Carlo Lurago (auch: Loragho, Luraghi, Luragho; * 1615 in Pellio Superiore, Val d’Intelvi; † 22. Oktober 1684 in Passau) war ein italienischer Architekt, Baumeister und Stuckator, der vor allem in Böhmen tätig war. mini|hochkant=.8|Carlo Lurago: Die zweitürmige Westfassade des Passauer Doms 1668 mini|hochkant=.8|Carlo Lurago: Sankt Ignatius-Kirche, Prager Neustadt, 1665–1670 mini|hochkant=.8|Carlo Lurago: Altes Rathaus in Náchod
Leben Carlo Lurago zählt zu der Gruppe lombardischer Architekten und bildenden Künstler, die aufgrund ihrer Herkunft aus dem Gebiet um den Comer See auch Comasken genannt werden, und die überwiegend in Böhmen, aber auch in Schlesien, in Österreich und im süddeutschen Raum gewirkt haben. Zusammen mit Giovanni Domenico Orsi de Orsini und Francesco Caratti gehörte er zu den bedeutendsten Baumeistern des böhmischen Barock.
Lurago stammte aus einer weit verzweigten Künstlerfamilie. Seine Eltern waren Giovanni Antonio Lurago und Margaritha, geborene Lurago. Über seine Jugendjahre und seine Ausbildung ist nichts bekannt. Er heiratete – vermutlich im Val d’Intelvi – Elisabeth (N. N.) und hatte zwei Söhne, die jung verstarben.
Im Alter von 23 Jahren kam der ausgebildete Stuckator nach Prag und trat in den Dienst des Jesuitenordens ein, für den er 1638–1640 die Umgestaltung und Stuckierung der gotischen Salvatorkirche am Kreuzherrenplatz durchführte.
1648 erwarb er das Bürgerrecht sowie die Gewerbefreiheit der Prager Kleinseite und gründete eine gut organisierte Baugesellschaft, in der er die notwendigen Bauhandwerker beschäftigte und seinen Neffen Francesco Anselmo Lurago zum Miteigentümer einsetzte. Dadurch wurde er einer der meistbeschäftigten Architekten seiner Zeit und bekam Aufträge von kirchlichen Institutionen und vom Adel für große Bauprojekte, die teils nach seinen Plänen, teils auch für andere Architekten durchgeführt wurden.
Luragos umfangreichstes Projekt war 1654–1679 das Prager Clementinum, das vermutlich nach einem Entwurf von Francesco Caratti und unter Mithilfe des Poliers Martino Lurago entstand. Daneben war er von 1649 bis 1659 zusammen mit Santino Bossi und Giovanni Pieroni an Prager Befestigungsbauten in kaiserlichen Diensten beschäftigt.
Bei dem 1662 durch Brand weitgehend zerstörten Passauer Dom wurden seit 1668 nach Luragos Plänen die doppeltürmige Westfassade und ein neues Mittelschiff errichtet, bei dem erstmals eine Abfolge flacher elliptischer Kuppeln über Pendentifs gebaut wurde. Diese Gewölbelösung wurde zum Vorbild zahlreicher weiterer Bauten des Hoch- und Spätbarock. Francesco della Torre, königlich Prager Hofsteinmetz, organisierte sämtliche Steinarbeiten. Die kostbare Stuckdekoration entstand in Zusammenarbeit mit Giovanni Battista Carlone und Antonio Carlone.
Bauprojekte In Prag 1638–1648: Umgestaltung und Stuckierung der gotischen Salvatorkirche am Kreuzherrenplatz, Altstadt um 1650: Umbau der Kirche St. Maria unter der Kette, (Kostel Panny Marie pod řetězem) Kleinseite 1651: Umbau des Palais Lobkowitz, Hradschin 1654–1679: Gebäudetrakt Clementinum, Altstadt 1658: Steinerne Vogelhäuser 1665–1670: St.-Ignatius-Kirche (Kostel svatého Ignáce), Neustadt 1578–1653: St.-Salvator-Kirche (Kostel svatého Salvátora) im Clementinum 1673: Professhaus Sankt Nikolaus, Kleinseite
In anderen Orten in Böhmen 1637–1659: Altes Rathaus Náchod, Náchod 1642–1650: Jesuitenkolleg und Kirche St. Franziskus und Ignatius, Bresnitz 1650–1659: Umbau und Erweiterung von Schloss Náchod 1654–1666: Jesuitenkirche Mariä Himmelfahrt, Königgrätz 1654–1679: St.-Ignatius-Kirche (Kostel svatého Ignace), Klattau 1655–1661: Umbau des Schlosses in Neustadt an der Mettau 1657–1661: Umbau des Klosters und der Klosterkirche in Svatý Jan pod Skalou 1659–1674: Kirche und Kreuzgang der Wallfahrtskirche in Příbram 1663–1671: Umgestaltung der St.-Ignatius-Kirche Komotau 1663–1668: Kloster Hájek, Kladno 1665–1670: Dreifaltigkeitskirche in Klösterle 1666–1668: Schloss Humprecht in Sobotka
In Schlesien 1660: Barockkapelle des Franziskanerklosters in Glogau 1680: Stuckdekor der Langhausdecke der Pfarrkirche Corpus Christi (Kościół Bożego Ciała), Brieg (Brzeg Głogowski) 1671–1685: Schloss Brieg (Brzeg Głogowski) an der Stelle eines früheren Gutshauses im Auftrag des Glogauer Landeshauptmanns Johann Bernhard von Herberstein im Stil des Barock errichtet.
In der Grafschaft Glatz 1653–1658: Umbau und Barockisierung des Schlosses Grafenort und der Pfarrkirche St. Maria Magdalena in Grafenort 1654–1690: Jesuitenkolleg mit Konvikt in Glatz 1660–1670: Umgestaltung der Mariä-Himmelfahrt-Kirche in Glatz zu einer Emporenbasilika
In Bayern 1668–1684: Dom St. Stephan, Passau 1641–1672: Karmelitenkirche St. Joseph, Regensburg
In Österreich 1670–1671: Wallfahrtskirche Maria Taferl in Niederösterreich
Literatur
Biographisches Lexikon zur Geschichte der Böhmischen Länder. Bd. II, ISBN 3-486-52551-4, S. 520. Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen. Schlesien. München/Berlin 2005, ISBN 3-422-03109-X. Knaurs Kunstführer Tschechische Republik. ISBN 3-426-26609-1. Pater Alcuin Gürth OSB, Lurago, Carlone und Dietzenhofer. In Christliche Kunstblätter 97/1. Hrsg. vom Diözesan-Verein Linz. Linz 1959, S. 5–9.
Elsa Uibo: Carlo Lurago. In: Artisti italiani in Austria, November 2005. Abgerufen am 10. November 2024.
Weblinks
Carlo Lurago auf www.sueddeutscher-barock.ch Carlo Lurago. In: magistri.partnertecnologico.it. Abgerufen am 11. Oktober 2024.
Einzelnachweise
Kategorie:Architekt des Barock Kategorie:Historische Person (Italien) Kategorie:Architekt (Prag) Kategorie:Geboren 1615 Kategorie:Gestorben 1684 Kategorie:Mann