mini|Die traditionelle Subsistenzwirtschaft der indigenen Völker Alaskas – Fischen, Jagen, Sammeln – wird gesetz­lich geschützt und genießt Vorrang gegen­über markt­wirtschaft­lichen Bestre­bungen in diesen Wirtschafts­zweigen, weltweit eine Ausnahme.Thomas F. Thornton: Alaska Native Subsistence: A Matter of Cultural Survival. 1998. (culturalsurvival.org, abgerufen am 13. September 2014)

Als Subsistenzwirtschaft (oder Selbstversorgungswirtschaft, Bedarfswirtschaft; aus , „Bestand“, „durch sich selbst bestehen“; ) wird eine – vorwiegend landwirtschaftliche – Wirtschaftsform bezeichnet, bei der Wirtschaftssubjekte ihren Bedarf ganz oder teilweise selbst durch Eigenfertigung oder Naturentnahme decken.

Ausschließliche Subsistenzproduktion ist heute selten, weil einige notwendige Güter nur arbeitsteilig hergestellt werden und stattdessen auf lokalen Märkten erhältlich sind. Bei der traditionellen Subsistenzstrategie dagegen besteht keine Marktorientierung, keine ausgeprägte Arbeitsteilung und kein Profitstreben.

Wirtschaftssubjekte, die sich ganz oder teilweise selbst versorgen, sind Privathaushalte, aber auch Unternehmen oder der Staat. Privathaushalte in der Landwirtschaft erzeugen auch Agrarprodukte für ihren Eigenbedarf, der Rest wird auf dem Agrarmarkt verkauft. Auch die Fischerei und Jagd sind von Subsistenzzielen geprägt.Sebastian Matthes: Der Neo-Extraktivismus und die Bürgerrevolution. 2019, S. 55. (google.de) Von reiner Subsistenzwirtschaft spricht man, wenn die Produktion ausschließlich dem Eigenbedarf dient. Bei den lokalen Gemeinschaften – wie Wildbeuter, Feldbauern und Hirtennomaden (hier nicht so ausgeprägt) – überwiegt die autarke, traditionell subsistenzwirtschaftliche Produktion noch heute deutlich. Erweiterte Subsistenz bedeutet, dass zwar der Eigenbedarf Priorität genießt, die Überproduktion jedoch auf dem Markt verkauft wird. Für die reine Subsistenz ist weniger Anstrengung erforderlich. Einige Unternehmen können einen Teil ihres Energieverbrauchs selbst erzeugen, sofern Energie als Koppelprodukt anfällt. Der Begriff der Subsistenzwirtschaft wird aus historischen Gründen immer noch mit der Landwirtschaft assoziiert, kann heute jedoch auch bei anderen Wirtschaftszweigen, etwa der Energiewirtschaft, angewandt werden.

In den Entwicklungsländern – insbesondere Afrikas und Lateinamerikas – stammen bis zu 50 % der Agrarproduktion aus Subsistenzwirtschaft.

Allgemeines mini|Aus dem Blickwinkel der Überfluss­gesellschaft erscheint das Leben indigener Völker arm; die Indigenen selbst beurteilen das dagegen sehr unterschiedlich (hier Shuar-Indianer in Ecuador, 2011).

Die korrespondierende Marktwirtschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass Marktteilnehmer Wirtschaftsobjekte (Produkte/Dienstleistungen, Arbeitsleistungen) auf einem Markt (Gütermarkt, Arbeitsmarkt) für den Fremdbedarf verkaufen und hieraus ein Einkommen erzielen, mit dem sie andere Güter oder Dienstleistungen erwerben und Steuern zahlen.Hans-Gert Braun: Armut überwinden durch soziale Marktwirtschaft und mittlere Technologie. 2010, S. 59. (google.de) Die Subsistenzwirtschaft ist dagegen dadurch gekennzeichnet, dass die selbst hergestellten Güter ganz oder teilweise für den Eigenbedarf verwendet werden. Ein Teil der hergestellten Güter wird dazu verwendet, Einkommen zu erzielen oder direkt im Tauschhandel solche Güter zu erwerben, die das Wirtschaftssubjekt nicht selbst herstellen kann.

Begriff Die Mehrzahl der Definitionen des Begriffs der Subsistenzwirtschaft zeigt, dass eine landwirtschaftliche Orientierung vorherrscht. Ursprünglich war die Subsistenzwirtschaft auf die Agrarproduktion von Agrarprodukten begrenzt, inzwischen werden auch Fischerei und Forstwirtschaft dazu gerechnet, so dass bis auf den Bergbau die gesamte Urproduktion Grundlage der Subsistenzwirtschaft sein kann.

