Der Birnbaumer Wald, , , ist ein etwa 100 km² großes mittelgebirgiges Hochplateau im Südwesten Sloweniens. Er liegt am Nordrand der Landschaft Karst und am Südostrand der Julischen Alpen und bildet einen bis in die jüngste Zeit wichtigen Gebirgspass im östlichen Alpenraum für die Verbindung zwischen Slowenien und Italien bei Gorizia.
Name Der Name der Region ist antiken Ursprungs. Er leitet sich von der Station her, die sich in römischer Zeit auf der Passhöhe befand: Sie trug den lateinischen Namen Ad Pirum, was mit „Zum Birnbaum“ übersetzt wurde. Auch der slowenische Name Hrušica (von hruška, slowenisch ‚Birne‘) und die italienische Bezeichnung Selva di Piro beziehen sich darauf. Allerdings ist nicht zu beweisen, dass sich der antike Name tatsächlich von einem Birnbaum ableitet. Nach anderer Lesart soll der Name von dem altgriechischen Wort πύρ (pýr) für Feuer herstammen, da es in dieser Gegend Signalfeuer zur Übermittlung von Nachrichten gegeben haben soll. In der frühen Neuzeit wurde die Region als Pyrpamerwald bezeichnet.
Geographie Lage Der Birnbaumer Wald erreicht im Lovrenc eine Höhe bis zu .Die Höhenangabe schwankt je nach Maßstab der amtlichen Slowenischen Karte von über bis 1018,9 m; nach neueren Daten nur ca. . Im Südwesten wird er durch den hohen Bergzug Nanos begrenzt. Er gehört als Teil des Dinarischen Gebirges zusammen mit dem nordwestlich anschließenden Ternowaner Wald (slow. Trnovski Gozd) zum Karstgebiet der Innerkrain. Beide Regionen markieren als südalpine Mittelgebirge einen Teil des Südrandes der Alpen, denen sie nach der traditionellen Grenze an der Adelsberger Pforte zugerechnet werden.
Geologie und Hydrologie Geologisch sind Birnbaumer und Ternowaner Wald Stufen des nach Süden hin überschobenen südalpinen Deckensystems. Der Raum wird dem Alpinen Karst beziehungsweise Hochkarst zugeordnet und ist von vielen Höhlensystemen durchzogen, die zu den längsten der Welt zählen. Hier finden sich bis zu 100 m tiefe Dolinen mit einer Inversion der Vegetationsstufen.
Der Birnbaumer Wald bildet zusammen mit dem Nanos, der Hochebene von Schwarzenberg (slow.: Črni vrh), dem Hinterland des Flusses Hubelj, den westlichen Teilen des Ternowaner Waldes und dem Banjšice-Plateau eine hydrogeologische Einheit, deren Karstwasserkörper von mesozoischen Dachsteinkalken und Kalkbreccien bestimmt ist. Diese bilden hochporöse Karstgrundwasserleiter mit hoher hydraulischer Leitfähigkeit. Es handelt sich dabei durchwegs um tiefen Karst. Auf drei Seiten wird der Karstwasserleiter von Birnbaumer Wald und Nanos von Flysch begrenzt und grenzt im Nordosten an die Predjama-Störung. Der Grundwasserstauer, der ebenfalls aus Flysch besteht, liegt unter dem Birnbaumer Wald bei circa 0 m. Die Entwässerung nahezu des gesamten Gebietes erfolgt zur Quelle der Vipava (Wippach). Durch das Gebiet verläuft die Europäische Hauptwasserscheide zwischen den Einzugsgebieten von Adria und Donau (siehe auch Wasserscheiden in den Alpen).
Klima und Vegetation mini|Vegetation im Birnbaumer WaldKlimatisch liegt der Birnbaumer Wald an der Grenze zwischen dem gemäßigten Kontinentalklima und dem inländisch-submediterranen Klima des Wippachtales. Das Gebiet zählt zu den niederschlagsreichsten Regionen Sloweniens (bis über 2000 mm pro Jahr).
Die Vegetation der heute noch dünn besiedelten Region ist Teil des Dinarischen Tannen-Buchenwaldes, der forstwirtschaftlich genutzt wird. Bis in die Neuzeit hinein war ein wichtiger Erwerbszweig die Produktion von Holzkohle. Auf dem Hochkarst kommen Ansammlungen von Eis in Schachthöhlen vor, das in der Vergangenheit bergmännisch abgebaut und exportiert wurde.
