Ein Euphemismus (latinisierte Form von „Worte von guter Vorbedeutung“; letztlich zurückgehend auf „gut“ und „ich sage“)Wilhelm Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch. München/Wien 1965. oder eine Beschönigung, auch Glimpfwort, Hehlwort, Hüllwort und Verbrämung, ist ein sprachlicher Ausdruck, der eine Person, eine Personengruppe, einen Gegenstand oder einen Sachverhalt beschönigend, mildernd oder in verschleiernder Absicht benennt.

Das semantische Gegenstück zum Euphemismus ist der Dysphemismus (Kakophemismus). Dieser wertet das Bezeichnete ab und versieht es mit negativen Konnotationen.

Aufwertende, mäßigende oder vertuschende Formulierungen kann man – auch unbewusst – aus verschiedenen Motiven verwenden, wobei auch mehrere gleichzeitig zum Tragen kommen können: In erster Linie will man bestehende Tabus und soziale Normen nicht brechen, Anstößiges umgehen, Gefühle von Sprecher und angesprochener Person schonen oder aus Eigennutz täuschen, tarnen oder Aufmerksamkeit wecken. Insgesamt reichen die Motive von Takt, Rücksicht, Angst und Scham über Selbstaufwertung bis hin zu politischer Korrektheit. Eine Besprechung unterschiedlicher Definitionen findet man bei Reutner.

Beschönigendes Sprechen ist nicht auf eine bestimmte Sprache oder auf einen einzelnen Themenkreis beschränkt, sondern findet sich überall. Euphemistische Ausdrücke werden im öffentlichen Bereich hauptsächlich in der Politik und in der Wirtschaft angewendet. Im Alltag kommen sie besonders häufig bei Tabuthemen etwa im sexuellen und im Fäkalbereich sowie mit den damit zusammenhängenden Örtlichkeiten, Gegenständen und Körperteilen vor. Auch in den Sinnbezirken von Krankheit und Tod empfindet man oftmals eine schonende Ausdrucksweise als angebracht. Des Weiteren finden sich zahlreiche Euphemismen beispielsweise auf religiösen sowie bestimmten sozialen und kulturellen Gebieten.

Der Bestand an Euphemismen ist im Wortschatz einer Sprache nur zu einem geringen Teil konventionalisiert. Mehrheitlich bestimmen die konkreten Sprechumstände (Redeanlass, Ort, soziale Gruppe und Redeabsicht), was als Euphemismus gilt und wann dieses sprachliche Mittel zum Einsatz kommt.

Funktionen von Euphemismen Der Gebrauch von Sprache hat immer eine bestimmte Funktion. Kommt ein Euphemismus zum Einsatz, wird damit etwas Bestimmtes bewirkt; diese Wirkungen können umgekehrt aus der Sicht des Sprechers als Motiv dienen, zu einem solchen Ausdruck zu greifen. Eine einzelne solche sprachliche Wirkung muss dabei als Motiv nicht zwangsläufig von den anderen isoliert und allein für die Verwendung eines Euphemismus verantwortlich sein. Meist können die Funktionen von Euphemismen nicht scharf voneinander getrennt werden, oft dominiert ein bestimmtes Motiv.

Aufwertung Vielfach werden statt der eigentlichen Bezeichnungen für eine Person, Sache oder Angelegenheit beschönigende Ersatzausdrücke hauptsächlich zum Zweck einer Aufwertung verwendet. Dadurch kann entweder das Bezeichnete selbst mit Absicht gewürdigt oder in ein besseres Licht gestellt werden, oder es wird der damit in Zusammenhang stehenden Person oder Personengruppe Höflichkeit und Wertschätzung entgegengebracht. Solches ist etwa bei den sprachlichen Normen der Political Correctness der Fall.

Milderung und Schonung Euphemismen können eine abschwächende Wirkung haben und das Gesagte weniger drastisch erscheinen lassen. Eine solche Verwendungsweise schont die Gefühle der angesprochenen Person oder auch des Sprechers selbst und kommt dort zum Einsatz, wo Ehrerbietung, Rücksichtnahme und Höflichkeit angebracht sind, also vorwiegend dort, wo bestimmte gesellschaftliche und kulturelle Konventionen und Normen eine solche Rücksichtnahme erforderlich machen.

