mini|hochkant|Erstdruck der Hörspielfassung 1953 mini|hochkant|Erstausgabe der Bühnenfassung 1958 Biedermann und die Brandstifter ist ein Drama des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Es handelt von einem Bürger namens Biedermann, der zwei Brandstifter in sein Haus aufnimmt, obwohl sie von Anfang an erkennen lassen, dass sie es anzünden werden. Der Untertitel lautet Ein Lehrstück ohne Lehre.
Den Biedermann-Stoff griff Frisch in seinem Werk mehrfach auf. Eine erste Prosaskizze entstand 1948 unter dem Eindruck der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei. Sie trug den Titel Burleske und wurde im Tagebuch 1946–1949 veröffentlicht. Später verarbeitete Frisch den Stoff als Hörspiel Herr Biedermann und die Brandstifter, das 1953 vom Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt wurde, sowie als Theaterstück Biedermann und die Brandstifter, welches am 29. März 1958 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt wurde. Unzufrieden mit der Aufnahme des Stücks schloss Frisch ein Nachspiel an, das erstmals bei der deutschen Erstaufführung an den Städtischen Bühnen Frankfurt am 28. September 1958 aufgeführt wurde.
Biedermann und die Brandstifter ist neben Andorra das bekannteste Drama Max Frischs. Es wurde seit seiner Uraufführung an zahlreichen Bühnen inszeniert und gehört zum häufig behandelten Schulstoff im Deutschunterricht. Die Buchausgabe erreichte bereits 1982 eine Millionenauflage.
Inhalt
Biedermann und die Brandstifter
Szene 1: Gottlieb Biedermann, ein wohlhabender Haarwasserfabrikant, liest in der Zeitung von den neuesten Brandstiftungen und echauffiert sich über die Täter. Die Vorgehensweise der Brandstifter ist stets dieselbe: Getarnt als harmlose Hausierer nisten sie sich auf dem Dachboden des Hauses ein, das sie später niederbrennen. Da kündet das Dienstmädchen Anna Besuch an, einen Hausierer, der sich als Josef Schmitz vorstellt, ein ehemaliger Ringer und Obdachloser. Er klagt, dass er stets für einen Brandstifter gehalten werde, und appelliert an Biedermanns Menschlichkeit. Biedermann, der eben noch hartherzig seinen Angestellten Knechtling entlassen hat, gefällt sich in der Rolle des Menschenfreunds und lässt Schmitz auf dem Dachboden nächtigen.
Szene 2: Am nächsten Morgen wirft Biedermanns Frau Babette ihrem Mann vor, dass er zu gutmütig sei. Sie will Schmitz freundlich, aber bestimmt vor die Tür setzen. Doch Schmitz gelingt es, auch Babette für sich einzunehmen, indem er sich für seine fehlenden Manieren entschuldigt, die eine Folge seiner schweren Kindheit seien. Es klingelt. Ein angeblicher Vertreter der Feuerversicherung steht vor der Tür. Schmitz erkennt in ihm seinen Kumpanen Wilhelm Maria Eisenring, einen ehemaligen Kellner.
Szene 3: Nachdem Schmitz und Eisenring die ganze Nacht auf dem Dachboden gepoltert haben, unternimmt Biedermann einen neuen Anlauf, Schmitz aus dem Haus zu werfen. Dass er auf dem Dachboden nun unvermittelt zwei Gäste hat, macht ihn ebenso sprachlos wie die vielen Fässer voll Benzin, die sich plötzlich dort befinden. Ein Polizist überbringt Biedermann die Nachricht, Knechtling habe sich das Leben genommen. Als er sich nach dem Inhalt der Fässer erkundigt, flüchtet sich Biedermann in die Notlüge „Haarwasser“. Befragt vom Chor, spielt Biedermann den Arglosen. Er rieche kein Benzin, und man dürfe doch nicht von jedem Menschen nur das Schlechteste denken.
Szene 4: In Biedermann wächst mit der Ahnung auch die Angst. Er möchte sich seine beiden Gäste nicht zu Feinden machen und lädt sie zu einem Abendessen ein. Diese reden vor ihm immer offener von Zündkapseln und brennbarer Holzwolle. Sie messen mit seiner Hilfe sogar die Zündschnur aus. Die beste Tarnung, bekundet Eisenring, noch vor Scherz und Sentimentalität, sei die Wahrheit, weil sie niemand glaube. Als Biedermann den Dachboden verlassen hat, tritt Dr. phil. zu seinen beiden Kumpanen, ein Akademiker mit Brille, den Eisenring spöttisch Weltverbesserer nennt und nicht als Gleichgesinnten anerkennt, weil er keine Lust am Feuer habe, sondern stets ernst und ideologisch bleibe.