Gebirgspass Durch seine Lage in dem schmalen Gebiet zwischen der oberen Adria und dem südost- und mitteleuropäischen Binnenland bildete das Plateau mit dem Birnbaumer Sattel neben der Pforte von Postojna schon seit ältester Zeit einen wichtigen Gebirgspass im östlichen Alpenraum. Der Pass liegt auf 883 m Höhe und verbindet die slowenische Hauptstadt Ljubljana über die Ortschaften Logatec, Podkraj, Col und Ajdovščina mit der Grenzstadt Nova Gorica und Gorizia in Nordostitalien. In früheren Zeiten führte der Hauptverkehr in der schneefreien Zeit über den Pass. Seit dem Ausbau der Straße und dem Bau der Bahnstrecke Spielfeld-Straß–Triest im 19. Jahrhundert, die beide von Ljubljana nach Triest über Postojna südlich um den Birnbaumer Wald herumführen, ist es hier stiller geworden.
Bedingt durch seine verkehrsgeographische und strategische Lage ist das Gebiet seit Jahrtausenden Grenzland. Noch heute ist dies durch die plötzliche Änderung von Landschaftscharakter, Vegetation sowie Siedlungs- und Hausformen zu erkennen.
Geschichte Antike mini|Zug der Argonauten Dass das Gebiet bzw. die mittlere Umgebung des Birnbaumer Waldes schon in der Antike ein wichtiger Verkehrsweg von und nach Italien war, zeigt sich in der Verknüpfung mit der griechischen Sagenwelt: Die Argonauten sollen auf ihrer Flucht, die von Kolchis am Schwarzen Meer die Donau aufwärts bis zur Adria führte, hier vorbeigekommen sein. Hinter der Sage verbirgt sich die bei den alten Griechen verbreitete Vorstellung, wonach die Donau aufgrund einer Bifurkation nicht nur ins Schwarze Meer, sondern auch in die Adria mündete. Die Sage verweist auf frühe Handelskontakte der Griechen mit den Völkern an der oberen Adria. Über die Region führte auch die Bernsteinstraße von der Ostsee bis nach Aquileia in Nordostitalien.
Der griechische Geograph Strabon bezeichnet das Gebiet als Okra-Gebirge.Strabon: Geographica 4, 6, 1. Darunter sind der Berg Nanos und die umliegenden Regionen zu verstehen. Nach seinen Angaben siedelte hier der illyrisch-keltische Stamm der Japoden.Strabon: Geographica 4, 6, 10. Zu römischer Zeit wurde der Birnbaumer Wald den Julischen Alpen zugerechnet. Hier lag die Grenze zwischen Italien und der Provinz Pannonien. Strabon berichtet, dass Frachtgüter von Aquileia aus auf Lastwagen durch das Okra-Gebirge nach Nauportus (Vrhnika) geschafft wurden.Strabon: Geographica 7, 5, 2. Von dort wurden sie per Schiff über die Flüsse Laibach und Save weiter nach Osten transportiert. Der Weg führte zu dieser Zeit durch die Pforte von Postojna südlich um den Nanos herum. Beim Pass von Razdrto befand sich zu damaliger Zeit eine Station.Jana Horvat, Alma Bavdek: Okra. Vrata med Sredozemljem in Srednjo Evropo (Ocra. The gateway between the Mediterranean and Central Europe). Opera Instituti Archaeologici Sloveniae, Ljubljana, 2009.
Unter Kaiser Augustus wurde die Via Gemina zwischen Aquileia und Emona (Laibach) durch den Birnbaumer Wald ausgebaut, wodurch sich die Route von und nach Italien verkürzte.Rufus Festus: Breviarium rerum gestarum populi Romani 7, 51. Dies geschah wahrscheinlich als Reaktion auf den Aufstand in Pannonien im Jahre 6 n. Chr. Die neue Straße war teilweise so steil, dass Wagengleise und Treppenstufen für Pferde in den Fels gehauen werden mussten. Entlang der Straße entstanden zivile Stationen zum Wechseln der Pferde und zur Versorgung der Reisenden.
Die höchste Stelle des Passes wurde durch die Station Ad Pirum (Zum Birnbaum) gesichert. Ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. befand sich hier eine Poststation und ab dem 2. Jahrhundert ein Wachtposten von Benefiziariern, also Soldaten mit zivilen Aufgaben, die die Zollkontrolle übernahmen und die Reisenden vor Raubüberfällen schützen sollten. Eine Reise auf dieser Passstraße konnte ohne entsprechenden Begleitschutz offensichtlich eine gefährliche Angelegenheit sein, wie die Inschrift eines bei Ajdovščina aufgefundenen Grabsteins eines Centurios der Legio XIII Gemina, Antonius Valentinus, berichtet.Inscriptiones Latinae selectae 2646: „[Valentinus wurde] an diesem unheilvollen Ort in den Julischen Alpen von Straßenräubern erschlagen,[…] in Alpes Iulias loco quod appellatur Scelerata interfecto a latrionibus.“ Die Station war Teil des cursus publicus, des öffentlichen Beförderungssystems, das vor allem Staatsbediensteten zur Verfügung stand.
