mini|hochkant|Das historische Siedlungs- und Sprachgebiet der Friesen

Die Friesen sind eine Ethnie, die an der Nordseeküste in den Niederlanden und Deutschland lebt. Sie galten traditionell als seefahrendes Handelsvolk. Ihr Meer, die Nordsee, wurde bis ins späte Hochmittelalter als mare frisicum, also Friesisches Meer bezeichnet.Nordfriisk Instituut: Karte des Nordfriesischen Sprach- und BesiedlungsraumsNDR Friesisches Programm: Geschichte, Geographie, Wirtschaft und Kultur Nordfrieslands – einige Grundzüge In beiden Ländern sind die Friesen als nationale Minderheit anerkannt. In Deutschland wird dabei auf die Friesen der Terminus Volksgruppe angewandt, ohne dass dies den Status als nationale Minderheit berührt.

Ein germanischer Volksstamm der Friesen (lateinisch: Frisii, griechisch: οἱ Φρίσσιοι oder Φρείσιοι) ist seit der Antike belegt, aber nach zeitgenössischen historischen und linguistischen Ansichten gibt es nur wenig Kontinuität zwischen diesem antiken Stamm und der modernen ethnolinguistischen Gruppe.

Für den heutigen internationalen Zusammenhang sind sprachliche Gemeinsamkeiten und das Wissen um eine friesische Geschichte von Bedeutung. Während in der niederländischen Provinz Friesland neben Niederländisch das Westfriesische anerkannte Amtssprache ist, ist der Status der friesischen Sprachen in Deutschland schwächer.

Geschichte Aus der früheren Geschichte Frieslands sind keine Textquellen erhalten, wohl aber gibt es Funde, die z. T. bis in die letzte Zwischeneiszeit zurück datieren. Aus der Mittelsteinzeit sind Funde aus dem Gebiet des Brockzeteler Moors erhalten. Mit der Jungsteinzeit vergrößert sich die Zahl der Funde: Steinbeile und andere Werkzeuge, Becher, Urnen und anderes sind erhalten. Unter anderem fand sich im Moor von Georgsfeld einer der ältesten bisher bekannten Pflüge der Welt. Zunächst in das 4. Jahrtausend vor Christus, später (in den fünfziger Jahren) in die ausgehende Jungsteinzeit (etwa 2000 v. Chr.) eingeordnet, datieren neuere Messungen den Pflug inzwischen in die frühe Bronzezeit (1940 bis 1510 v. Chr.).Dirk Hecht: Das schnurkeramische Siedlungswesen im südlichen Mitteleuropa. Eine Studie zu einer vernachlässigten Fundgattung im Übergang vom Neolithikum zur Bronzezeit (PDF; 34,2 MB). Dissertation. Heidelberg 2007. S. 197. Frühestens 300 v. Chr. entstanden an der friesischen Küste die Warften oder Wurten.Franz Kurowski: Die Friesen. Das Volk am Meer. Türmer Verlag 1987.

Die große Verlandung, die im 1. Jahrhundert v. Chr. begann, hatte eine große Siedlungswelle zunächst in das Marschgebiet zur Folge. Dass auch Land besiedelt wurde, das zweimal am Tag von der Flut bedeckt wurde, wie Plinius der Ältere behauptete, ist wohl eher ein Missverständnis, denn Plinius’ SchilderungPlinius: Naturalis historia. XVI 1, 2–4. scheint eher die Situation nach einer verheerenden Sturmflut darzustellen.Bernd Rieken: „Nordsee ist Mordsee“. Sturmfluten und ihre Bedeutung für die Mentalitätsgeschichte der Friesen. Nordfriisk Instituut Band 187. Münster 2005; S. 118.

Römerzeit

mini|300px|Das römische Gallien und rechtsrheinische Germanien um das Jahr 70 n. Chr. Die erste Erwähnung der Frisii (traditionell oft als „Friesen“ übersetzt) stammt von Plinius dem Älteren und steht in Zusammenhang mit den Drusus-Feldzügen (12 bis 8 v. Chr.). Im Jahr 12 v. Chr. fand Drusus in den Friesen Verbündete. Einige Jahrzehnte später wurden die Frisii vom römischen Historiker Tacitus (* um 58 bis 120 n. Chr.) in seiner Germania und Annales erwähnt. Tacitus beschreibt die Friesen als in „Große Friesen“ und „Kleinere Friesen“ unterteilt, basierend auf ihrer Anzahl, wobei beide Stämme entlang der Mündung des Rheins leben. Er beschreibt außerdem die „Chauken“ als eine Abspaltung der „Friesen“. In seinen „Annalen“ erwähnt Tacitus einen Aufstand der Friesen während der Regierungszeit von Tiberius. Er schreibt, dass der Aufstand niedergeschlagen wurde, kritisiert jedoch den Kaiser dafür, dass er keine Rache an den Friesen für ihren Aufstand und den Mord an mehreren hundert römischen Bürgern während ihres Aufstands geübt hat.Tacitus: Annalen 4.74

