeld“.Karl Guthausen: Die Siedlungsnamen des Kreises Schleiden. Bonn 1967, S. 52.
Siedlungsgeschichtlich wird Marmagen zurückgeführt auf Marcomagus und marcomago vicus, ein Vicus an der römischen Fernstraße von Trier nach Köln. Diese römische Straßenstation spielte in der Provinz Germania inferior eine bedeutende Rolle. Sie ist sowohl im Itinerarium Antonini, dem römischen Wegeverzeichnis des Kaisers Caracalla (198–217), das im 3. Jahrhundert überarbeitet wurde, als auch auf der Tabula Peutingeriana verzeichnet, einer im 16. Jahrhundert aufgefundenen römischen Weltkarte mit der Darstellung des römischen Straßennetzes des 1. bis 4. Jahrhunderts.Tabula Peutingeriana. Codex Vindobonensis 324, Österreichische Nationalbibliothek, Wien. Kommentiert von E. Weber. Graz 2004, ISBN 3-201-01793-0. Unklar ist, wo genau der entsprechende römische Vicus unter den zahlreichen römerzeitlichen Fundstätten auf der Nettersheim-Marmagener Hochfläche zu lokalisieren ist. In der Ortslage Marmagen wurde 1957 ein römisches Brandgrab mit Keramik-Beigaben aus dem 2. Jahrhundert entdeckt. Funde von alten Straßen sind zahlreich, ihre zeitliche Einordnung ist aber unbestimmt. Da typische römerzeitliche Siedlungsspuren in Marmagen fehlen, wird von einer Siedlungsverschiebung nach der Römerzeit ausgegangen, wie sie anderenorts als „fränkische Siedlungsverschiebung“ nachgewiesen ist.Ibler u. a.: Archäologie in Nettersheim. Nettersheim 1998.
Leben unterm Krummstab (10.–18. Jahrhundert) Marmagens Geschichte von den mittelalterlichen Anfängen bis zur Säkularisation ist aufs Engste mit der nur drei Kilometer entfernt liegenden ehemaligen Prämonstratenserabtei Kloster Steinfeld verbunden. In einem kontinuierlichen Prozess über Jahrhunderte erwarb der Abt von Steinfeld alle weltlichen und kirchlichen Rechte in Marmagen und das Klosterdorf Marmagen entwickelte sich zur wichtigsten Einnahmequelle der Abtei. Auf diesem Hintergrund sind Orts- und Kirchengeschichte von Marmagen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts untrennbar miteinander verwoben.
Die Ritter von Marmagen Erste mittelalterliche Hinweise auf Marmagen finden sich im 11. Jahrhundert. Aus einer Papst-Urkunde Alexanders II. von 1069 ist ersichtlich, dass Marmagen zu einem „Gut Steinfeld in der Erzdiözese Köln“ gehörte, einem Vorläufer des späteren Klosters Steinfeld, das sich zu dieser Zeit im Besitz des Bischofs Udo von Toul (Frankreich) aus dem Hause Limburg befand. Der lateinische Text lautet Steinveld ex integro cum banno, quod est in episcopatu coloniensis.Staatsarchiv Koblenz Abt. 9 Urkunde Nr. 1 Der jährliche Ertrag dieses Alodiums, wurde mit 50 Pfund Silber angegeben, eine enorme Größenordnung, die darauf schließen lässt, dass große Teile des heutigen Südkreises Euskirchen um Steinfeld herum zu diesem Besitztum gehört haben müssen.vgl. Friedrich Wilhelm Ödiger: Steinfeld. Zur Gründung des ersten Klosters. In: Aus Geschichte und Landeskunde. Bonn 1960.
Als Teil dieses Gutsbesitzes kam Marmagen im 12. Jahrhundert an die Grafen von Aare und Dietrich von Aare stattete 1121 das von ihm neu gegründete Kloster Steinfeld mit diesem Besitztum aus. Seit dem 12. Jahrhundert gehörte Marmagen somit zur „Herrschaft Steinfeld“ im Erzbistum Köln und wurde vom kurkölnischen Amt Hardt auf der Hardtburg bei Bad Münstereifel verwaltet.