Verhüllung, Tarnung und Vertuschung Euphemismen dieser Art bezeichnen eine Sache oder einen Sachverhalt in der Weise, dass das eigentlich Gemeinte auf der Wortebene nicht – oder zumindest nicht vordergründig – in Erscheinung tritt. Dies liegt vor allem bei strengen Normen und tabuisierten Inhalten vor oder dort, wo Sachverhalte bewusst verhüllt werden sollen,Luchtenberg (1985) und Zöllner (1997) unterscheiden zwischen „Verhüllen“ und „Verschleiern“ in der Weise, dass eine sprachliche Verhüllung auch der angesprochenen Person bewusst ist, während ein Verschleiern eines Umstandes mittels Euphemismen die angesprochene Person nicht erkennen soll. um beispielsweise eine öffentliche Empörung zu verhindern, so etwa im öffentlichen Sprachgebrauch totalitärer politischer Systeme, wo dieses Mittel auch ausdrücklich als sprachpolitische Maßnahme eingesetzt wird, um letztlich die Angesprochenen bewusst beeinflussen zu können.

Themengebiete und Handlungsbereiche Die Themengebiete und Handlungsbereiche, in denen Euphemismen eingesetzt werden, sind sehr zahlreich.Eine umfangreiche Übersicht und mit einem weiten Verständnis des Euphemismusbegriffs bietet Sigrid Luchtenberg: Euphemismen im heutigen Deutsch 1985. Luchtenberg (1985) unterteilt die Bereiche, in denen Euphemismen zum Einsatz kommen, in folgende Sachgruppen: politischer Sprachgebrauch (mit Beispielen aus der Außen- und Innenpolitik sowie dem militärischen Bereich und dem Sprachgebrauch in der Zeit des Nationalsozialismus) ökonomischer Sprachgebrauch (mit Beispielen aus der Wirtschaftspolitik, aus Produktion, Verkauf und Beschäftigung sowie von Berufsbezeichnungen und anderem) gesellschaftlicher Sprachbereich (mit Beispielen aus unterschiedlichen sozialen Gebieten betreffend gesellschaftliche Normen und soziales Fehlverhalten) Religion (mit Behandlung von Sprachtabu, Aberglauben und christlicher Religion) Tod (Sterben, Totsein, Beerdigung und der Tod selbst) geistig-psychischer Bereich (Benennungen für persönliche Eigenschaften und Gefühle, Bezeichnungen für „ich“) körperlicher Bereich (mit Beispielen für Dinge der Sexualität, der Schwangerschaft und Geburt, der Krankheit und der Ausscheidung sowie für Körperteile und anderes) Rauschmittel (mit Benennungsbeispielen für den Alkohol oder das Rauschgift selbst, den Umgang damit und für das Betrunken- oder Highsein)

Aus diesem Themenbereich sind unter anderem folgende euphemistische Gebrauchsweisen zu verzeichnen.Die Darstellung folgt nicht dem Schema Luchtenbergs.

Religiöse und sittliche Normen und Tabus In jeder menschlichen Gemeinschaft existieren Tabus sowie ethische und sittliche Normen, die zu bestimmten Dingen eine kaschierende oder zumindest mildernde Ausdrucksweise verlangen, sofern nicht für gewisse Situationen überhaupt ein gänzliches Sprechverbot besteht. Solche Normvorgaben können grundsätzlich alle Mitglieder einer Gemeinschaft betreffen, wie beispielsweise Rede- und Verhaltensvorschriften die Sexualität betreffend, oder auf bestimmte soziale Subgruppen wie soziale Schichtungen und Altersgruppen beschränkt sein. Vieles, was als Norm angesehen und mit einem bestimmten sprachlichen Verhalten belegt wird, kann einer zeitlichen Veränderung unterliegen, wie etwa bezüglich Sexualität, Hygienemaßnahmen, Schönheitsvorstellungen oder Art und Ausmaß der Selbstdarstellung. Dementsprechend ist es auch von der jeweiligen Epoche abhängig, wann ein Euphemismus erwartet wird und was als ein solcher gilt.

Das gegenseitige Verhältnis von Euphemismus und Tabu ist aber keine Eins-zu-eins-Beziehung. So kann in dem Themenbereich, in dem ein Euphemismus verwendet wird, ein Tabu bestehen. Dies ist aber nicht zwingend, denn Euphemismen können auch aus anderen Gründen zum Einsatz kommen. Umgekehrt muss ein Tabu nicht zwangsläufig mit einem Euphemismusgebrauch einhergehen, wie etwa in bestimmten sozialen Gruppen, in denen eine sonst übliche Tabuisierung nicht der Regelfall ist. Beispielsweise werden des Öfteren untere soziale Schichten mit derben Redens- und Verhaltensweisen in Zusammenhang gebracht, sodass in solchen tatsächlichen Fällen weit verbreitete Euphemismen vielfach nicht in der sonst üblichen Form verwendet werden. Auch können Tabus Schweigen, Leugnen oder anderes Vermeidungsverhalten zur Folge haben. Dies betrifft zum Beispiel Tabubereiche wie Inzest, Gewalt in der Familie oder Homosexualität.