Subsistenzwirtschaft ist auf Selbstversorgung ausgerichtet und dient der unmittelbaren Sicherung des notwendigen Lebensunterhalts; sie herrscht in Agrarstaaten noch heute vor.Gerd Reinhold, Siegfried Lamnek, Helga Recker (Hrsg.): Soziologie-Lexikon. 2000, S. 664. (google.de) Subsistenzwirtschaft sind alle Formen wirtschaftlicher Organisation, die nicht vornehmlich für den Tausch oder marktorientiert produzieren, sondern für den Eigenbedarf, für Abgaben und reziproke Transaktionen (Reziprozität).Andre Gingrich: Subsistenzwirtschaft. In: Walter Hirschberg (Hrsg.): Wörterbuch der Völkerkunde. 1999, ISBN 3-496-02650-2, S. 460. Das erste Prinzip der Subsistenzwirtschaft ist die Gegenseitigkeit, die heute als Leitbild für den Begriff der „moral economy“ verwendet wird.Edward Palmer Thompson: The Making of the English Working Class. Penguin, Hammondsworth 1979, ISBN 0-14-021000-8.James C. Scott: The Moral Economy of the Peasant. Rebellion and Subsistence in Southeast Asia. Yale University Press, New Haven/London 1977.Maria Mies: Brauchen wir eine neue „Moral Economy“? In: Christiane Busch-Lüty, Maren Jochimsen, Ulrike Knobloch, Irmi Seidl (Hrsg.): Politische Ökologie. Sonderheft „Vorsorgendes Wirtschaften“, oekom, München 1994, S. 18–21.

Der Soziologe Niklas Luhmann sah 1988 in der Subsistenzwirtschaft den Gegenbegriff zur Marktwirtschaft: Sie „läuft ohne nennenswerte monetäre Vermittlung ab, ohne den Geldmechanismus“.Niklas Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-518-57883-9, S. 97. .Franziska Müller: Zwischen Markt, Multifunktionalität und Marginalisierung. In: Peter H. Feindt (Hrsg.): Nachhaltige Agrarpolitik als reflexive Politik. 2008, S. 213 FN 1. (google.de) .Dieter Heinrich, Manfred Hergt: dtv-Atlas zur Ökologie. 1990, ISBN 3-423-03228-6, S. 151.

.Friederike Habermann: Halbinseln gegen den Strom: Anders leben und wirtschaften im Alltag. 2009, ISBN 978-3-89741-284-2, S. 32.

Geschichte mini|Straßenzug in Göttingerode. Die Gärten der Häuser sind lang und wurden in der Mitte des 20. Jahrhunderts zur Selbstversorgung genutzt. mini|Der Verkauf entbehrlicher Produkte durch ihre Erzeuger auf lokalen Märkten ist Teil vieler Subsistenz­wirtschaften. Das Wirtschaften hat mit der Subsistenzwirtschaft begonnen, als bereits in der Frühzeit die Bauern für den eigenen Bedarf produzierten.Karen Piepenbrink: Das Altertum. 2006, S. 26. (google.de) Jäger und Sammler strebten die Deckung des Eigenbedarfs für ihre Sippen an. Die Subsistenzform des Jagens, Fischens und Sammelns – eine aneignende oder extraktive Lebensweise, durch welche die Reproduktion der natürlichen Ressourcen nicht gezielt und bewusst beeinflusst wird – ist die älteste traditionelle Wirtschaftsform der Menschheit. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Jäger und Sammler im Laufe langer Zeiträume keinen relevanten Einfluss auf das ökologische System ihres Lebensraumes ausgeübt hätten.

In der Altsteinzeit bis 6000 vor Christus vollzog sich in Mitteleuropa der Wechsel von der Subsistenzwirtschaft zur bäuerlichen Wirtschaftsweise durch die Brandrodung der Wälder.Thomas Kiebacher (Hrsg.): Bergahornweiden im Alpenraum. 2018, S. 57. (google.de) In den Bergen Palästinas, im Ostjordanland und den anschließenden Steppen betrieb die nomadische Bevölkerung Subsistenz-Ackerbau und Viehzucht.Ernst Axel Knauf, Hermann Michael Niemann: Geschichte Israels und Judas im Altertum. 2021, S. 256. (google.de) Überschüsse wurden auf lokalen Märkten getauscht.