mini|Verteidigungssystem Claustra Alpium Iuliarum mini|Rekonstruktion des Kastells Ad Pirum
Während der Markomannenkriege unter Kaiser Mark Aurel gehörte der Birnbaumer Wald zur Militärverwaltungszone Praetentura Italiae et Alpium.Jaroslav Šašel: Über Umfang und Dauer der Militärzone Praetentura Italiae et Alpium zur Zeit Mark Aurels. In: Museum Helveticum 31, 1974, S. 225–233. Im Jahr 170 stießen Markomannen und Quaden von Pannonien aus durch diese Gegend bis nach Oberitalien vor, belagerten Aquileia und zerstörten das benachbarte Opitergium (Oderzo). Als sich im Laufe des 3. Jahrhunderts die Angriffe auf das Römische Reich verstärkten, wurden in der Spätantike zu Beginn des 4. Jahrhunderts unter der Herrschaft des Kaisers Diokletian die Claustra Alpium Iuliarum eingerichtet, ein Sperrsystem aus Mauern und Befestigungen in den Julischen Alpen, das den Zugang nach Italien sichern sollte.
Zentrum dieses Verteidigungssystems bildete die Station Ad Pirum im Birnbaumer Wald, die in eine militärische Anlage umgewandelt und zum Steinkastell ausgebaut wurde. Das Kastell war 250 m lang, 75 m breit und von einer 2,70 m breiten und 8 m hohen Mauer umgeben. Der östliche Eingang war durch zwei Türme von etwa 10 m Höhe geschützt. Es besaß eine ständige Besatzung von 500 Mann. Zu den Claustra gehörten außerdem die Burgi von Lanišče und Martinj Hrib sowie die Stationen Nauportus (Vrhnika) und Castra (Ajdovščina) zu beiden Seiten des Passes.
In der Tabula Peutingeriana ist der Birnbaumer Wald als „in alpe Iulia“ verzeichnet; er liegt zwischen „fluvio frigido“ (Ajdovščina) und der Herberge (mansio) „Longatico“ (Logatec).Tabula Peutingeriana, Segmentum III, 5. Im Itinerarium Burdigalense, einem Reisehandbuch eines anonymen Christen, der im Jahre 333 die erste schriftlich dokumentierte, von Bordeaux ausgehende Pilgerreise nach Jerusalem unternahm, ist Ad Pirum als Etappenstation aufgeführt.Itinerarium Burdigalense 560, 3f.
mini|Überreste des Kastells Ad Pirum auf der Passhöhe des Birnbaumer Waldes
Auch bei militärischen Auseinandersetzungen innerhalb des Römischen Reiches spielte der Birnbaumer Wald eine Rolle: Im Jahre 351 beendete Kaiser Constantius II. den Kampf gegen seinen Rivalen Magnentius durch die Eroberung der Festung Ad Pirum. Im Jahre 394 unternahm Theodosius I., der Kaiser des Ostteils des Reiches, mit 100.000 Mann einen Feldzug gegen seinen Widersacher Eugenius, der von den heidnischen Senatoren Roms unterstützt wurde. Archäologische Hinweise sprechen dafür, dass die vom Magister militum Stilicho befehligte Armee des Theodosius, unter denen sich ein Kontingent von 20.000 Goten unter ihrem Anführer Alarich befand, die Festung gewaltsam einnahm.Thilo Ulbert (Hrsg.): Ad Pirum (Hrušica). Spätrömische Passbefestigung in den julischen Alpen (= Münchner Beiträge zur Vor- und Frühgeschichte. Bd. 31). Beck, München 1981, ISBN 3-406-07981-4. Einer anderen Darstellung zufolge war die Passhöhe schon vor Ankunft der östlichen Truppen vom Westheer geräumt worden.Hartmut Leppin: Theodosius der Große, auf dem Weg zum christlichen Imperium (= Gestalten der Antike). Primus Verlag, Darmstadt 2003, ISBN 3-89678-471-4, S. 217. Wachend und betend soll der Kaiser hier die Nacht zum 6. September verbracht haben. Am Morgen zog er bergabwärts Richtung Italien und traf am Fluvius frigidus, dem heutigen Flüsschen Hubelj, im Tal der Vipava (Wippach) auf die Hauptarmee des Eugenius. Es kam zu einer der letzten großen Schlachten des Römischen Reiches, in der Theodosius den Sieg davontrug und sich damit das Schicksal zugunsten des Christentums entschied (Schlacht am Frigidus). Nach dieser Auseinandersetzung wurde das Befestigungssystem im Birnbaumer Wald aufgegeben, die Anlagen zerfielen.
mini|Züge der Völkerwanderungszeit