Szene 5: Die Gans wird zubereitet, das Abendessen soll so schmucklos wie möglich sein, um die Freundschaft zwischen Biedermann und seinen Gästen zu befördern. Biedermann weist Knechtlings Witwe ab, die ihn bei den Vorbereitungen stört: für Tote habe er keine Zeit. Ein Trauerkranz kommt an, der durch einen Fehler der Gärtnerei Biedermann anstatt Knechtling gewidmet ist. Als Biedermann den besten Wein aus dem Keller holt, gesteht er dem Publikum, er habe längst einen Verdacht gehabt, doch was hätte er tun sollen?
Szene 6: Beim Abendessen trinkt Biedermann mit Schmitz und Eisenring auf ihre Freundschaft und ist ausgelassener Stimmung. Schmitz gibt eine Kostprobe seiner Schauspielkunst und tritt mit einem übergeworfenen Tischtuch als Geist auf. Seine Rufe „Jedermann!“ wandeln sich in „Biedermann!“ Schließlich verkündet er, er sei Knechtlings Geist. Für einen Moment herrscht bei den Biedermanns Betroffenheit. Doch als Schmitz Fuchs, du hast die Gans gestohlen anstimmt, singt Biedermann wieder laut mit. Als ferne Sirenen zu hören sind, ist Biedermann erleichtert, dass es nicht bei ihm brennt, bis Eisenring ernst erklärt, sie würden immer die Feuerwehr erst vom Tatort fortlocken. Mit wachsender Verzweiflung hält Biedermann an der Überzeugung fest, seine beiden Gäste seien doch keine Brandstifter, sondern seine Freunde. Als Zeichen seines Vertrauens steckt er ihnen sogar heimlich die Streichhölzer zu, woraufhin Schmitz und Eisenring abgehen. Dr. phil. tritt auf und verliest eine Erklärung, in der er sich von den Verbrechen der Brandstifter distanziert, die nicht wie er die Welt verändern wollen. Dann geht Biedermanns Haus in Flammen auf, und es explodieren mehrere Gasometer.
Nachspiel
Gottlieb Biedermann und seine Frau Babette wähnen sich im Himmel, da sie stets die Zehn Gebote befolgt hätten. Erst als nach und nach das Personal des Stücks hinzutritt, erkennen sie, dass sie sich in der Hölle befinden. Schmitz tritt als Beelzebub auf, Eisenring in der Figur des Teufels. Biedermann beteuert seine Unschuld am Brand, der die ganze Stadt vernichtet hat. Er habe nichts anderes getan als alle anderen Bürger auch. Darüber hinaus fordert er sogar Entschädigung für alles, was er durchgemacht habe. Vom Teufel erfährt er, dass Streit zwischen Himmel und Hölle herrscht. Der Himmel habe eine Amnestie für alle hochgestellten Persönlichkeiten ausgesprochen. Wer eine Uniform beim Töten trage, sei gerettet. In die Hölle werden nur die Biedermänner und Intellektuellen, die Kleinkriminellen und Kriegsdienstverweigerer verwiesen. Daraufhin tritt die Hölle in den Streik und schickt ihr Personal auf die Erde zurück. Biedermann und Babette klammern sich an ihren Glauben, knien und erwarten ihre Rettung.
Personen
Gottlieb Biedermann, Chef einer Haarwasserfabrik und Hauseigentümer
Gottlieb Biedermann ist ein ehrgeiziger Geschäftsmann, dem Ansehen und Beliebtheit wichtig sind und der dabei buchstäblich über Leichen geht. Er ist ein Meister der Verdrängung. Er tritt durchaus energisch auf, hat damit aber nur Erfolg, wenn seine Äußerungen akzeptiert und seine Anweisungen ohne Widerworte ausgeführt werden. Gegen die Brandstifter hilft seine „Macher“- und „Herr im Haus“-Pose (sofern er sie überhaupt einnimmt) nicht. Er behauptet bloß, „kein Unmensch“ zu sein: Seinem ehemaligen Mitarbeiter Knechtling lässt er zum Beispiel, nachdem dieser sich gegen seine Kündigung gewehrt hat, ausrichten, er solle sich doch „unter den Gasherd legen“, und wundert sich später, als dieser seinem Rat folgt. Zu der „Menschlichkeit“, die Biedermann den Brandstiftern gegenüber an den Tag legt, wird er mehr oder weniger genötigt, da er kritisierbar ist und ein schlechtes Gewissen hat. Biedermann macht sich und anderen ständig etwas vor.
