Die 21. Alpinen Skiweltmeisterschaften fanden vom 7. bis 15. Februar 1970 in Gröden in Italien statt. Es waren die einzige Weltmeisterschaften, deren Ergebnisse im Alpinen Skiweltcup eingerechnet wurden. Erfolgreichste Nation war Frankreich, die drei der acht Goldmedaillen gewinnen konnte sowie fünf Silbermedaillen und eine Bronzemedaille.

Wahl des Austragungsortes Beim 26. FIS-Kongress in Beirut fiel am 20. Mai 1967 die Wahl auf Gröden, wobei im ersten Wahlgang 31 Stimmen errungen wurden – Banff erreichte 11, Jackson Hole 10, Davos 7, Garmisch-Partenkirchen 7 (die Deutschen zogen sich danach zurück); Naeba mit 4 und die Tiroler Kleinstadt Kitzbühel mit 3 schieden aus. Im zweiten Wahlgang wurden für Gröden 39 Stimmen (absolute Mehrheit) abgegeben, Banff kam auf 13, Davos auf 11 und Jackson Hole auf 10.„Beirut im Blickpunkt der Skiwelt“ in «ski – Offizielles Organ des Deutschen Skiverbandes» (Unionverlag Stuttgart), Jahrgang 20, Heft Nr. 1 vom 4. Oktober 1967, S. 35.„Grödental erhielt alpine Skiweltmeisterschaft 1970“ in »Tiroler Tageszeitung« Nr. 116 vom 22. Mai 1967, S. 10. Von Seiten Österreichs hatte vorerst auch St. Anton am Arlberg seine Kandidatur annonciert; sogar Schruns-Tschagguns war im Gespräch gewesen.

Vorschau In einer Vorschau nannte »Sport Zürich« in seiner Ausgabe Nr. 15 vom 6. Februar auf den Seiten 1 bis 3 die Goldmedaillengewinner bzw. „Superfavoriten“ mit (in der Reihenfolge Abfahrt, Riesenslalom, Slalom) Karl Schranz und Isabelle Mir, Gustav Thöni und Michéle Jacot sowie Patrick Russel und Ingrid Lafforgue. Es wurde aber eingeräumt, dass der Verlauf der Saison im steten Wechsel der Sieger bei den Herren deutlich bewiesen haben, wie rasch die Waagschale des Erfolges sich neigen kann.

Was konkret die einzelnen Nationen betraf, wurde hinsichtlich des Schweizer Herrenteams vor einem übertriebenen Optimismus gewarnt. Der Formaufbau habe gestimmt, ein besonderer Trumpf konnte in der Erfahrung liegen (im Durchschnitt waren die SSV-Fahrer die ältesten) – auf längere Sicht sollte mit den jungen Fahrern Erfahrungskapital für Sapporo gesammelt werden. Die einzige Chance bei den Damen wurde in Annerösli Zryd in der Abfahrt gesehen, alles andere würde einer Sensation gleichkommen.

Die DSV-Vertretung konnte leise Hoffnungen hegen. Lediglich Rosi Mittermaier hatte sich international bestätigen können, während die übrigen guten Platzierungen (Hansjörg Schlager, Christian Neureuther und Traudl Treichl) wohl national seine Bedeutung hatte, aber international recht harmlos war. Allerdings konnte Franz Vogler in der letzten Phase der „Vor-Weltmeisterschafts-Zeit“ eine Topform anmelden, die jene von Portillo 1966 übertraf. Alle anderen Hoffnungen bei den Herren waren wirklich nur leise auszusprechen. Bei den Damen habe sich Margarethe Hafen zu großer Vielseitigkeit gewandelt, für Treichl kämen die Weltmeisterschaften ein Jahr zu früh.

Die österreichischen Hoffnungen bei den Herren hatten sich gegenüber dem Saisonbeginn gebessert, doch käme nur Karl Schranz für eine, vielleicht zwei Goldmedaillen in Frage. Die Riesenslalomstrecke sollte ihm liegen. Chancenlos seien die Slalomartisten, dies gelte auch bei den Damen, wo man nur auf gute Plätze hoffen konnte. Dies lag auch daran, dass Gertrud Gabl nicht in Form kam, was auch auf die Abfahrerin Olga Pall zutraf. In der Abfahrt wurde Wiltrud Drexel favorisiert. Im Riesenslalom sollten Pröll und Bernadette Rauter gut abschneiden.

Vor allem das französische Damenteam befand sich in einer außergewöhnlichen Favoritenrolle, aber auch von den Herren wurde viel erwartet. Einschränkungen gab es lediglich darin, dass es für Jacot und Ingrid Lafforgue die ersten Weltmeisterschaften waren und Henri Duvillard in den Abfahrten nicht mehr die ganz großen Leistungen vollbracht hatte. Dagegen haben Russel und Augert im Slalom das gehalten, was von ihnen erwartet worden war.