Nach zeitgenössischen historischen und linguistischen Erkenntnissen ist das Hauptverbindungselement zwischen den modernen Friesen und den Friesen der Antike die fortgesetzte Verwendung des Stammesnamens.Peter Schrijver, 'Frisian between the Roman and the Early Medieval Periods: Language Contact, Celts and Romans’, in: John Hines & Nelleke IJssennagger (red.), North Sea Neighbours:. From the Fifth Century to the Viking Age, Woodbridge 2017, p. 43–52. Man geht davon aus, dass die ursprünglichen Friesen eine Rheinwesergermanische Sprache gesprochen haben, möglicherweise mit einem anfänglichen keltischen Superstrat. Diese Friesen schlossen sich später an oder bildeten möglicherweise den anfänglichen Kern der größeren fränkischen Stammeskonföderation, die im 3. Jahrhundert n. Chr. entstehen würde. Die Gebiete nördlich des Rheins, einschließlich des heutigen Frieslands, blieben möglicherweise für bis zu drei Jahrhunderte weitgehend unbesiedelt.André Looijenga, Anne Tjerk Popkema & Bouke Slofstra (ed.), Een meelijwekkend volk. Vreemden over Friezen van oudheid tot de kerstening, Leeuwarden: Wijdenes, 2017.

Die modernen Friesen, das heißt die Sprecher der friesischen Dialekte, tauchen erstmals im Frühmittelalter auf. Starke sprachliche und archäologische Beweise legen nahe, dass diese Menschen ursprünglich von der Jütland-Halbinsel in Dänemark kamen und zur gleichen Zeit wie andere eng verwandte Völker im späten 5. und 6. Jahrhundert n. Chr. nach Friesland kamen, als diese sich in Britannien niederließen.Elmar Seebold, 'Die Friesen im Zeugnis antiker und spätantiker Autoren', in: Horst Haider Munske (red.), Handbuch des Friesischen, 2001, p. 479–486. Die Annahme des Namens „Friesen“ durch sie wurde höchstwahrscheinlich extern verursacht durch die fortgesetzte Verwendung von „Frisia“ durch die Franken, um das Gebiet unmittelbar nördlich des Rheins zu beschreiben. Die früheste Verwendung des Namens für die neuen oder aktuellen Friesen datiert auf das 10. Jahrhundert.Jos Bazelmans, 'The Early-medieval Use of Ethnic Names from Classical Antiquity: The Case of the Frisians', in: Ton Derks & Nico Roymans (red.), Ethnic Constructs in Antiquity: The Role of Power and Tradition, Amsterdam 2009, p. 321–337, hier p. 325.

Zeit der Völkerwanderung Eine Kontinuität der „Frisii“ des Tacitus zu den Friesen ab dem Jahr 500 wird heute stark angezweifelt. Angeblich hat sich vor allem der Gebietsname bewahrt.

Die Quellenlage zu den Friesen wird vom 4. bis 7. Jahrhundert sehr dünn. Archäologische Funde lassen darauf schließen, dass die Bevölkerungszahlen um 300 massiv zurückgegangen sind und dass sich höchstens eine Restbevölkerung gehalten hat. Das Gebiet wurde um das Jahr 500 größtenteils neubesiedelt. Archäologisch ist festzustellen, dass die ehemaligen Wohngebiete der Friesen um diese Zeit einen starken Zuzug aus den umliegenden angelsächsischen Stammesgruppen zu verzeichnen hatten. Auch genetische Forschungen zeigen eine starke Verwandtschaft zwischen Friesen und Angelsachsen. In den Quellen treten die Friesen zurück, bis ihr Name wieder von den merowingischen und karolingischen Chronisten erwähnt wird.

Für das 5. Jahrhundert, dessen Quellen die Friesen nicht erwähnen, wird vermutet, dass sich Teile der Küstenbevölkerung an den Raub- und Eroberungszügen der Angeln und Sachsen beteiligten. Bis etwa 1950 wurde die Meinung vertreten, dass sich Friesen mit den Jüten in Kent niedergelassen hätten. Als Begründung diente den Vertretern dieser These, dass das „Kentische“ (engl. Kentish) bis heute eine große Ähnlichkeit mit dem Westfriesischen habe. Heute gilt diese These als nicht mehr haltbar und wird kaum noch vertreten.Wolfram Euler: Das Westgermanische von der Herausbildung im 3. bis zur Aufgliederung im 7. Jahrhundert – Analyse und Rekonstruktion. Verlag Inspiration Un Limited 2013, ISBN 978-3-9812110-7-8, S. 22–23.

