mini|hochkant|Conrad von Soest: Die Geburt Christi, 1404. mini|Video: Warum feiern wir Weihnachten? Als Weihnachtsgeschichte bezeichnet man die Erzählungen im Neuen Testament (NT) zur Geburt Jesu von Nazaret. Im engeren Sinn ist damit der Textabschnitt gemeint, der traditionell im christlichen Weihnachtsgottesdienst verlesen wird. Im weiteren Sinn sind alle Texte zur Kindheitsgeschichte oder Vorgeschichte Jesu im Evangelium nach Matthäus und im Evangelium nach Lukas gemeint. Diese Geschichten werden im Christentum und darüber hinaus vielfältig rezipiert und dargestellt, etwa in Krippenbildern, Krippenspielen, Weihnachtskrippen und Weihnachtsfilmen. Eine einheitliche Weihnachtsgeschichte entstand erst aus der Zusammenführung, Harmonisierung und Deutung der unterschiedlichen biblischen Textmotive.

Die Weihnachtsgeschichte lässt sich auch als Geburtserzählung oder Geburtsgeschichte bezeichnen, da das Wort Weihnachten in den Evangelien nicht vorkommt. Erst in späteren Jahrhunderten wurde Weihnachten als Fest erfunden. Geburtserzählungen finden sich bereits im Alten Testament, beispielsweise die über Ismael. Sie enden mit der Information, dass der Junge beschnitten wurde und welchen Namen er erhalten hat.

Quellen und Absicht Geburts- und Kindheitsgeschichten Jesu fehlen im älteren Evangelium nach Markus und im jüngeren Evangelium nach Johannes. Auch in den späteren Kapiteln des Matthäus- bzw. Lukasevangeliums wird nicht mehr darauf Bezug genommen. Sie unterscheiden sich nach Inhalten und Zeitangaben stark. Daher gelten sie heute meist als unabhängig voneinander entstandene Texte,David Flusser: Jesus. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1999, S. 16 f. die die beiden Evangelisten großteils selbst verfassten und älteren Überlieferungen vom Wirken und Geschick Jesu voranstellten.

Einige übereinstimmende Angaben und Stoffe werden auf eine gemeinsame mündliche Überlieferung zurückgeführt, die die Evangelisten übernahmen und unterschiedlich ausgestalteten: Jesus sei unter dem judäischen König Herodes geboren worden (Mt 2,1f.; Lk 1,5 gegen Lk 2,1f.), und zwar in Bethlehem (Mt 2,5f.; Lk 2,4.15), vor dem Umzug seiner Eltern nach Nazareth (Mt 2,22f.) bzw. vor ihrer Rückkehr dorthin (Lk 2,39). Jesu Eltern Maria und Josef seien miteinander verlobt gewesen (Mt 1,18–20; Lk 1,27; 2,5). Seine Geburt sei eine vom Heiligen Geist gewirkte Jungfrauengeburt gewesen. Engel hätten Jesu Geburt, seinen Namen, seine Messiaswürde als Nachkomme König Davids und Sohn Gottes und seine Aufgabe angekündigt, sein Volk Israel von den Sünden zu retten (Mt 1,21; Lk 1,77; 2,11.30).Ulrich Luz: Die Geburtsgeschichten Jesu und die Geschichte. Göttingen 2013, S. 170

Die gemeinsamen Züge werden auf Judenchristen des späten ersten und frühen zweiten Jahrhunderts zurückgeführt, die sich an jüdische Kenner des Tanach wandten. Mit vielfältigen Rückbezügen auf biblische Tradition verkünden sie gemeinsam: Der Jude Jesus aus Nazaret sei der von Gott vorherbestimmte, erwählte endzeitliche Erretter (Messias) seines Volkes Israel, den die Propheten Israels vor langer Zeit angekündigt hatten. Bereits mit seiner Zeugung und Geburt habe JHWH, der Gott Israels und Schöpfer der Welt, seine Zusagen an das erwählte Volk erfüllt. Damit sei auch das von den Propheten angekündigte kommende Reich Gottes in diese vergehende Welt eingebrochen, so dass die Engel Gottes Herrschaft und den Völkerfrieden auf Erden zugleich besingen (Lk 2,14).