Der italienische Verband konnte nur auf Gustav Thöni hoffen, den man vor einem Jahr noch kaum gekannt hatte, der nun aber auch die Verantwortung spürte. Eberhard Schmalzl hatte sich zwar zuletzt gut herausgemacht, doch kam das Handicap zu hoher Startnummern, Helmuth Schmalzl hatte seit Rang 10 von der Generalprobe 1969 kein entsprechendes Resultat erzielt. Claudio Detassis fiel aus, er hatte sich beim Training in Cervinia das Bein gebrochen. Bei den Damen gab es mit Giustiana Demetz auch eine Verletzte. Clotilde Fasolis war seit dem vorjährigen Erfolg bei der „Coppa Femina“ in Abetone alles schuldig geblieben.

Erwähnenswertes Die Eröffnung fand um 17 Uhr des 7. Februar im Eisstadion von St. Ulrich mit FISI-Präsident Fabio Conci, FIS-Präsident Marc Hodler und dem italienischen Fremdenverkehrsminister Giovanni Battista Scaglia statt. Präsident Hodler hielt seine Rede viersprachig und ging in seiner französischen Version mit einem Seitenhieb auf den angekündigten Slalomstreik ein und dankte doch den Assen, dass sie teilgenommen hatten.„Trachten, Trachten und nochmals Uniformen“. In „Sport Zürich“ Nr. 16 vom 9. Februar 1970, S. 5; POS.: Spalte 4 Das Stadion wurde von den Carabinieri vorzeitig geschlossen, Österreichs Unterrichtsminister Alois Mock wurde dann doch noch hineingelassen, doch konnte er ebenso nicht auf die Ehrentribüne wie die verspätet eingetroffene japanische Delegation. Die gesamte Zeremonie war in 30 Minuten abgewickelt. Die österreichische Auswahl war im Fernsehen ausgeblendet. Beim Einmarsch der Nationen schwenkte die Kamera auf die im Himmel zu sehenden Düsenjäger um, auch die Teams aus Finnland und Japan wurden nicht gezeigt. Und beim Abmarsch wurde wiederum umgeschaltet, als (nach der belgischen Auswahl) die Österreicher ins Bild hätten kommen sollen. – Kurios war trotzdem, dass zum Abschluss der Zeremonie die Alpini den Radetzkymarsch, sozusagen ein Kampflied der alten österreichischen Monarchie, spielten.«Radetzkymarsch». In »Kurier Wien«, Glosse von „MM“, Ausgabe vom 9. Februar 1970, S. 19.„Eröffnungsfeier in St. Ulrich: Österreichs Unterrichtsminister Mock vor verschlossenem Tor – Alpini spielten Radetzkymarsch“. In «Tiroler Tageszeitung» Nr. 32 vom 9. Februar 1970, S. 10. Es waren 254 Aktive (176 Herren/88 Damen), aber 350 Journalisten und separat mehrere hundert Rundfunk- und Fernsehleute gemeldet.„Mehr Journalisten als Rennläufer in Gröden“. In «Tiroler Tageszeitung»Nr. 32 vom 9. Februar 1970, S. 9, POS.: letzter Beitrag rechts unten„Als unsere Ski-Welt noch in Ordnung war.“ In »Salzburger Volksblatt« Nr. 32 vom 9. Februar 1970, letzte Seite Überraschend nominierte der französische Selektionär René Sulpice für den Herrenbereich keinen Kombinierer; der in Frage kommende Henri Duvillard wurde für den Slalom nicht aufgestellt.„Bluffen die Franzosen?“ in «Volkszeitung Kärnten» Nr. 30 vom 7. Februar 1970, S. 8. Einen Tag vor dem Startbewerb, dem Herrenslalom, wurde erneut (wie es seit 1962 üblich war) ein Qualifikationsslalom veranstaltet – und dieser war wiederum recht umstritten. 25 Fahrer der ersten beiden Slalomgruppen hatten am 6. Februar in einem von Patrick Russel verfassten und von allen französischen, österreichischen und schweizerischen Fahrern unterschriebenen Brief an FIS-Präsident Hodler einen Streik angedroht. Die SSV-Teamführung hatte die Unterschriften vorerst als Privatsache erklärt, aber im Nachhinein allen, die nicht starten würden, härteste Sanktionen angedroht. Danach war auch erklärt worden, die Schweizer hätten ihre Unterschriften irrtümlich geleistet. Der sowohl für den Qualifikations- als auch Finalslalom eingeteilte Schweizer Karl Molitor drohte bei einem Startverzicht der Spitzenfahrer mit seiner sofortigen Abreise, da er sich nicht zum Narren machen lasse.„Fehlgeschlagenes Erpressungsmanöver“. In „Sport Zürich“ Nr. 16 vom 9. Februar 1970, S. 5; POS.: Kasten links Beim Herrenslalom selbst kam kein Läufer des ÖSV in die Wertung. Nur mit drei Mann angetreten (nachdem Herbert Huber wegen eines Nervenzusammenbruches nicht starten konnte), schied das übrig gebliebene Trio durch Sturz oder Disqualifikation aus. Dadurch war bereits klar, dass die ÖSV-Starter keine Platzierung in der Alpinen Dreierkombination erreichen konnten.Die Medaillenentscheidung im genannten Slalom war außerdem äußerst knapp. Einer der großen Mitfavoriten, Lokalmatador Gustav Thöni, blieb ohne Medaille: Im Slalom platzierte er sich auf Rang 4, im Riesenslalom schied er schon im ersten Durchgang aus. Von den Weltmeistern und/oder Olympiasiegern 1968 war nur Olga Pall noch am Start – die übrigen drei (weil Jean-Claude Killy vierfacher Goldmedaillengewinner gewesen ist und auch Nancy Greene zwei Titel geholt hatte) hatten ihre Karriere allesamt 1968 beendet. Mit Kombinationsgold durch Billy Kidd gewann erstmals ein US-Amerikaner eine Goldmedaille im alpinen Skisport. Für Australien war die Bronzemedaille in der Abfahrt durch Malcolm Milne die überhaupt erste Medaille bei alpinen Skiweltmeisterschaften und blieb bis zur Goldmedaille von Zali Steggall im Slalom 1999 die einzige. Die erste Medaillenübergabe erfolgte am Abend des 11. Februar, welche in der Reihenfolge der Bewerbe Herrenslalom, Herrenriesenslalom und Damenabfahrt durchgeführt wurde.„Die erste Medaillenübergabe“. In »Sport Zürich« Nr. 18 vom 13. Februar 1970, S. 2; POS.: Kasten links oben