Die Ausgrabungen um ein Dorf aus der Eisenzeit um 1200 v. Chr., Izbet-Sartah bei Rosch haAjin/Israel, lieferten ausreichende Informationen zur Beurteilung der damaligen Subsistenzwirtschaft. Die etwa 100 Einwohner machten 320 Hektar Land um das Dorf urbar, wovon 180 Hektar als Ackerfläche genutzt wurden, der Rest als Weideland. Die klimatischen Bedingungen dürften bis zu 53 Tonnen Weizen und 21 Tonnen Gerste jährlich hervorgebracht haben.Israel Finkelstein, Neil Asher Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. 2006, S. 126. (google.de) Das Vorliegen einer Subsistenzwirtschaft wird damit begründet, dass das Dorf abseits regionaler Handelsstraßen lag und kein Kontakt zu anderen Gemeinden bestand. Das an einer nachhaltigen Subsistenz orientierte Wirtschaftshandeln der Landbevölkerung änderte sich im 10. Jahrhundert v. Chr. in Richtung einer auf die Bedürfnisse des Staates ausgerichteten Marktwirtschaft.Walter Dietrich (Hrsg.): Die Welt der hebräischen Bibel. 2021, S. 214. (books.google.de)

Auch noch in der Antike – und lange danach – lebten 90 % der Bevölkerung von der Subsistenzwirtschaft; landwirtschaftliche Tätigkeit war für die große Mehrheit der antiken Bevölkerung ihre selbstverständliche Lebens- und Arbeitsform, zu der nur wenigen Menschen überhaupt Alternativen offen standen.Verena Postel: Arbeit im Mittelalter. 2006, S. 58. (google.de) Um 1500 nach Christus war noch etwa die Hälfte der bewohnbaren Landfläche der Erde von Jägern und Sammlern besiedelt.Bernd Marquardt: Universalgeschichte des Staates. 2009, ISBN 978-3-643-90004-3, S. 14.

Die zunehmende Urbanisierung hatte auch zur Folge, dass in den Städten Menschen wohnten, die mangels Acker- oder Weidefläche keine Subsistenzwirtschaft betreiben konnten und ihre Agrarprodukte von den Bauern erwerben mussten. Dadurch erweiterte sich die Agrarproduktion auf eine Überschussproduktion, die über den Eigenbedarf der Bauern hinausging. Dafür boten städtische Handwerker Güter und Dienstleistungen an, welche die Bauern nicht herstellen konnten und für Haushalt oder Landwirtschaft benötigten. In den überregional bedeutsamen Zentralorten richtete man sich auf – für den Handel erforderliche – Überschussproduktion aus.Joachim Schiedermair, Wilhelm Heizmann: Hoch, Ebenhoch, der Dritte. 2012, S. 32. (google.de)

Noch bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts beherrschte diese „erweiterte Subsistenzwirtschaft“ in Deutschland das Wirtschaftsleben.Johannes Süßmann: Vom Alten Reich zum Deutschen Bund 1789–1815. 2015, S. 59. (google.de) Der deutsche Soziologe Max Weber bezeichnete 1922 die Bedarfswirtschaft als der Erwerbswirtschaft entgegensetzt: Alle auf Bedarfsdeckung gerichteten Wirtschaftsgemeinschaften wirtschaften nur, soweit dies unumgänglich ist. Als Beispiele nennt er Familien, gemeinnützige Stiftungen oder Forstgemeinschaften.Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Teil 2, Band 1, 1922, § 1.

Beide Formen der Subsistenzwirtschaft – reine und erweiterte – dominieren noch heute weitgehend die zweite, Dritte und Vierte Welt. Zu Anfang des 21. Jahrhunderts leben immer noch mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung (insbesondere in den Entwicklungsländern) von der Subsistenzorientierung.Urs Fankhauser: Mystery. Lokal, selbstbestimmt und nachhaltig. Weltweite Bedeutung des Family Farming. éducation21, Bern 2014, S. 8.

Messung Die erweiterte Subsistenzwirtschaft eines Staates kann auf der Makroebene durch die volkswirtschaftliche Kennzahl des Selbstversorgungsgrads gemessen werden. Mit dem Selbstversorgungsgrad soll ermittelt werden, inwieweit die heimische Produktion im Inland ausreicht, um die inländische Nachfrage zwecks Selbstversorgung zu decken. Er wird berechnet, indem man die Bruttoeigenerzeugung dem Verbrauch gegenüberstellt:Achim Spiller (Hrsg.): Zukunftsperspektiven der Fleischwirtschaft. 2008, S. 16. (books.google.de) . Als Verbrauch () bezeichnet man den Verzehr von Gütern und Dienstleistungen zwecks direkter oder indirekter Bedürfnisbefriedigung. Optimal ist ein Selbstversorgungsgrad von 100 %, er bedeutet vollständige Autarkie. Unter 100 % müssen Produkte aus dem Ausland importiert werden, über 100 % führt zu einem Export oder zur Lagerung. Importabhängigkeit kann zur politischen und/oder wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Ausland führen und bewirkt eine Belastung der Zahlungsbilanz mit der Folge eines Zahlungsbilanzdefizits. Werden Waren verbraucht, die im Land nicht selbst hergestellt werden können (beispielsweise Tropenfrüchte in Industriestaaten), liegt der Selbstversorgungsgrad bei 0 %.

Semi-Subsistenz