Religion und Aberglauben Die ursprüngliche Motivation, Euphemismen zu verwenden, liegt in der Existenz von Sprachtabus, die von Religion und Aberglauben herrühren. Grundlage dafür ist der Glaube, dass ein Wort und das damit Bezeichnete identisch seien, was in Redewendungen wie „Wenn man den Teufel nennt, kommt er g’rennt [gerannt]“ ersichtlich ist. Um solche glaubensmäßigen Tabus nicht zu brechen, werden Wörter und Formulierungen, die ein derartiges Thema direkt benennen oder unmittelbar darauf hindeuten, vermieden und stattdessen Ersatzausdrücke in Anspruch genommen. Ein Beispiel dafür sind etwa der „Gottseibeiuns“ oder „Leibhaftige“ als Bezeichnung für den Teufel sowie Ersatznamen für Gott („Vater im Himmel“, „Herr“, „Allmächtiger“ usw.) und für Jesus („Heiland“, „Erlöser“, „Menschensohn“ statt „Gottessohn“). Solche Bezeichnungen werden meist nicht mehr als Tarnwörter empfunden, was zum einen auf einen generellen Abbau von religiösen Tabus zurückgeführt werden kann und zum anderen darin begründet liegt, dass im theologischen Bereich solche Wörter für eine semantische Differenzierung des Bezeichneten sorgen.Vgl. Luchtenberg 1985, 91 f. Das euphemistische Vokabular aus diesem Bereich ist sehr begrenzt, und es entstehen kaum Neubildungen, die sich im allgemeinen Sprachgebrauch durchsetzen.

In der griechischen Mythologie finden sich auch euphemistische Beinamen, mit denen Gottheiten von notorischem Zorn besänftigt und geschmeichelt werden sollten, wenn man sie anruft oder auch überhaupt über sie redet oder schreibt. So heißen die drei Rachegöttinnen, Erinnyen, „die Wütenden“, werden aber dennoch oft unzutreffenderweise Eumeniden, „die Wohlgesinnten“ gerufen. von Nick Pontikis (englisch)

Sexualität und Körperabsonderungen mini|„Cat selling“, wörtlich „Katzenverkauf“, ein englischsprachiger Slang-Euphemismus für Prostitution Mehr oder weniger universell anzutreffen sind im körperlichen Bereich restriktive Normen für das Benennen von Geschlechtsteilen, des Anus und des Gesäßes sowie deren biologischen Funktionen. Die Tabuisierung wird oft dadurch kenntlich, dass alltagssprachliche Wörter fehlen, die diese Körperregionen und -funktionen konnotations- und wertfrei bezeichnen. Vielmehr herrschen Vokabeln vor, die entweder als medizinisch-fachsprachlich, gespreizt, abgehoben und daher in vielen Situationen als lächerlich und unangebracht empfunden werden, oder die im Gegenteil als zu abwertend und vulgär gelten. Als Ausweg aus dem Benennungsdilemma werden daher oftmals fremdsprachliche Ausdrücke oder – teils scherzhaft – kindliche Bezeichnungen herangezogen oder für die gesamte Genital- und Analregion auch nur allgemeine Ortsbestimmungen wie „unten“ oder ähnliche in Anspruch genommen, die so eine deutliche verhüllende Komponente aufweisen. Auch die Bezeichnung „Unterleib“ kann gegebenenfalls eine solche Funktion erfüllen.

Doch der gesamte sexuelle Bereich bringt aufwertende, tarnende und beschönigende (aber auch gegenteilig eine ganze Reihe abwertender) Ersatzbenennungen hervor: nicht nur für die Körperteile selbst, sondern auch für den Geschlechtsakt, für Selbstbefriedigung, Prostitution, Geschlechtskrankheiten, für alle damit zusammenhängende Dinge und Orte sowie nicht zuletzt für Fruchtbarkeit und Menstruation, Zeugung, Schwangerschaft und Geburt. Das Spektrum dieses Vokabulars ist äußerst reichhaltig und kann regional und zeitlich unterschiedlich sein.Eine diesbezügliche Sammlung ist: Ernest Bornemann: Sex im Volksmund. Der obszöne Wortschatz der Deutschen. 2 Bände, Rowohlt, Reinbek 1974. Es existieren davon auch neuere Ausgaben unter anderen Titeln.

Gesellschaftliche und kulturelle Normen