Ergebnisauswertung mit technischen Neuerungen Der Resultatsdienst wurde von einer deutschen Firma (Siemens) durchgeführt, wobei hier in Gröden erste Erfahrungen gesammelt wurden. Zwar war der Begriff Elektronische Datenverarbeitung nicht neu, doch das System der Auswertung war erweitert worden – als einzigartig stand da, dass sie nicht am Ort der Veranstaltung, sondern in München, somit 280 km nördlich, erfolgte. Über Leitungen, die ständig offen gehalten wurden, wurde die Zeit eines Fahrers, sobald dieser die Fotozelle am Ziel unterbrach, automatisch nach München weitergegeben, wo vorerst ein Computer die Information überprüfte, den Fahrer klassierte und das bereinigte Resultat in Sekundenbruchteil zurück nach Gröden gab, wo es auf Fernsehmonitoren erschien oder von einem Schnelldrucker geschrieben wurde, wobei auch die jeweiligen Kombinationspunkte ausgewiesen wurden. Es war eine eigene Qualität für dieses Druckerpapier erforderlich.„Technisch neu“. In „Sport Zürich“ Nr. 16 vom 9. Februar 1970, S. 5; POS.: Spalte 4

FIS-Weltrangliste Am 5. Februar wurde von der FIS die neue Weltrangliste veröffentlicht, die für die Startnummernvergabe herangezogen wurde.

Herren:

Abfahrt: Duvillard, Schranz, Messner, Dätwyler; weiters: Rang 7 Vogler, 8 Milne, 14 Russi. RTL: Thöny, Schranz, Giovanoli, Jean-Noël Augert; weiters: Rang 10 Heckelmiller, 12 Bleiner, 15 Duvillard, 16 Kidd. Slalom: Thöni, Russel, Matt, Augert; weiters: Rang 6 Bruggmann, 7 Kidd, 8 Huber, 9 Tritscher, 15 Schranz, 19 Messner, 20 Rofner, 21 Neureuther.

Damen: Abfahrt: Drexel, Mir, Famose, Pall; weiters: Rang 8 Zryd, 9 Pröll, 10 Karen Budge, 14 Mittermaier. Riesenslalom: Macchi, Jacot, Steurer, Barbara Cochran, Pröll, Gabl, Rauter; weiters: Rang 9 Marilyn Cochran, 10 Ingrid Lafforgue, 13 Mittermaier, 14 Clifford, 21 Zryd. Slalom: Gabl, Jacot, Barbara Cochran, Kutter, weiters: Rang 6 Ingrid Lafforgue, 10 Mittermaier, 11 Marilyn Cochran, 18 Pröll, 31 Zryd.»Salzburger Volksblatt« Nr. 31 vom 7./8. Februar 1970, S. 9; POS.: Spalte 5 mit einem mit drei Punkten unterlegten Titel „FIS“„Die neuen FIS-Klassierungslisten“. In »Sport Zürich« Nr. 15 vom 6. Februar 1970, S. 5.

Stellungnahme durch FIS-Präsident Marc Hodler