Es ist jedoch historisch überliefert, dass die Jüten über das damalige Friesland nach Britannien einfielen, was auch dort ihr südöstliches Siedlungsgebiet erklärt. Dieses war am kürzesten über die Küstengebiete der heutigen Provinzen Zuid- und Noord-Holland zu erreichen. Diese gehören geschichtlich zum einstigen Siedlungsgebiet der Friesen. Heute gilt es aufgrund von Bodenfunden als sicher, dass die Jüten sich südlich der späteren Stadt Dorestad niedergelassen und eine längere Zeit dort gewohnt haben. Während ihres Aufenthaltes an der Rheinmündung dürften sich die Jüten sprachlich ihren friesischen Nachbarn angepasst haben, was die Ähnlichkeit des Kentischen mit dem modernen Westfriesischen erklärt.

Am Ende des 6. Jahrhunderts besetzten die Friesen die Küste von Flandern bis zur Wesermündung. Auch die Geestinseln Schleswig-Holsteins und Helgoland, wo später friesisch gesprochen wurde, gehörten vermutlich zum friesischen Siedlungsgebiet. Im Süden beteiligten die Friesen sich im 7. Jahrhundert an der Gründung der Handelssiedlung Dorestad. Die Region rund um Dorestadt wurde vorübergehend zum friesischen Einflussbereich (Frisia citerior) gerechnet. Im Osten überquerten sie die Weser bis Cuxhaven. Friesische Kaufmannsquartiere fand man seit dem 8. Jahrhundert rund um die Nordsee von Nordfrankreich und Ostengland bis Skandinavien und dem Mittelrheingebiet.

Herrschaft der Franken Im Jahre 734 eroberte Karl Martell den westlichen Teil Frieslands, und der letzte Gesamtherzog der Friesen, Poppo, fiel in einem Kampf gegen einen fränkischen Adeligen. Diese größte Ausbreitung des friesischen Territoriums ist bekannt als „Frisia Magna“. Das, was heute von der „Frisia Magna“ übriggeblieben ist, ist klein und verstreut. Das meiste ist von den sich ausbreitenden Nachbarn erobert worden, von den Sachsen, die in den Norden und Westen vordrangen und den Franken, die den Norden und Osten besetzten.

Karl der Große eroberte 785 nach dem Sieg über die Sachsen ganz Friesland einschließlich der östlichen Gebiete bis zur Weser für das fränkische Reich. Er vertrat eine Politik, die den einzelnen Stämmen im Reich eine gewisse Autonomie sicherte. Aus diesem Grund ließ er gegen Ende des 8. Jahrhunderts die überlieferten germanischen Stammesgesetze aufzeichnen, so auch die Lex Frisionum, das alte Gesetz der Friesen.

mini|Friesische Kolonisation der Südwestküste Schleswigs/Süderjütlands (in gelb) zwischen etwa 800 und 1100 n. Chr. Etwa um 800 besiedelten Friesen die heutigen nordfriesischen Inseln zwischen Eiderstedt und Sylt. Die in den Uthlanden wohnenden Friesen unterstanden als „Königsfriesen“ direkt der dänischen Krone. Deutlich später, vermutlich im 11. Jahrhundert, wurde in einer zweiten Welle dann auch die Westküste Süderjütlands, das spätere Herzogtum Schleswig, zwischen den Flüssen Eider und Vidå besiedelt. Möglicherweise bestand bei dieser Auswanderung ein Zusammenhang mit der Ausdehnung der fränkischen Herrschaft, denn die Nordfriesen siedelten außerhalb des karolingischen Machtbereichs, der an der Eider endete.

Unter der Frankenherrschaft wurden die Friesen im alten Kernland christianisiert. Bis zum Jahr 800 war die Oberschicht zum Christentum konvertiert, bei der einfachen Bevölkerung dauerte der Prozess deutlich länger. Die an die jütische Küste in Schleswig ausgewanderten Friesen wurden dagegen erst im 11. Jahrhundert Christen, nachdem die Annahme dieser Religion für sie nicht mehr automatisch die Unterwerfung unter die fränkische Herrschaft bedeutete. Unter Karl dem Großen wurden die Friesen von der Heerfolge, d. h. vom fränkischen Militärdienst, befreit und mussten nunmehr nur das Kirchen-Zehntel zahlen.

mini|Die friesischen Seelande um das Jahr 1300