Die Geburtsgeschichten stellen Jesu Geburt also in den Zusammenhang der gesamten biblischen Zukunftserwartung und nehmen zugleich seine eigene Botschaft vom Reich Gottes vorweg, die durch seine Passion, seinen Kreuzestod und seine Auferstehung für sie zur Hoffnung auf Jesu Wiederkunft geworden war. Sie setzen also Kenntnis der biblischen Prophetie und des späteren Geschicks Jesu bei ihren Lesern und Hörern voraus und bekräftigen, dieses sei von Beginn an ein vom Gott Israels gewolltes, herbeigeführtes und gelenktes Geschehen zugunsten ganz Israels und der Welt.Peter Stuhlmacher: Die Geburt des Immanuel, 2006, S. 13 f.

Auch das Protoevangelium des Jakobus und das Kindheitsevangelium nach Thomas enthalten Geburtsgeschichten Jesu. Die Chronik von Zuqnin schmückt die Einzelszene der Magier (Mt 2) aus. Diese Apokryphen setzen die NT-Texte voraus und variieren oder ergänzen sie. Vom NT unabhängige Tradition wird nur bei der Vision Jesajas vermutet, die Christen an die jüdische Schrift Ascensio Jesaiae (2.–4. Jahrhundert) anhängten. Sie schildert analog zu Mt 1,18–25 die Ankündigung der Geburt Jesu und darüber hinaus diese selbst, nicht aber die übrigen matthäischen Szenen dazu. Keiner dieser außerbiblischen Texte gilt als Quelle für historische Informationen.Ulrich Luz: Die Geburtsgeschichten Jesu und die Geschichte. Göttingen 2013, S. 169 f.

Neues Testament Lukasevangelium Bei Lukas umfasst Jesu Kindheitsgeschichte die Vorgänge vor, bei und nach den Geburten Johannes des Täufers und Jesu bis zu dessen 12. Lebensjahr (Lk 1,5–2,52). Dieser zusammenhängende Teil ist im NT wie folgt eingeteilt:Hans Klein: Das Lukasevangelium (= Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament; Bd. 1,3). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006. ISBN 3-525-51500-6, S. 7 Text Inhalt Lk 1,5–25 Ankündigung der Geburt des Täufers Lk 1,26–38 Ankündigung der Geburt Jesu Lk 1,39–56 Begegnung zwischen Maria und Elisabeth Lk 1,57–66 Geburt des Täufers Lk 1,67–80 Benedictus des Zacharias Lk 2,1–20 Geburt Jesu Lk 2,21–40 Jesu Darstellung im Tempel Lk 2,41–52 Der zwölfjährige Jesus im Tempel

Der Darstellung der Geburt Jesu geht im Lukasevangelium die Verheißung der Geburt an Maria durch den Erzengel Gabriel voraus . Parallel dazu wird die Geburt Johannes des Täufers dargestellt in dem Sinne, dass Jesus als der Größere von beiden ausgewiesen wird („Überbietung“).Johannes Riedl: Die Vorgeschichte Jesu. Die Heilsbotschaft von Mt 1–2 und Lk 1–2. Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1968, S. 46 f

Die Geburtsgeschichte Jesu beginnt damit, dass Kaiser Augustus eine „erste“ Volkszählung durchführen lässt und sich deswegen jede Familie in den Heimatort des Familienvaters begeben soll. Aus diesem Grund begibt sich Josef, ein Nachfahr des Königs David, mit seiner hochschwangeren Verlobten Maria nach Bethlehem. Als sie dort ankommen, bringt Maria ihren „erstgeborenen“ Sohn zur Welt. Das Neugeborene wird gewickelt und in eine Krippe gelegt. Daraus wird zumeist geschlossen, dass die Geburt in einem Stall stattfand; es heißt im Text ausdrücklich nur, dass das Paar keinen Platz „in der Herberge“ hatte . Es wurde erwogen, dass Jesu Eltern eher versucht haben könnten, bei ihren Verwandten zu übernachten als in einer Herberge, aber auf ein bereits volles Haus trafen. Sie seien daher zunächst in einen Stall oder Schuppen mit einer Futterkrippe ausgewichen.Ben Witherington: No Inn in the Room: a Christmas Sermon on Lk 2.1–7, 9. Dezember 2007. Die Ställe um Bethlehem herum waren aus dem Felsen gehauen, so dass die Futterkrippe vermutlich eine einfache Wandnische in einer solchen Höhle war.