Die älteste mittelalterliche Erwähnung Marmagens findet sich in einer Urkunde des Kölner Erzbischofs Philipp I. von Heinsberg aus dem Jahre 1187.Hugo, Carolus Ludovicus: Sacri et canonici ordinis Praemonstratensis Annales. Bd. 2. Nancy 1736, Sp. 523. Dieser bestätigte dem Kloster Steinfeld den Besitz eines Herrenhofes mit zwölf Mansen zu Marmagen. mini|Schöffensiegel aus dem Jahre 1487: Zwei Heilige: Links der Patron des Ortes, St. Laurentius, rechts vermutlich St. Sebastianus. Von der Legende ist nur das Bruchstück: „…IN MARM…“ erhalten.Wilhelm Ewald: Rheinische Siegel. In: Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde. Bd. III, Nr. 27, Bonn 1906–1941, S. 48. 1255 verbot der Kölner Erzbischof seinem Drosten im Amt Hardt, von den Leuten der Abtei Steinfeld Abgaben zu erheben, da diese alleine dem Kloster zustehen sollten.„apud Marmagen commorantibus.“ Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Kurköln IV, Urkunde Nr. 1282
Zur gleichen Zeit traten Herren von Marmagen in Urkunden Kölner Erzbischöfe auf. Bekannt sind Theodoricus von Marmagen (1267), Marselius von Marmagen (1270), Hermann von Marmagen (1283) und Gerhard von Marmagen (1282). Für ihre verstorbenen Frauen ließen sie Memorien im Kloster Steinfeld lesen, wie ein Nekrolog aus dem 13. Jahrhundert belegt. Arnold von Marmagen wurde bekannt als Helfer des Kölner Erzbischofs beim Strafgericht über die Burg Zievel (Mechernich) im Jahre 1354. Erhalten aus dieser Zeit ist heute ein bewehrtes Gehöft, „Alte Burg“ genannt (siehe Sehenswürdigkeiten).
Die enge Bindung an die erstarkende Abtei Steinfeld, die ihre Interessen im Marmagen mit der Rückendeckung des Kölner Erzbischofs sowohl gegen den Grafen von Jülich als auch gegen die Herren von Manderscheid durchzusetzen verstand, verhinderte eine eigenständige Entwicklung des Rittergeschlechtes von Marmagen. Der letzte bekannte Ritter ist Iwan von Marmagen, der 1401 als Zeuge in einem Rechtsstreit zwischen dem Kölner Domkapitel und dem Abt von Steinfeld auftrat.
Seit 1315 übte der Abt von Steinfeld die Gerichtsbarkeit über die „Herrlichkeit Marmagen“ aus.Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Abtei Steinfeld, Akten 12a, S. 21 ff. Im Jahre 1356 kam es zu einem Rechtsstreit zwischen dem Herzog von Jülich und dem Erzbischof von Köln über einen in Marmagen errichteten Galgen.Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Kurköln II, Urkunde Nr. 4165 Das „Weisthum der Schöffen von Marmagen“Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Abtei Steinfeld, Akten 9/1 S. 3 f. stammt aus dem Jahre 1401, und wurde jährlich am Gerichtstag des Abtes in Marmagen verlesen. Wie das Verzeichnis der Hausgerechtigkeiten des Abtes Michael Kuell von 1718 belegt,Hauptstaatsarchiv Düsseldorf, Abtei Steinfeld, Akten 22 S. 69 ff. kam die Abtei bis zum Ende des Alten Reiches in den Besitz fast aller Marmagener Haus- und Hofstätten. Die wenigen Güter, die zuvor den Grafen von Blankenheim oder den Herren von Wildenburg gehörten, hatte Steinfeld zwischenzeitlich erworben.Manfred Konrads: Die Geschichte der Herrschaft Wildenburg in der Eifel. Euskirchen 2001, S. 189 f.
Die Marmagener Kirchengift mini|Blatt aus dem Liber valoris 1308 mit den Pfarreien des Eifeldekanates Während die weltliche Gerichtsbarkeit schon früh an den Abt von Steinfeld gelangte, lag die Marmagener Kirchengift, das Besitztum der Pfarre und der Pfarrkirche, in den Händen der Grafen von Jülich, die die Marmagener Präbende als Erblehen an ihre Vasallen vergaben.