Christkatholische Kirche der Schweiz 320px|zentriert Basisdaten Mitgliedschaft: Utrechter Union Bischof: Frank Bangerter Emeritierter Bischof: Fritz-René Müller, Harald Rein Bischöflicher Vikar: Daniel Konrad Priester: 46Christkatholische Kirche der Schweiz - Adressverzeichnis Ausgabe 2021, , S. 17 f. Diakone: 7 Kirchgemeinden: 29Protokoll der Nationalsynode der Christkatholischen Kirche der Schweiz, 155. Session vom 10. und 11. Juni 2022 in Olten SO, S. 4–5. Diasporagebiete: 9Christkatholische Kirche der Schweiz - Adressverzeichnis Ausgabe 2021, , S. 15 f. Christkatholiken: 11.211 (2021Protokoll der Nationalsynode der Christkatholischen Kirche der Schweiz, 155. Session vom 10. und 11. Juni 2022 in Olten SO, S. 256, abgerufen am 15. Dezember 2022) Kathedralkirche: St. Peter & Paul (Bern) Offizielle Website: www.christkatholisch.ch Die Christkatholische Kirche der Schweiz ist die altkatholische Kirche in der Schweiz. Sie erlangte ihre Eigenständigkeit in einem mehrjährigen Prozess, der 1870 mit dem Protest gegen die Papstdogmen des Ersten Vatikanischen Konzils und der Gründung freisinniger Katholikenvereine begann und 1876 mit der Wahl und Weihe von Eduard Herzog zum Bischof vollendet wurde. Sie steht in der katholischen Tradition und hält das historische Bischofsamt aufrecht, wobei sie ihren Bischof oder ihre Bischöfin durch die Nationalsynode selbst wählt. Mit landesweit rund 11.200 Mitgliedern (Stand: 2021) hat die Christkatholische Kirche in verschiedenen Kantonen den offiziellen Status einer Landeskirche.

Vorgeschichte und Entstehung der «Christkatholischen» Kirche

Zum Begriff «christkatholisch» Die Bezeichnung «christkatholisch» geht auf die Josephinismus genannte kirchliche Reformbewegung unter Kaiserin Maria Theresia und Kaiser Joseph zurück, die in der Schweiz das bis 1801 österreichische Fricktal (Teil des Bistums Basel) prägte, wo es heute mehrere christkatholische Gemeinden gibt. Unter dem Einfluss des Josephinismus, des Febronianismus und seines Lehrers Johann Michael Sailer gab der Konstanzer Generalvikar Ignaz Heinrich von Wessenberg 1812 ein Christkatholisches Gesang- und Andachtsbuch heraus, durch welches er den Wortgottesdienst mit Lesungen in deutscher Sprache und deutschem Kirchengesang fördern wollte.

Durch Übernahme dieses Begriffs als Selbstbezeichnung wollte die Christkatholische Kirche unterstreichen, dass ihrer Überzeugung nach allein Christus und nicht der Papst das Haupt der katholischen Kirche sei. mini|hochkant|Eduard Herzog um 1859Die Christkatholische Kirche entstand durch den Protest und Widerstand gegen die Dogmen des Ersten Vatikanischen Konzils von 1870. Der Begriff „christkatholisch“ (als katholisch ohne das als Dogma erhobene Universalprimat des Papstes über alle anderen Bischöfe und seine Unfehlbarkeit in Glaubensfragen) für den um 1844 aufgekommenen Begriff „deutschkatholisch“ wurde somit um 1870 im deutschsprachigen Raum geläufig. (Der Breslauer Fürstbischof Heinrich Förster hatte bereits 1859 den Begriff „christkatholisch“ im Gegensatz zu „römisch-katholisch“ für exkommunizierte Anhänger Johannes Ronges benutzt.)Michael Sachs: „Fürstbischof und Vagabund“. Geschichte einer Freundschaft zwischen dem Fürstbischof von Breslau Heinrich Förster (1799–1881) und dem Schriftsteller und Schauspieler Karl von Holtei (1798–1880). Nach dem Originalmanuskript Holteis textkritisch herausgegeben. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 35, 2016 (2018), S. 223–291, hier: S. 242, Anm. 53.

Entstehungsgeschichte Ein wichtiger Widerständler war Professor und Nationalrat Walther Munzinger, der schon 1860 über Papsttum und Nationalkirche geschrieben hatte. Er organisierte am 18. September 1871 in Solothurn den ersten schweizerischen Katholikenkongress, der die Keimzelle der Christkatholischen Kirche bildete.