Das griechische Wort κατάλυμα katályma kann entweder als „Herberge“ oder als „Gästezimmer“ übersetzt werden. Das einzige Mal, dass Lukas dieses Wort noch benutzt, ist , wo es den Raum für das letzte Abendmahl beschreibt. Das war aber keine „Herberge“, sondern das Obergeschoss eines Gasthauses. Wenn Lukas eine Herberge im Sinne einer Übernachtungsmöglichkeit bezeichnen will, verwendet er das Wort πανδοχεῖον pandocheÎon wie in .David Lyle Jeffrey: Luke. Brazos Theological Commentary on the Bible. Brazos Press, Ada, Ml 2012, S. 41. Daraus ist verschiedentlich geschlossen worden, dass Jesus nicht in einem Stall – das Wort kommt in der Weihnachtsgeschichte nirgendwo vor – geboren wurde, sondern im Obergeschoss eines Hauses von Verwandten von Maria und Joseph, denn Joseph stammte aus dieser Stadt und hatte möglicherweise noch familiäre Beziehungen. Dieses Obergeschoss könnte aber unzureichend möbliert gewesen sein, weshalb man dort für das Neugeborene eine Futterkrippe statt eines Kinderbetts aufgestellt habe.Edwin D. Freed: Stories of Jesus’ Birth. A Critical Introduction. Sheffield Academic Press, Sheffield 2001, ISBN 1-84127-132-2, S. 83 f.; auch: Chalice Press, St. Louis, Mo., 2001, ISBN 0-8272-3451-1. – Paul Copan: That’s Just Your Interpretation. Responding to Skeptics Who Challenge Your Faith. Baker Books, Grand Rapids 2001, ISBN 0-8010-6383-3, S. 185.

In der Nähe lagernde Hirten werden von einem Engel aufgesucht. Er teilt ihnen mit, dass in Bethlehem der Heiland (Messias) geboren sei. Darauf kommt eine Schar von Engeln zu dem einen hinzu. Sie lobpreisen Gott und verheißen „den Menschen seines Wohlgefallens“ (oder: den „Menschen, die guten Willens sind“Das Neue Testament. Übersetzt und neu bearbeitet von Hermann Menge. Nachdruck, Evangelische Hauptbibelgesellschaft, Berlin 1960, S. 92.) „Frieden auf Erden“. Die Hirten eilen nach Bethlehem und huldigen dem Kind. Nachdem sie das Kind gesehen und von ihrer Begegnung mit den Engeln erzählt haben, kehren sie wieder zu ihren Herden zurück. Sie „priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.“

Die lukanische Kindheitsgeschichte schließt mit der von der Tora geforderten Darstellung Jesu im Tempel und der Wallfahrt des zwölfjährigen Jesus mit seinen Eltern nach Jerusalem .

Matthäusevangelium Bei Matthäus sind die Erzählungen von der Abstammung, Geburt und Kindheit Jesu in 1,1–2,23 Teil des matthäischen Prologs (Mt 1,1–4,16)Matthias Berghorn: Die Genesis Jesu Christi aber war so … Die Herkunft Jesu Christi nach dem matthäischen Prolog (Mt 1,1–4,16). VR Unipress, Göttingen 2019, S. 37–64. und umfassen folgende Texteinheiten: Text Inhalt Mt 1,1 Überschrift zu 1,1 – 4,16 Mt 1,2–17 Genealogie Jesu Mt 1,18a Überschrift ( =Rückverweis auf 1,1) Mt 1,18b–25 Geburt Jesu Mt 2,1–12 Anbetung der Magier Mt 2,13–18 Flucht nach Ägypten und Kindermord von Bethlehem Mt 2,19–23 Rückkehr aus Ägypten und Ankunft in Nazareth

Der Evangelist Matthäus erzählt von verschiedenen Vorgängen rund um die Geburt Jesu . Die Geburt selbst wird eher beiläufig erwähnt . Das Kind wird von „Magiern“ ( mágoi), Sterndeutern oder Weisen aus dem Osten, aufgesucht, die vom Stern von Betlehem dorthin geführt worden waren. Sie treffen das Kind noch in Bethlehem an, allerdings „im Haus“, nicht in einem Stall oder einer Krippe. Sie huldigen ihm und bringen Geschenke. Auf ihrer Suche nach dem „neugeborenen König der Juden“ hatten sie vorher im Königspalast in Jerusalem nachgefragt. Auf diesem Wege erfährt König Herodes davon, dass ein Rivale geboren wurde, und befiehlt – in Erfüllung des Prophetenwortes – den Kindermord in Bethlehem. Dank der Warnung durch einen Engel können sich Maria und Josef mit dem Kind rechtzeitig nach Ägypten absetzen (Flucht nach Ägypten). Nach Herodes’ Tod kehren sie nach Palästina zurück und siedeln sich in Nazareth an.

Matthäus spricht weder von Königen, noch nennt er ihre Namen, noch benutzt er die Zahl drei, wie es die spätere Legende der Heiligen drei Könige tut.