Im Nachspiel, das Biedermann in der Hölle zeigt, versucht dieser selbst dort noch, durch Beteuerung seiner Unschuld sein zu vermutendes Los („ewige Verdammnis“) abzuwenden. Tatsächlich hat sich Biedermann nicht erst mit der Überreichung der Streichhölzer an die Brandstifter, sondern spätestens in dem Augenblick zu deren Komplizen gemacht, als er dem Polizisten gegenüber wahrheitswidrig angibt, die Fässer auf seinem Dachboden enthielten „Haarwasser“; eine dreiste Lüge, die zeigt, dass er im Leben keineswegs stets die Zehn Gebote eingehalten hat. Diese Verlogenheit Biedermanns richtet sich jedoch nicht einzig nach außen, sondern vor allem auch gegen ihn selbst, und begründet seine feig-ängstliche, sich geistig zurechtbiegende und verdrängende Mentalität „dass nicht sein kann, was nicht sein darf“.
Babette, Biedermanns Frau
Babette ist die Ehefrau von Gottlieb Biedermann und eine pflichtbewusste Hausfrau. Gegenüber den Brandstiftern wirkt sie ängstlich und ist diesen – ähnlich wie Gottlieb Biedermann – nicht gewachsen. Sie will zwar Schmitz des Hauses verweisen; dies gelingt ihr aber ebenso wenig wie ihrem Mann. Schmitz konfrontiert Frau Biedermann in klaren Worten mit ihrer Absicht. In dem Bestreben, nicht „unhöflich“ zu wirken und Schmitz nicht zu „kränken“, leugnet sie diese Absicht allerdings und wird zum Opfer ihres schlechten Gewissens, als Schmitz auf seine „schlechte Jugend“ verweist. Am Schluss erkennt sie den Ernst der Lage und verdrängt ihre Ahnungen nicht. Auch trägt sie durch ihre Fragen und Anmerkungen dazu bei, dass das Bild Eisenrings als Brandstifter deutlichere Konturen annimmt. All das führt aber nicht dazu, das Unheil aufzuhalten, da Babette Biedermann hierzu letztlich die Energie fehlt, zumal ihr Mann in der Ehe eindeutig dominant ist. Dass er generell Frauen nicht für potenzielle Entscheidungsträgerinnen hält, wird in Szene 5 deutlich: Dort fragt er das Publikum: „[A]ber Hand aufs Herz, meine Herren: Was hätten Sie denn getan, Herrgottnochmal, an meiner Stelle?“
Babettes Borniertheit wird im Nachspiel besonders deutlich: Sie verkennt ihre neue Situation völlig, indem sie sich fragt, was Anna im „Himmel“ zu suchen habe und sich über die „Zumutungen“ ihres neuen Lebens beschwert.
Josef Schmitz, der Ringer (Brandstifter)
Josef Schmitz, genannt Sepp, ist ein großer, stämmiger Mann, der sich als Arbeitsloser sowie Obdachloser ausgibt. Durch sein dreistes Auftreten (er begeht strenggenommen einen Hausfriedensbruch) drängt er von Anfang an die Personen im Haushalt Biedermann in die Defensive. Seine Körpersprache sowie Andeutungen (er scheint keineswegs unbeabsichtigt Menschen zu verletzen und zu töten; ein Eindruck, der sich im Nachspiel bestätigt) wirken bedrohlich. Schmitz war eigenen Angaben zufolge früher ein Ringer in der Schwergewichtskategorie; eine Aussage, die sein Körperbau unterstreicht. Er gibt sich in seinen Aussagen Biedermann gegenüber sentimental, um Mitleid zu erwecken. Die Unterstellung, für sein „schlechtes Benehmen“ könne er nichts, widerlegt Schmitz selbst, indem er darauf hinweist, dass man bereits im Waisenhaus seine Gewohnheit zu schmatzen getadelt habe. Er will sich also offensichtlich nicht manierlich benehmen. Abgesehen davon ist es (anders, als Eisenring es darstellt) nicht nur Ausdruck von „schlechtem Benehmen“, wenn Schmitz während der Feier bei der Vorführung einer Szene aus dem Drama „Jedermann“ den „Geist Knechtlings“ spielt, zumal Eisenring die Inszenierung eingeleitet hat, insofern also an Schmitz’ „Entgleisung“ nicht schuldlos ist. Schmitz’ intelligenter und kreativer Umgang mit dem „Jedermann“-Stoff stellt auch die These in Frage, er sei „ungebildet“.
Im Nachspiel spielt der Darsteller Josef Schmitz’ die Rolle von Beelzebub, der nach der großen Brandkatastrophe den „Kinderglauben“ an die Gerechtigkeit verloren hat.
Wilhelm Maria Eisenring, der Kellner (Brandstifter)