Im Zuge des Schweizer Kulturkampfes betrieb zunächst der 1871 gegründete Schweizerische Verein freisinniger Katholiken die Bildung einer nationalen bischöflich-synodalen katholischen Kirche außerhalb der päpstlichen Jurisdiktion. Im Kanton Solothurn wurden durch Pfarrer Paulin Gschwind von Rom unabhängige christkatholische Gemeinden gegründet. Im Jahr 1875 konstituierte sich in Olten die Nationalsynode der christkatholischen Kirche und verabschiedete auf ihrer ersten Session am 14. Juni 1875 eine Kirchenverfassung, die 1989 umfassend revidiert wurde. Dem Bistum schlossen sich die 1873 vom Staat im Kanton Genf errichtete Église catholique nationale an, die nach 1909 noch zwei Gemeinden zählte, und die 1874 ebenfalls vom Staat ins Leben gerufene Katholische Synode im Kanton Bern, die ab 1885 noch vier Gemeinden aufwies. An der zweiten Session der Nationalsynode wurde 1876 Eduard Herzog zum ersten christkatholischen Bischof gewählt und am 18. September 1876 in Rheinfelden durch Bischof Joseph Hubert Reinkens geweiht. Der erste Präsident des christkatholischen Synodalrates, des Exekutivorgans, war der Aargauer Politiker Augustin Keller.

Während seiner langen Amtszeit (bis zu seinem Tod im Jahr 1924) leistete Herzog einen wesentlichen Beitrag zur theologischen und organisatorischen Festigung der Christkatholischen Kirche in der Schweiz und engagierte sich für Beziehungen mit anglikanischen, später auch mit orthodoxen Kirchen.

Reformen

Aufhebung der Zölibatsverpflichtung Eine verpflichtende Verbindung von Weihe und Zölibat gibt es in der Christkatholischen Kirche der Schweiz nicht. Dies wurde neben einer Reihe von weiteren Reformen bereits 1876 durch die Nationalsynode beschlossen. Als erste Pfarrfrau gilt Rosina Geschwind-Hofer, die 1876 in der Stadtkirche Olten Pfarrer Paulin Gschwind von Starrkirch heiratete.

Auch die Bischöfe sind von der Zölibatsverpflichtung befreit. Bischof Eduard Herzog blieb zeit seines Lebens unverheiratet, alle späteren Bischöfe waren verheiratet.

Aufhebung der Pflicht zur Ohrenbeichte Ebenfalls 1876 beschloss die Nationalsynode die Aufhebung der Pflicht zur Ohrenbeichte. Das Busssakrament blieb in der christkatholischen Kirche aber erhalten und wird in erster Linie in Form eines Gemeindebussaktes gefeiert.

Volkssprache in der Liturgie Bereits im 19. Jahrhundert wurde die Einführung der Volkssprache statt Latein für alle Teile der Liturgie beschlossen. Das erste christkatholische Missale wurde von der Nationalsynode 1880 in Kraft gesetzt. Eine massgebliche Rolle bei der Verbreitung der Liturgie in deutscher Sprache spielte der Liturgiewissenschaftler Adolf Thürlings. mini|hochkant|links|Ignaz Heinrich von Wessenberg

Organisation

Bistum Die Christkatholische Kirche Schweiz ist bischöflich-synodal organisiert. Sie bildet als Ganzes ein Bistum, welches das Gebiet der Schweiz umfasst. Die Leitung der Christkatholischen Kirche obliegt dem Bischof, der Nationalsynode und dem Synodalrat gemeinsam.

Bischof Gemäss Verfassung der Christkatholischen Kirche hat der Bischof folgende Aufgaben:

Sorge für das Bleiben der Kirche in der Überlieferung des Glaubens und für die Einheit des Bistums in Verkündigung, Liturgie und Sakramentenspendung

Wahrung der kirchlichen Gemeinschaft mit den übrigen Bischöfen der Utrechter Union Aufsicht über die Ausbildung sowie die Amts- und Lebensführung der Geistlichen und plant deren Einsatz im Bistum Regelmässige Besprechungen mit den Gemeinden und ihren Behörden und Förderung der regionalen Zusammenarbeit Entscheidung (gemeinsam mit dem Synodalrat) über Erteilung von Diakonats- und Priesterweihen, Zugehörigkeit zur Geistlichkeit, Beauftragung mit einem andern gesamtkirchlichen Amt, kirchliche Disziplin, öffentliche Erklärungen, Beziehungen zu andern Kirchen und zum Staat sowie Vertretung und Wahrung der Rechte der Kirche nach aussen

Der Bischof wird von der Nationalsynode gewählt; erforderlich ist eine Zweidrittelmehrheit. Wählbar zum Bischof ist jeder Priester, welcher der Geistlichkeit der Christkatholischen Kirche der Schweiz angehört und Schweizer Bürger ist. Der Gewählte wird von einem amtierenden Bischof unter Mitwirkung von mindestens zwei weitern Bischöfen der Utrechter Union geweiht. Der Bischof kann wegen Verletzung seiner Pflichten von der Nationalsynode zur Verantwortung gezogen und nach Anhören der Internationalen Bischofskonferenz mit einer Zweidrittelmehrheit in geheimer Abstimmung seines Amtes enthoben werden.

Am 24. Mai 2024 wurde der Zürcher Pfarrer Frank Bangerter zum neuen Bischof der christkatholischen Kirche der Schweiz auf der Nationalsynode in Aarau gewählt. Die Weihe fand am 14. September 2024 in der Kathedrale St. Peter und Paul in Bern statt (siehe auch Liste der Schweizer christkatholischen Bischöfe).

Nationalsynode Die Nationalsynode der Christkatholischen Kirche berät und entscheidet zusammen mit dem Bischof über wesentliche Fragen des kirchlichen Lebens. Ihr unterliegt gemeinsam mit dem Bischof die Leitung der Christkatholischen Kirche.

Mitglieder der Nationalynode sind:

70 Delegierte der Kirchgemeinden der Bischof, die Priester und Diakone die christkatholischen Professoren der Theologischen Fakultät (Universität Bern); die Mitglieder des Synodalrates

Pro Jahr findet eine ordentliche Session der Nationalsynode statt. Ausserordentliche Sessionen finden statt:

auf Grund des Beschlusses einer ordentlichen Session der Nationalsynode auf schriftliches Begehren von mindestens einem Viertel sämtlicher Mitglieder der Nationalsynode auf Begehren des Bischofs oder des Synodalrates

Synodalrat Der Synodalrat ist das ausführende Gremium der Nationalsynode. Er wird von der Nationalsynode gewählt und setzt sich aus sechs Laien und vier Geistlichen zusammen, wobei ein Laie den Vorsitz hat. Der Bischof nimmt von Amts wegen an den Sitzungen teil. Zwischen den Sessionen der Nationalsynode führt der Synodalrat gemeinsam mit dem Bischof die laufenden Geschäfte des Bistums. Er trifft sich monatlich.

Theologische Lehranstalt Da der Kanton Bern den liberalen Katholizismus stärken wollte, errichtete er an der Universität Bern am 10. Dezember 1874 eine Katholisch-theologische Fakultät (seit 1945 Christkatholisch-theologische Fakultät). Da man als Studienabgänger jedoch keine Aussicht hatte, in der römisch-katholischen Kirche als Priester tätig zu sein, wurden dort de facto nur christkatholische Geistliche ausgebildet. Im Jahr 2001 wurden die Christkatholisch-theologische Fakultät und die Evangelisch-theologische Fakultät zur Theologischen Fakultät zusammengelegt. Bis 2017 bestanden innerhalb der nunmehr fusionierten Theologischen Fakultät zwei Departemente (für christkatholische und für evangelische Theologie). Seit dem 1. August 2017 besteht die Fakultät aus acht Instituten, darunter dem Institut für Christkatholische Theologie.

Stellung von Frauen in der Kirche Frauen in der Anfangsphase der christkatholischen Kirche Die Rolle der Frauen zur Bildung der Christkatholischen Kirche der Schweiz ist aufgrund des bürgerlichen Geschlechterarrangements im 19. Jahrhundert weniger gut fassbar als das Engagement der Männer. Frauen spielten die Rolle von «Wegbereiterinnen und Wegbegleiterinnen». Rosina Gschwind-Zeller geb. Hofer gilt in der christkatholischen Kirche als erste Pfarrfrau, blieb zwar auch nach der Heirat mit Pfr. Paulin Gschwind selbst evangelisch-reformiert, beeinflusste aber durch ihr öffentliches Engagement als Mitbegründerin des Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins und durch das von ihr herausgegebene Kochbuch das Bild der Frau in der christkatholischen Kirche. Gertrud Villiger-Keller, die Tochter des ersten Synodalratspräsidenten Augustin Keller, war von 1889 bis zu ihrem Tod 1908 Zentralpräsidentin des Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins.

Der Verband Christkatholischer Frauenvereine